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Joel Ruml
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Der Kelch als Symbol der Kirche

Vortrag beim Gustav-Adolf-Werk Pfalz am 27. Juni 2015 in Pirmasens

 

Liebe Brüder, liebe Schwestern,

 

ich komme zu Ihnen aus der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder, der zweitgrößten Kirche in der Tschechischen Republik Unsere Kirche ist die größte evangelische Kirche, wenn auch als eine Kirche in der Minderheit. Die größte Kirche ist die römisch-katholische Kirche mit ca. 20 Prozent der Bevölkerung, die übrigen Kirchen umfassen alle zusammen bis zu fünf Prozent der Bevölkerung.

 

Ich vertrete eine Kirche, die sich zu den bedeutendsten reformatorischen Traditionen bekennt. Bei ihrer Entstehung 1918 bekannte sie sich sowohl zu der lutherischen, als auch zur kalvinistischen und, wie Sie aus ihrem Namen hören, zu der böhmischen/tschechischen Tradition. Seit 1781 existierten in Böhmen beide evangelische Kirchen getrennt, die lutherische und die reformierte Kirche. 1918 sind sie in der neu entstandenen EKBB zusammengekommen.

 

Ich erlaube mir, Ihnen kurz den historischen Zusammenhang zu beschreiben, aus dem sich die Reichweite des tschechischen Protestantismus bis zum damaligen reformatorischen europäischen Geschehen ergibt. Gleichzeitig würde ich Ihnen gerne die Bedeutung des Kelches als Symbol der EKBB erhellen.

 

Das reformatorische Geschehen ist nicht grundlos entstanden. Es hing mit dem Zustand der Kirche zusammen, wie auch mit dem Bewusstsein, dass die Kirche nicht nur eine irdische Institution ist, die die Gründe und Berechtigungen ihrer Existenz in den zeitlich begrenzten Bedingungen des irdischen Kontextes hat. Durch die zu enge Verbindung mit ihrer Umgebung ist sie von manchen menschlichen und gesellschaftlichen Untugenden infiziert, infolge dessen verliert sie einfach ihre überzeitliche Aufgabenstellung ihres Herrn, Jesu Christi. Solche Bedrohung dauert ständig. Sie begleitet das Volk Gottes während der ganzen Zeit seiner Existenz. Sicher erinnern wir uns an die Stimmen der Propheten (Elijah, Jeremiah usw.), die Versuche einer Reform der Frömmigkeit (Josijah 2 Kön 22), die wir das aus der Bibel kennen.

 

Es gab markante Reformbewegungen schon im 4. und 5. Jahrhundert, nachdem das Christentum – dank dem Edikt von Mailand von 313 – dem Heidentum gleichgestellt wurde und zur Staatsreligion wurde. Einerseits verschwand dank diesem Schritt das Heidentum ziemlich schnell aus dem öffentlichen Leben [1], andererseits  konstatieren die elementaren Lehrbücher der Kirchengeschichte ein Faktum, das uns heute nicht mehr überrascht: „Die Scharen der Neugetauften trugen mit sich in die Kirche ziemlich viel von ihrer ursprünglichen heidnischen Frömmigkeit, und sie suchten innerhalb der Kirche eine Befriedigung der Sehnsüchte, die bisher von den heidnischen Kulten und Mysterien befriedigt wurden.“ [2]  Logischerweise musste eine solche Entwicklung bei vielen einen Widerstand gegenüber der Verweltlichung der Kirche erwecken, in der Suche von Wegen, die Glaubwürdigkeit der ersten apostolischen Kirche wiederherzustellen.

 

Die Formen des Widerstandes gegen die Verweltlichung der Kirche versuchten vornehmlich einen Wall aufzurichten, damit die Kirche nicht zu einer machtbewussten irdischen Institution wird, die Christus wegen ihrer weltlichen Macht und ihrem Reichtum verlässt.

