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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Die Einheit der Kirche und die Einheit der Christen

 

Nein, ich möchte trotz der Ökumene-Euphorie in diesen Tagen und trotz des „Leitfadens für das ökumenische Miteinander im Bistum Speyer und in der Evangelischen Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche)“ nicht über das Thema „Einheit der Kirche“ schreiben. Ich wäre dann einfach zu schnell fertig. Ich müsste dann nur schreiben, dass die Einheit der Kirche zu den Grundlagen des Glaubens gehört, wie sie etwa im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekannt werden: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche …“

 

Diese „heilige christliche Kirche“ erscheint im Singular, es gibt sie nur einmal, und genau das wird mit dem Prädikat der Heiligkeit ausgedrückt. Heiligkeit kann man nicht vervielfältigen. Die heilige christliche Kirche als Eine ist die Einheit all derer, die an Christus glauben und sich zu ihm bekennen. Aber es ist eben eine nur im Glauben existierende Einheit und keine sichtbare. Luther hat unterschieden zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche. Wer genau zu dieser unsichtbaren Kirche gehört, das weiß nur Gott. Wir Menschen können nur sagen, wer zur sichtbaren gehört. Dem Protestantismus war es nie wichtig, Gott bei dieser Frage in die Karten zu schauen.

 

An dieser Stelle könnte ich also aufhören, weil über die Einheit der Kirche damit alles gesagt ist. Aber in der Ökumene, zumindest wie wir Protestanten sie verstehen, geht es um die Einheit der Christen. Dazu ist etwas mehr zu sagen, beispielsweise dass die Einheit der Christen wenig bis gar nichts mit der Einheit der Kirche zu tun hat. Die Kirche hat in der reformatorischen Theologie eine klar definierte Funktion, die nicht darin besteht, Einheit zu bezeugen oder gar zu schaffen. Die Einheit der Christen unterläuft ganz im Gegenteil systematisch die sichtbare Form der Institution Kirche.

 

Ist demnach die Einheit der Christen denkbar ohne Kirche? Das nun auch wieder nicht, denn die Gestaltwerdung des christlichen Lebens vollzieht sich in einer Gemeinschaft mit einem institutionellen Gefüge, das sich seit Alters her Kirche nennt. Was das bedeutet, kann ein Blick auf die Confessio Augustana aus dem Jahr 1530 verdeutlichen. Dieses Bekenntnis, von Philipp Melanchthon verfasst und dem Kaiser beim Augsburger Reichstag vorgelegt, war ein letzter vergeblicher Versuch, die Spaltung der abendländischen Christenheit zu verhindern.

 

Wie also ist diese Kirche, die den Reformatoren aufgrund ihrer Theologie vorschwebt, institutionell zu fassen? Ihre institutionelle Form ergibt sich ausschließlich aus ihrer Aufgabe, nämlich dafür zu sorgen, dass das Wort Gottes gehört werden kann. Das Hören des Wortes Gottes ist formale Grundlage dafür, dass Glauben entstehen kann. Die Gemeinschaft derer, die durch das Wort Gottes zusammengerufen werden, leben dann miteinander Gemeinde, also Kirche. Gegenüber der damaligen altgläubigen Sicht des Papstes und des Kaisers ist das ein völlig verändertes Verständnis des Glaubens, das zu einer funktionalen Sicht der Kirche führt. Im Hören des Wortes ereignet sich etwas, was den Menschen, der dieses Wort hört, in die gleiche Situation versetzt wie Paulus vor Damaskus: Die Botschaft von Jesus Christus, die durch die Predigt von außen kommt, weckt den Glauben, wirkt als Offenbarung und schafft damit eine Bekehrung des Herzens, was bedeutet: des ganzen inneren Menschen.

 

Dieser Zusammenhang zwischen Offenbarung Gottes in Christus und der Art und Weise, wie diese Offenbarung im Menschen wirksam wird, dogmatisch gesprochen: wie der Glaube zu seinem Gegenstand findet, wird dargelegt im Argumentationsfortgang von CA IV zu CA V im Kontext der gesamten Artikel über den Glauben. CA IV handelt über die Rechtfertigung und argumentiert folgendermaßen: „Weiter wird gelehrt, daß wir Vergebung der Sunde und Gerechtigkeit vor Gott nicht erlangen mogen durch unser Verdienst, Werk und Genugtun, sondern daß wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnaden umb Christus willen durch den Glauben, so wir glauben, daß Christus fur uns gelitten habe und daß uns umb seinen willen die Sunde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird. Dann diesen Glauben will Gott für Gerechtigkeit vor ihme halten und zurechnen, wie Sant Paul sagt zun Romern am 3. und 4.“

