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Gerhard Frey-Reininghaus
Dr. Zikmunda Wintra 746/15, CZ-115 55 Praha 1

 

Jan Hus – Die Wahrheit siegt

 

 

Jan Hus aktuell

Ein lebendiger Protestant

 

Jan Hus, ein lebendiger Protestant! Dieser Untertitel ist natürlich eine Provokation! Jan Hus war ein frommer Katholik, der seine Kirche geliebt hat. Aber aus Liebe zu Christus protestiert er gegen die Missstände  in seiner mittelalterlichen Kirche, in der Christus den ersten Platz schon lange verloren hatte. Und so wird Hus zum Protestanten – im besten Sinne des Wortes. Er war ein eifriger, ein brennender Wahrheitssucher, ein Sucher der göttlichen Wahrheit. Er war einer, der es ganz ernst meinte mit seinem Glauben. Der keine Kompromisse eingehen wollte. Auch nicht, um sein Leben zu retten, obwohl ihm das von seinen Peinigern immer wieder nahe gelegt wurde. Noch auf dem Scheiterhaufen vernahm er die Aufforderung, zu widerrufen. Doch er blieb standhaft, auch wenn er dafür sterben musste. Das haben damals viele Menschen nicht verstanden, und heute wohl noch viel weniger!

 

Wenn man über Jan Hus redet, dann ist oft vom so genannten zweiten oder sogar dritten Leben des Jan Hus die Rede: davon, was seit seinem Tod alles mit diesem Leben gemacht wurde. Wie es zu verschiedenen Zeiten verstanden wurde.

 

Ich will am Anfang  auf dieses zweite Leben von Jan Hus aus tschechischer Sicht eingehen! Der Höhepunkt des zweiten Lebens von Jan Hus scheint mir eindeutig im 19. Jahrhundert zu liegen: Jan Hus als tschechischer Nationalheld! In der Bewegung des sog. nationalen Erwachens war Jan Hus einer der Vorfahren, unter dem sich die Kritiker der römisch-katholischen Kirche gerne vereint haben. Jan Hus – ein Kritiker der römischen Kirche. Ein Mann mit Mut und Entschlossenheit, der den Mächtigen seiner Zeit die Stirn bietet. Ja, er hatte es verdient, der größte Tscheche aller Zeiten genannt zu werden. Und wenn ich an die Umfrage in Tschechien nach dem größten Tschechen nehme, die vor ein paar Jahren vom Tschechischen Fernsehen gemacht wurde, dann ist Jan Hus heute der siebte in der Reihe der größten Tschechen.

 

Wenn Sie schon einmal in Prag waren, dann haben Sie sicher das monumentale Denkmal für Jan Hus gesehen, das zu seinem 500. Todestag auf dem Prager Altstädter Ring aufgestellt wurde. Dieses Denkmal sollte gerade dem größten Sohn des tschechischen Volkes gelten. Im Verein, der über zwanzig Jahre dieses Denkmal vorbereitet hat, waren tschechische Patrioten, für die Jan Hus ein Vorbild war, ein Vorbild, das ihnen Mut gemacht hat für ihren eigenen Kampf gegen die römisch-katholische Kirche, gegen die Habsburger – und für die Freiheit.

 

Die Evangelischen haben sich damals zurückgehalten, weil Jan Hus für sie in erster Linie ein wahrhaftiger Christ war, der für seinen Glauben an Christus gestorben ist. Unter denen die Jan Hus bewundert haben, war auch Tomáš Garrigue Masaryk, der erste Präsident der Tschechoslowakei. Masaryk sah das nationale Erwachen des tschechischen Volkes im 19. Jahrhundert in einer Linie mit dem Reformbestreben von Jan Hus. Den geistlichen Kampf von Jan Hus nahm er als lebendige Inspiration für den geistlichen Kampf der Tschechen um ihre Identität im 19. und 20. Jahrhundert.