 

Viele Christen wurden von dieser Verweltlichung der Kirche beunruhigt, und schufen Modelle einer reinen Nachfolge Christi, die auch in Askese und ähnlichen Formen bestanden. Allmählich wurde dazu auch die Freiheit vom Aufenthalt an einer Stelle hinzugefügt, was zum Eremitum, dem Vorbild des Mönchtums führte.

 

Ich erwähne diesen kurzen Zusammenhang, damit deutlich wird, dass die Reformation ihre tiefen Ursachen hat. Die sind bis jetzt dieselben, und so gehört zu jeder gesunden Selbstreflexion der Kirche, dass sie ihren Zustand nicht als definitiv betrachtet. Die Kirche – das Volk Christi – muss ihre Existenz mit dem Bewusstsein verbinden, dass sie sich ständig reformieren muss (nach dem Prinzip ecclesia reformata et semper reformanda), sie muss immer wieder bereit sein, ihre  Praxis und Lehre am Evangelium, an Christus und an der Wahrheit zu messen.

 

Den Reformbestrebungen und Strömungen ging es um die Erneuerung der Glaubwürdigkeit der Kirche als des Volkes Christi. Damit wurde betont, dass alle Gebote, die Jesus gegeben hat, gültig bleiben zur Erlangung seines Heils als Grundstein der Erneuerung der Menschheit und Vertiefung des Lebens.

 

Es überrascht einen kaum, wenn wir die Reformbestrebungen in einer ganzen Reihe von Ländern verfolgen, zum Beispiel in Italien, in Frankreich oder England, dass sich dies auch auf die Böhmischen Länder bezog. Es ist wichtig zu sagen, dass die Böhmischen Länder für lange Jahrhunderte vom Deutschtum beeinflusst wurden, und deswegen waren die Hauptpersonen der Böhmischen Reformation nicht nur die gebürtigen Tschechen. Zu den Vorgängern Hussens gehören zum Beispiel auch Konrad Waldhauser, Matej z Janova und andere, die ihre Reformbemühung nicht mit einer Nationalität, sondern mit dem Glaubensbekenntnis verbunden haben. Sie bemühten sich darum, nicht in einer Weltabkehr, sondern gerade an der Kante einer aktiven Begegnung mit dem Leben, wo der gerechte, sozialeinfühlsame und glaubwürdige Dienst der Kirche wirken sollte.

 

Die bedeutendste Person, die die Kriterien eines Reformators der Kirche erfüllt, ist auf der tschechischen Seite Jan Hus. Im Zusammenhang mit dem diesjährigen Jahrestag seiner Verbrennung in Konstanz kann ich auf eine ganze Reihe von hochwertigen Biografien hinweisen, die in der letzten Zeit auf Deutsch erschienen sind, sowohl ausführliche Werke, wie Ernst Werner, Jan Hus. Welt und Umwelt eines Prager Frühreformators, 256 S., Weimar 1991; Peter Hilsch, Johannes Hus. Prediger Gottes und Ketzer, 327 S., Regensburg 1999; Pavel Soukup, Jan Hus: Prediger – Reformator – Martyrer, 268 S., Kohlhammer, 2014, als auch übersichtliche Studienhefte (Uwe Hauser, Jan Hus, Die Wahrheit siegt, 2014). Es ist offensichtlich, dass der diesjährige Jahrestag der Verbrennung von Jan Hus in die Beziehungen zwischen den Kirchen eine Erinnerung an die damaligen Verhältnisse bringt, was verständlicherweise einseitige Ansichten hervorruft. Trotzdem gibt es zumindest eine positive Auswirkung, die das Gespräch über Hus und die Reformbewegung hat: Das Ereignis der Verbrennung von Jan Hus in Konstanz im Jahre 1415 wird bei den Kirchen vornehmlich als ein Memento wahrgenommen. Mit dem Anliegen, dass die Kirche alles verlässt, was unnützlich und empörungsvoll war, und dass sie sich darauf konzentriert, vom Heil Christi für den Menschen und für die Welt zu zeugen.