 

Diesem vierten Artikel des Augsburger Bekenntnisses gehen die Artikel I (Von Gott), II (Von der Erbsünde) und III (Von dem Sohne Gottes) voraus. Nach der Lehre über Gott (als Schöpfer), die gefallene Schöpfung (als Erbsünde), Jesus Christus (als Erlöser) wird im vierten Artikel die existentielle Aneignung der in Christus geschehenen Erlösung als Rechtfertigungsbotschaft behandelt. Folgerichtig wird dann im fünften Artikel die Art und Weise dieser Aneignung benannt, eben als Lehre vom Predigtamt: „Solchen Glauben [wie in CA IV beschrieben] zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, Evangelium und Sakrament geben, dadurch er als durch Mittel den heiligen Geist gibt, welcher den Glauben, wo und wann er will, in denen, so das Evangelium hören, wirket, welches da lehret, daß wir durch Christus Verdienst, nicht durch unser Verdienst, ein gnädigen Gott haben, so wir solchs glauben“.

 

Innerhalb der CA kommt somit dem fünften Artikel eine Scharnierfunktion zu, denn er beschreibt auf exakte Art und Weise, wie die in den ersten vier Artikeln genannten Glaubensinhalte in der christlichen Existenz allgemein (VI) sowie in der Kirche (VII-XV) und in der Welt (XVI) im Besonderen zur Wirkung kommen: Mittels des das Evangelium verkündigende und Sakramente verwaltenden Predigtamtes lässt Gott (als Heiliger Geist) das Evangelium hörbar werden und schafft somit zwar durch menschliche Sprache und menschliches Handeln die notwenige, aber nur kraft eigenen göttlichen Handelns die hinreichende Bedingung für das Wirksamwerden des Evangeliums. Die ökumenische Pointe dieses Artikels vom Predigtamt besteht darin, dass das Predigtamt – darin weniger dem römisch-katholischen Priesteramt als vielmehr dem Papstamt vergleichbar – die Botschaft des Evangeliums in Wort und Sakrament verwaltet. Allerdings wird dieses Verwalten – darin liegt der spezifische Unterschied zur römisch-katholischen Vorstellung von der lehramtlichen Tätigkeit des Papstes – nicht als das Weitergeben eines immer schon Gegebenen und in genau der Form selber empfangenen Gutes verstanden, sondern als das Weitergeben eines sich je und je erst Ereignenden.

 

Nach reformatorischem Verständnis schafft also Gott selbst als Heiliger Geist im Akt der Evangeliumsverkündigung auf der Kanzel eine Situation, die derjenigen der biblischen Offenbarung an die ersten Zeugen identisch ist: Sowohl damals wie heute geschieht ein Erschließungsvorgang, der ein individuelles Verstehen der Christusbotschaft im Hörer als eine ihn selbst betreffende Wahrheit bewirkt.

 

Aus diesem Grund gehört es zum Gemeingut reformatorischer Theologie, dass Offenbarung dasjenige Handeln Gottes ist, durch welches er selber das Wahrsein des Evangeliums evident macht. Diese theologische Lehre von der Offenbarung ist die Grundlage für das evangelische Amts- und Kirchenverständnis und wird eben dadurch zum berühmten Knackpunkt in der Ökumene. Noch vor der Lehre vom Amt ist es die Lehre von der Offenbarung, die zwischen der römisch-katholischen Kirche und den evangelischen Kirchen wirklich kirchentrennend wirkt, und jeder Versuch einer ökumenischen Verständigung über die Ämterfrage muss deshalb beim Offenbarungsverständnis ansetzen.

 

Im Gegensatz zum römisch-katholischen Verständnis muss dem Predigtamt als Dienst des Wortes jede offenbarungs- und heilsübermittelnde Funktion bestritten werden. Deshalb reicht es nach CA VII als Zeichen der wahren Kirche auch aus, dass in ihr „das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakrament lauts des Evangelii gereicht werden“. Deshalb ist es, ebenfalls CA VII zufolge, zur wahren Einheit der Kirche völlig ausreichend, „daß da einträchtiglich nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sakrament nach dem gottlichen Wort gemäß gereicht werden. Und ist nicht nur zur wahren Einigkeit der christlichen Kirche, daß allenthalben gleichformige Ceremonien, von den Menschen eingesetzt, gehalten werden, wie Paulus spricht zun Ephesern am 4.: ‘Ein Leib, ein Geist, wie ihr berufen seid zu einerlei Hoffnung euers Berufs, ein Herr, ein Glaub, ein Tauf’“.

