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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Die Wirkung des Rationalismus – ein Beitrag zur Problemgeschichte der pfälzischen Union

 

Die Liberale Theologie kann man als großangelegten Versuch betrachten, die seit der Französischen Revolution sich bahnbrechende politische Freiheit und die seit der Aufklärungsphilosophie nicht mehr rückgängig zu machenden Idee des Subjekts als Träger aller Welterkenntnis auf dem Feld der Theologie gedanklich einzuholen. So rückte der Mensch mit seiner Vernunft und seinem auf Freiheit ausgerichteten Handeln in den Mittelpunkt des theologischen Erkenntnisinteresses.

Das bedeutete einen radikalen Bruch mit der eigenen Theorietradition. Der unverstellte Blick auf die Zeit der Reformation oder der Alten Kirche blieb fortan versperrt. Vermittlungsleistungen waren gefragt, und diese Vermittlung musste vor allem erklären, wie die überkommenen Themen der Theologie so aussagbar waren, dass sie dem auf vernünftiges Denken und freiheitliches Handeln hin orientierten modernen Menschen weiterhin als lebensorientierende Wahrheit einleuchten konnten.

 

Einer dieser Versuche war der romantische Weg Schleiermachers, der von der Vernunft als anthropologischem Ort der Gotteserkenntnis wegging und die Frömmigkeit als Gefühlsbestimmtheit der „schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott“ als diesen Ort zu profilieren versuchte. In seiner Glaubenslehre gelang ihm so die Rekonstruktion der reformatorischen Loci unter den Bedingungen neuzeitlicher Subjektivität.

 

Parallel zu Schleiermacher gab es jedoch eine weitere theologische Richtung, die ebenfalls die Loci reformatorischer Theologie unter den Bedingungen der Neuzeit zu rekonstruieren versuchte – der theologische Rationalismus. Was aber Theologen wie Johann Friedrich Röhr, Wilhelm Gesenius, Julius August Ludwig Wegscheider und Heinrich Eberhard Gottlob Paulus von Schleiermacher unterschied, war, dass sie nicht, wie dieser, bei der Frömmigkeit als dem genuinen Ort praktischer Religiosität ansetzten, sondern, darin den Philosophen gleich, bei der Vernunft als dem anthropologischen Ort der Welterkenntnis. Damit traten die rationalistischen Theologen in einen direkten Konkurrenzkampf mit den Philosophen, denn sie mussten tendenziell vernunftfremde Inhalte so aussagbar machen, dass sie vernunftmäßiger Erkenntnis zugänglich waren.

 

Dieses Programm erwies sich langfristig als nicht durchführbar. Der theologische Rationalismus in seiner Reinform blieb eine Episode in der Theologiegeschichte und hat sogleich die Opposition des Supranaturalismus auf sich gezogen. Die Streitereien zwischen beiden Opponenten wurden durch die so genannte Vermittlungstheologie in den breiten Strom des theologischen Liberalismus umgelenkt.

 

Seinen Ausgangspunkt hat der theologische Rationalismus in der Spannung zwischen den Philosophien Kants und Hegels. Immanuel Kant hält in seiner Religionsschrift noch an der christlichen Vorstellung eines Endgerichts fest, indem er meint, dass der Mensch durch sein dem Sittengesetz konformes Verhalten zwar ein Verdienst erwirbt, dass dieses aber dereinst durch „übernatürlichen Beitritt“ ergänzt werden müsse durch ein solches Verdienst, das uns aus Gnaden zugewiesen wird. In diesem Gedanken haben Rationalismus und Supranaturalismus gleichermaßen ihren Ausgangspunkt, denn hier ist die Unterscheidung von Vernunft und Offenbarung vorausgesetzt, und es ist durchaus möglich, sich diesem Gedanken von beiden Seiten zu nähern. In der Vorrede zur zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt Kant: „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“

 

Eine Generation nach Kant hat Georg Friedrich Wilhelm Hegel in seiner „Einleitung in die Philosophie der Geschichte“ erkannt, dass es Aufgabe der Philosophie sei, die „Mysterien der Religion“ als „Lehren der Vernunft“ zu rechtfertigen. Der theologische Rationalismus sei nämlich unfähig, Vernunft und Glauben auszusöhnen.