 

Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts haben die Kommunisten Jan Hus zu einem der Ihren gemacht, zu einem revolutionären Vorläufer ihrer Politik, der schon im Mittelalter eine klassenlose Gesellschaft anstrebte hat und dafür mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bezahlt hat. Dieser Interpretation von Jan Hus haben wir auch den Wiederaufbau der Bethlehemskapelle in Prag zu verdanken. Der kommunistische Kulturminister Zdeněk Nejedlý hat sich für den Wiederaufbau, der schon längere Zeit vorher geplant war, eingesetzt und hat ihn ermöglicht, da er auch die politische Macht dazu hatte. Neben der marxistischen Hus-Deutung war in der Zeit der kommunistischen Macht fast keine andere Deutung möglich.

 

Erst gegen Ende der 80er Jahre und dann vor allem nach der Wende hat sich einiges um Jan Hus bewegt. Gleich 1990 war Papst Johannes Paul II in der Tschechoslowakei und hat sich damals zu Jan Hus geäußert und hat angeregt, sich mit der Geschichte von Jan Hus zu beschäftigen. 1993 gab es ein großes Symposium in Bayreuth mit 150 Wissenschaftlern aus 13 Ländern, die das Erbe von Jan Hus unter den verschiedensten Aspekten diskutierten. Es gab dann in Tschechien eine ökumenische Hus-Kommission, die  sich eine Reihe von Jahren mit Jan Hus beschäftigt hat. Ihre Arbeit mündete in ein Symposium auf dem Boden der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom im Dezember 1999. Bei diesem Symposium äußerte sich Papst Johannes Paul II folgendermaßen: „Heute […] fühle ich mich verpflichtet, mein tiefes Bedauern auszusprechen für den grausamen Tod von Jan Hus und für die daraus folgende Wunde, eine Quelle von Konflikten und Spaltungen, die dadurch in den Geist und die Herzen des tschechischen Volkes gerissen wurde.“

 

Ein gewisser Endpunkt dieser Studienarbeit war die Erklärung von Kardinal Vlk und Synodalsenior Smetana am 1. Januar 2000, in der die Evangelischen gemeinsam mit den römischen Katholiken etwas zu Jan Hus sagen. Das Wichtigste an dieser Erklärung ist wohl der Ausdruck der Erwartung, dass die gemeinsame Beschäftigung mit Jan Hus die verschiedenen Konfessionen verbinden wird. Dieser Gedanke wird gegenwärtig auch immer wieder formuliert – als Zeichen der Hoffnung auf ein tieferes ökumenisches Verständnis. 

 

In diesem Jahr 2015 begehen wir nun den 600. Jahrestag des Märtyrertodes von Jan Hus. Das war und ist erneut ein Anlass, sich mit Jan Hus und seinem Erbe zu beschäftigen. Interessanterweise war es die römisch-katholische Kirche, die eine ökumenische Hus-Kommission gründete. In diese Kommission hat sie Vertreter von Kirchen, Universitäten, Rundfunk und Fernsehen und weitere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingeladen. Diese Kommission hat hauptsächlich über Hus und sein Erbe diskutiert und hat Menschen zusammengebracht, die sich aus ganz unterschiedlicher Perspektive mit dem Erbe von Jan Hus beschäftigen.

 

Doch wer sollte das Hus-Gedenken gestalten? Zwei Kirchen, die sich besonders mit Jan Hus beschäftigen, haben diese Aufgabe übernommen: die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder und die Tschechoslowakische Hussittische Kirche. Jede unserer beiden Kirchen hat eine Kommission und die beiden Kommissionen treffen sich immer wieder gemeinsam zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 600. Jahrestag des Märtyrer-Todes von Jan Hus. Inzwischen sind wir mitten in der Vorbereitung und haben viele Aktivitäten vor uns: eine Internationale Theologische Konferenz im April, die Feiern am Jahrestag des Todes am 6. Juli und viele andere Aktivitäten, Ausstellungen, Vorträge und vieles andere. Viele verschiedene Institutionen werden sich daran beteiligen: die Städte, für die Jan Hus eine besondere Rolle gespielt hat, Prag und Tábor und weitere Städte, die Karlsuniversität, die Kirchen, Vereine und Organisationen. Natürlich erscheinen in diesem Zusammenhang neue Studien, Bücher und die verschiedensten Publikationen, auch in Deutschland.