 

Es erscheint sachgemäß, sich die Prinzipien der kirchlichen Einheit nach evangelischer Lehre gerade anhand der Argumentation des Augsburger Bekenntnisses klarzumachen, da diese Bekenntnisschrift aus der Absicht heraus geschrieben wurde, die sichtbare Einheit der Kirche noch zu retten. Deshalb beginnt der XV. Abschnitt (Von Kirchenordnungen) damit, dass ausdrücklich empfohlen wird, solche von Menschen gemachte Kirchenordnungen zu halten, „so ohn Sund mugen gehalten werden und zu Frieden und guter Ordnung in der Kirche dienen, als gewisse Feier, Feste und dergleichen“. Allerdings wird eine klare Grenze dort gezogen, wo fromme Leistungen über die reine Ordnungsfunktion hinaus in Werkgerechtigkeit ausarten könnten: „Doch geschieht Unterricht dabei, daß man die Gewissen nicht damit beschweren soll, als sei solch Ding notig zur Seligkeit. Darüber wird gelehret, daß alle Satzungen und Traditionen, von Menschen dazu gemacht, daß man dadurch Gott versuhne und Gnad verdiene, dem Evangelio und der Lehre vom Glauben an Christus entgegen seind. Deshalb sein Klostergelübde und andere Tradition von Unterschied der Speise, Tage etc., dadurch man vermeint, Gnad zu verdienen und fur Sünde genug zu tun, untüchtig und wider das Evangelium“.      

 

Halten wir fest: Nach evangelischem Verständnis hat die Kirche keine theologische Daseinsberechtigung, die über die Wortverkündigung und Sakramentsdarreichung hinausgeht. Die Kirche definiert sich ausschließlich über das Predigtamt. Sie ist deshalb keineswegs unnötig, und es ist wichtig, ihr eine gute Ordnung zu geben und diese auch gewissenhaft zu pflegen, denn die kirchliche Institution muss schließlich die Funktionsfähigkeit des Amtes absichern. Aber sie muss eben nur die formalen Voraussetzungen für die Tätigkeit des Amtes schaffen. Deshalb ist es letztlich nicht entscheidend, wie genau diese Institution aufgebaut ist, ob ihr oberster Repräsentant Bischof, Präses oder Kirchenpräsident genannt wird. Wichtig ist einzig und allein, dass sie eine äußere Ordnung hat, die ihren Fortbestand garantiert. Die Reformatoren gingen sogar so weit zuzugestehen, dass die Aufsicht über die Einhaltung dieser Ordnung nicht unbedingt Sache der Theologen sein muss, sondern grundsätzlich von jedem Christen geleistet werden kann – wichtig war den Reformatoren nur, dass er über die notwendige Machtbefugnis verfügt, um die Kirche notfalls vor äußeren Feinden zu schützen. Von daher war es auch kein Problem, die christlichen Obrigkeiten mit der kirchenleitenden Aufgabe zu vertrauen, weil sich in der Situation nach den beiden Speyerer und dem Augsburger Reichstag, als das physische Überleben der Reformation gesichert werden musste, keine andere Instanz angeboten hat, die über die nötigen äußeren Machtmittel verfügte. Die reformierten Gemeinden, die hauptsächlich in freien Reichsstädten entstanden, beauftragten gleich den Magistrat der Stadt mit der Kirchenleitung.

 

Um es kurz zu machen: Die Einheit der Christen existiert als sichtbare Gemeinschaft der Gläubigen; diese können Mitglieder jeder beliebigen Kirche sein. Zur Proklamation dieser Gemeinschaft als Einheit reicht es vollkommen aus, wenn das Wort Gottes evangeliumsgemäß verkündigt wird und die Sakramente ordentlich dargereicht werden. Dort im Gottesdienst ist Einheit erfahrbar, und nur dort kann sie aus evangelischer Sicht theologisch verantwortbar behauptet werden. Aber dort ist sie immer erfahrbar, und kein Christ wird von dieser Einheit ausgeschlossen.

 


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