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Prof. Dr. Jindřich Halama

Cerna 9, P.O. Box 529, CZ-115 55 Praha 1

 

 

Die Rolle der Kirche in der Zukunft Europas

 

 

Abgesehen davon, dass ein Ethiker keine Qualifizierung zur Prophetie hat, habe ich ein paar Gedanken zusammengebracht, die die Kirche in Europa angehen und sie sind auch, mindestens teilweise, zukunftsorientiert.

Die Prognosen sind ein Feld der Statistiker, Soziologen, nicht der Theologen. Sie arbeiten mit Zahlen und die Zahlen sollen uns, Theologen, doch nicht bestimmen. Trotzdem ist es interessant zu wissen, was die Zahlen zeigen. Nach den soziologischen Daten waren um 1900 95 Prozent der Europäischen Bevölkerung Christen. Bis 2000 hat sich der Anteil der Christen an der Bevölkerung auf 75 Prozent verkleinert. Nach dem Eurobarometer 2012 haben die Christen in der EU einen Bevölkerungsanteil von 72% (48% katholisch, 12% evangelisch, 8% orthodox, 4% andere). Die soziologische Forschung „World Values Survey“, die seit 1981 unter anderem auch die Religiosität verfolgt, zeigt in den letzten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts eine Abnahme der Religiosität um etwa 5–7% in vielen EU Ländern.

 

Wie stark und wie wichtig wird das Christentum und werden die Kirchen im zukünftigen Europa sein? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Sogar eine komplizierte Antwort reicht nicht aus. Es gibt eine Reihe von Antworten, die mehr oder weniger überzeugend erscheinen.

 

Der anglikanische Ethiker Robin Gill (University of Kent, Canterbury – Sociological Theology, 3 Bände, Ashgate 2011-2013) legt vier verschiedene Paradigmen vor, wie die Entwicklung der Religion in der modernen Welt interpretiert wird und auch weitergehen kann:

 

 

a) Säkularisierungs-Paradigma

Die Entwicklung der modernen Welt hat die „Entzauberung“ der Welt gebracht und damit einen fortschreitenden Niedergang der Religion. Diese Theorie existiert seit dem Ende des 19. Jahrhundert und rechnet mit einer Zukunft ohne Religion. Die Hypothese war einflussreich in den 60er Jahren (H. Cox, J. A. T. Robinson) und hat sich nicht bewährt. In den letzten 20 Jahren spricht man eher über eine Rückkehr der Religion.

 

 

b) Das entspricht dem zweiten Paradigma – Persistenz-Paradigma

Diese Perspektive rechnet damit, dass Religion unabtrennbar mit unserem Menschsein verbunden ist, und wenn sie nicht mehr in der traditionellen Weise ausgeprägt ist, transformiert sich unsere Religiosität in andere Gestalten. Sie kann aus unserem Leben nicht verschwinden, muss sich jedenfalls in einer anderen Form manifestieren (Sport, Hobbys, quasi-religiöse Ideologien etc.).

 

 

c) Separations-Paradigma

Im Zeitalter des Individualismus hat sich natürlich eine Theorie verbreitet, die sagt, dass Religiosität eine Privatsache ist: Religiosität kann ganz ohne religiöse Strukturen (Kirchen) existieren. Leute brauchen keine Kirche, um ihre Religiosität zu leben, und umgekehrt, die, die in die Kirche kommen, müssen nicht unbedingt religiöse Gründe haben. Unsere Praxis und unsere Glaube können völlig unabhängig voneinander existieren.

 

Da ist eine interessante Erscheinung zu erwähnen: In Tschechien haben  sich im Jahre 2001 über 300.000 Menschen für christlich erklärt, aber ohne Kirchenzugehörigkeit. Bis 2011 ist diese Zahl auf mehr als 700.000 „Christen“ ohne Kirchenverbindung gewachsen. Das sind 7% der Bevölkerung und damit deutlich mehr als alle nicht-katholischen Kirchen zusammen! 