 

Der theologische Rationalismus wollte zwar dem Kant’schen Programm folgen, ließ sich aber von Hegels Verdikt so weit einschüchtern, dass er die Versöhnung zwischen Vernunft und Glaube gar nicht erst wagte, sondern dieses Feld den Supranaturalisten überließ. Da der Rationalismus innerhalb der Grenzen der auf die theoretische Erkennbarkeit der natürlichen Welt eingeschränkten Verstandeserkenntnis keinen direkten Erfahrungsbeweis für eine übernatürliche Offenbarung finden konnte, reduzierte er die religiöse Theorie auf die Erfordernisse der ethisch-sittlichen Lebensführung des einzelnen Menschen. Damit wuchs dem theologischen Rationalismus die Rolle zu, Sprachrohr derjenigen Aufklärungsphilosophie zu sein, die sich vor allem als Kritik herkömmlicher Offenbarungsreligion darstellte.

 

Das Ergebnis war eine reduktionistische Gestalt von Theologie, in der die Vernunft sowohl Ursprung als auch Norm theologischen Denkens war und all diejenigen Lehren, die der Vernunft nicht unmittelbar fassbar erschienen – etwa die Trinität, die Zwei-Naturen-Lehre, die Versöhnungslehre und die Eschatologie –, einer radikalen Kritik unterzogen wurden. Gott wurde in dem von ihm selbst gesetzten ewigen Naturgesetz erkannt, und deshalb war es unmöglich, dass er etwa durch Wunder diese Gesetze selbst durchbrechen würde. Ähnlich wie der frühaufklärerische Deismus argumentierte auch der Rationalismus mit einer einheitlichen Erkenntnislehre, die alle Wirklichkeitsbereiche gleichschaltete. Mittel zur Erkenntnis der gesamten einheitlichen Wirklichkeit war die Vernunft. Das Pathos des theologischen Rationalismus lag deshalb bei solchen Inhalten, die der menschlichen Vernunft ohne Intervention einer übernatürlichen Offenbarung zugänglich waren: etwa Gott, Freiheit, Unsterblichkeit der Seele, Schöpfung und Jesus als Ethiklehrer.

 

Diesem Programm blieben weite Bereiche des biblischen Denkens unzugänglich. Besonders auffällig wird das in der nahezu kompletten Ausblendung des Alten Testaments. Da der Rationalismus keine theologisch qualifizierte Vorstellung von Offenbarung kennt, erscheint ihm das Alte Testament als historisches Dokument einer vergangenen Spielart von Religiosität und hat keinen theologischen Wert an sich. Wie diese reduzierte theologische Sichtweise in der Praxis umgesetzt werden sollte, kann man sich anhand der Unionsurkunde von 1818 klar machen. Dort wurde eine Kirchenordnung beschlossen, die angesichts von über zwei Jahrzehnten De-Christianisierung im ehemaligen französischen Departement eine Art theologisches Minimalprogramm bietet: „Die protestantisch-evangelisch-christliche Kirche erkennt außer dem Neuen Testament nichts anderes für eine Norm ihres Glaubens. Sie erklärt, dass alle bisher bei den protestantischen Konfessionen bestandenen oder von ihnen dafür gehaltenen symbolischen Bücher völlig abgeschafft sein sollen und dass endlich die Kirchenagende und andere Religionsbücher, indem sie die jetzigen Grundsätze der vereinigten protestantischen Kirche aussprechen, der Nachwelt nicht als unabänderliche Norm des Glaubens dienen und die Gewissensfreiheit einzelner protestantisch-evangelischer Christen nicht beschränken sollen.“

 

In dieser rationalistischen Kirchenordnung wurde die Gewissensfreiheit des einzelnen Christen zur einzig wahrheitsfähigen theologischen Norm erklärt. Allerdings wurde sogleich als Problem erkannt, dass die bisher in normativer Geltung stehenden symbolischen Bücher und vor allem auch das Alte Testament als Teil der heiligen Schrift nicht einfach abgeschafft werden können. Das Gewissen braucht, um sich zu schärfen, ein Gegenüber, und dieses Gegenüber ist dem religiösen Gewissen der Traditionsbestand an heiligen Schriften und Bekenntnistexten, die innerhalb der religiösen Gemeinschaft Geltung haben. Dementsprechend urteilt dann auch das Generalkonsistorium in München in einem Gutachten: „Es kann nicht in der Befugnis einer Provinzialkirche liegen, die symbolischen Schriften des Protestantismus für abgeschafft zu erklären, solange diese Kirche noch eine protestantisch-christliche bleiben will.“

 

