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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Lehramt und Häresie – ein dogmatischer Versuch

 

Evangelische Kirchen haben ein Lehramt, auch wenn das nicht immer bewusst ist. Schon in der Alten Kirche bildeten sich Instanzen heraus, die Häresien wie die Gnosis abwehrten und so über den Zustand der Lehre wachten. Die Sicherung der Lehre geschah zunächst in einer Verzahnung der drei Instanzen Kanon (als Grundlage der Lehre und Abgrenzung gegen Irrlehre), Glaubensbekenntnisse (als durch Synoden formulierte Konsensaussagen über die gültige Interpretation des Kanonischen) und Bischöfe (als Wächter über die Lehre). Mit der Herausbildung bischöflicher Kirchenordnungen und der Entwicklung zum Papsttum verschob sich die Funktion der Bischöfe innerhalb dieses Systems vom bloßen Wächteramt zur Zuständigkeit für die Darlegung authentischer Lehre und letztgültige Entscheidung in Lehrfragen. Die Herausbildung der Scholastik führte im Mittelalter zur Gründung von Universitäten, an denen unterschiedliche Auslegungstraditionen entstanden und gepflegt wurden. In der Folge dieser Entwicklung kam es zu Auseinandersetzungen innerhalb der theologischen Schulen.

 

Als sich im Spätmittelalter die Ausbildung der Geistlichen an Universitäten durchsetzte, waren die Bischöfe als Wächter über den Zustand der Lehre gefordert. Die unterschiedlichen Schulen waren an die dogmatischen Vorgaben des Lehramts gebunden und beschränkt auf die Entfaltung, Diskussion und Interpretation dieser Vorgaben. Die Schultheologie behandelte das Ganze der in der Kirche überlieferten Glaubensaussagen. Die biblischen Texte waren dabei ein Teil dieser Überlieferung; ihre Auslegung richtete sich nach den methodischen Vorgaben der scholastischen Theologie.

 

Die Reformation kehrte das Verhältnis zwischen scholastischer Traditionspflege und Bibelstudium um und machte das Bibelstudium gleichzeitig zur Quelle und zum kritischen Maßstab aller Glaubensaussagen. Damit war die römisch-katholische Kirche zur dogmatischen Bestimmung der Rolle des Lehramts innerhalb des Gesamtgefüges der Kirche gezwungen. Gefordert waren lehramtliche Festlegungen über das Lehramt selbst. Dieses leistete die katholische Kirche in den dogmatischen Festlegungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allen im I. und II. Vatikanischen Konzil.

 

Als Ergebnis dieser Bemühungen ist festzuhalten, dass die traditionsbildende Tätigkeit des Lehramts in der Sorge dafür besteht, dass sich keine theologische Lehre jenseits der durch das Lehramt selbst geschaffenen Überlieferung etablieren kann. Die Heilige Schrift, die Tradition und das kirchliche Lehramt sind so miteinander verknüpft, dass keine der drei Instanzen ohne die anderen beiden bestehen kann und deren spezifische Zuordnung eine Berufung auf die Schrift am Lehramt vorbei unmöglich macht.

 

Damit ist die Haltung Martin Luthers, nämlich der Einspruch des Einzelnen gegen einige Aspekte der geltenden Lehre, auch heute in der katholischen Kirche unmöglich. Begründet wurde dieser Einspruch von Luther nämlich unter Berufung auf die Heilige Schrift und das persönliche Gewissen. Genau deshalb ist im Protestantismus keine Form des Lehramts denkbar, die eine bestimmte Auslegung der Schrift letztgültig als Glaubensgut vorlegen könnte. In Konsequenz dieses Gedankens obliegt die Ausübung des Lehramts nicht einer einzelnen (unfehlbaren) Instanz, sondern ist auf mehrere gleichberechtigte Instanzen verteilt, die sich einzig durch ihre Funktion im Vollzug des Lehramts unterscheiden.

 

Da sind zunächst die ordinierten Theologen als unmittelbare Träger des Lehramts Sie lehren, indem sie verkündigen. Da der Glaube durch das verkündigte Wort Gottes geweckt wird, liegt der Dienst des Ordinierten am Lehramt in der evangeliumsgemäßen Verkündigung. Sodann: Um Menschen für diesen Dienst an der Wortverkündigung zu befähigen, bedarf es Lehrer an theologischen Fakultäten, die sich um die Frage der Wahrheit und Konsensfähigkeit der Lehre bemühen. Sie tun dies unter Rückgriff auf die Schrift als Quelle der Lehre, auf Bekenntnisschriften als kirchliche Konsensdokumente über eine zu einem bestimmten Zeitpunkt als wahre Interpretation des christlichen Glaubens erachtete Rationalitätsgestalt der Lehre, sowie durch ihre Vernunft und wissenschaftliche Kompetenz, die die christliche Lehre in die Gegenwart hinein kommunikationsfähig machen. Und schließlich nehmen die kirchenleitenden Organe, etwa Synoden, am Lehramt teil, indem sie unter Beachtung der innerkirchlich geltenden Lehre die Kirchenordnungen so gestalten, dass Entscheidungen von Lehrfragen möglich sind und so die Kontinuität gegenwärtiger Lehre mit der Lehrtradition der Reformation gesichert bleibt. 

 

Diese Lehrbildung der evangelischen Kirchen ist historisch betrachtet das Resultat einer Kritik an einigen Ergebnissen der traditionsbildenden Tätigkeit des kirchlichen Lehramts (z.B. Gnadenlehre, Ablasswesen). Die Freiheit der Lehre gründet sich auf die institutionell garantierte Einspruchsmöglichkeit gegen kirchliche Autoritäten im Namen einer besseren Lehre. Der mit der Verkündigung beauftragte Pfarrer agiert daher frei von jeder rechtlichen Bindung an menschlich gesetzte Wahrheitskriterien. Artikuliert er im Dienst der Verkündigung von gültigen Bekenntnissen abweichende Lehrmeinungen, kann aufgrund der garantierten Lehrfreiheit nicht sofort Amtspflichtverletzung unterstellt werden. In Konfliktfällen sind die anderen Instanzen des Lehramts sowie die Lehrbeurteilungskompetenz der Gemeinde gefragt, um einen Konsens zu erringen, der sowohl die Lehrgrundlage der Kirche ins Recht setzt als auch eventuell vorhandenen Wahrheitsmomenten der abweichenden Lehre gerecht wird. 

 

Bereits Luther erkennt das Recht der Gemeinde an, auch einen Bischof wieder abzusetzen, wenn er Irrlehre verkündigt. Da der Ausübung des Lehramts durch den mit dem Amt der Verkündigung Beauftragten nicht durch das Wiederholen von Schriftzitaten und Bekenntnistexten Genüge getan ist, sondern nur durch Vergegenwärtigung und Ins-Gespräch-Bringen des Evangeliums mit der modernen Welt, liegt hier ein Einfallstor für Häresien.

 


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