 

 

Biografie

 

Doch kommen wir nun zu Jan Hus selber! Jan Hus war um die 45 Jahre alt, als er auf dem Scheiterhaufen in Konstanz starb. Er war also in den besten Jahren. Seine Tätigkeit bestand vor allem in Studium und Lehre an der Prager Universität, die wenige Jahre vor der Geburt von Jan Hus durch Kaiser Karl IV. gegründet worden war: im Jahre 1348. Jan Hus war Prediger, Lehrer und Schriftsteller. Er hat viel geschrieben an theologischen Traktaten und Büchern. Und viele Briefe sind von ihm erhalten. Doch im Unterschied zu Martin Luther kam er nicht dazu, das Erkannte in eine langfristige Praxis umzusetzen. Das hat sein früher Tod verhindert. Die Umsetzung seiner Ideen lag in der Hand seiner Nachfolger. In der Hand von denen, die von den Konstanzer Funken getroffen wurden. Die das leben wollten, was ihnen mit Jan Hus wichtig wurde. Dass vieles andere dazu kam, an dem Jan Hus wohl kaum Freude gehabt hätte, ist eine andere Sache.

 

Von seinen Anfängen wissen wir nicht sehr viel. Wir wissen nicht einmal genau, wann er geboren wurde. Genau wusste man das bei reichen und bedeutenden Menschen. Doch Hus war arm und bei seiner Geburt völlig unbedeutend. Für sein Geburtsjahr werden uns von den Historikern drei Möglichkeiten angeboten: 1369, 1370 und 1371. Deshalb können wir nicht zu falsch liegen, wenn wir sagen: Jan Hus ist um 1370 geboren – und zwar in einem kleinen südböhmischen Dorf namens Husinec. Als Kind armer Eltern. Sein Vater war wohl Fuhrmann. Jan Hus wuchs in armen und einfachen Verhältnissen auf. Jan Hus ist ein guter Schüler. Er entscheidet sich, an der Universität in Prag zu studieren. 1396 wird er Magister artium und damit ein Lehrer an der mittelalterlichen Universität. Zu seinen Aufgaben gehören jetzt auch Vorlesungen. Ab 1402 wird er für zehn Jahre Prediger an der Bethlemskapelle. Hier predigt Hus auf Tschechisch. Tausende sitzen unter seiner Kanzel. 1409 wird er Rektor der Universität und damit endgültig ein Mann von hohem Range. Gleichzeitig werden erste Vorwürfe gegen ihn erhoben. Und bald wird er massiv angeklagt und muss Prag verlassen. Die Jahre von 1412 bis zu seinem Aufbruch nach Konstanz verbringt er im Schutz adliger Gönner.

 

Am 10. Oktober 1414 macht er sich auf den Weg nach Konstanz, wo er am 3.  November eintrifft. Drei Wochen später wird er festgenommen und verbringt die Zeit bis zu seiner Hinrichtung, also ein gutes halbes Jahr, in verschiedenen Gefängnissen in Konstanz und Umgebung. Am 6. Juli 1415 wird Jan Hus vor den Toren der Stadt Konstanz hingerichtet.

 

 

Warum wird Hus Protestant?

 

Im Prag des ausgehenden 14. Jahrhunderts gibt es schon viel Kritik an der mittelalterlichen Kirche, am unsittlichen Leben der Priester und überhaupt am städtischen Leben. Das Aufblühen des städtischen Lebens hat eben auch seine Schattenseiten. Der moralische Verfall, Korruption und Geschäftemacherei sind an der Tagesordnung. Es gibt eine ganze Reihe von Reformpredigern, die schon Buße predigen, als Hus gerade geboren wird. Konrad aus einem Kloster in Waldhausen zum Beispiel, ein Prediger, den Kaiser Karl IV aus Wien mit nach Prag bringt. Der will zunächst vor allem den Klerus zur Umkehr rufen. Wenn die Priester ein vorbildliches Leben führen, dann wird das für das ganze Volk positive Auswirkungen haben. Das ist seine Überzeugung.