 

 

d) Kultur-Paradigma

Aus der religionssoziologischen Sicht, sagt Robin Gill, zeigt sich, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen unserer gelebten Religiosität und unserer kirchlichen Sozialisierung gibt. Mit anderen Worten, unser religiöses Leben ist kulturell geprägt. Eine große Rolle kommt in diesem Zusammenhang natürlich unserer Erfahrung und Gewohntheit zu. Und wenn die nächsten Generationen in der Kirche immer kleiner werden, so wird die religiöse Sozialisierung in der Gesellschaft auch immer schwächer und die Tradition (Übergabe) der Werte, die mit Christen und der Kirche verbunden sind, ist in Frage gestellt. Wie lange noch können die traditionelle Werte in der Gesellschaft ohne Wurzeln, das heißt ohne das christliche Fundament, weiter leben?

 

In der heutigen Lage scheint eine weitere Säkularisierung, im Sinne des Anwachsens der Religionslosigkeit, nicht der Fall zu sein. Heißt das aber, dass die Kirchen ungefähr so groß wie jetzt bleiben und die Zukunft der europäischen Gesellschaft mit den Kirchen auf jeden Fall verbunden bleibt?

 

Lasst uns zuerst eine gut biblische Frage stellen: Wer sagen die Leute, dass die Kirche sei? Was ist die gegenwärtige Rolle der Kirche?

 

1. Die Kirche ist ganz sicher eine Institution, die dem Leben eine feierliche Dimension gibt. Die  Kasualien Taufe, Eheschließung und Begräbnis als Übergangsrituale sind noch immer sehr populär. Sogar ungetaufte Leute kommen mit dem Wunsch, die Trauung in der Kirche zu haben (wobei das Gebäude oft wichtiger ist als der Pfarrer), die kirchliche Begräbnisse gelten allgemein als „schöner“ im Vergleich mit den Zivilritualen.

 

2. Ein Teil der Leute hält die Kirche für eine karitative Institution. Wenn sich niemand anderes kümmert, gibt es noch die Kirche. Die Obdachlosen und sozial Ausgeschlossenen begeben sich nicht in die Rathäuser, Postämter oder Sportvereine, sondern in Pfarrhäuser. Aber auch viele andere Leute, wenn sie Probleme haben, die von den gesellschaftlichen Institutionen nicht zu lösen sind, erinnern sich, dass da irgendwo eine Kirche war. Die Kirche spricht von der Nächstenliebe – deshalb kümmert sie sich um diese Menschen.

 

3. Es gibt auch Kreise, die die Kirche für eine Festung der traditionellen Werte halten. Und sie möchten die Kirche als Bundesgenosse haben bei verschiedenen Protesten gegen Änderungen bei diesem und jenem und die Kirche soll darauf beharren und verteidigen, was bisher gegolten hat.

 

Größtenteils haben wir Christen und Kirchen selbst diese Sicht verursacht. Fast während der ganzen Geschichte war die Kirche konservativ, wenn nicht gleich reaktionär. Politischer Konservativismus ist überzeugt davon, dass die Kirche bei dieser Position bleiben soll.

 

4. Die Kirche gilt als eine moralische Institution. Immer noch werden die Moral und der Dekalog als nutzbare Instrumente für die zwischenmenschlichen Beziehungen angesehen. Die Kirche sollte die Gesellschaft moralisch führen, oder mindestens als Expertin für Moral dienen.

 

Wir könnten neben diesen vier Beispielen weitere finden: Für einige unserer Mitbürger ist die Kirche eher negativ (eine entbehrliche, oder überflüssige Institution, die unangemessene Vorteile in der Gesellschaft hat), für andere positiv (eine gute und hilfreiche Organisation, die den Menschen hilft: „Grundsätzlich unterstützen wir die Kirche, leider haben wir keine Zeit, uns damit näher zu beschäftigen“).

Soll die Kirche also eine lebensschmückende Institution sein, die das Leben schöner macht? Oder soll sie eine universelle Nothelferin sein, die die Lücken und Versagen anderer Sozialinstitutionen saniert? Oder eine konservative Festung, die die alte Werte und Ordnungen beschützt? Oder moralische Instanz – Erzieherin und Aufseherin?

 

Eine Sache ist, was die Menschen sagen. Eine andere Sache ist: Was sagt ihr, die Kirchenleute und Kirchenmitglieder, was die Kirche sei? Wie stellt sich die Kirche im Gegenüber zur postmodernen Gesellschaft – und wie soll sie sich stellen? Sollen sich die Christen deutlicher unterscheiden von der Mehrheit? Wenn Paulus sagt: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich“, was ist damit gemeint?

