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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Thomas Piketty, Karl Marx und die griechischen Staatsschulden

 

Die Verhandlungen über das mittlerweile dritte Rettungspaket für Griechenland, bei dem wieder einmal irrwitzige Milliardensummen im Gespräch sind, lassen Fragen entstehen nach Wesen und Funktion von Kapital einerseits sowie nach der Zukunft des Euro, aber auch der Zukunft des Kapitalismus insgesamt, andererseits. Hilfreich zur Orientierung innerhalb dieser Fragenbündel sind einige Veröffentlichungen, die „das Kapital“ in seiner allgemeinen Form zum Thema haben.

Einigermaßen überraschend erschien vor mittlerweile sieben Jahre, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, „Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen“ des damals gerade von Trier nach München zum Erzbischof berufenen und schon im Klappentext mit seinem Nachnamen kokettierenden Reinhard Marx. Marx, einer der Vertreter der klassischen Katholischen Soziallehre, grenzt sich dann auch in aller Deutlichkeit von seinem Namensvetter ab und zeichnet seine eigenen Überlegungen ein in die Zielperspektive, die ihm Johannes Paul II. mit seiner Sozialenzyklika Centesimus annus 1991 geboten hat und die von ihm folgendermaßen rekonstruiert wird: „Die Wende von 1989 beinhaltet nicht nur ‚die Krise des Marxismus’, sondern auch den Auftrag, nun in einer globalen sozialen Marktwirtschaft die bessere Alternative zur Überwindung von Ungleichheit und Armut zu erarbeiten. Sonst werden die falschen Ideen von Karl Marx und seinen Epigonen erneut Zulauf bekommen. Und das wäre verheerend.“

 

Verheerend für wen? Etwa für die Vertreter der Katholischen Soziallehre, die sich in einen wissenschaftlichen Diskurs begeben müssten, den sie schon früher nicht gewinnen konnten, und nur deshalb nicht verloren haben, weil der Marxismus an die staatssozialistische Kette gelegt war, die ihn seiner argumentativen Freiheit beraubte, die er heute wiedergewonnen hat? Bevor hier endgültige Urteile fallen, ist es hilfreich, begleitend zum „Kapital“ von Reinhard Marx wieder einmall zum Original zu greifen.

 

Die blauen Bände aus dem Dietz-Verlag (Berlin/DDR) stehen schon seit Studentenzeiten im Bücherregal und die derzeitige Weltlage schreit förmlich danach, diese wieder stärker zu benutzen. In den Feuilletons hat Marx (Karl, nicht Reinhard) jedenfalls schon seit Jahren wieder Konjunktur. „Das Kapital“ umfasst die Bände 23 bis 25 der Marx-Engels-Werke (MEW), die das Zentralkomitee der SED ab 1968 herausgegeben hat. Nur der erste Band („Der Produktionsprozess des Kapitals“) wurde zu Marx’ Lebzeiten 1867 veröffentlicht. Die Bände 2 („Der Zirkulationsprozess des Kapitals“) und 3 („Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion“) gab Friedrich Engels 1885 und 1894 aus dem Nachlass heraus.

 

Auch ein Vierteljahrhundert nach dem vorläufigen Ende des Sozialismus als Herrschaftsform beeindruckt die analytische Kraft, die in den drei Bänden steckt. Marx machte damals nichts weniger, als die menschliche Lebenswelt aus einer bestimmten Perspektive einer Gesamtschau zuzuführen. Eben dass diese Perspektive die Ökonomie, genauer: die damals rasant an Fahrt gewinnende kapitalistische Produktionsweise, war, macht seine Beschreibung so aktuell; immerhin ist das genau die Perspektive, aus der in den vergangenen fast vier Jahrzehnten die führenden Ökonomen des „Neoliberalismus“ ebenfalls die menschliche Lebenswelt in den Blick genommen haben – nur eben aus einer anderen Interessenlage heraus. Damit haben sie unfreiwillig vieles von dem bestätigt, was Karl Marx im 19. Jahrhundert an Gesetzmäßigkeiten aufzeigen konnte.

 

Marx selbst nennt als sein eigentliches Thema die „politische Ökonomie“. Gemeint ist damit die Analyse derjenigen Vorgänge, durch welche die Ökonomie die anderen Bereiche gesellschaftlichen Lebens durchdringt und letztlich determiniert. Im berühmt gewordenen Nachwort zur zweiten Auflage des ersten Bandes, das Marx 1873 in London schrieb, stellt er fest, dass die politische Ökonomie bis zur Veröffentlichung von „Das Kapital“ in Deutschland eine „ausländische Wissenschaft“ geblieben sei. Grund dafür war die im Gegensatz zu England und Frankreich relativ späte Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise und damit einhergehend der bürgerlichen Gesellschaft: „Es fehlte also der lebendige Boden der politischen Ökonomie. Sie ward als fertige Ware importiert aus England und Frankreich; ihre deutschen Professoren blieben Schüler. Der theoretische Ausdruck einer fremden Wirklichkeit verwandelte sich unter ihrer Hand in eine Dogmensammlung, von ihnen gedeutet im Sinn der sie umgebenden kleinbürgerlichen Welt, also mißgedeutet.“

 

Wir lernen hier, dass die theoretische Durchdringung von Wirklichkeit kontextuell unterschiedlich ausfällt, ausfallen muss, weil sie sonst zur Dogmensammlung verkommt, also unflexibel wird, und, weil nicht mehr zum Kontext passend, ohne Deutungspotential ist. Die eigentliche Pointe dieses Gedankens geht aber noch tiefer und besteht darin, dass die politische Ökonomie selbst als Ware bezeichnet wird; damit soll deutlich werden, dass wirklich alle gesellschaftlichen Äußerungen Warencharakter haben – und damit sind wir beim eigentlichen Thema des von Marx allein verfassten ersten Bandes.