 

Dann ist da Jan Milič von Kremsier (ca. 1320-1374) zu nennen, ein Priester aus dem mährischen Adel. Er gibt seine Ämter in der kaiserlichen Kanzlei auf und wird einfacher Prediger des Evangeliums Christi (ab 1363). Er ruft zur Umkehr auf, die Priester und die Laien. Dass Priester mit Pfründen Wucher treiben, erntet seine scharfe Kritik. Geldgeschäfte der Priester, der Mönche und Prälaten nennt er unmoralisch.  Er ist überzeugt: Erneuerung der Kirche muss von der Predigt ausgehen. Darum gründet er eine Predigtschule. Er sucht für seine Bemühungen Unterstützung in Rom. Doch er wird bitter enttäuscht Er gerät in ein Inquisitionsverfahren der Dominikaner. In der Prager Altstadt will er eine Modellgemeinde aufbauen, ein „neues Jerusalem“ gegen das „alte Babylon“ wie er sagt. Durch Schenkungen erhält er 29 Gebäude im Rotlichtviertel, schafft dort eine eigene Gemeinde, die hauptsächlich aus Frauen besteht, die sich aus der Prostitution in ein neues Leben rufen lassen. Am Aschermittwoch 1373 wird die neuerbaute Kirche „Maria von Magdala“ geweiht. Tschechisch ist dort die Gottesdienstsprache. Diakonisches Engagement und ein Predigerseminar bilden eine ganz besondere Einheit. Ein Revolution für damalige Verhältnisse, und ich würde sagen: für heutige Verhältnisse nicht weniger! Milič dichtet Kirchenlieder für das Volk.  Anfang 1374 zitiert ihn eine päpstliche Bulle nach Avignon. Dort stirbt er. Ein vorbildliches Reform-Projekt hat kaum begonnen, da geht es schon wieder zu Ende. Schade für dieses spannende Projekt!

 

Sein Nachfolger Adalbert kann ein paar Gebäude retten. Da wird die Bethlehemskapelle gebaut: „Zu den unschuldigen Kindern von Bethlehem“. Im Jahre 1394 wird die Kapelle geweiht. In der Gründungsurkunde heißt es: „Der barmherzige Herr, der für seine Gottesfürchtigen die heilsame Speise im Samen seines Wortes hinterließ, beschloss, dass sein Wort nicht gefesselt, sondern in seiner Kirche frei verkündigt werden soll.“

 

Die Bethlehemskapelle wird der Ort der Erneuerung – in der Predigt, in der Diskussion, in der Entwicklung einer Reformbewegung. Ja, das wollten Hus und seine Freunde: eine umfassende Erneuerung der Kirche in der Theologie und in der Praxis.

 

Eine umfassende Erneuerung der Kirche wollte man nicht nur in Prag. Die Sehnsucht nach Reform gab es in ganz Europa! Denn wie weit war es mit der Kirche gekommen? Zuerst zwei (ab 1378) und dann sogar drei Päpste (ab 1409)  forderten als Stellvertreter Christi auf dieser Erde Gehorsam. Wenn man bedenkt, wie wichtig die Kirche für die Menschen im Mittelalter war, dann war das ein riesiger Skandal. Und eine ganz elementare Krise. Und zwar für ganz Europa. Und ganz besonders für einen Gelehrten in England – in Oxford.

 

In Oxford reagiert ein Gelehrter ausführlich auf die Krise der mittelalterlichen Kirche und Gesellschaft: John Wyclif (1320/1330 – 1384) Theologe, Philosoph, Priester und Prediger, Bibelübersetzer und Kirchenreformer, englischer Diplomat mit guten Beziehungen zum Königshaus. Das ist sicher einer der Gründe, warum sein Leben nicht auf dem Scheiterhaufen als Ketzer endet. Dieses Schicksal ereilt ihn erst 31 Jahre nach seinem Tod. Vor Hus wird John Wyclif 1415 auf dem Konzil als Ketzer verurteilt. Es wird auch angeordnet, dass seine Gebeine ausgegraben und verbrannt werden müssen. So wird auch Wyclif posthum auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Schriften von John Wyclif werden in Oxford eifrig studiert und diskutiert – und nicht nur in Oxford!

