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Prof. Dr. Dieter Wittmann
Parkstraße 17, 67061 Ludwigshafen

 

Kennt Humor Grenzen?

 

 

1. Definition von Humor – Humor als Grenzüberschreitung

 

Der Begriff „Humor“ bezeichnet gemeinhin spezifische Aktivitäten von kommunizierenden Individuen, die uns zum Lachen bzw. zum Schmunzeln bringen und uns Lust bereiten. In diesem Sinne wird er in den nachfolgenden Überlegungen gebraucht, ohne zu unterschlagen, dass Humor lediglich eine der Kategorien bezeichnet, die diese Erheiterung zur Folge haben. Der Begriff stammt aus der Temperamentenlehre des Hippokrates mit der Vorstellung von vier Körpersäften, deren Mischung für die Ausprägung von Temperament und Charakter eines Menschen verantwortlich ist. Später bedeutet Humor Stimmung, Laune, Gemütszustand. In der Philosophie und Ästhetik versteht man unter Humor eine besondere Form der Anschauungs- und Betrachtungsweise.

 

Es gehört zum Wesen des Humors und seiner Wirkung, dass er Grenzen überschreitet. Diese Grenzen sind sowohl subjektiver als auch objektiver Art. Im ersteren Fall tangieren sie individuelle, im zweiten kollektive Grenzen. In erster Linie sind diese sprachlicher und psychischer und bisweilen auch somatischer Provenienz. Einige dieser Grenzen berühren die Logik, die Realitätsdarstellung, die Überschreitung normativer/moralischer Vorgaben insbesondere in den Bereichen der zwischenmenschlichen Kommunikation, wie z.B. Verhalten, Sexualität, Aggressivität, weiterhin die Sprach- und Sprechkonstruktionen, das Körperbild und die Lautgebungen. Aus psychoanalytischer Sicht kann man an einer bestimmten Art von Witzen mit häufig sexualisiertem und aggressivem Inhalt beobachten, wie das Unbewusste ein schwaches Über-Ich umgeht und sich des Ichs eines Individuum beim Durchbruch dieser Barriere (Grenze) bemächtigt (vgl. Abschnitt 2). In der Theologie wird das Humor-Problem nur am Rande beachtet. Im  theologischen Horizont will ich die Frage nach dem Humor an der Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz ansiedeln (vgl. Abschnitt 3.3).

 

 

2. Psychoanalytische Aspekte des Humors

 

2.1 Die traditionelle psychoanalytische Differenzierung

Freud (1905) unterscheidet zwischen

·         Witz: gekennzeichnet durch Triebhaftigkeit libidinöser und aggressiver Herkunft. Witze beziehen ihre Lust aus der Befriedigung obszöner, aggressiver und zynischer Tendenzen. Witze setzen enthemmte Es-Inhalte frei. Das Lachen bei solchen Witzen überwindet die sonst vorhandene Hemmung.

·         Komik: Ihr Focus liegt auf gedanklichen Vorstellungen und Erkenntnissen. Sie ergibt sich aus dem Unterschied zwischen erwartetem Handlungsablauf und dem tatsächlichen Geschehen.

·         Humor: Er ist durch die Unterbindung/Kontrolle von Affekten, Gefühlen und Emotionen gekennzeichnet. Der Humor ist ein „ersparter Affektaufwand“. Er entzieht den ursprünglichen Affekten teilweise Energie. Darin ist die Abwehrleistung begründet.

Diese Dreiteilung kann problematisiert werden, weil es Überschneidungen und Hybridformen (z. B. Satire, Karikatur, Cartoon) gibt. Unter theoretischen Gesichtspunkten sowie einem methodisch-pädagogischen Aspekt ist jedoch die Dreiteilung hilfreich.

 

Gemeinsam werden alle drei „Humor“-Arten von einer psychischen Energie gespeist, die den Hauptmechanismus der Lustentstehung bzw. der Ausagierung aggressiver Impulse unterhält. Weiterhin ist zu beachten, dass in der Ausübung humoristischer Aktivitäten immer auch das Ich  und Über-Ich der am Kommunikationsprozess Teilnehmenden beteiligt sind. Alle Formen des Humors können unter dem Theorieaspekt der „Abwehr“ gesehen werden. Abwehr hat aber immer auch mit einer Grenze zu tun, die es zu verteidigen (Schutz), zurückzuverlegen (Rückzug und Regression) oder zu erweitern (Zuwachs und Progression) gilt. Dabei ist zwischen reifer (konstruktiver) und unreifer (neurotischer, aggressiver, destruktiver) Abwehr zu unterscheiden. Im Humor im engeren Sinn sah Freud eine „ hochstehende Abwehrform“. Diese dient unter anderem der Leidensabwehr, dem reifen Umgang mit Konflikten sowie mit Affekten verschiedenster Herkunft. Die beiden anderen Formen (Witz, Komik) stehen in der Regel neurotischem Agieren  näher. 

