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Julia Neuschwander

Wie der Funke überspringt

Kreativität ist lernbar – Konzeption einer Homiletischen Didaktik Julia NeuschwanderLuitpoldstraße 8, 76829 Landau Wie haben Sie eigentlich predigen gelernt? Als Vorbild in Abgrenzung und…

Universale Offenbarung? Der eine Gott und die vielen Religionen

Dr. Michael Großmann Zager, Werner (Hg.): Universale Offenbarung? Der eine Gott und die vielenReligionen, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2013 (ISBN 978-3-374-03298-3), 193Seiten, kartoniert, 28 Euro. (Mit Beiträgen von Werner Zager, Martin Bauschke, PerrySchmidt-Leukel, Wolfgang Pfüller, Andreas Rössler und Wolfram Zoller) „Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt; wie ein Blitz leuchtet einGedanke auf, mit Notwendigkeit, in der Form ohne Zögern, – ich habe nie eine Wahl gehabt.“ Mit diesen treffenden Worten umreißt Friedrich Nietzsche das Wesen einesOffenbarungsgeschehens und verweist damit zugleich unfreiwillig auf die große Gefahr, dieihm innewohnt: Setzen wir das mit dem Offenbarwerden verbundene Evidenzerlebnis ohneweitere Prüfung absolut, vermag es höchstens einen subjektiven Sinn zu verbürgen, der zuschmerzhaften Kollisionen mit den entgegengesetzten Evidenzen anderer Subjekte führenkann. Mit der daraus folgenden Selbstimmunisierung gegen jegliche Kritik ist im schlimmstenFall der Weg zum Größenwahn gebahnt, wenn als Quelle der Offenbarung die eigene Personerkannt wird (siehe Nietzsche), und zu einem Gotteswahn, wenn Offenbarung die Gültigkeitvon Glaubensaussagen untermauern soll. Wer dem entgehen will, kommt nicht umhin, den Offenbarungsbegriff kritisch zu hinterfragenund zugleich nach Möglichkeiten zu suchen, wie sich Brücken bauen lassen im Gespräch mitMenschen, die sich entweder auf eine andere als die christliche oder auf gar keineOffenbarung berufen. Dieses Ziel setzte sich der Bund für Freies Christentum in seinerJahrestagung im September 2012. Im daraus hervorgegangenen Band „UniversaleOffenbarung? Der eine Gott und die vielen Religionen“ werden Beiträge zu dieser Bewegungdes Fragens und Suchens versammelt. Einen einleitenden Überblick über Offenbarungskonzeptionen der liberalen Theologie gibt derHerausgeber Werner Zager. Er umreißt dabei u.a. die Ansätze prominenter Theologen wieErnst Troeltsch und Paul Tillich, stellt aber auch weniger bekannte Ansätze vor. SeineÜberlegungen resümierend, erkennt Zager es als notwendig, dass die Religionen ihrejeweiligen Ansprüche auf Absolutheit fallen lassen: „Der Größe Gottes entspricht es […], dieReligionen als verschiedene Wege Gottes zum Heil zu betrachten“ (S. 27). In diesem Zusammenhang behandelt Martin Bauschke die jüdische und die islamischePerspektive auf die Offenbarung. Er macht deutlich, dass das Judentum als Volksreligionweniger auf universale Offenbarung als auf moralische Universalien fokussiert ist.Demgegenüber skizziert er den Islam als eine Religion, der der Glaube an eine universaleOffenbarung Gottes als selbstverständlich erscheint. In der Judentum, Christentum und Islamverbindenden Gestalt des Abraham erkennt er den Prototypen eines „Nomaden desGlaubens“ (S. 43) – immer wieder aufbrechend statt Mauern bauend. Perry Schmidt-Leukel beleuchtet die Vorstellungen des Hinduismus und des Buddhismus undweist dabei zunächst auf wichtige begriffliche Unterscheidungen hin: zum einen mit Blick aufdie Quelle der Offenbarung (personal oder nicht personal?), zum anderen in Hinsicht auf denInhalt: Wird Offenbarung als Wahrheit, Lehre, theoretisches Wissen (instruktionstheoretischesModell) oder – kommunikationstheoretisch – als Selbstoffenbarung im Rahmen einesBeziehungsgeschehens verstanden? Vor diesem Hintergrund macht er deutlich, dass alle viersich aus der Kombination beider Begriffspaare ergebenden Möglichkeiten in der Geschichteder genannten Religionen verwirklicht