Impressum

 

 

Ulrich Kronenberg
Am Anger 5, 67346 Speyer

 

 

 

 

Der Begriff des Friedens in der Bibel

Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der Friedensethik

 

 

I. Die Situation der moralisierenden Ideologisierung

 

Die Frage nach dem Frieden ist ein traditionell emotional hochbesetztes Thema. Seit den 80er Jahren ist die Friedensfrage bisweilen zu einer Bekenntnisfrage [1] geworden und wird kirchlich gehegt und gepflegt. Im Schatten des kalten Krieges und der Nachrüstungsdebatte ist eine kirchliche Kultur entstanden, die ihre Blüten getrieben hat. Es hat sich eine Entwicklung angebahnt, die in dieser Form theologisch früher undenkbar gewesen wäre. Eine Vielzahl heute leitender Persönlichkeiten ist über die Friedensbewegung in hohe kirchliche Ämter und Würden gekommen und durch die Entwicklung des sog. Konziliaren Prozesses ist die Frage nach Krieg und Frieden zu einer Bekenntnisfrage erhoben worden. Die Lehre vom gerechten Frieden hat die Lehre vom gerechten Krieg abgelöst. Diese Entwicklung dokumentiert sich sehr klar in den verschiedenen Denkschriften der EKD. Die 2007 erschienene Denkschrift „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ hat nun den bislang letzten Punkt einer Entwicklung gebildet, der in eine Verwirrung bzw. zu einem Stillstand geführt hat. Dem kritischen Betrachter kann nicht verborgen bleiben, dass seit Jahren ein Stillstand in der ethischen Debatte um den Frieden eingetreten ist, der auf eine geistig-ideologische Erstarrung schließen lässt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass gerade die alternden Propheten dieser neuen Lehre des gerechten Friedens nicht auf der Höhe der Zeit sind bzw. die sich verändernde Weltlage schwer in dem System ihrer Theologie unterbringen können.

 

Aktuell musste der Friedensbeauftragte der EKD zugeben, dass man mit der Lehre vom gerechten Frieden gescheitert ist. In einem „Konzilsgespräch“ versagte die von ihm gewohnte lamentierende Nörgelei kläglich: „Er (Sc. Renke Brahms) verteidigte die Friedensethik seiner Kirche, die auf Vermeidung jeder Form von Gewalt ausgerichtet ist. Auf die aktuellen Fragen hat diese Ethik aber keine Antworten, musste Brahms einräumen. Sie wurde formuliert, lange bevor Putin nach der Krim griff. Brahms forderte auch von der Politik mehr „Demut“, wie er sagte. Doch einen Ausweg könnte er an diesem Abend nicht weisen. Auch sein Hinweis, dass zu wenig Mittel für Entwicklungshilfe und zu viel für die Armee eingestellt wird, ist keine Antwort. Dazu kommt, dass Brahms in der Diskussion deutlich ins Hintertreffen geriet. Das Konzilgespräch war dieses Mal nicht immer konziliant und versöhnlich, weil es sich stark auf das spannende Duell eines desillusionierten Wissenschaftlers und eines konservativen Politikers konzentrierte: Norbert Röttgen versus Michael Lüders. Der Pastor war da zunehmend Gast im eigenen Revier [2]. Bereits 2010 erlebte der damalige Militärbischof Martin Dutzmann sein theologisch-friedensethisches Waterloo, als der christliche Bischof von dem jüdischen Historiker Michael Wolffsohn [3] über die Bedeutung des von ihm vollmundig zitierten Tötungsverbot belehrt wurde und ihm theologisch nicht parieren konnte auf die Feststellung, dass gerade das fünfte Gebot das Verbot des Mordens betreffe, nicht das Töten als Notwehr oder zum Zwecke der Selbstverteidigung [4].

 

Diese beiden Beispiele, die sich beliebig vermehren lassen, zeigen, dass sich die evangelische Friedensethik in eine gefährliche Ideologisierung hineinmanövriert hat, die in Debatten zu einem jämmerlichen Bild führt und m.E. eindeutig lehrt, dass man sich hier auf einem Holzweg bzw. in einem neoscholastischen System befindet, das letztlich an sich selbst zugrunde geht. Es ist daher die Zeit reif, hier neu anzusetzen und nach gut evangelischer Tradition auf die Grundlagen zurückzugreifen, die man lange Jahrzehnte nur sehr fragmentarisch zur Kenntnis genommen hat. Die Aussagen der Schrift sind dabei meiner Ansicht nach das theologisch Relevante, dem alles unterzuordnen ist. Die Bemühungen anderer wissenschaftlicher Disziplinen in allen Ehren, können für Theologie und Kirche nicht maßgebend sein. Fragwürdige Koalitionen mit dezidierten Atheisten und Gegnern der christlichen Kirche, wie sie Margot Kässmann mit Konstantin Wecker eingeht [5], zeugen lediglich von eigener Substanzlosigkeit und kirchlichem Gutmenschentum, das sich nicht als evangelische Lehre im eigentlichen Sinn berufen kann. Die Besinnung auf das Sola-Scriptura-Prinzip erscheint mir der einzige Ausweg aus dem derzeitigen Irrgarten der Friedensethik, die zwar viel Lärm macht, aber stets hinter ihren Ansprüchen zurück bleibt und sich als theologische Fatamorgana entpuppt.