 

Der Apostel zielt da auf die Regel der damaligen Gesellschaft und sagt: Diesen Regeln, sich anzupassen, bewusst und planmäßig die herrschenden Schemen adaptieren (syschématizein), ist schlecht. Die Meinung, dass die Christen im Einklang mit der Gesellschaft leben können, ist irrtümlich. So geht es nicht, da würde die Kirche ihre „raison d'etre“ bald verlieren. Sollen also Christen verschieden von der Gesellschaft sein, soll die Kirche ihre Andersartigkeit pflegen und sich vielleicht darauf aufbauen?

 

Es gibt eine Reihe von Konzeptionen, die verschiedene Zugriffe zu dieser Frage sortieren und klassifizieren. Ich habe meine Vorliebe dabei für das Buch des englischen Professors Edward LeRoy Long entdekct (A Survey of Recent Christian Ethics, Oxford University Press 1982). Die christliche Haltungen sind da in drei Kategorien geteilt: institutionalistisch, aktivistisch und  alternativistisch.

 

 

A) Institutionalistische Haltung

 

Die institutionalistische Haltung ist dadurch charakterisiert, dass sie mit dem Begriff „Ordnung“ arbeitet, oft als „Schöpfungsordnung“ bezeichnet. Der Nachdruck ist auf die gute Schöpfung Gottes gelegt, und auf die Ordnungen, die uns damit gegeben sind und die wir respektieren, schützen und pflegen sollen, damit sie gut dazu dienen können, wozu sie bestimmt sind.

 

Institutionalistisches Christentum ist zumeist an der reformatorischen Anthropologie orientiert – die Sündigkeit des Menschen und der Bedarf eines Ordens wird betont. Als vornehmliche Vertreter dieser Haltung können Reinhold Niebuhr oder Helmuth Thielicke genannt werden. Theologisch ist diese Orientierung auf der paulinischen Theologie gegründet. Als sündige Menschen können wir keine perfekte Lösungen oder Konzeptionen erreichen, deswegen müssen wir uns mit unvollkommenen Projekten begnügen. Unsere sozialen Ordnungen brauchen immer Verbesserung, daran sollen wir arbeiten, das ist unsere Verantwortung für die Welt. Als Christen müssen wir aber realistisch alle Entwürfe auf eine vermeintlich perfekte Gesellschaft, alle Utopien, ablehnen, denn solche Utopien bringen immer mehr Schaden als Nutzen.

 

Die Kirche soll kritisch gegenüber der Gesellschaft sein, aber zugleich solidarisch. Alles Gute, was da getan worden ist und getan werden soll, sollen wir unterstützen.

 

Kurz und gut – die Weltordnung ist bei allen Defiziten aus der christlichen Sicht annehmbar. Und solange es zu keiner groben Verzerrung (wie etwa einer totalitären Herrschaft) kommt, ist die Haltung der Kirche eine kritische Solidarität.

 

So gesagt, klingt das relativ gut. Man kann es auch anders auslegen und sagen: Durch viele Misserfolge resigniert die Kirche, verzichtet auf eine radikale Kritik und überwacht gesellschaftliche Prozesse, damit die Selbstsüchtigkeit in den demokratisch gesetzten Grenzen bleibt. Als Ethiker muss ich sagen, dass hier die Kirche am häufigsten in der Rolle der Morallehrerin funktioniert. Und als solche darf sie nicht zu radikal sein; mit ihren Maßstäben muss sie der breiten Öffentlichkeit annehmbar erscheinen.

 

 

B) Aktivistische Haltung

 

Diese Haltung schätzt die Rolle der Kirche als Beraterin und Mitarbeiterin in den Gesellschaftsstrukturen als schwach und unbefriedigend ein. Anthropologisch arbeitet man mit der Voraussetzung, dass es um uns Menschen gar nicht so schlecht steht – wir haben doch die Gnade Gottes, die uns führt und zu neuen Menschen verwandelt. Und deshalb sind wir dazu verpflichtet, die Welt zu verändern. Deswegen soll die Rolle der Kirche eine aktive sein. Mit einer christlichen Vision der gerechte(re)n Gesellschaft soll die Kirche um eine bessere Ordnung und bessere Gerechtigkeit ringen.