 

Zum Gespräch über die Reformation und die Ereignisse in Tschechien gehört auch das Nachdenken über die Veränderungen, die mit der Reformation gekommen sind. Eine von ihnen war das Gespräch über die Eucharistie, da die Veränderungen, die mit diesem wichtigen Sakrament zusammenhängen, auch andere Gebiete beeinflussten.

 

Infolge dessen ist der Kelch als Symbol der Kirche entstanden, was ein Thema ist, von dem ich nun sprechen möchte und was mir von Ihnen als Thema meines Vortrages gegeben worden ist. Ich möchte nun endlich die Geschichte der Entstehung des Kelches als Symbol der Kirche beschreiben. Dennoch kann man diese Geschichte nicht ohne Rücksicht auf die historischen Umstände beschreiben. Die waren die folgende:

 

Seit den Anfängen der apostolischen Kirche wurde Jahrhunderte lang die Eucharistie von allen in einer solchen Weise verstanden, dass man dazu eine Gemeinschaft braucht, in der das Brot gebrochen wird und der Kelch mit Wein zum Andenken Christi dargereicht wird.

 

Die abendländische christliche Kirche fing dennoch an, nach einiger Zeit nur das Brot dem Volk zu geben, und der Kelch wurde nur für die Priester ausgespart. Die Historiker, die die Geschichte der Kirche seit ihrem Anfang bis zur Patristik erforschten, haben keine solche Entscheidung, weder von einem Konzil, noch von einem Papst, gefunden. Die allgemeine Feststellung ist also die folgende: Es ist während des elften oder zwölften Jahrhunderts geschehen, allmählich und aus praktischen Gründen.

 

Offensichtlich war dies eine Nebenwirkung des Dogmas von der Transsubstantiation. Diese Lehre stammt aus der Scholastik. Die Scholastiker dachten in einer solchen Weise: wenn ein Geistlicher die Einsetzungsworte spricht , „hoc est corpus meum“ (dies ist mein Leib), „hoc est sanguis meum“ (dies ist mein Blut), hören die beide Elemente auf, sie selbst zu sein, da ihre Substanz verändert wird, und sie werden der Leib und das Blut des Herrn. Dann aber, auch nach dem Abendmahl, muss man sie mit höchster Ehre behandeln. Sie müssen würdig verwahrt werden, bis sie gebraucht werden. Das Brot – eine Oblate aus unvergorenem Teig und Weizenmehl – wird nach dem Abendmahl an eine heilige Stelle gelegt, bis es erneut gereicht wird. Der Wein kann aber nicht so erhalten werden. Deswegen war es praktisch, dass der Wein nur von den Priestern getrunken wurde.

 

Das war der praktische Grund des Abendmahls unter einer Gestalt. Der doktrinäre kam erst zusätzlich: die Konkomitanz – die Mischung von beiden Elementen –, d.h. die Priester empfangen sie für alle Leute, die Jünger Christi waren eigentlich auch Priester. Die praktischen, obwohl unbeabsichtigten Folgen dieser Weise des Abendmahls, war doch sozial: Es kam zu einer Trennung der Priester von dem Volk und zu derer Überordnung. [3]

 

Manche der traditionellsten eucharistischen Gesänge (Ave Verum, Panis angelicus) stellen die Eucharistie bezwingend, aber einseitig, als „der wahre Leben geboren von Maria“ und „das Engelsbrot“ vor, ohne jegliche Erwähnung des Blutes. Das Blut Christi sieht schließlich wie ein „armer Verwandter“ aus, wie ein Zusatz zum Leib Christi.