 

Und bald (ca. 1390) kommen sie auch nach Prag. Sie werden auch hier eifrig gelesen und kontrovers diskutiert. Im Jahr 1403 findet die erste große Disputation über 45 Artikel aus den Schriften Wyclifs statt. Die mehrheitlich von deutschen Professoren bestimmte Universitätsleitung beschließt, dass diese Artikel in Prag nicht mehr diskutiert oder gepredigt werden dürfen. Damit beginnt die Auseinandersetzung zwischen Wyclif-Gegnern und -Befürwortern in Prag. Es entwickelt sich ein Kreis von Wyclif-Anhängern. Jan Hus gehört zu ihnen.

 

Was nehmen sie von John Wyclif auf:

a) an erster Stelle seine Kritik am Papsttum und am sittlichen Verfall der Kirche. Die Lehre von der Kirche basiert auf der Prädestinationslehre. Es ist schon vorherbestimmt, wer zum Kreis der Erwählten und wer nicht dazu gehört. Entscheidend ist, zum Kreis der Erwählten zu gehören. Welches Amt ein Erwählter hat, ist dabei gleichgültig. Wichtig ist, einen tadellosen Lebenswandel zu führen. Denn wenn das jemand nicht tut, und sei es der Papst, dann wird dadurch das Amt entehrt und bedeutungslos.

 

b) und  dann die Heilige Schrift als den einzigen Maßstab aller Lehre und Praxis in der Kirche. Was keine Begründung in der Hl. Schrift hat, ist abzulehnen. Dazu gehören die Heiligenverehrung, der Bilderdienst, Totenmessen, die abgelehnt werden. Wyclif lehnt auch die Wandlungslehre beim Abendmahl ab: Brot bleibt Brot, aber sakramental wird es Leib Christi. Wyclif sieht die Notwendigkeit, dass alle die Bibel verstehen. Deshalb initiiert er eine englische Bibelübersetzung, an der er dann auch mitarbeitet. Er gründet einen Verein der armen Wanderprediger, die mit ihrer Predigt durchs Land ziehen und mit ihrer Predigt die praktische Kirchenreform beginnen. Das ist auch ein wichtiger Impuls für die böhmischen Wyclifiten: die freie Predigt ganz auf der Grundlage der Heiligen Schrift. Und damit verbunden die Forderung nach einem einfachen Leben des Klerus, der sich mäßigen soll und einfach leben soll. Freilich haben diese Wanderprediger (auch als Lollarden bezeichnet) nur eine kurze Frist für die freie Verkündigung des Wortes Gottes. Ab dem Jahr 1400 werden sie verfolgt. 1401 wird der erste von ihnen als Ketzer verbrannt.

 

Hus wird zu einem Kämpfer für die Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Er fordert von allen kirchlichen Würdenträgern ein einfaches Leben ein, das im Einklang mit der biblischen Botschaft steht, die für alle verbindlich ist.

 

Ich finde es beeindruckend, wie Hus und seine Mitstreiter in der Prager Altstadt rund um die Bethlehemskapelle so etwas wie ein umfassendes kommunitäres Leben beginnen: sie diskutieren über die Missstände in der Kirche und die Möglichkeiten einer Reform und versuchen, ihre Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Sie leben in Hausgemeinschaften von Lehrern und Schülern, von Männern und Frauen, die sich mit den gesellschaftlichen Zuständen, mit den Missständen befassen und nach Abhilfe suchen. Das muss ein sehr lebendiges Geschehen gewesen sein!