 

Das ist der Weg der politischen Theologie, die durch Namen wie Johann Baptist Metz oder Dorothee Sölle gekennzeichnet ist (siehe z.B. Paul Lehmann; The Transfiguration of Politics, New York 1975; Johann Baptist Metz, Zur Theologie der Welt, Mainz 1968; D. Sölle, Politische Theologie. Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann, Stuttgart 1971). Die Rolle der Kirche soll in dieser Perspektive sehr kritisch sein, eine Revolution ist mindestens theoretisch möglich, denn die Strukturen der Sünde sollen grundsätzlich geändert werden. Die radikalen Theologien, etwa die Theologie der Befreiung oder die Theologie der Revolution, gehen hier noch einen Schritt weiter.

 

Ein positiver Zug dieser Theologien besteht in der dringlichen Bewusstmachung, dass Gottes Gnade keine Rechtfertigung unserer Eigensucht bringt, sondern dass der prophetische Anspruch der Gerechtigkeit für die Armen, Witwen, Waisen und anderer Menschen in Not eine reale Verpflichtung für das Volk Gottes, die Kirche, bringt.

 

Aus ethischer Sicht möchte ich allerdings kritisch bemerken, dass die Anthropologie dieser Haltungen zu optimistisch ist, die menschliche Fähigkeit zum Guten zu hoch eingeschätzt wird. Die Utopien, die daraus wachsen, haben sich nie durchgesetzt, und die Methoden zur Änderung der Welt sind rein säkular, von den weltlichen Mächten übernommen mit der naiven Hoffnung, dass sie christianisierungsfähig seien.

 

 

C) Alternativistische Haltung

 

Die dritte Haltung stellt sich äußerst kritisch zu den Strukturen der Welt. Wo der Aktivismus denkt, dass etwas reformierbar ist, sagt der Alternativismus, dass diese Strukturen des Bösen nicht zu reformieren sind. Das einzig mögliche christliche Zeugnis ist, sich abzusondern, sich prophetisch gegen diesen Strukturen zu stellen und ihre verdorbene Natur zu kritisieren.

 

Die Kirche soll eine klare Alternative zur Welt sein. Die christliche Gemeinschaft muss damit rechnen, dass sie verfolgt wird, denn eine echte Alternative muss die bösen Strukturen der Welt irritieren. Vertreter dieser Orientierung finden wir des öfteren in den Freikirchen, aber nicht nur dort. Zum Beispiel Jacques Ellul kann als ein Vertreter dieser Perspektive genannt werden (vor allem sein Buch The Meaning of the City, Grand Rapids: Eerdmans, 1970; ähnlich auch eine Reihe seiner anderen Werke: The Presence of the Kingdom, Philadelphia: Westminster, 1951; The Technological Society, New York: Knopf, 1964; Violence: Reflections from a Christian Perspective; New York: Seabury, 1969; The Politics of God and the Politics of Man, Grand Rapids: Eerdmans, 1972; Money and Power, Downers Grove IL: InterVarsity Press, 1984).

 

Von den bekannten amerikanischen Theologen können wir zu dieser Haltung besonders den menonnitischen Theologe John Howard Yoder rechnen (The Politics of Jesus, Grand Rapids, MI, William B. Eerdmans, 1972; The Priestly Kingdom. Social Ethics as Gospel, University of Notre Dame, 1984) und auch Stanley Hauerwas (Resident Aliens. A Provocative Christian Assessment of Culture and Ministry for People Who Know That Something Is Wrong, Nashville 1989).

 

Die Rolle der Kirche besteht darin, eine alternative Gesellschaft zu sein. Die Erneuerung der Welt kann nur von unten kommen, aus kleinen Gemeinschaften der Christen, die in der Nachfolge Christi leben. Praktisch alles, was die Kirche für die Welt tun kann, ist die Gemeinschaft der Begnadeten zu treiben als ein Zeugnis für die ganze Gesellschaft.

 

Das Buch von Stanley Hauerwas „Resident Aliens“ nimmt das Wort von Paulus „unser Bürgerrecht ist im Himmel“ (Phil 3,20) als Ausgangspunkt. Die Christen sind eine Kolonie des Himmels in dieser Welt, und die Rolle der Kirche darf nicht von der Agenda der Welt bestimmt werden. Wir sind nicht berufen, der Welt mit ihrer Agende zu helfen, wir als Christen sollen die Geschichte Jesu in dieser Welt leben, ein neues Leben aus Gottes Gnade, ein Beispiel einer anderen Welt, die im Gegensatz zu unserer menschlichen Gesellschaft steht.