 

Es ist bekannt, dass es eine übliche Praxis war, auch in der lateinischen Kirche, vermutlich bis zum 12. Jahrhundert. Im fünften Jahrhundert verurteilte sogar Papst Gelasius manche von denjenigen, die auf das Empfangen des Blutes Christi verzichteten. Er sagte: „Lass sie entweder das ganze Sakrament empfangen, oder  überhaupt keinen Teil davon, denn dieses Geheimnis lässt sich nicht ohne ein großes Sakrileg teilen, da dieses Geheimnis ja einzig und untrennbar ist.“ Später wurde aus Vorsichtsgründen von dieser Praxis abgelassen („die Anzahl der Christen stieg, die waren alt, jung sowie auch Kinder, und es ist nicht immer möglich, eine gehörige Vorsicht beim Empfangen dieses Sakramentes zu garantieren“), und das Empfangen vom Kelch wurde nur dem Offizianten vorbehalten. Es ist belehrend zu erkennen, wie diese neue liturgische Praxis von der Theologie rechtfertigt  wurde. Ihre Gründe stützten sich auf die Sicherheit, Christus sei in jeder der beiden Gestalten völlig enthalten.

 

Das war eine weitere traurige Folge der Trennung der Christen. Von dieser neuen Praxis wurde offensichtlich nicht das Wesen oder die Fülle des Sakramentes bedroht, sondern doch die Vollkommenheit und Vollständigkeit des Zeichens. Später wurde nämlich wie das Brot so  auch der Wein verwandelt, und bei jedem Gottesdienst wurde auch das Blut Christi wenigstens vom Priester empfangen. [4]

 

Wie gesagt, wurde das Austeilen des Brotes und Weines für alle Anwesenden eher aus nebensächlichen Gründen im Laufe des 12. Jahrhunderts reduziert auf das Reichen des Brotes für die Laien und die volle Kommunion nur für die Priester.

Bleibt uns, sich auf die abschließende Sache zu konzentrieren, und zwar auf die Frage, ob eine Erwähnung des Kelches als Symbol existiert, wie von einem Symbol, das auf den ersten Blick die Vollkommenheit des Reichens von beiden Elementen an allen betont.

 

Auf der tschechischen Seite war es Jakoubek ze Stříbra (gestorben 1429), der ganz deutlich und rasant versuchte, zur ursprünglichen Praxis zurückzukehren, der vom Denken seiner Zeitgenossen inspiriert wurde. Zum Beispiel  hat Jan Rokycana in Basel 1433 (damals war für eine gewisse Zeit das Abendmahl unter beiderlei Gestalt erlaubt) dem Matěj aus Janov, nicht dem Jakoubek ze Stříbra, die Einführung des Kelches zugeschrieben. [5] In historischen Quellen erscheinen Kennzeichnungen der Vertreter des Kelches wie Jakobiten oder Jakobellianer (Mikuláš Kusánský, 1452), und dadurch gilt eher Jakoubek ze Stříbra als der wahre Repräsentant der Richtung, die ein solches Abendmahl erstrebte, das – seiner Überzeugung nach – von Christus angeordnet wurde.

 

Jakoubeks Eingenommenheit und Verteidigung der Wiederaufnahme der ursprünglichen Form des Abendmahls führte dazu, dass er selbst, im Laufe des Jahres 1414, diese Praxis erneut eingeführt hat. Das geschah mit einem zögerlichen Einverständnis von Jan Hus, der damit rechnete, bei seiner eventuellen Rückkehr aus Konstanz diese Sache mit Jakoubek noch zu erörtern. In Prag gibt es eine Kirche, die ein historischer, doch sprachloser Zeuge des Anfangs dieser damals revolutionären Praxis ist. Heute scheint es uns, vornämlich uns Protestanten, als eine nicht so große Erneuerung wie es damals war. Damals erregte diese Neuheit dennoch Widerstand, der schon in Oktober 1414 ziemlich stark und konzentriert war. Nichtsdestoweniger wurde diese neue Praxis öffentlich eingeführt, und man konnte kaum erwarten, dass sie bald wieder abgeschafft wird.