wurden. Wir stehen also einer Fülle vonVerständnisweisen gegenüber, die den Offenbarungsbegriff in einer Weise auffächern, die esuns verbietet, Religionen unbedacht über einen Kamm zu scheren. Schmidt-LeukelsAusführungen lehren uns auch, genau hinzusehen, ob sich nicht – etwa in buddhistischenStrömungen – hinter vordergründig pluralistischen Äußerungen ein Inklusivismus verbirgt. Angesichts der Vielzahl möglicher Fallstricke mag man sich fragen, ob es nicht besser wäre,den gordischen Knoten zu lösen, indem man ihn durchschlägt – das heißt: die Rede überOffenbarung aufgibt. Für diese radikale, aber nachvollziehbare Option plädiert WolfgangPfüller. Er präzisiert seinen Vorschlag mit der These, dass der Offenbarungsbegriff„nachweislich mehr Unsinn als Sinn enthält“ (S. 66). Pfüller arbeitet klar heraus, dass der mitOffenbarungserlebnissen verbundene Absolutheits- bzw. Endgültigkeitsanspruch insofernproblematisch ist, als ihm ein Kriterium zu seiner Rechtfertigung fehlt. Damit ist er Ausdruckeines Fundamentalismus. Sein Beitrag endet mit der Einsicht, dass ein Verzicht auf die Redevon Offenbarung keineswegs zu Resignation führen muss: Denn wer sich eingesteht, dass ernicht im alleinigen Besitz der absoluten Wahrheit ist, kann sich umso unbefangener im Dialogmit anderen auf die Suche begeben. Andreas Rössler richtet den Blick auf die in Relation zu den Angehörigen der großenReligionen stetig wachsende Gruppe der religiös Gleichgültigen. Den Ausgangspunkt seinerÜberlegungen bildet die These, dass sich in jedem Menschen ein Transzendenzbewusstseinfindet dergestalt, dass wir alle nach dem Letztgültigen, dem Unbedingten fragen. DieseReligion im weiteren Sinne, evtl. in Verbindung mit der Zugehörigkeit zu einerGlaubensgemeinschaft – der Religion im engeren Sinne –, bildet laut Rössler ein „religiösesApriori“ (S. 103). Mit Bezug auf Kants Postulate der reinen praktischen Vernunft gibt er zubedenken, dass wir immer schon von der Idee eines Unbedingten ausgehen müssen, wennwir überhaupt etwas begreifen wollen. Dies kann Christen als Basis eines Dialoges mitNichtgläubigen dienen, denn auch Atheisten bzw. Agnostiker bekommen bisweilen – etwa inGrenzsituationen – eine Ahnung davon, dass die sichtbare Welt nicht das letzte Wort habenkönnte. Rössler legt Wert darauf, dass das Transzendenzbewusstsein keinesfalls einenGottesbeweis darstellt, sondern als „Spur“ (S. 121) zu verstehen ist – als Frage, die imreligiösen Sinne beantwortet werden kann, aber nicht zwangsläufig muss. Wolfram Zoller verfolgt ebendiese Spur weiter, indem er künstlerische Transzendenzerfahrungam Beispiel des Malers Max Beckmann und des Schriftstellers Gottfried Benn ausleuchtet.Beiden gemeinsam ist laut Zoller die Erfahrung einer immanenten Transzendenz. DieseContradictio in adjecto zeigt die Möglichkeiten und Grenzen ästhetischer Zugangsformen auf:Einerseits mag sich Kunst für manchen Zeitgenossen als einer der letzten verbliebenen Wegeerweisen, überhaupt so etwas wie Offenbarung zu erfahren. Andererseits handelt es sichdabei um eine säkularisierte Offenbarung, die nicht notwendig in einen Gottesglauben mündet.Zoller ist sich dieser Grenze bewusst. Sein Beitrag ermutigt zu einer vertieftenAuseinandersetzung mit der Frage, wie Theologie und Ästhetik einander befruchten können. Selbstverständlich ist es nicht zu leisten, den Begriff der universalen Offenbarung im Rahmeneiner vergleichsweise schmalen Schrift in seiner ganzen Tiefe auszuloten. Die in dem Bandversammelten Beiträge sind jedoch sehr hilfreich dabei, Schneisen in das Dickicht der(inter-)religiösen Begriffsvielfalt zu schlagen und den Denkhorizont zu erweitern. Wer gewilltist, sich in theologischer Bescheidenheit zu üben, und Gotthold Ephraim Lessings berühmtemDiktum beipflichtet, dass die reine Wahrheit nur bei Gott allein sei, wird hier in seinerZurückhaltung bestärkt werden.
Martin Vogel

