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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

 

Hoffnung im utopielosen Zeitalter

 

Vor einigen Wochen habe ich aus aktuellen Anlässen wie dem 90. Geburtstag Jürgen Moltmanns und dem Tod seiner Frau Elisabeth Moltmann-Wendel (siehe dazu den Nachruf von Helen Schmidt-Bersinger in diesem Heft) wieder einmal in der „Theologie der Hoffnung“ geblättert. Ich hatte das Buch als Theologiestudent in den 1980er Jahren gelesen und noch ein einziges Mal hineingeschaut, als ich die Festschrift zu Moltmanns 70. Geburtstag besprochen hatte. Das ist jetzt 20 Jahre her.

 

Was mir bei meiner kurzen Re-Lecture sofort auffiel, war der relativ geringe Umfang des Werkes: nur 316 Seiten. Aus der Erinnerung heraus hätte ich auf mindestens 500 Seiten getippt. Aber so war das eben vor einem guten halben Jahrhundert: In der Nachkriegszeit war es möglich, mit relativ dünnen Büchern ganze Theologengenerationen zu beeinflussen – und manchmal reichte sogar ein einziger Aufsatz.

 

In den Jahren vor 1989 war es jedenfalls so, dass Moltmanns Buch in all denjenigen Kreisen, die irgendwie politisch links waren, also den Barthianern, den Sölle-Anhängern, den Friedensbewegten, den Dritte-Welt-Aktivisten, den Ökologen, den religiösen Sozialisten und wie sie alle hießen, zur Pflichtlektüre gehörte. Man hatte vermutlich selten davor und niemals mehr danach so sehr das Gefühl, das Richtige gemacht zu haben, wie in diesen Jahren, wenn man sich einen Abend lang mit Kommilitonen zusammensetzte und über Moltmanns „Theologie der Hoffnung“ diskutierte. Für viele, die damals den Anschluss an den Barthianismus suchten, war Moltmann die ideale Lektüre; Moltmann argumentierte barthianisch ohne den Meister allzu oft zu zitieren, und man konnte wissen, worum es barthianischer Theologie im Kern geht, ohne die quälend langen Kapitel der KD lesen zu müssen.

 

Moltmann zog die gesamte Theologie von der Eschatologie her auf. Das passte erstens gut in die theologische Forschungslandschaft, denn seit dem frühen 20. Jahrhundert war die Eschatologie zu einem bevorzugten Thema der Neutestamentler geworden, und deren Forschungsergebnisse warteten förmlich auf Systematisierung und vor allem Aktualisierung; Moltmann konnte beides bieten. Zweitens aber traf Moltmann 1964, bei Erscheinen des Buches, auf die Anfangsphase einer weltweit sich formierenden Protestbewegung, die in die unterschiedlichsten kulturellen Milieus einsickerte und sich anschickte, diese neu zu formatieren. Diese Neuformatierung betraf auch die Kirchen, und Moltmanns Konzept einer „Exodusgemeinde“, das er im Schlusskapitel entfaltete, wirkte gleichzeitig analytisch und prophetisch: Tatsächlich gab es bereits kleine kirchliche Gruppen, die im (politischen) Aufbruch ihr Selbstverständnis entdeckten, und für all die anderen sollte dieses Konzept Ansporn sein, sich angesichts einer wenig ruhmreichen Vergangenheit in der Zukunft auf die richtige Seite zu schlagen.

 