 

 

II. Prämissen

 

Es geht im Folgenden nicht um Kritik einer theologischen Richtung oder eines zeitbedingten kirchlichen Programms, sondern vielmehr um eine grundlegende theologische Neuausrichtung eines zutiefst wichtigen Themas. Dazu einige Vorbemerkungen:

 

Das Böse ist im Menschen unausrottbar verwurzelt. Der erlösungsbedürftige, der Erbsünde anhängende Mensch bedarf des göttlichen Wortes, um sich und die Welt recht erkennen zu können. Nur die klare Unterscheidung von Gesetz und Evangelium lässt klar sehen: Der im peccatum originale gefangene Mensch kann dies von sich aus nicht erkennen. Iwand hat diesbezüglich die Notwendigkeit des und zwischen Gesetz und Evangelium hervorgehoben. Diese Predigt des Gesetzes, an dem der Mensch von sich aus scheitern und verzweifeln muss, ist heute unbedingt notwendig, da in den letzten Jahren dies in eklatanter Weise unterblieben ist: Dies hat ideologische und kirchenpolitische Gründe. Die wahre Wurzel dieser gefährlich einseitigen Sicht ist die Leugnung des wahren Zustandes des Menschen. Man darf sogar etwa im Hinblick auf die aktuelle Fastenaktion der EKD „Du bist schön“ [6] von einer völlig irregeleiteten christlichen Anthropologie sprechen. Dies hat mit evangelischer Theologie nichts mehr zu tun: Den Reformatoren dürften die Haare zu Berge stehen angesichts dieser theologischen Verirrungen und Selbstverliebtheiten kirchlicher Anthropozentriker [7]. Es geht vielmehr um den entscheidenden Topos der Rechtfertigung, wie Dietrich Bonhoeffer in seinem wegweisenden Vortrag „Christus und der Friede“ gezeigt hat [8]. Iwand hat auf das Nicht-Wissen-Wollen des Menschen um seinen wahren Zustand hingewiesen: Man kann es mit einem kranken Menschen vergleichen, der es gar nicht so genau wissen will, wie es um ihn steht, weil er Schlimmstes befürchtet und so in bequemer Vogel-Strauß-Politik sich selbst in Unwissenheit sicherer wähnt.

 

Man muss folglich in der Anthropologie tiefer sehen und fragen, wie es denn um den Menschen coram Deo steht. Die Antwort der Bibel ist nach paulinisch-reformatorischer Sicht völlig eindeutig: Die Werke des Menschen täuschen ihn in gefährlicher Weise über das wirkliche Sein. Die bittere Erkenntnis, dass ich coram Deo als verlorener Sünder dastehe, fegt alle selbstverliebte Werkerei hinweg und stellt mich als Sünder vor Gott. Aller menschlicher Schein und alles vor der Welt gute Tun kann dieser Tatsache nichts entgegensetzen: tibi soli peccavi (Ps 51,6; Lk 15,18.21, Ex 10,16) [9]. Das ist die bittere und zugleich heilsame Erkenntnis des verlorenen Sohnes im Schweinestall, die er bei seinem Nachhausekommen bekennt. Sünde ist Sünde gegen Gott. Hier muss tiefer gesehen werden, wie der Ehebruch Davids belegt: Es handelt sich nicht um moralisches Fehlverhalten oder sittliches Vergehen, sondern um ein Vergehen gegen Gott und seinen Anspruch an den Menschen. So hat Bonhoeffer es in seiner Predigt in New York klar herausgestellt: Die eigentlich Schuld, die in den Wahnsinn des ersten Weltkrieges führte, war die Schuld vor Gott [10] – nichts Geringeres. Es ging und geht nicht um Wahrung bürgerlicher Moral oder menschlich erdichteter Zustände im Sinne der Ethik, sondern um radikales Vergehen gegen Gott. Erst wo darüber diese Erkenntnis herrscht, kann man klar sehen. Mit diesem – die Kirche begründenden – Glaubensartikel kann man sich frei machen von aller populären Werkerei, die Kirche sich heute wie zu aller Zeit gern anheftet. Im letzten Grunde ist aller Aufstand gegen Gott die Flucht in die Werkgerechtigkeit, wie wir sie heute oft erleben. Die alte babylonische Sucht, sich einen Namen machen zu wollen (Gen 11,4), bricht im „alten Adam“ immer wieder durch. Davon gilt es immer wieder neu, sich zu befreien. Das muss die Kirche Christi immer klar beim Namen nennen, wenn sie wahrhaft Christi Kirche sein will – in aller Demut und Bescheidenheit – aber klar und deutlich.