Gedanken zu 25 Jahre Deutsche Einheit 1989 bis 2014

Martin VogelGeorgenkirchstraße 69, 10249 Berlin I. Berlin, im November 1989. Das Land berauscht sich am Glück des Mauerfalls. UnerwartetePerspektiven werden denkbar und längst abgeschriebene Hoffnungen schießen ins Kraut. Was füreine Aufbruchsstimmung! Gleichzeitig macht sich eine Art Lynchstimmung breit. Im Visier wütender Bürger finden sich dieStaatslenker von einst – allen voran Erich Honecker. Noch wohnt der krebskranke Honecker mitseiner Frau Margot gut bewacht in Wandlitz bei Berlin. Die Liebe der SED-Genossen zu ihrem langjährigen Chef war binnen kürzester Zeit erkaltet; die Parteivollkommen abgetaucht. Die Funktionärssiedlung in Wandlitz, in der Honecker und die Mitglieder desSED-Politbüros jahrzehntelang unter sich gelebt hatten, wurde zum 31. Januar 1990 aufgelöst. EineMietwohnung in Berlin aber, die Honeckers angeboten wurde, war objektiv gesehen genauso wenigsicher vor dem Zorn des Volkes wie andere Unterkünfte. Niemand weiß wohin mit den beiden. DieGenossen von einst zucken die Schultern. In der Not bittet ein Intimus der Honeckers dieEvangelische Kirche Berlin-Brandenburg um Asyl. Ausgerechnet die Kirche! II. Am Abend des 30. Januar 1990 rollen zwei schwarze Limousinen vor das Lobetaler Pfarrhaus. DieWagen halten, ein gebrechlicher Mann stemmt sich aus einem Auto, gefolgt von seiner Frau und einpaar bullige Typen mit Reisekoffern in den Händen. Ein Schwarm aufgebrachter Bürger undsensationsheischender Journalisten folgt Erich Honecker. Über Wochen werden sie das Hausbelagern, werden Pfarrer Uwe Holmer beschimpfen für sein Erbarmen, werden seiner Familie mit demTode drohen. Uwe Holmer wird am 6. Februar 1929 im mecklenburgischen Wismar an der Ostsee als ältestes vonfünf Geschwistern geboren. Die Eltern sind Christenmenschen. Man nimmt die Bibel beim Wort. ImAlter von 15 Jahren wird er seinen Glauben mutig verteidigen. Der Hitlerjunge weigert sich, der SSbeizutreten. Aus Gewissensgründen, wie er zu Protokoll gibt. Er kommt damit durch. Als die Elternund Geschwister 1953 über Berlin nach Westdeutschland fliehen, bleibt Uwe zurück. Seinerweinenden Mutter sagt er zum Abschied: „Ich muss hier bleiben. Hier im Osten werden Pastorengebraucht.“ Auch in der DDR leistet Holmer nach Kräften Widerstand. Acht Inoffizielle Mitarbeiter hat dieStaatssicherheit allein in Lobetal auf ihn angesetzt, jener Heilanstalt, die er ab 1983 leitet. Dannbeginnt der Ostblock zu bröckeln. Als die Mauer fällt, weinen sie Tränen der Freude im Hause Holmer. Drei Monate später sitzen die Honeckers an ihrem Küchentisch: „Herr Honecker, wir sind es gewohnt,bei Tisch zu beten“, sagte Uwe Holmer. „Ja, bitte, ich kenne das, ich war mal bei Bauern in Pommern,da wurde auch gebetet“. Beim Gebet falten die Holmers die Hände, die Honeckers legen die ihrenübereinander. Nach dem Essen beziehen die Gäste ein Kinderzimmer im Obergeschoss des Hauses.Später lassen die Holmers Spüle und Herd installieren, damit Margot Honecker Schonkost für ihrenhinfälligen Mann zubereiten kann. Während man sich drinnen Tag für Tag aneinander gewöhnt, wächst draußen die Wut. Bis zu 100Menschen versammeln sich bald täglich vor dem Zaun des Pfarrhauses, skandieren „Honni nachBautzen“ und „Keine Gnade“. Es gibt Protestanrufe, mehr als 1500 Schmähbriefe und vierBombendrohungen flattern in den kommenden Wochen ins Haus. Eines Tages stehen drei Arbeiter inBlaumännern vor der Tür, einer hat einen dicken Kälberstrick in der Hand, das Seil ist zur Schlingegebunden. Der Mann sagt: „Jetzt hängen wir das Schwein auf.