 

Der Grund der Einführung des Kelches für alle war bei Jakoubek bedeutungsvoll und überzeugend. Es lohnt sich zu sagen, dass die Wiedereinführung des Kelches für Jakoubek keine Frage einer billigen Revolte gegenüber der herrschenden Kirche war, sondern das Ergebnis seines tiefen und ausführlichen Theologiestudiums. Er erforschte die Schriften der Kirchenväter, in denen er durchwegs eine Stütze für seine Überzeugung fand. Selbstverständlich interpretierte er sie kreativ, er hat sie nicht bloß unkritisch übernommen. Deswegen sind bei seiner Argumentation für den Kelch starke Bemühungen zu finden, die althergebrachte Lehre in die Situation der derzeitigen Kirche zu aktualisieren, die gegenüber der Vergangenheit durch Wildwuchs geprägt war.

 

Jakoubek betrachtet das Abendmahl in beiderlei Gestalt für alle ohne Unterschied eindeutig als Zeichen der Vollkommenheit dieses geistlichen Empfangens, wie es von Christus eingesetzt wurde. Jede andere Weise, vornehmlich die, die diese Einsetzung reduziert, ist gleichzeitig eine Reduzierung des Heilswillens Christi. Jakoubek „nahm die Schwachheit der christlichen Gemeinde ernst, einschließlich der Priester, wie auch ihre Neigung zur Sünde und das Bedürfnis eines angemessenen, von den Sinnen annehmbaren, geistlichen Heilmittels … Er kam zu der Überzeugung, dass Christus, der ‚höchste Arzt’ der menschlichen Seele, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt nicht nur feingesetzt, sondern direkt angeordnet hat.“ [6]

 

Wie ein Forscher erwähnt, war Jakoubeks Bemühen so erfolgreich, indem es sich auch in die „materielle Kultur der damaligen Zeit“ projiziert. Stellen wir fest, dass gerade dies als der Anfang der gezielten Unterstreichung des Kelches als Symbol  betrachtet werden kann. „Der Augustinianer Abt im schlesischen  Zaháni und der ehemalige Prager Student Ludolf (gestorben 1422) nahmen schon vor dem Jahr 1422 wahr, dass der Glaube an die Heilsfähigkeit des eucharistischen Kelches bei den Hussiten bald auch in ihrer Ikonografie erschien. Seiner Meinung nach ließen sich die Taboriten, zusammen mit Jan Žižka, auf ihre Siegel and Kriegsfahnen einen Kelch darstellen, um den anderen Völkern deutlich zu machen, es sei für alle eine Heilsnotwendigkeit, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt zu feiern. Dennoch findet man den hussitischen Kelch nicht nur auf den Wappen, Siegeln und Bannern, sondern auch auf den damaligen Fliesen. Dort besonders in der Gesellschaft eines oder zwei Engel, die oft den Kelch zusammen mit der Hostie halten.“ [7]

 

Bisher scheint die Entwicklung ziemlich klar zu sein. Dann wird sie aber etwas schwieriger zu beschreiben. Mehrmals wurde diese „Neuigkeit“ den Tschechen erlaubt, mehrmals wurde sie verboten. Vor allem deswegen, weil es um eine Sache ginge, die nicht nur eine technische Praxis betraf, sondern auch den Kern des Glaubens, weil sie stark mit der Frage der Bedeutung der Eucharistie für die Erlösung des Menschen verbunden war. [8] 

 

Mit dieser Problematik beschäftigte sich auch das Konzil von Konstanz, und dort wurde bestätigt, dass auch durch das Abendmahl unter einer Gestalt die Vollkommenheit des Heils völlig gesichert ist. Allmählich gelangte das Konzil zur Ablehnung der tschechischen Weise, und sie wurde als irrend bezeichnet und dadurch verboten. Jan Hus hielt dies für einen Irrtum, da es dem biblischen Zeugnis widersprach, infolge dessen wurde ihm seine Anschauung bestätigt, das Konzil sei nicht unfehlbar.