Obwohl der theologische Rationalismus spätestens mit der Lutherrenaissance ab den 1820er Jahren in den Kirchen starken Gegenwind spürte, musste man sich in der Theologie mit ihm auseinandersetzen. Dabei ging keine Richtung so weit wie der Supranaturalismus, der dem Rationalismus auf dem Boden der Aufklärung entgegentreten wollte, dabei aber nur im Positivismus enden konnte. Andere Richtungen waren da moderater: Die spekulative Theologie etwa und ihr Begründer Carl Daub (1765-1836) gingen in ihrer Theologie bewusst den Schritt von Kant zu Hegel und bemühten sich um eine begrifflich konsistente Theologie, innerhalb derer Widersprüche auf dialektischem Weg aufgelöst und zu einsehbaren Wahrheiten umgeformt werden. Auf diesem Weg sollten die Texte der Bibel und Bekenntnisschriften zu ihrem Recht kommen und auch, anders als im früheren Rationalismus, Fragen der Gotteslehre und Christologie weiterhin theologisch zentral bleiben.

 

Hatte die spekulative Theologie also ein konservatives Interesse, so überwog in der Vermittlungstheologie eher der Freiheitsimpuls. 1828 schreiben die drei Theologen Friedrich von Lücke, Karl Immanuel Nitzsch und Karl Ullmann in der Vorrede der neuen Zeitschrift „Theologische Studien und Kritiken“, sie wollten „keiner der geltenden Parteien angehören“ und auch keine eigene Partei gründen, sondern „das Gute und Wahre der verschiedenen Richtungen der neuern Theologie“ zur Geltung bringen, am „positiven Grunde der heiligen Schrift“ festhalten, dabei eine „freie und gewissenhafte so historische wie philosophische Forschung“ fördern und gleichzeitig eine „Vernunft und Wissenschaft verachtende Theologie“ ablehnen. Zu diesen Vermittlungstheologen zählt auch der Heidelberger Theologieprofessor Richard Rothe (1799-1867), der theologisch aus der spekulativen Ecke kommt, kirchenpolitisch aber ein Liberaler ist.

 

Rothe war 1863, gemeinsam mit dem badischen Kirchenrat Daniel Schenkel (1813-1885), in Frankfurt Mitbegründer des „Deutschen Protestantenvereins“, der eine Organisation des kirchlichen und kirchenpolitischen Liberalismus war. Der Verein setzte sich für eine presbyterial-synodale Kirchenverfassung ein und förderte die Mitarbeit der Laien. Ziel war eine national organisierte Volkskirche ohne Bindung an die alten Bekenntnisse. Ausgangspunkt des „Deutschen Protestantenvereins“ war der „Protestantische Verein“, der 1858 in Neustadt an der Haardt gegründet worden ist. Theologischer Horizont des Protestantenvereins war der theologische Rationalismus, wie er vor 1818 in Heidelberg und auch in Halle gepflegt worden ist und in der pfälzischen Kirchenunion seinen Niederschlag finden sollte.

 

Im Ergebnis kann man wohl sagen, dass sich die Wirkung des Rationalismus in den breiten Strom der Liberalen Theologie hinein – nach anfänglich starker Auseinandersetzung mit ihm – irgendwann verflüchtigt hat. Bei den großen liberalen Theologen des späten 19. Jahrhunderts finden sich wenig erkennbare Einflüsse der theologischen Rationalisten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Allerdings ist der Rationalismus in der Zeit des Vormärz, später dann während der bürgerlichen Revolution 1848/49 bis in die Zeit unmittelbar vor dem deutsch-französischen Krieg und der Reichsgründung 1870/71 kirchenpolitisch einflussreich. Der Rationalismus ist die Theologie des protestantischen Bürgertums, das sich eine freie Kirche in einem freien, demokratischen Deutschland wünscht. Diese Theologie wurde ab dem Zeitpunkt nicht mehr gebraucht, als dieses Bürgertum nicht mehr liberal und demokratisch, sondern immer stärker nationalistisch gesinnt war.

 

Dem Rationalismus ging es nicht um Dogmenglaube und Bekenntnisfundamentalismus, sondern um Glaubensfreiheit; nicht um stures Kleben am biblischen Wort, sondern um freie wissenschaftliche Forschung und um Pressefreiheit, damit die Forschungsergebnisse auch publiziert werden konnten. Sofern die spätere Liberale Theologie diese Anregungen aufgenommen und weiterbearbeitet hat, wurde sie dem Erbe des Rationalismus gerecht.

 


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