 

Die derzeit in Speyer gezeigte Ausstellung über den Untergang der Titanic hat mir gezeigt, dass die menschliche Hybris zum einen nicht ausstirbt – zum anderen immer wieder an sich selbst scheitert, wie Bonhoeffer in der erwähnten Predigt in New York glasklar gezeigt hat. Kirche als Sittenpolizei, Moralbewahranstalt oder Garant für selbsterkorene Werte und Normen ist im letzten Grunde nichts anderes als die Zurückweisung Gottes und damit moderner Götzendienst.

 

Der Bezug ist über Psalm 34,19 und Ps 51,6 klar herzustellen: Gott zerbricht dann die Bogen des Krieges (Ps 46, 10; syntribo ist das verbindende Verb nach LXX, das wir in Ps 51,19 wiederfinden; das Verb, das 219 mal in der LXX verwendet wird, verdient eine eigene Untersuchung) und steuert den Kriegen in der Welt dann, wenn der Mensch in klarer Selbsterkenntnis Frieden mit ihm geschlossen hat. Alles andere Wirken-Wollen des Menschen ist letztlich ein erfolgloses Haschen nach Wind und das Herumdoktern an Symptomen, nicht aber das Ergreifen des Übels an der Wurzel. Jeder weiß, dass erst die richtige medizinische Diagnose zur erfolgversprechenden Therapie führen kann: Wer die falsche Diagnose stellt, kann in der Therapie nur fehlgehen.

 

In der Friedensethik ist dies manchmal in den letzten Jahrzehnten geschehen, in dem man diese entscheidende Grunderkenntnis sträflich vernachlässigt hat. Das Wort Jesu, dass die Seinen ohne ihn nichts tun können (Joh 15,5), erfüllt sich auch in diesem Sinne. Das Gesetz lehrt, genau diese Ohnmacht zu erkennen. Hier gibt es nach Luther nun zwei Verzweifelungen, in die man verfallen kann: die an Gott verzweifelnde Art, die im Nihilismus vergeht oder die evangelische Verzweiflung, die den Verzweifelten zur Erkenntnis bringt, dass es nur einen einzigen Weg gibt, aus dieser Verzweiflung zu entkommen: Das ist nach Luther das Hören auf die befreiende Wirkung des Evangeliums, das uns genau aus dieser Not des verklagenden und hinrichten Gesetzes rettet. Dann wird dies zum Tod des Todes. Diesen Tod des Todes hat Bonhoeffer in einer bewegenden Predigt zum Volkstrauertag 1932 so charakterisiert: „Was heißt hier Treue der Gemeinde Christi anderes als in dieses rasende Toben hinein immer wieder bis zum Ermatten, bis zum Ärgernis, bis zum Martyrium die Worte Christi rufen, dass Friede sein soll, dass Liebe sein soll, dass Seligkeit sein soll und dass er unser Friede ist und dass Gott ein Gott des Friedens ist? Und je mehr sie toben, desto mehr sollen wir rufen. Und je mehr wir rufen, desto wilder werden sie toben. Denn wo wirklich das Wort Christi gesagt wird, da spürt die Welt, dass das entweder verderblicher Wahnsinn oder aber verderbliche Wahrheit ist, die ihr ans Leben geht. Wo wirklich Friede gesagt wir, da muss der Krieg doppelt wüten, denn er spürt, es soll ihm der Garaus gemacht werden. Christus will sein Tod sein“ [11].

 

Aus der Höllenfahrt dieser Selbsterkenntnis wird der Weg zur Wahrheit Gottes [12]. Aus der tiefsten Not heraus kann der Weg zum Frieden mit Gott und dann mit den Menschen gefunden werden: „Gottes Weg in der Welt führt ans Kreuz und durchs Kreuz zum Leben“ [13]. Friedenstheologie recht verstanden kann also nur theologia crucis sein – im letzten Grunde „Predigt vom Reich Gottes“, wie Bonhoeffer sagt [14]. Der zweite Schritt kann dabei nicht vor dem ersten getan werden. Die schmerzliche Erkenntnis, wie sie Paul Gerhardt in seinem Lied „Ist Gott für mich so trete“ (EG 353,3) ausdrückt: „An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd“, allein kann zur befreienden Rettungsbotschaft führen: „was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert“. Das Stichwort der billigen und teuren Gnade wird hier aktuell: Wer gießkannenartig mit der Barmherzigkeit und der vergebenden Liebe Gottes umgeht, macht das Erbarmen geradezu wirkungslos – ja inflationär. Ps 36,8 hebt das hervor, dass die Güte, das Erbarmen Gottes ja etwas unvergleichlich Kostbares ist: hebr. jakar chäsäd (BHS), griech. epletunas eleos (LXX) und lat. multiplicasti (bzw. pretiosa) misericordia (Vulgata) heben das hervor [15]. Mit Recht hat Friedrich von Bodelschwingh den inflationären Umgang  mit der Güte Gottes als die „Not der Christenheit“ bezeichnet: „Das ist die Not der Christenheit, dass diese Botschaft von Gottes vergebender Gnade ihr so leicht als etwas Sicheres, Gewohntes und Selbstverständliches erscheint“ [16]. In treffender Schärfe urteilt Dietrich Bonhoeffer über den Wandel von der teuren zur billigen Gnade, indem man den Gedanken der zwingenden Nachfolge nicht mehr mit der Rechtfertigung verband: Bonhoeffer betont, dass bereits die Generation nach Luther diese theologisch organische Verbindung aufgab und sich so verlief [17]. „Die Verschleuderung der billigen Gnade wird der Welt zum Überdruss“ [18]. Hier muss klar gesehen werden, dass es sich nicht um eine theologische Geschmacksnuance handelt, sondern um nichts Geringeres als die entscheidende christliche Lehre der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium.