“ Holmers Frau Sigrid versucht draußen die Aufgebrachten zu beschwichtigen, drinnen wischt MargotHonecker das Treppenhaus. Der Ex-SED-Chef sitzt derweil hinter dicken Vorhängen. Honecker liestdie „Bild“-Zeitung, die seine Tochter Sonja bei ihren Besuchen mitbringt. Auch Konflikte bleiben nicht aus. Täglich geht Holmer mit dem Ehepaar um einen nahe gelegenenSee spazieren, Honeckers Arzt hatte den Pastor darum gebeten. Die drei bleiben unbemerkt, sieschleichen sich durch die Hintertür aus dem Haus. Man spricht über Privates bei diesen Ausflügen,über die Familie, die Gesundheit; denn das Thema Politik bietet zu viel Zündstoff, die Differenzen sindunüberwindbar. Holmer schwärmt für Gorbatschow. Einmal, als er ihn einen „großen Mann“ nennt,versteinert sich Honeckers Miene. Auch zwischen den beiden Frauen kommt es zu unangenehmen Situationen. Irgendwann sagt MargotHonecker zu Sigrid Holmer: „Das wusste ich ja gar nicht mit Ihren Kindern.“ Sie meint dieVerweigerung von Studienplätzen. „Natürlich hat sie es nicht gewusst, aber sie hat die Direktive dazugegeben“, sagen die Pfarrersleute. „Wir haben dazu geschwiegen.“ Am 3. April 1990 verlassen Margot und Erich Honecker Lobetal. Man bringt sie nach Beelitz, in einsowjetisches Militärhospital. Man habe sich gemocht, sagt Uwe Holmer. Menschlich. Das ließ sichnicht vermeiden. Anfang 1993 sah er Honecker noch einmal in der Moabiter Untersuchungshaft. „Dawar er schon sehr krank und sagte mir: ,Nun kommt wohl bald die Zeit, wo ich diese Erde verlassenmuss.’“ Von Honeckers Tod im Mai 1994 im chilenischen Exil erfuhr Uwe Holmer dann aus derZeitung. III. „Wie komme ich denn dazu?“ war Holmers erste Reaktion. Er war seit 1983 Leiter der HoffnungstalerAnstalten in Lobetal bei Bernau, einem kleinen Ort nordöstlich von Berlin. In der DDR war Lobetaleine der größten diakonischen Anstalten mit etwa 1200 Bewohnern und 550 Mitarbeitern, die sichvorwiegend um alte, geistig behinderte und epilepsiekranke Menschen kümmerten. Drei Stunden lang diskutierten sie. Können wir weiter glaubhaft beten: Vergib uns unsere Schuld wieauch wir vergeben unseren Schuldigern? Und was ist mit unserem Auftrag, keinen Obdachlosenabzuweisen? „Honecker war jetzt auch obdachlos.“ Holmer hatte die Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte nicht vergessen. Er hatte hautnahmiterlebt, wie Pensionen und Hotels an der Ostseeküste enteignet wurden, er erinnerte sich genau,wie Betriebe entschädigungslos verstaatlicht, Bauern in Genossenschaften gezwungen undMenschen grundlos verhaftet wurden. Als sein Vater viele Jahre später in Recklinghausen im Sterben lag, durfte Holmer ihn nicht besuchen.Er bekam die Reiseerlaubnis erst, als es zu spät war.…

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