 

Thema ist der Zusammenhang von Ware, Geld und Kapital. Geld und Kapital sind nämlich nicht das gleiche; Geld verwandelt sich erst dadurch in Kapital, dass es einen Akkumulationsprozess in Gang setzt, der es erlaubt, einen Mehrwert abzuschöpfen. Grundlage für die Entstehung von Mehrwert ist ein Arbeitslohn, der deutlich unter dem Wert dessen liegt, was er produziert. Mehrwert wiederum ist die Grundlage für Profit; die „Verwandlung des Mehrwerts in Profit“ ist eines der großen Themen des dritten Bandes.

 

Marx wurde oft der Vorwurf gemacht, dass er zwar eine treffende Analyse der (früh-)kapitalistischen Produktionsweise geliefert habe, aber durch das Formulieren von Gesetzmäßigkeiten einen dogmatischen Rahmen gespannt habe, der der Dynamik der sich entwickelnden Weltwirtschaft nicht gerecht geworden sei. So gehörte es zu den populärwissenschaftlichen Allgemeinplätzen, dass die sozialistische Planwirtschaft letztlich die logische Konsequenz Marx’scher Theoriebildung sei.

 

Eine solche Sicht wurde Marx jedoch niemals gerecht. Es ist deshalb an der Zeit, den Autor Karl Marx vor seiner „marxistischen“ Wirkungsgeschichte in Schutz zu nehmen. „Das Kapital“ kann jedenfalls gerade heute wieder mit Gewinn gelesen werden – und wie eine neue Veröffentlichung, die ebenfalls „das Kapital“ zum Thema hat, zeigt, ist Marx auch wieder im wissenschaftlichen Diskurs präsent.

 

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“, ein monumentales Werk des französischen Ökonomieprofessors Thomas Piketty, wurde vielfach als das aufregendste und spannendste Buch des vergangenen Jahres bezeichnet. Piketty ist so etwas wie der Chronist der ökonomischen Ungleichheit der letzten drei Jahrhunderte. Sein 800-Seiten-Werk bietet, anders als „Das Kapital“ von Karl Marx, keine geschlossene Theorie, sondern liest sich bisweilen wie ein Roman über Statistik, denn Piketty wertet wirklich alles aus, was Archive und Bibliotheken hergeben; so kommt er den tatsächlichen Lebensverhältnissen und der Verteilung des Reichtums auf die Spur.

 

Bei genauer Betrachtung wiederholt sich bei Piketty ein Phänomen, auf das Marx im oben zitierten Nachwort hingewiesen hatte: dass die politische Ökonomie eine „ausländische Wissenschaft“ sei. Piketty untersucht die Vermögenskonzentration in Frankreich und den angelsächsischen Ländern und wertet gezielt dortige Steuerunterlagen aus. Das ermöglicht es ihm, für einen weit zurückliegenden Zeitraum (in Frankreich bis ins späte 18. Jahrhundert) genaue Daten über Vermögen zu bekommen. Diese Steuerdaten, kombiniert mit anderen, teilweise literarischen Quellen, lassen tiefe Einblicke in die Vermögensverhältnisse von Eliten zu. Damit stößt Piketty in ein Forschungsfeld vor, das normale universitäre Untersuchungen über soziale Ungleichheit umgehen. Das etwa ein Prozent umfassende Segment der Superreichen bleibt meistens außer Acht, da es für die Analyse von Einkommensunterschieden wenig Aussagekräftiges bereit hält. Pikettys in Deutschland selten oder nie traktierter Forschungsgegenstand führt ihn aber gerade weg von den in Deutschland häufig erörterten Einkommen aus Arbeit und hin zu den weitaus größeren Einkünften aus Kapital. Piketty gelingt es nachzuweisen, dass auch heute noch die Kapital- und nicht die Arbeitseinkommen an der Spitze der Einkommensverteilung stehen. In einigen großen, durch Kapitaleinkommen entstandenen Vermögen, die über Generationen vererbt werden, erkennt Piketty „starke Antriebskräfte wachsender Ungleichheit“, denn diese Supervermögen des oberen einen Prozents bewirken, dass wir uns nicht einfach nur auf Einkommensunterschiede auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts zu bewegen, sondern hin zu einem „Patrimonialkapitalismus“, in dem die entscheidenden Stellen der Wirtschaft nicht von begabten Individuen kontrolliert werden, sondern von „Familiendynastien“.

 

Aus dieser Analyse kann Piketty nur die eine Folgerung ziehen, dass der vorhandene private Reichtum viel zu wenig für die Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen wird, etwa durch Erbschafts- oder Vermögenssteuer. Eine Schlüsselstelle am Ende seines Buches lautet: „Die Schwellenländer haben, obwohl an Einkommen wie Kapital ärmer als die reiche Welt, sehr viel geringere Staatsschulden (…). Das zeigt, wie sehr die öffentliche Schuld nicht eine Frage des absoluten Reichtums, sondern seiner Verteilung ist, namentlich zwischen öffentlichen und privaten Akteuren. Die reiche Welt ist reich. Arm sind nur die Staaten. Der Extremfall ist Europa. Der Kontinent mit dem größten Privatvermögen hat die größten Schwierigkeiten, seine Staatsschuldenkrise zu bewältigen. Merkwürdiges Paradox.“

 

Und damit sind wir wieder bei Griechenland, wo es unermesslichen privaten Reichtum gibt, der jedoch so gut wie gar nicht zur Finanzierung der Staatsschulden herangezogen wird. Rentenkürzungen und Mehrwertsteuererhöhungen allein tragen jedoch wenig zur Akzeptanz des Kapitalismus bei.

 


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