 

Auf diesem Hintergrund ist klar: Jan Hus war kein Einzelkämpfer, es war ein ganzer Kreis von Reformern, mit dem wir es da zu tun haben. Zwei der Mitstreiter möchte ich erwähnen:

Jakobellus von Mies (Jakoubek ze Stříbra) ist ein Altersgenosse von Jan Hus und Mitstreiter im Ringen um die Erneuerung der Kirche. Er war es, der 1414 als erster wieder das Abendmahl unter beiderlei Gestalt austeilte. Auch in der Kirche St. Martin in der Mauer am Rand der Prager Altstadt, in der sich heute die deutschsprachige evangelische Gemeinde zum Gottesdienst versammelt. In der Zeit war Hus schon auf dem Weg nach Konstanz. Auch er hatte sich intensiv mit John Wyclif beschäftigt und hat sich sogar als Übersetzer einer Schrift von Wyclif betätigt. 1415 wird er Prediger in der Bethlehemskapelle, also Nachfolger von Jan Hus auf der Kanzel von Bethlehem. Er wird einer der Geistlichen, die am Beginn der utraquistischen Kirche stehen. Um 1422 zieht er sich dann aus der aktiven Mitgestaltung der neuen Kirche zurück, gestorben ist er 1429.

 

Hieronymus von Prag (ca. 1370 – 30.5.1416) ist unter den Freunden von Jan Hus wohl der mit der größten internationalen Erfahrung. Zwei Jahre verbringt er in Oxford, wo er sich intensiv mit den Schriften von Wyclif beschäftigt. Er studiert auch in Paris, in Köln, Heidelberg, gerät aber immer wieder in Konflikt mit den Reformgegnern, so dass er fliehen muss. Um dem in Konstanz inhaftierten Jan Hus zu helfen, eilt er nach Konstanz. Als ihm klar wird, dass auch er festgenommen werden soll, flieht er. Doch wird er auf der Flucht verhaftet und auch in Konstanz inhaftiert. Ein knappes Jahr später stirbt er wie Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen (am 30. Mai 1416).

 

Hus ist der Kopf der Reformbewegung, er ist der Prediger, der in seinen glühenden Predigten Missstände kritisiert und zur Umkehr aufruft. Hus erwirbt sich zunächst hohes Ansehen beim Prager Erzbischof, der ihn zweimal einlädt, auf den Synodensitzungen zu predigen. Doch dann wird dem Erzbischof die Kritik wohl doch zu radikal und er beginnt, Hus das Leben schwer zu machen. Jan Hus nimmt kein Blatt vor den Mund. Seine Kritik wird immer deutlicher. Zum Beispiel im Blick auf den Ablass, der 1412 ausgerufen wird, um damit einen Feldzug des Papstes zu finanzieren. Jan Hus wird mit dem Bann des Papstes belegt. Mit seiner Kritik am Ablass verliert Hus auch die Gunst des böhmischen Königs, der am Ablass auch gerne mit verdient hätte.

 

Schließlich muss Jan Hus Prag verlassen. Er findet bei verschiedenen adligen Gönnern Unterschlupf. Zunächst in Südböhmen auf der Ziegenburg (Kozí Hrádek) bei Tábor und später dann auf der Burg Krakovec in Westböhmen. Von hier aus macht sich Hus auf den Weg zum Konzil nach Konstanz.

 

 

Jan Hus aktuell – ein lebendiger Protestant?

 

Wenn wir heute fragen: was war das Wichtigste an Jan Hus, dann wird immer wieder gesagt: sein Tod. Viele haben wie Jan Hus eine Reform der Kirche angestrebt, ja sogar das Konstanzer Konzil selber. Aber nur wenige, ganz wenige, waren und sind bereit, für ihr Anliegen zu sterben. Bei Hus verbindet sich beides: ein engagiertes Leben und ein mutiges Sterben. Er hat für die Wahrheit, die er erkannt hat, brennend gelebt. Und für diese Wahrheit ist er auch gestorben. Für die Wahrheit Jesu Christi, wie er sie verstanden hat.  Darin liegt die Herausforderung dieses Schicksals des Meisters Jan Hus – auch nach 600 Jahren.