 

 

III. Die notwendige Unterscheidung

 

Luther hat immer wieder betont, dass das Gesetz geistlich verstanden werden muss, als Zuchtmeister zu Christus hin (Gal 3,24f): das heute höchst unpopuläre Wort Zuchtmeister (paidagogos) kann hier als Pädagogik im eigentlichen Sinn verstanden werden. Es muss – evangelisch verstanden – Gottes Wille in uns lebendig werden: Nur so kann der gute Baum gute Früchte bringen (Mt 7,17). Ist die Wurzel des Baumes falsch gegründet und sucht der Mensch das Seine statt dessen was Gottes ist, wird es unweigerlich zu schlechten Früchten kommen, die bei der Ernte in den Mülleimer wandern werden. Jesus sagt dies als Warnung vor falschen Propheten, die die Menschen verführen, indem sie unter dem Deckmäntelchen des Schafspelzes reißende Wölfe sind. Bonhoeffer hat dies in schneidender Schärfe klar erkannt und in Bezug auf die Gnade sehr deutlich beim Namen genannt. Gerade die Vereinnahmung Bonhoeffers als Radikalpazifist lässt sich diesbezüglich nicht halten. Es ist eine weit verbreitete Fehlinterpretation, wie man klar herausgearbeitet hat [19]. In seiner Abschiedspredigt in Barcelona vom 3.2.1929 über Phil 4,7 [20] wird es mehr als deutlich, dass diese Vereinnahmung Bonhoeffers theologischer Unsinn ist. In seinem Vortrag „Christus und der Friede“ [21] hat Bonhoeffer vor dem falschen Verständnis dieses wichtigen theologischen Topos gewarnt, da die Rechtfertigung des Sünders durch falsches Verstehen von Gesetz und Evangelium zur fatalen billigen Gnade führen muss, die niemand mehr ernst nimmt. Dann verkommt die befreiende Gnade zum unverbindlichen Gerede – dann wird das Salz der Christenheit dumm (Mt 5,13). Auch Karl Barth hat sich vehement gegen die billige Gnade gewehrt: „eine schmerzlose Operation, „billige Gnade“ kann diese Erkenntnis und Anerkennung nicht sein. Was es Gott dem Vater und dem Sohn und was es den Menschen Jesus gekostet hat, das dem Volk, das im Finstern wandert, leuchtende Licht der Welt heraufzuführen und scheinen zu lassen, ist wirklich mehr, als es uns kosten mag, uns der Zurechtweisung durch den Heiligen Geist zu unterziehen, uns jene Scheidung zwischen unserem neune und unserem alten Wesen, uns das Diktat, das uns in jenen Streit stürzt, gefallen zu lassen – mehr als das bisschen Erschrecken und Opfer, das uns unter solcher Zurechtweisung nicht erspart bleiben kann“ [22].

 

Barth sieht die Vernachlässigung des rechten Verhältnisses von Heiligung und Rechtfertigung als Verführung zu einem „faulen Quietismus“ oder aber zu einem „illusionistischen Aktionismus“ [23]. Letzteres ist in unseren Tagen im kirchlichen Leben vermehrt zu beobachten. Genau vor dieser Selbstverständlichkeit warnt Barth: „Billige, d.h. aber eben: zum vornherein in Rechnung gestellt und disponible Gnade – Gnade, die ohne weiteres griffbereit da und vom Menschen in Gebrauch zu nehmen wäre – solche unfreie Gnade ist eben nicht Gnade: hilft nicht, rettet nicht, trägt nicht, hat keine Macht gegenüber den Gefahren, die den Menschen bedrohen, und gegenüber den Anklagen, unter denen er steht. Sie erleuchtet und führt ihn nicht, wird ihm denn auch nie zur Gewissheit werden können – so gewiss eben der, von dem der Mensch solche Gnade beziehen zu können meint, wie man eine Ware bezieht, nicht – und gäbe er ihm lange diesen Namen – Jesus Christus ist“ [24].