 

2.2 Wie erreicht der Humor seine Ziele?

Der Humor ist ein dyadisches Geschehen. Ein Erzähler oder Text steht einem oder mehreren Zuhörern, Betrachtern oder Lesern gegenüber. Die sozialen und psychischen Abläufe in diesem Kommunikationsprozess verlaufen nach dem Muster von Frage und Antwort oder Ursache und Wirkung. Zwei Ichs, zwei Über-Ichs und zwei Unbewusstseinszustände wirken aufeinander. Der Humorproduzent reizt sein Gegenüber zum Lachen bzw. zu Reaktionen verschiedenster affektiver Herkunft. Insoweit verrät der Kommunikationsprozess im Horizont humoristischer Aktivitäten viel über die Reife bzw. Unreife der am Prozess beteiligten Personen. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass jedem Lachen auf der bewussten Ebene ein Weinen im Unbewussten gegenübersteht und umgekehrt. Das eine wehrt das andere ab. Damit sei auf die Ambivalenz des Humors hingewiesen. Dieser kommunikative Prozess hat hauptsächlich zwei Ziele:

 

- Lusterfüllung („Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit“ – Nietzsche): Dazu dienen alle die in 2.1 genannten Formen einschließlich der Mischformen.

- Aggressionsabfuhr: Sie tritt sowohl im Sinne der Stillung von Aggressionslust als auch in der Gestalt von Abfuhr feindlicher und zerstörerischer Impulse auf. Beispiele dazu sind der politische Witz, die Karikatur und als „unreife Formen“ die Behinderten-Witze sowie die rassistischen und sexistischen Witze.

 

Das „Abenteuer“ der Grenzüberschreitung, also das Erzählen und Konsumieren beispielsweise eines Witzes, schenkt Lusterleben als Belohnung, das sich im Lachen und in freudiger Stimmung zeigt. Diese Grenzüberschreitung kann aber auch zum Konflikt und zu aggressiver Gestimmtheit führen, was sowohl von den Beteiligten erwünscht sein kann, aber auch ebenso auf unbewussten Prozessen beruht. Im ersteren Fall kann das Ich des Erzählers und des Zuhörenden diese Grenzüberschreitungen steuern, bewerten und gegebenenfalls verändern. Häufig genug ist das Ich nicht mehr imstande, Grenzen zu sichern und wird durch aggressive und libidinöse Impulse zur unkontrollierbaren Grenzüberschreitung verleitet. Das Ich hat sich entweder im Bereich des Humors eine mehr oder minder große bzw. kleine Autonomie erkämpft oder aber ist von triebhaften Impulsen überlistet worden, was besonders deutlich bei sexualisierenden, abwertenden und aggressiven Witzen zu studieren ist. Zweifellos ist damit die ethische Problematik aufgeworfen, wie sich das Individuum vor solchen unkontrollierten Grenzverletzungen schützen kann. Im Kontext unserer Ausführungen leistet das ein hinreichend autonomes Ich mit der Fähigkeit zu reifen Abwehrmechanismen und ein sicheres aber dennoch flexibles Über- Ich (zu den Abschnitten 1 bis 2.2 vgl. Frings 2008,301ff).

 

 

3. Ethische Aspekte des Humors

 

3.1 Ethik als Reflexionswissenschaft von der Moral – Gesinnungs- und Verantwortungsethik

Unsere Thematik impliziert eine moralische Problematik soweit sie nach Grenzen fragt und wird somit zum Gegenstand ethischer Reflexion. Sie bedient sich dabei der uns zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Antworten auf unsere Problemstellung können also durchaus  unterschiedlich sein und hängen von dem wissenschaftlichen Ausgangspunkt der jeweils an diesem Gedankenaustausch Beteiligten ab. In der theologischen Ethik wird die von Max Weber getroffene Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik diskutiert. Man kann diese Trennung heute nicht mehr ganz rein aufrecht erhalten, wie sich das Weber dachte. Gleichwohl ist diese Unterscheidung für unsere Fragestellung hilfreich. Es macht ja wohl einen Unterschied, mit welcher Intention und in welchem Zusammenhang sich eine humoristische Aktion etabliert. Reicht es aus, dass die humoristische Erzählung vor meinem individuellen Gewissen bestehen kann oder muss ich nicht vielmehr auch den sozialen Raum, in dem diese  kommuniziert wird, bedenken? Diese Frage ist zweifellos mit ja zu beantworten.

