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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Umberto Ecos Theorie des „Urfaschismus“

 

Am 19. Februar verstarb mit Umberto Eco einer der wichtigsten Autoren der vergangenen Jahrzehnte. Sein 1982 auf Deutsch erschienener Roman „Der Name der Rose“ war für viele Menschen Anlass, sich intensiv mit dem Mittelalter zu beschäftigen. Das „Foucaultsche Pendel“ von 1988 zeigte auf knapp 800 Seiten, wie genial Verschwörungstheorien die Welt erklären können – und was das schönste ist: Jeder kann sich selbst seine Weltverschwörung zusammenbasteln. Nur ein einziger Nebenstrang der Handlung im „Foucaultschen Pendel“ genügte für einen weiteren Roman, den 2010 erschienenen „Der Friedhof in Prag“, in dem erzählt wird, wie ein professioneller Urkundenfälscher die Protokolle der Weisen von Zion in die Welt setzt.

 

Umberto Eco, der nach Lektorentätigkeit in einem Mailänder Verlag eine Professur für Semiotik an der Universität Bologna innehatte, war nicht nur Romanautor und Fachwissenschaftler, sondern auch einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen zunächst Italiens und spätestens nach den Erfolgen mit seinen ersten beiden Romanen auch Europas. Seine politischen Äußerungen sind hierzulande wenig bekannt, in der italienischen Öffentlichkeit galt er jedoch als einer der konsequentesten Gegner Berlusconis.

 

Eine der wenigen politischen Äußerungen Ecos, die auch in Deutschland veröffentlicht wurde, war eine Vorlesung am 24. April 1995 zum 50. Jahrestag der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus an der Columbia University in New York. In dieser Vorlesung, die am 7. Juli 1995 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ abgedruckt wurde, entwickelte Eco, ausgehend von einer Betrachtung des italienischen Faschismus, eine Art allgemeine Theorie über den Faschismus überhaupt, die auch heute, mehr als 20 Jahre später, angesichts des Erstarkens von Rechtsparteien überall in Europa, zuletzt der AfD in Deutschland, hochaktuell daherkommt.

 

Ecos Ausgangspunkt ist eine doppelte Beobachtung, die man so zusammenfassen kann, dass zum einen chronologisch zwischen Faschismus und Neofaschismus unterschieden wird, und zum anderen, geographisch, etwa zeitgleich verschiedene Bewegungen existierten, die sich selbst unterschiedlich bezeichneten, aber im Nachhinein alle als faschistisch eingestuft werden können. Zur ersten Beobachtung: „Wenn Mussolinis Faschismus sich auf die Idee eines charismatischen Führers gründete, auf den Korporatismus, auf die Utopie von Roms imperialer Bestimmung, auf einen imperialistischen Willen zur Eroberung neuer Gebiete, auf einen übersteigerten Nationalismus, auf das Ideal einer ganzen Nation in Schwarzhemden, auf die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, auf den Antisemitismus – dann kann ich leicht einräumen, daß die italienische Alleanza Nazionale, hervorgegangen aus der faschistischen Nachkriegspartei MSI und mit Sicherheit eine Partei des rechten Flügels, derzeit sehr wenig mit dem alten Faschismus zu tun hat.“ Ebenso sei in anderen Regionen Europas erkennbar, dass es zwar naziähnliche Bewegungen gäbe, es aber dennoch unwahrscheinlich sei, dass „der Nazismus in seiner ursprünglichen Form als nationale Bewegung wiederauferstehen könne“. Allerdings muss Eco zugeben, dass, obwohl Regimes gestürzt und Ideologien kritisiert und abgelehnt werden können, hinter einem Regime und dessen Ideologie „immer eine Art des Denkens und Fühlens, eine Anhäufung kultureller Gewohnheiten, obskurer Instinkte und unauslotbarer Triebe“ steht.

 

Dieser Hinweis auf gleichartige Gefühlslagen führt zur zweiten Beobachtung, dass „nicht nur die [italienische; M.S.] Resistenza, sondern auch der Zweite Weltkrieg ganz allgemein als Kampf gegen den Faschismus geführt wurde“. So könne man schon in Ernest Hemingways Bürgerkriegsepos „Wem die Stunde schlägt“ nachlesen, dass dessen Held Robert Jordan seine Feinde mit den Faschisten identifiziere, obwohl er doch die spanischen Falangisten im Sinn habe. Diesen Gebrauch des Begriffs Faschismus für unterschiedliche rechtsgerichtete Bewegungen in verschiedenen Ländern könnte man nun, so Eco, mit der zeitlichen Abfolge dieser Bewegungen erklären und lande so bei der zufälligen Tatsache, dass der italienische Faschismus zeitlich am Anfang stand, also eine Art „Urfaschismus“ repräsentiere: „Der italienische Faschismus war die erste rechtsgerichtete Diktatur in einem europäischen Land, und für alle späteren derartigen Bewegungen bildete Mussolinis Regime eine Art Archetypus. […] Erst in den Dreißigern entstanden die faschistischen Bewegungen überall, mit Mosley in Großbritannien, in Lettland, Estland, Litauen, Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Jugoslawien, Spanien, Portugal, Norwegen und sogar in Südamerika.“ In dieser Logik sei es schlüssig, dass während des Zweiten Weltkriegs die Amerikaner, die im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten, als „vorzeitige Antifaschisten“ galten – eben im Sinne einer klassischen Rückprojektion eines aktuellen Begriffs für einen damals noch nicht näher benannten Sachverhalt.