 

Ich nenne einige Stichworte, mit denen Jan Hus uns auch heute herausfordert. Das erste Stichwort ist Glauben. Der Glaube von Jan Hus, der die Bibel ganz ernst nimmt und von ihr aus Kirche und Welt betrachtet. So kommt er zu seiner radikalen Kirchen- und Papstkritik. So kommt er zu seiner Kritik von Missbrauch von Geld und Macht. Von der Bibel her kritisiert er die Ausbeutung der Menschen. In seiner Schrift „De ecclesia“ („Von der Kirche“) legt er dar, dass Christus das Haupt der Kirche ist, und nicht der Papst. Christus ist der Maßstab, an dem alles zu messen ist.

 

Das zweite Stichwort: ist Bildung, ein wichtiges Erbe der Reformation. Wo Menschen lernen, die Schrift zu lesen und zu verstehen, wo sie lernen, über Gott und die Welt nachzudenken, da werden Grundlagen für ein verantwortliches Leben gelegt. Wo wir die Bildung vernachlässigen, da bleiben die verheerenden Folgen nicht aus. Eine Reform hat deshalb immer auch mit Bildung zu tun. Das ist für alle Kirchen eine Herausforderung, auch für so eine kleine Diaspora-Kirche wie die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder. Wie können wir heute den Bildungsauftrag der Kirche wahrnehmen? Wie viel Geld wollen wir uns diesen Bereich kosten lassen?

 

Ein drittes Stichwort ist die Gerechtigkeit. In Konstanz wird das Jan-Hus-Jahr 2015 unter das Stichwort „Gerechtigkeit“ gestellt. Gerechtigkeit hat viele Aspekte. Für Jan Hus ist ein Gott gefälliges Leben ein Leben, das der Gerechtigkeit und dem Frieden dient. Nach Konstanz hat Hus eine Rede über den Frieden mitgenommen, die er dem Konzil vortragen wollte. Dazu hat er nie Gelegenheit bekommen. Der Mensch lebt von Gottes Gerechtigkeit. Gott ist der Richter, und nicht die Menschen, weder ein Papst noch ein Konzil. Deshalb wendet er sich an Gott als den Richter, als der Papst den Bann über ihn verhängt. Allein Gott ist gerecht, das ist seine Überzeugung. Das Engagement für Gerechtigkeit und Frieden war und ist zu allen Zeiten eine große Herausforderung für jeden Christen, für die Kirchen. Oft bleibt es auf der Strecke, weil alles zu mühselig und zu schwierig erscheint.

 

Mut lautet ein viertes Stichwort. Jan Hus ist mutig seinen Weg gegangen, nicht leichtfertig. Er ist nie nach Rom gegangen, obwohl auch er dorthin zitiert wurde. Das war ihm zu gefährlich. Doch nach Konstanz ist er aufgebrochen, auch wenn er wusste, dass König Sigismund nicht unbedingt sein Wort halten musste. Doch Mut hat er schon oft vorher bewiesen. Er war ja nicht von Anfang an ein sogenannter Häretiker, der von der Kirche verfolgt wurde. Der Prager Erzbischof war zunächst von seinen Reformpredigten sehr angetan. Eine Reform wollten der Erzbischof und auch der König. Solange die Kritik nicht grundsätzlich wurde, war sie auch erwünscht. Doch Hus hat weitergedacht. Er war konsequent in seiner Kritik. Und das hat ihm die Gunst der Mächtigen gekostet. Mir liegt es fern, den Märtyrertod von Jan Hus zu bagatellisieren. Doch die Frage von Mut, Standhaftigkeit und Bewährung im Glauben ist eine Frage an einen jeden Christen – auch heute. Auch wenn es heute Gott sei Dank keine Scheiterhaufen mehr gibt, auf denen man mutige und aufrichtige Christen verbrennen kann.

 

(In Klammern füge ich hinzu, dass die Methode als solche leider jetzt von den Islamisten übernommen wurde. Die Bilder vom Käfig, in dem ein Mensch lebendig verbrannt wird, sind nur wenige Wochen alt und Ausdruck schrecklicher Grausamkeit und Menschenverachtung).