 

Grundsätzlich wird man festhalten müssen, dass unsere Fragestellung im Kontext theologischer, psychologischer, psychoanalytischer, soziologischer, linguistischer und kommunikationstheoretischer Perspektiven reflektiert werden kann. Nach den psychoanalytisch orientierten Aspekten will ich nun den theologisch-ethischen Zugang skizzieren.

 

3.2 Auflösung und Neugewinnung moralischer Grundsätze

Unsere moralische Kultur ist immer noch durch die alt- und neutestamentlichen Grundlagen geprägt. Die Zehn Gebote, Bergpredigt, die goldene Regel, die Warnung vor Projektionen (Splitter und Balken im Auge) und Liebesgebot sind herausragende Setzungen, die unser Leben geprägt haben. Moralische Vorgaben zum Humor sind darin enthalten. Praktisches Christentum, Kultur, Brauchtum und Sitte sind um sie herum gewachsen. Gleichwohl sind ehemals eherne moralische Gebote in der Auflösung begriffen, zu nennen sind z.B. die Sexualmoral, die Familienethik, Wirtschaftsethik, die Fragen um Krieg und Frieden und anderes mehr. Das hat auch dazu geführt, dass sexualisierte, pornographische und aggressive Witze „kaum noch einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken“.  Um diese Veränderung zu verstehen, reicht allein eine philosophisch-theologisch begründete Moral nicht mehr aus. Wir müssen viel mehr fragen, weshalb sich die Grenzen in dieser Weise verändert haben. Da ist zunächst auf die erweiterte Autonomie der Individuen hinzuweisen. Viele Menschen reklamieren für sich die Fähigkeit, auf Grund eigener Einsichten, wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erfahrungen ihr moralisches Handeln steuern und den ihnen gemäßen „Humor“ auswählen zu können. Das sich heute nicht mehr nur aus dem biblischen Kanon konstruierende Menschenbild steht auf der Basis weiterer Einflüsse wie der Philosophie, der Psychologie/Psychoanalyse, der Naturwissenschaft und der Soziologie. Das schließt auch Moral und Sitte betreffende Kritik ein. Ob für aus dem Ruder laufende moralische Prozesse tatsächlich eine hinreichend große Zahl der die Gesellschaft konstituierenden Menschen diese reife Autonomie besitzt, darf bezweifelt werden. Insoweit bleiben die biblische und psychoanalytische Anthropologie hilfreiche Korrektive für moralisches Handeln.

 

3.3 Witz/Komik/Humor in der Bibel – Die eschatologische Dimension des Humors

Das moralische Problem des Humors wird in der theologischen Ethik kaum beachtet. Die Bibel kennt weder den Begriff des Witzes, noch den der Komik, noch den des Humors. Das sehr inhomogene Material der Bibel beinhaltet allerdings eine Fülle von  Situationsbeschreibungen, Reden und Erzählungen, die wir durchaus der Komik und dem Humor zuordnen können (vgl. u.a. Matthiae 2009; Kaiser 2015). Es handelt sich dabei in erster Linie um Stilmittel (z.B. Mat. 8,28-34: Die Geschichten der Heilung zweier Gadarener, wo Jesus einen unreinen Geist in eine Schweineherde schickt, die sich im See ersäuft. Für den damaligen Zuhörer war das ein belustigender Vorgang, Auch die Zachäus-Geschichte Luk. 19,1-10 ist nicht ohne Komik. Ob Paulus in Gal. 5,12 tatsächlich einen Witz macht, wie Campenhausen (1957) meint, ist zweifelhaft.) Diese humoristischen biblischen Vignetten  haben keinen moralischen Scopus und tragen wenig zu unserer Fragestellung bei. Für meine Überlegungen führt uns die Bibel jedoch zu einem theologisch weitaus umfassenderen Begriff, der in einen Zusammenhang mit meiner Annahme, dass Humor Grenzen überschreitet, gebracht werden kann. Es ist der Begriff der „Freude“ bzw. das Verb „freuen“. Freude ist eine Antwort auf eine Lust erweckende Aktion oder Aus- bzw. Zusage, die in der Regel im Kontext mit Verheißung, Erlösung, Sündenvergebung, Todesüberwindung oder neuem Leben  auftaucht. Es geht dabei immer um Grenzüberschreitungen. Freude ist biblisch gesehen ein eschatologischer Topos, der auf etwas Zukünftiges hinweist, das jetzt schon die Gegenwart berührt und konturiert.