Moltmann entwickelt das Thema Zukunft aus dem Ertrag seiner Analyse der gesellschaftlichen Rolle der Kirche im Verlauf der Geschichte. Die Kirche sei während der Neuzeit zwar immer weiter aus der integrierenden Mitte der Gesellschaft, wo sie sich im Mittelalter befunden hatte, entlassen worden; jedoch habe ihr ebendiese Gesellschaft andere Rollen zugewiesen, aber in diesen Rollen sei das Christentum – Achtung, hier wird es barthianisch – zur „Religion“ degeneriert und damit gesellschaftlich stillgelegt worden. Moltmann nennt drei dieser Rollen: Zum ersten war die Kirche Retterin und Bewahrerin individueller und privater Humanität. Die kirchliche Lehre, so Moltmann im Blick auf die Theologie seit der Aufklärung, habe eine „Metaphysik der Subjektivität“ behauptet, mittels derer die Humanität des Menschen in der Industriekultur gerettet werden sollte. Als zweite Rolle sieht Moltmann die Kirche als Instanz zur Kultivierung von Mitmenschlichkeit, indem sie eine Geborgenheit gebende „Gemeinschaft“ erschafft. Hier unterzieht Moltmann die Sozialphilosophie von Ferdinand Tönnies (1855-1936), der zwischen unpersönlicher Gesellschaft und der von menschlicher Nähe geprägten Gemeinschaft unterschieden hatte, einer scharfen Kritik. Tönnies hatte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine beträchtliche Wirkungsgeschichte; ohne die von ihm geprägte Begrifflichkeit wäre beispielsweise die Ekklesiologie Dietrich Bonhoeffers nicht zu verstehen. Mittels dieser romantisierenden Begrifflichkeit jedenfalls wird erklärt, wie die Gemeinde zum Zufluchtort der Innerlichkeit wird und den Menschen aus den für „entseelt“ gehaltenen Institutionen der Gesellschaft retten kann. Christliche Gemeinden werden so zwar zu Inseln echter Mitmenschlichkeit, allerdings wird durch sie die Öffentlichkeit der Gesellschaft weder beunruhigt und schon gar nicht verändert. Kirchen sind demnach, so Moltmann, systemstabilisierend. Das führt auch schon zur dritten Rolle der Kirche, nämlich eine Institution innerhalb der Gesellschaft zu sein, die für Menschen eine Entlastungsfunktion bereitstellt; im Falle der Kirche ist es eine religiöse Entlastung, da der Einzelne seine Glaubensentscheidung delegieren kann. Moltmann nennt dies „institutionalisierte Unverbindlichkeit“ und behauptet, auf diese Weise werde „das Christliche“ zwar zu einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit, verliere allerdings jede gesellschaftliche Relevanz.

 

Moltmanns fordert einen Ausbruch aus der Zumutung dieser Rollen und regt eine neue eschatologische Ausrichtung der Christen an, die ihre Pointe in der Antizipation einer Zukunft findet, die ihre emanzipatorischen Inhalte im Wesentlichen aus der Kritik am Bestehenden konstruiert. Wichtig sei deshalb, gegen die kirchliche Rolle als Stabilisator der gesellschaftlichen Verhältnisse Widerstand zu leisten und die Gemeinde zu einer „nicht-assimilierbaren Gruppe“ werden zu lassen, die die Gesellschaft durch ihr auf Zukunft gerichtetes Handeln stört und verändert. Vom kommenden Reich Gottes her werde diese Gemeinde zur „Exodus-Gemeinde“ die sich auf den Weg mache zur kommenden Gerechtigkeit.

 

Ich weiß nicht, wie viele Theologen heute noch Jürgen Moltmann lesen. Das Gütersloher Verlagshaus hat jedenfalls anlässlich Moltmanns 90. Geburtstags eine neunbändige Ausgabe seiner Werke veröffentlicht und versteht diese als „eine Einladung, einen der einflussreichsten theologischen Denker der Gegenwart im Horizont der aktuellen Weltprobleme kennen zu lernen und seine bleibende Bedeutung zu entdecken“, so der Werbetext. Nach der Lektüre der „Theologie der Hoffnung“ muss sich, gemäß dieser „Einladung“, natürlich gleich die Frage anschließen, wohin das nach Moltmanns Ansicht damals auf Zukunft ausgerichtete Handeln der Gemeinde sich heute orientieren kann angesichts von völlig veränderten gesellschaftlichen Diskursen über Hoffnung? Nicht nur in den gesellschaftlichen Debatten, sondern auch in den Kirchen hat sich eine Haltung gegenüber der Zukunft breit gemacht, der es kaum noch darum geht, Veränderungspotentiale auszuloten. Wo heute von Hoffnung geredet wird, geht es meist um die Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen werde wie vermutet. Zu den Merkwürdigkeiten unserer Zeit gehört es nun, dass diese veränderte Zielrichtung von Hoffnung auch Auswirkungen auf die Haltung der Christen zur Zukunft hat. Moltmanns Vorstellung einer „Exodus-Gemeinde“ wirkt angesichts einer nahezu vollständigen Diakonisierung der Kirche, die sich weiterhin systemstabiliserend positioniert und nicht so sehr fürchtet, wie, um mit Moltmann zu reden, „nicht-assililierbar“ zu sein, merkwürdig aus der Zeit gefallen.

 

Es spricht also vieles dafür, dass wir in ein völlig utopieloses Zeitalter eintreten, in dem sich nur noch die Älteren daran erinnern, dass einmal ernsthaft über gesellschaftliche und politische Utopien diskutiert werden konnte. Jürgen Habermas hat es unlängst angesichts der fehlenden Alternativen bei den etablierten Parteien treffend auf den Punkt gebracht: „Wenn eine glaubwürdig und offensiv vertretene Perspektive fehlt, bleibt dem Protest nur noch der Rückzug ins Expressive und Irrationale.“

 

 


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