 

Ein fünftes Stichwort ist die Ethik. Im Sinn von einem reinen Leben. Einem Leben mit hohen moralischen Standards würde man vielleicht heute sagen. Oder ein einfaches und demütiges Leben. Das wollte Jan Hus führen. Immer wieder hat er über die Faulheit der Menschen geklagt. Das war ihm klar: Faulheit ist ein Gräuel für Gott. Immer wieder hat er sich damit beschäftigt, wie Menschen ihre Zeit unnütz verbringen. In seiner Jugend hat Hus gerne Schach gespielt. Später hat er darüber nachgedacht, ob das nicht Zeitvergeudung war, Schach zu spielen. Hus hatte durchaus Sinn für Humor, führte aber doch ein sehr asketisches Leben. So ist sein Leben eine Frage an unseren Lebensstil.

 

Und schließlich ein letztes Stichwort: die Wahrheit. Die Wahrheit des Herrn siegt, war ein Wort, an das sich Jan Hus gehalten hat. Auch dies ist eine Herausforderung für die Gegenwart, in der viele Wahrheiten nebeneinander stehen und es scheinen will, dass keine Wahrheit mehr den Anspruch auf Gültigkeit stellen kann. Der bedeutende Kirchenhistoriker der Prager Comenius-Fakultät Amadeo Molnar hat die Bedeutung der Wahrheit für Hus so beschrieben: „Nach Jan Hus ist jede Tat Christi eine Leitlinie für unser Entscheiden. … Nicht nur, dass wir die Wahrheit nicht in Lüge verwandeln dürfen, wir haben auch nicht das Recht die Wahrheit zu verschweigen. Auch in sehr praktischer Hinsicht hat die Wahrheit befreienden Charakter, die die Wahrheit selber vorzeichenhaft verkörpert. Die Freiheit ist die Atmosphäre der Wahrheit. In diesen Zusammenhang hat Hus unermüdlich die Aussage von Pseudo-Chrysostomos wiederholt: ‚Ein Verräter der Wahrheit ist, wer sie nicht frei dann ausspricht, wenn er sie frei sagen soll, oder wer sie nicht frei verteidigt, wenn es nötig ist sie frei zu verteidigen’.

 

Eine nicht wegzudenkende Forderung der Hus´schen Ethik ist die Verteidigung der Wahrheit als gesellschaftliche Tat. Die Wahrheit zu sagen oder nicht zu sagen ist nie folgenlos und ohne Bedeutung für die Nächsten, für die Gemeinschaft. Immens ist deshalb die Verantwortung der Priesterschaft; ihre Pflicht ist es, ihr Verhalten der souveränen Norm zu unterziehen, damit sie nicht anstößig ist für die ungebildete Menge. Rücksicht auf die Menge, auf die Zuhörer, ist direkt eine konstitutive Komponente von Hussens Verantwortung für die Wahrheit. Die Ausdauer, mit der Hus in Konstanz dem Widerrufen widerstanden hat, hatte eine ihrer erfassbaren Quellen in der Befürchtung, dass er die Wahrheit verrät und zum Lügner wird, und das wie vor dem Angesicht Gottes, so vor der, der er predigte.“

 

Seit den Zeiten des ersten Präsidenten der Tschechoslowakei Tomáš Garrigue Masaryk steht auf der Standarte des Präsidenten der Satz: Pravda vítězí. Die Wahrheit siegt. Wir sagen: die Wahrheit des Herrn. Die Wahrheit Jesu Christi siegt über diese Welt, über uns und unsere Zukunft. Dieses Bekenntnis ist und bleibt eine Herausforderung. Auch für uns.

 

 

Kirchenrat Gerhard Frey-Reininghaus ist Ökumene-Referent der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder. Der Vortrag vom 25. Februar 2015 in der Friedenskirche Ludwigshafen wurde zur Veröffentlichung vorgeschlagen von D. Dr. Friedhelm Borggrefe, Horst-Schork-Straße 66, 67069 Ludwigshafen.

 


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