 

Helmut Thielicke hat ebenfalls auf den Wechsel von Anklage und Verteidigung verwiesen, der sich durch die lutherisch vollzogene Scheidung von Gesetz und Evangelium ergibt: aus dem verklagenden Gesetz wird das rechtfertigende Evangelium: Zuerst besteht das Verhältnis Deus accusator, cor defensor, welches sich dann zum cor accusator, Deus defensor wandelt: dies geschieht durch den Glauben allein [25].  Er bezeichnet dies als „eine barmherzige Selbstüberwindung des Richtergottes“ [26] und hebt hervor, dass das Gesetz immer die Gaze in der Wunde des gefallenen Menschen bleiben muss, so dass der Mensch immer weiß, dass sich diese Wunde nicht schließen darf, wenn er als Christ täglich neu aus der Vergebung heraus leben darf [27].

 

 

IV. Die immerwährende Versuchung der Werkgerechtigkeit

 

So ist dann jede Form der Werkgerechtigkeit, die der Mensch selbst ersinnt, um damit vor Gott und den Menschen zu punkten, betrügerische Sünde: Das harte Wort Jesu über die getünchten Gräber trifft hier voll zu (Mt 23,27). Das Anmelden jeden Anspruches vor Gott wird unweigerlich in die Irre der Selbstverliebtheit führen und von Gott verworfen werden. In dieser Sichtweise kann es nur diesen Weg geben. Und dies führt zu der Einsicht, dass der Christ in der evangelischen Verzweiflung an sich zugrunde gehen muss. Es muss die Ansicht über Bord geworfen werden, dass Glauben an Christus ein Besserwerden im moralischen Sinne ist [28].

 

So ist an diesem Punkt auf einen weiteren wesentlichen Aspekt reformatorischer Theologie zu verweisen: die Unterscheidung von Werk und Person. Nicht die Werke machen die Person aus, sondern genau umgekehrt: Der gerechtfertigte Sünder, der sich unter das schmerzliche Verdikt Gottes beugt und erkennt, dass er der erbarmenden Liebe Gottes bedarf, macht das Werk aus: nicht umgekehrt. Die bequeme Ansicht, dass das Werk den Meister ehrt [29], kann coram Deo nicht greifen. Luther hat dies immer wieder klar herausgearbeitet und erst die moderne Weltsüchtigkeit der modernen Theologie und Kirche hat dazu geführt, dass hier neuerdings das Pferd von hinten aufgezäumt wird. Die stärker werdende Bedeutungslosigkeit der evangelischen Kirche hat mit dem Abirren von dieser urevangelischen Wahrheit zu tun. Bevor man nicht glaubt und an sich selbst zerbricht, kann man keine guten Werke, wie verheißungsvoll sie auch immer scheinen mögen, tun. In scharfer Klarheit hat Luther dies in der Zirkulardisputation de veste nuptiali vom 15.6.1537 herausgearbeitet [30].

 

Es kann theologisch kein Zweifel daran bestehen, dass es folglich Blasphemie ist, in den Werken die Rechtfertigung zu suchen. Luther hat dies in der 67. These de Lege 1537 anlässlich der Praepositiones disputatae Wittembergae pro docturatu D. Hieron. Weller et M. Nik. Medler vertieft [31]. Es geht um nichts Geringeres als um die Rechtfertigung: der Artikel mit dem die Kirche steht und fällt. In der Zeit schwersten kirchlichen Ringens hat Bonhoeffer darauf verwiesen, dass das „Formalprinzip der deutschen Reformation“, der „alleinige Grundsatz reformatorischen Denkens“ niemals aufgegeben werden darf [32], wenn man Kirche bleiben bzw. wieder werden will. Selbsterwählte gute Werke können eher von Gott wegführen um die eigene Wichtigkeit und das Treppchen des eigenen Ruhmes zu erhöhen: Hier verfällt man in Götzendienst, der genau das Gegenteil von dem bewirkt, was erreicht werden soll. Es ist eine gefährliche Selbsttäuschung, der es ständig neu zu wehren gilt. Die Verabsolutierung des weltlichen Friedens ist eine gefährliche Größe, wenn man nicht zuvor den Frieden mit Gott geschlossen hat, was nur aus der ehrlichen evangelischen Verzweiflung kommen kann. „Mein gute Werk, die galten nicht“ hat Luther in seinem wunderbaren Reformationslied „Nun freut euch lieben Christengmein“ gedichtet: tiefste theologische Wahrheit ist hier auf den Punkt gebracht [33]. Glaube besteht nur ohne das Werk – will man es anders haben, dann ist dies nach Luther kein christlicher Glauben [34].