 

Heutzutage ist die Frage der Eucharistie noch das Thema von Gesprächen zwischen verschiedenen Kirchen. Man kann kaum große Veränderungen in der nächsten Zeit voraussetzen. Wahrscheinlich bleibt noch die Situation, dass es den nicht-römisch-katholischen Christen nicht erlaubt ist, am Abendmahl der Katholischen Kirche offiziell teilzunehmen. Das hängt aber nicht direkt mit der Frage des Abendmahls unter beiderlei Gestalt zusammen, d.h. mit dem Brot und Wein für alle. Es hängt eher mit der Verfassung der Kirche zusammen, mit der apostolischen Sukzession und dem Priesteramt.

 

Die Frage, ob und wann man eine Grundsatzveränderung erreicht, mag brennend sein, für unser Thema ist sie aber nicht zentral.

 

„In unserer Zeit hat das Zweite Vatikanische Konzil die Möglichkeit des Abendmahles unter beiderlei Gestalt wiedereingeführt. Die Materialien sagen: Eine vollkommenere Teilnahme an dem Gottesdienst in dem Sinne, dass die Gläubigen den Leib Christi aus demselben Opfer wie die Priester empfangen, wird stark empfohlen. Das Abendmahl unter beiderlei Gestalt darf nur von den Bischöfen gemäß ihrer Abwägung erlaubt werden. Es betrifft die Ordensmänner wie auch die Laien, in den Fällen, die der Apostelstuhl begrenzt. Dabei ist es notwendig, auf die doktrinären Grundsätze, die von dem Konzil von Trident festgesetzt wurden, zu beachten (dass Christus in jeder Gestalt völlig präsent sei). Das Abendmahl unter beiderlei Gestalt wird nicht nur erlaubt, sondern auch empfohlen. In einem der amtlichen Texte lesen wir: Die heilige Kommunion äußert in einer vollkommeneren Weise seine Form als das Zeichen, wenn es unter beiderlei Gestalt gefeiert wird. Diese Weise macht es nämlich deutlicher, dass dies das Zeichen des eucharistischen Mahles ist, und der Wille Gottes, den neuen und ewigen Vertrag durch das Blut Christi zu bestätigen, wird deutlicher geäußert. Weiter wird die Beziehung zwischen dem eucharistischen Abendmahl und der eucharistischen Einladung in das Reich Gottes besser angedeutet.“ [9]

 

Um die Situation im heutigen Tschechien deutlich zu illustrieren will ich noch sagen, dass das Symbol des Kelches von zwei Kirchen benutzt wird. Nebst der schon erwähnten EKBB benutzt den Kelch auch die Tschechoslowakische Hussitische Kirche, die 1920 entstanden ist, von modernistischen Priestern der römisch-katholischen Kirche gegründet, die ihre Kirche nach dem Verfall der Monarchie und der Entstehung der freien Tschechoslowakischen Republik verlassen hatten. Die Tatsache, dass dieses Symbol des Kelches von beiden Kirchen benutzt wird, ist einerseits der Hinweis auf die Vergangenheit, die ich Ihnen zu erhellen versucht habe. Andererseits ist sie auch der Ausdruck der Tatsache, dass alle Christen ohne Unterschied an dem Heilswerk Christi vollständig teilnehmen.

 

Joel Ruml ist Synodalsenior (Kirchenpräsident) der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder.

 


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[1]               Říčan-Molnár: Dvanáct století církevních dějin, Kalich 2008, S. 120

[2]               Říčan-Molnár, 120

[3]               Blahoslav Hájek v http://www.nase-reformace.cz/2014-2/proc-podoboji/

[4]               Vojtěch Kodet v http://www.vojtechkodet.cz/temata/eucharistie/prijimani-pod-oboji-zpusobou.html

[5]               Dušan Coufal, Polemika o kalich, mezi teologií a politikou; Kalich Praha 2012, s.20

[6]               Coufal, S. 30

[7]               Coufal, S. 34

[8]               Coufal, S. 46

[9]               Vojtech Kodet