 

Und damit sind wir zurück bei der Frage: Was wird die Rolle der Kirche in der Zukunft sein? Soll sie in kritischer Solidarität die Gesellschaftsstrukturen im Allgemeinen akzeptieren, mit dem resignierenden Seufzer, dass es, wegen unserer Sünden, bis zum Ende aller Zeiten kaum besser werden kann? Das ist eine Versuchung für den reichen Westen, denn in der Fülle resigniert man leicht und verzichtet auf Änderungen.

 

Die Kirche kann sich als eine Elite der Gesellschaft verstehen, als Gemeinschaft, die eine wirklich gute menschliche Gesellschaft repräsentiert – oder mindestens etwas in dieser Richtung. Ein Christ ist in dieser Perspektive ein guter Mensch, wertvoll für die Gesellschaft. Und die Kirche weiß, wie das zu erreichen ist. Die Gesellschaft kann von der Kirche lernen, wie ein gutes menschliches und bürgerliches Leben aussieht. Das war die Perspektive des Protestantismus im 19. Jahrhundert, es kommt aber immer neu vor.

 

Oder soll sich die Kirche bemühen die Welt zu ändern, aktiv in die Gesellschaftsprozesse einzutreten und mit allen Kräften eine bessere Gesellschaft zu gestalten? Die Geschichte des letzten Jahrhunderts ist alles andere als ermutigend, was die Möglichkeit einer besseren Welt betrifft. Soll das aber ein Grund zur Resignation sein?

 

Oder – sollen wir doch eine Alternative bauen, eine Gemeinschaft, die nach einer anderen Logik lebt als die Strukturen der Welt? Soll die Kirche ein „abgesondertes Demo“, ein Modell des Gottesreiches auf der Erde sein? In diesem Fall sollten wir alle humanistischen Traditionen und allgemeinen Werte vergessen und sagen: Wir sind anders und wollen anders sein. Je nach dem Maß der Radikalität wird dann eine solche Gemeinschaft von der Gesellschaft für interessant, problematisch oder auch gefährlich (Sekten) gehalten.

 

Was will, was soll, was kann die Kirche im zukünftigen Europa sein? Wir könnten die Alternativen noch weiter entwickeln, vielleicht ist es aber nicht nötig. Wenn wir die Alternativen überlegen, finden wir, dass es noch komplizierter ist als jede Systematisierung. Die Kirche gibt doch dem Leben eine festliche Perspektive, sie befasst sich mit karitativen Werken, bewahrt Traditionen und Werte, hilft und inspiriert, bildet die Menschen zu einer Lebensweise, die vom Evangelium geprägt ist. Das alles macht sie. Die Kirche will aber auch Vorteile haben, sie will eine Belohnung für ihren Dienst bekommen, sie ist nicht immun gegen Korruption und Geldliebe. Sie will mit der Gesellschaft kooperieren und will dabei kritisch bleiben, prophetisch reden und manchmal gegen dem Strom schwimmen. Das alles soll und kann die Rolle der Kirche sein. Die Gemeinschaft der Kirche ist bunt und braucht die Traditionalisten und die Aktivisten sowie die Alternativisten. Die große Weisheit ist zu unterscheiden, was wann die rechte Haltung ist.

 

Um alle diese Aufgaben zu erfüllen, muss die Kirche pluralistisch und offen sein, mit einem festen Zentrum (das ist der gekreuzigte und auferstandene Christus) und einer breiten Zone verschiedener Aktivitäten. Unsere individualistische Zivilisation entwickelt zwar immer neue Wege der Kommunikation, leidet aber ständig an dem Mangel an Gemeinschaft.

 

Und Gemeinschaft schaffen, dass ist doch etwas, was die Kirche kann oder mindestens können soll. Die Rolle der Kirche ist: Die Leute in Gemeinschaft bringen – eine Gemeinschaft der Menschen untereinander – und dann beten, dass der Geber der wahren Gemeinschaft zu uns kommt und eine Alternative schafft.

 

 

Prof. Dr. Jindřich Halama ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozialethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag Der Vortrag vom 25. März 2015 in der Friedenskirche Ludwigshafen wurde zur Veröffentlichung vorgeschlagen von D. Dr. Friedhelm Borggrefe.

 


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