 

Besinnung auf urreformatorische Theologie tut hier Not, und in diesem Punkt muss konsequenterweise radikal geglaubt werden: Eine Beliebigkeit in dieser Lehrfrage kann nur in völliger Verwirrung enden – mit Fichte zu sagen in der Selbstvergottung des Menschen. Wir erleben es dann in der Verzettelung in ethischen Fragen in vielerlei Gestalt. Bevor nicht der Vorzeichenwechsel stattgefunden hat, geht der Mensch sonst unweigerlich in die Irre. In der Besinnung an diesem Punkt kann Theologie und Kirche keinen Kompromiss schließen. Ein Wirken kann erst erfolgen, wenn ich an diesen Punkt komme: „hier ist nur die empfangende Hand, das hörende Ohr, das Herz, das glaubt, liebt und hofft“ [35]. Erst wenn die Einheit von Glauben und Christus besteht – ungetrübt durch alle Werke – kann sich der durch die erbarmende Liebe beschenkte Sünder der Welt zuwenden und in ihr wirken. Er wird dann mit aller Kraft und mit allem Nachdruck tun, weil er sich coram Deo gerechtfertigt weiß, denn das entscheidende Tun hat Gott bereits vollbracht. Man braucht sich weder den Himmel noch eine irdische Glückseligkeit zu verdienen: Es ist vollbracht (Joh 19,30; Lk 18,31; 22,37); ich darf mich diesem Werk und diesem Heiland anschließen, alles andre ist nichts anderes als Götzendienst. Von dem Eintreten Christi als meinem Anwalt lebe ich in der festen Zuversicht, dass er den Freispruch für mich erwirkt hat. So wie die Advocard Anwalts Liebling ist, so ist Christus des Sünders Liebstes – weil er die Rettung ist.

 

 

V. Der pelagianische Grundirrtum

 

Eine „Erziehung zum Frieden“ ist nur durch den Glauben an den versöhnenden Gott möglich. Der pelagianische Grundirrtum, der Mensch sei doch im Grunde gar nicht schlimm, muss theologisch klar beim Namen genannt werden. Gerade das tragische Flugunglück der Firma „Germanwings“ zeigt ja, welche Abgründe im Menschen schlummern und wozu er fähig ist. Deshalb ist alle neuhochdeutsche Werkgerechtigkeit wie sie von Teilen der kirchlichen Friedensbewegung verfolgt wird – etwa der badischen Landeskirche die nun „Landeskirche des Friedens“ werden möchte – klar als das zu sehen, was sie ist: wohlgemeint aber theologisch völlig verfehlt, da sie die dunkle Seite des Menschen ausblendet und hier auf dem „Gesetzesauge“ völlig erblindet ist. Es muss hier scharfe Gesetzespredigt erfolgen, die uns vor diesem humanistischen Wunschdenken bewahrt bzw. korrigiert.

 

Der alte Konflikt zwischen Pelagius und Augustin, zwischen Luther und Erasmus liegt hier in klarer Art und Weise in Neuauflage vor. Die aktuelle Welt- und Kriegslage ist der Spiegel der Bankrotterklärung dieser theologisch-substanzlosen Gutmenscherei. Erst wo diese Erkenntnis des Bösen wirklich erfolgt, kann man die Notwendigkeit des Evangeliums erkennen: „Das Gesetz soll dem Menschen zeigen: Du brauchst Jesus Christus! Das Evangelium dagegen bezeugt: der, den du brauchst, ist hier! (Rö 7,7; Jes 50,8)“ [36]. Ohne das Dunkel des Leides, der Gewalt und auch des Krieges ist das Licht des Evangeliums immer in der Gefahr zu einer Farce zu verkommen – ohne den entscheidenden Tiefgang. Die Predigt des Evangeliums ist untrennbar mit der Predigt des Gesetzes verbunden: ohne die schneidende Schärfe des Gesetzes verkommt die Botschaft des Evangeliums zu einem substanzlosen Gefasel, das in seichtem Gutmenschentum verkommt, das der Suchende, der Angefochtene und der Zweifler mit traumwandlerischer Sicherheit als das entlarvt, was es ist: frommer Schein und im letzten Grunde nichts anderes als Heuchelei (Lk 12,1). Hermann Bezzel hat unter Verweis auf Jer 31,20 auf den „vernichtenden Ernst“ und das „ertötende Urteil des Richters“ [37] hingewiesen ohne welche das erlösende Wort der Vergebung gar nicht gehört werden kann. Ohne den Gerichtsernst verkommt das Evangelium letztlich zur billigen Gnade, mit der der Mensch so selbstverständlich umgeht, als stehe sie ihm zu. Die Predigt des Gesetzes muss uns warnen und sensibilisieren. Als junger frischgebackener Ehemann wollte ich einmal eine Lampe in der ersten gemeinsamen Wohnung anbringen und wurstelte mit meinem Schraubenzieher und der Lampe lustig an den Drähten herum, von denen ich meinte, sie seien ohne Strom. Als ich meine mir frisch Angetraute bat, mir die anzubringende Lampe zu reichen und ein wenig hochzuhalten, da ich auf der Leiter stand, und sie versehentlich mit der Lampe die Drähte berührte, knallte die Sicherung aus dem Kasten, die Funken stoben und ich wäre durch das falsche Wähnen fast Witwer geworden in den ersten Ehetagen. Es war ein fataler Irrtum zu meinen, die Leitung führe keinen Strom. Sie sahen ja auch ganz harmlos aus. So muss in der Kirche Christi die vernachlässigte Gesetzespredigt in das rechte Licht und zu ihrem Recht kommen, denn wer hier falsch sieht, der kann nur zum Kurzschluss kommen. Und er kann Schaden nehmen.