 

Aber der Blick auf die verschiedenen Bewegungen mache eben auch signifikante Unterschiede deutlich, etwa die unterschiedlich starke Grundierung der einzelnen faschistischen Bewegungen durch ein theoretisches Fundament: „’Mein Kampf’ ist ein Manifest mit einem umfassenden politischen Programm. Der Nazismus besaß eine Theorie des Rassismus und der Überlegenheit der Arier, eine klare Vorstellung von entarteter Kunst, eine Philosophie vom Willen zur Macht und vom Übermenschen. Der Nazismus war entschieden antichristlich und neuheidnisch, während Stalins Diamat (die offizielle Version des sowjetischen Materialismus) offen materialistisch und atheistisch war. Versteht man unter Totalitarismus ein Regime, das jeden Akt des Individuums dem Staat und seiner Ideologie unterwirft, dann waren sowohl der Nazismus wie der Stalinismus wirklich totalitäre Regimes.“

 

Doch gerade am Maßstab des Totalitären gemessen, unterscheiden sich der Nationalsozialismus und der italienische Faschismus: „Der italienische Faschismus war mit Sicherheit eine Diktatur, aber er war nicht durchgehend totalitär – nicht weil er so milde gewesen wäre, sondern eher aufgrund der philosophischen Schwäche seiner Ideologie. Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Ansicht verfügte der Faschismus in Italien über keine besondere Philosophie. Dem mit Mussolini unterzeichneten Artikel ‚Faschismus’ in der Encyclopedia Treccani hatte Giovanni Gentile geschrieben oder weitgehend inspiriert, und er verriet eine späthegelianische Vorstellung vom absoluten und ethischen Staat, die Mussolini niemals vollständig bewußt wurde. Mussolini besaß keinerlei Philosophie, sondern lediglich Rhetorik.“

 

Beim Auswerten dieser beiden Beobachtungen gesteht Eco ein, dass die historische Priorität keinen ausreichenden Grund ergibt, „warum das Wort Faschismus zu einer Synekdoche, zu einem Wort, das sich für unterschiedliche totalitäre Bewegungen verwenden ließ“, werden konnte. Es sei ja nicht so, dass der Faschismus in sich, „sozusagen in seiner Quintessenz, sämtliche Elemente aller späteren Formen des Totalitarismus“ enthalten habe. Eher sei das Gegenteil der Fall: „Der Faschismus verfügte über keinerlei Quintessenz. Der Faschismus war ein verschwommener Totalitarismus, eine Collage aus verschiedenen philosophischen und politischen Gedanken, ein Bienenkorb an Widersprüchen.“ So gab es zwar „nur einen Nazismus“; das faschistische Spiel, so Eco, lasse sich jedoch „nach vielen Regeln spielen, und der Name des Spiels ändere sich dabei nicht“.

 

Deshalb konstatiert Eco für die vielen Spielarten dessen, was im Nachhinein als faschistisch bezeichnet wurde, „durch eine Art illusorische Transitivität eine Familienähnlichkeit“, deren einzelne Elemente man nennen und beschreiben könne – allerdings müssen nicht in jeder Spielart des Faschismus alle Elemente vorkommen: „Ziehen wir vom Faschismus den Imperialismus ab, so haben wir noch immer Franco und Salazar. Nehmen wir den Kolonialismus fort, so bleibt uns noch immer der Balkanfaschismus der Ustaschi. Fügen wir dem italienischen Faschismus einen radikalen Antikapitalismus hinzu (der auf Mussolini nie besonders reizvoll wirkte), dann haben wir Ezra Pound. Geben wir einen Kult um keltische Mythologie und Gralsmystik hinzu (dem offiziellen Faschismus vollständig fremd), dann steht vor uns einer der angesehensten faschistischen Gurus, Julius Evola.“

 

In der zweiten Hälfte seines Vortrags unternimmt es Eco, eine Liste von Merkmalen aufzustellen, die typisch sind für das, was er als „Urfaschismus oder ewigen Faschismus“ bezeichnet. Zu diesen Merkmalen gehören Traditionskult, Ablehnung der Moderne, Irrationalismus, ein synkretistischer Glaube, der analytische Kritik fürchtet, Rassismus, das Gefühl politischer Demütigung, die Obsession einer (internationalen) Verschwörung, die vermeintliche Notwendigkeit eines Kampfes ums Überleben, Elitedenken incl. Verachtung des Schwächeren, Erziehung zum Heldentum, Übertragung des Willens zur Macht auf die Sexualität (in Spanien bekannt als Machismo), ein selektiver Populismus sowie eine eigens entwickelte Sprache, ein „Newspeak“, der die Instrumente komplexen und kritischen Denkens im Keim ersticken soll.

 

Da der Faschismus immer populistisch daherkommt, entsteht ein eigenartiges Freund-Feind-Denken, das ostentativ schwankt zwischen Bewunderung und Verachtung der Feinde. So lehrte man den jungen Umberto Eco (Jahrgang 1932) in der Zeit des Faschismus, die Juden seien reich und helfen einander über ein geheimes Netz gegenseitiger Unterstützung. Gleichzeitig müssen die Anhänger des Faschismus überzeugt sein, dass sie ihre Feinde besiegen können, ganz gleich wie gut diese organisiert sind: „Daher, durch ständige Verlagerung des rhetorischen Brennpunkts, sind die Feinde gleichzeitig zu stark und zu schwach. Faschistische Regierungen sind dazu verurteilt, Kriege zu verlieren, weil sie konstitutiv unfähig sind, die Stärke des Feindes richtig einzuschätzen.“

 

Eco lieferte 1995 diese Theorie des Urfaschismus nur vordergründig im Gedenken an den 50 Jahre vorher beendeten Zweiten Weltkrieg. Als öffentlicher Intellektueller wollte er den Mechanismus sichtbar machen, der neue faschistische Bewegungen entstehen lässt.

 


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