 

Gilt das auch für den Humor generell? Immer dann, wenn die humoristische Intention gegenwärtige Zustände tangiert und damit auf eine andere zukünftige Möglichkeit hinweist, beinhaltet sie etwas von jener biblischen Freude. Gleichzeitig ist damit auch eine Existenzdeutung verbunden, indem der Humor „unsere widerspruchsvolle Existenz durchsichtig macht“ (Heinz-Mohr 1988, 8). Sich dieser Existenzklärung zu öffnen, erfordert von dem suchenden Individuum ein reifes Ich, das es erst eine hinreichende Autonomie erlangen lässt und mit dem es seine eigenen Abwehr- und Projektionstendenzen kennenlernen kann. Dieser Mensch wird dann eher in der Progression als in der Regression leben.

 

 

4. Kennt Humor Grenzen?

 

Mit meinen Überlegungen zu möglichen Grenzen des Humor habe ich versucht, einen Hinweis zu geben, weshalb Grenzen in humoristischen Zusammenhängen überschritten werden dürfen, ja überschritten werden müssen, aber auch einzuhalten sind. Erst Grenzüberschreitungen eröffnen Möglichkeit neuer Erkenntnisse und Erfahrungen und damit kreatives Leben (Progression). Wer sich nicht auf diesen Weg begeben will (Regression), sollte so lange diesseits der Grenze bleiben (Schutz), so lange er keine Ressourcen hat (reife Abwehrmechanismen), sich diesem Prozess zu stellen. Über die moralische Fragestellung zum Problem der Grenzen des Humors hinaus wird es darum gehen, ob wir bereit sind, uns mit den dunkeln Seiten (Schatten) unseres Lebens (impliziert das Gewissen und das Über-Ich) auseinanderzusetzen, sich ihnen also möglichst angstfrei zu konfrontieren. Es wird ebenso darum gehen, zum einen ein positiv libidinös besetztes Leben führen zu können, also hinreichend Freude und Lust zu erleben (starkes, reifes Ich) gerade auch mit Hilfe des Humors ohne Gewissensangst, und zum anderen einen konstruktiven Umgang (reife bzw. „hochstehende“ Abwehrformen) mit den mannigfachen aggressiven und destruktiven Ereignissen im individuellen und kollektiven Leben zu finden. Ein Ausweichen menschenverachtender „humoristischer Angebote“ wird in unserer heutigen Kommunikationskultur nicht immer möglich sein. Eine Distanzierung davon freilich schon. Verbote und Verurteilungen lösen das Problem allerdings nicht – viel eher die Ermutigung zu einer reiferen „Humorkultur“ in Wort und Tat, die die Überschreitung von Grenzen zur Erlangung von Lebensfreude wagt, aber nicht die Grenzen um der Grenzen willen zerstört. Christian Morgenstern (zitiert bei Heinz-Mohr 1976, 6) stellt meine Überlegungen in einen weiten und offenen Horizont: „Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom Standpunkt des Unendlichen aus.“

 

Überlegungen anlässlich der Finissage zur Ausstellung von Cartoons des Künstlers Steffen Butz unter dem Titel „BÄRBEISSIG“. Im „Turm33 Am Lutherplatz“ in Ludwigshafen fand eine Talkrunde zum Thema „Kennt/braucht Humor Grenzen?“ statt. Der Autor war Teilnehmer dieser Gesprächsrunde. Seine Beiträge basierten, soweit das möglich war, auf den voranstehenden Überlegungen.

 

 

Literatur

 

Campenhausen von, H. (1957), Ein Witz des Apostels Paulus und die Anfänge des christlichen Humors, in: Ders., Aus der Frühzeit des Christentums. Studien zur Kirchengeschichte des ersten und zweiten Jahrhunderts, Tübingen 1963,102ff

Freud, S. (1905), Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten, GW 6

Frings,W. (2008), Humor, in: Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Hrsg.  Mertens, W. u. Waldvogel,B., Stuttgart

Kaiser, Thomas O.H.( 2015), Lachwurz. Vom Lachen und vom lieben Gott, Kadelburg

Matthiae,G .(2009), Humor (AT), www.bibelwissenschaft.de/stichwort21610

Heinz-Mohr,G.(1976), Wer zuletzt lacht… Der Humor der Letzten Dinge, Düsseldorf/Köln

Heinz-Mohr,G.(1988), Der lachende Christ  Geistlicher Humor quer durch Deutschland, Freiburg

 


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