 

 

VI. Des Übels Wurzel

 

Von Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, ging und geht weder Bedrohung, noch Gewalt noch Krieg aus. Vielmehr hat die Gottlosigkeit immer dazu geführt, dass es zu Mord und Totschlag in der Welt gekommen ist. Dies gilt für den Mikrokosmos des einzelnen Menschen wie für den Makrokosmos der Staatenwelt in der großen Politik. Es ist die gleiche Ursache und das gleiche Grundübel, das in dem Sündenfall seinen Anfang nahm. In seiner großartigen Friedenspredigt in Barcelona nennt Bonhoeffer dies den Riss: ein Bild, das er trefflich zeichnet [38]. Dieser Zustand wird sich bis zum Ende dieser Welt nur da ändern, wo der christliche Glaube  durch Wort und Sakrament angenommen und dieser verlorenen Welt bezeugt wird. An diesem Punkt muss christliche Theologie scharf reden und eben nicht den selbstverliebten Versuchungen des Pelagianismus in alter oder neuer Form frönen. Dies führt immer in die Katastrophe. Der deutlichste Beweis dieser These ist die Vergottung des Staates und seiner Vertreter: Am deutlichsten wurde dies im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte – im Nationalsozialismus, der den Anspruch des ersten Gebotes von dem lebendigen Gott auf die Person Adolf Hitlers übertrug und durchzusetzen versuchte. Wo diese Formen der Gottlosigkeit entstehen und Vollmacht beanspruchen, folgt immer Gewalt und Leid durch Kriege und andere Dinge.

 

Es wird die Dynamik des Bösen unterschätzt: im Großen wie im Kleinen. Das gilt besonders für eine zu positive Anthropologie; gerade die Geschichte des ersten Weltkrieges lehrt, welche Dynamik das Böse zu entwickeln vermag: So ist nach den Erkenntnissen der neueren Geschichtsforschung davon auszugehen, dass die fatale Fortschrittsgläubigkeit des beginnenden 20. Jahrhunderts, die Kulturverliebtheit und eine falsche Anthropologie im Wesentlichen dazu beitrugen, dass sich die Gewalt des Weltkrieges derart entfesselte. Noch im Sommer 1914 hätte die Mehrheit der dann Kriegführenden eine derartige Entwicklung und Ausweitung der Ereignisse für unmöglich gehalten. Dietrich Bonhoeffer hat das in einer Predigt [39] in New York 1930 völlig unmissverständlich gesagt: „before the war we lived too far from God, we believed too much in our own power, in our almightiness and righteousness. We attempted to be a strong and good people, but we were too proud of our endeavors, we felt too much satisfaction with our scientific, economic and social progress and we identified this progress with the coming of the kingdom of God. We felt too happy and complacent in this world, our souls were too much at home in this world. Then the great disillusionment came. We saw the impotence and the weakness of humanity, we were suddenly awaked from our dream, we recognized our guiltiness before God and we humbled ourselves under the mighty hand of God” [40].

 

Dies ist für uns heute im 21. Jahrhundert eine deutliche Warnung: Die herangewachsene Nachkriegsgeneration kann sich einen Krieg in Europa gar nicht mehr vorstellen und ist gedanklich davon sehr weit entfernt. Das Erschrecken angesichts der Kriege direkt vor der europäischen Haustür zeugt von der gleichen Hybris, mit der die Fortschrittgläubigen 1914 in den Weltkrieg zogen in dem fatalen Glauben, dass man dies „im Griff habe“. Man muss befürchten, dass der politische Frieden heute so selbstverständlich geworden ist, dass man ihn gar nicht mehr hochschätzt als das höchste Gut auf Erden, da man die Schrecken von Krieg, Revolution nur aus den sorgsam aufbereiteten Medien und den Geschichtsbüchern kennt. Bonhoeffer hat m.E. nicht zu Unrecht vor einer Idealisierung oder Romantisierung des Krieges durch die Literatur – wir würden heute von Medien sprechen – gewarnt [41]. Er sagt, dass gerade das Gespräch mit Menschen, die den Krieg nicht aus eigenem Erleben kannten, ihn sehr nachdenklich werden ließ, welche Wirkung die Literatur über den Krieg hier hervorrufe. Die unübersehbare Medienflut zum Thema Krieg heute aktualisiert diese Frage in brennender Art und Weise.

 

 

VII. Fortschritt?

 

Man kann im Bereich der kirchlichen Friedensethik zuweilen von einer Fortschrittsideologie sprechen, die sich realiter nicht verifizieren lässt. Man muss diesen rationalistischen Ideologieglauben einer gewissen Naivität bezichtigen, die weltfremd und utopisch ist. Von daher setzt man einerseits zu viel Vertrauen in die Fähigkeiten der Politik und zum anderen in ihre Institutionen wie die UNO, die dem Ziel des Friedens dienen können. Gerade heute sind wir einem gefährlichen neuen Machbarkeitswahn verfallen, als ob es in der Hand und im Willen des Menschen liegen kann, den Frieden zu schaffen oder zu erhalten. Mancher Politiker ist hier sehr viel glaubwürdiger als kirchliche Utopisten, die auf den lieben St. Nimmerleinstag warten. Nicht von ungefähr hat sich in weiten Bereichen der christlichen Ethik in den vergangenen Jahrzehnten die Gewohnheit eingeschlichen, neben der biblischen Aussage auf andere Erkenntnisquellen zu verfallen, die dann in der Friedensethik verwendet wurden unter christlichem Namen – ohne dies jedoch zu sein. Es sei hier an Johan Galtung, Dieter Senghaas, Carl Friedrich von Weizsäcker oder neuerdings sogar Konstantin Wecker erinnert. Es handelt sich gerade in der evangelischen Welt um eine dezidierte Unsicherheit in einer eminent wichtigen Lehrfrage (Mk 7,8). Anstatt die Ideologisierung und Utopisierung weiter voranzutreiben, wie es in der Lehre vom gerechten Frieden m.E. geschehen ist, hat der reformatorisch begründete Protestantismus immer auf evangelisch-nüchterne Art zu fragen, woher der Frieden kommt, wie er erhalten werden kann und welche Gefahren bestehen, die der Mensch von sich aus nicht allein „beherrschen kann. Es ist wichtig zu erkennen, welche Grenzen hier dem Menschen gesetzt sind. Gerade dies wird in der biblischen Botschaft aufs Schärfste betont. Bonhoeffer hat dies grundlegend herausgearbeitet: „Noch viel weniger sollen wir meinen durch politische Verträge, die äußere Sünde, die Schrecken des Krieges abschaffen zu können. Solange die Welt Gott los ist, werden Kriege sein…So gibt es keine menschlichen Möglichkeiten, den Frieden aufzurichten, zu organisieren. Ja, solcher menschliche Versuch auf politischem Wege kann gerade wieder die Herrschaft des selbstherrlichen Menschen, Sünde sein. Es gibt keinen gesicherten Frieden. Der Christ kann nur den Frieden wagen aus dem Glauben. So gibt es keine direkte Menschenverbrüderung, es gibt nur den Zugang zum Feind über das Gebet zum Herrn aller Völker [42].

 

Diese Fragestellung kann folglich nur auf den Aussagen der Schrift fußen. Sola-Scriptura ist das Gebot der Stunde: In aller Demut und Bescheidenheit ist nach den Aussagen der Bibel zu fragen. Das, was wir von Gott wissen dürfen, ist die einzig legitime theologische Grundlage für die christliche Erkenntnis. Alles andere hat dahinter zurück zu treten. Denn die Erklärung, was der Mensch ist und wie die Welt ist, findet die Antwort Gottes. Es ist fatal, hiergegen handeln zu wollen. Der selektive Biblizismus, den ich in weiten Teilen der kirchlichen Friedensarbeit heute feststelle, der oft gefährlich dünn ist, führt zur partiellen geistlichen Erblindung und zur kirchlichen Kultivierung fragwürdiger Lehre, die sich weder mit Schrift noch den Bekenntnisschriften des christlichen Kirche decken. Insofern sehe ich die evangelische Kirche um fast 100 Jahre zurückversetzt: Mit Recht hat Hans Joachim Iwand die Zeit nach dem ersten Weltkrieg als die „Zeit der Epoche des Ringens um das Wort“ [43] gekennzeichnet. Dieses Ringen um das Wort bzw. die Rückbesinnung auf die Theologie des Wortes scheint wieder gekommen zu sein. Die schwindende Bedeutung der reformatorischen Theologie und speziell der lutherischen Theologie zwingt zur Besinnung auf Kern und Wesen der Theologie und der kirchlichen Arbeit. Die Besinnung auf das Wesentliche ist das Gebot der Stunde und die Freilegung der theologischen Fundamente. Mit anderen Worten: ad fontes. Ein hervorragendes Werkzeug ist uns heute mit der Neuedition der lutherischen Bekenntnisschriften an die Hand gegeben. Um in der unübersichtlichen Situation klarer des Pudels Kern [44] entdecken zu können, ist dies die maßgebliche Kompassnadel, die in die richtige Richtung weist. 

 

Deshalb ist die ausführliche exegetische Untersuchung zum Thema unumgänglich geworden, denn das Verkommen der evangelischen Lehre zu einem „Sprechsaal der Meinungen“ (Bezzel) trägt zur inneren Aushöhlung und Erosion der evangelischen Kirche bei, wie man sie seit dem Antreten der Paradigmenwechsler in der Kirche schmerzlich wahrnehmen muss. Der äußere Verfallsprozess unserer Kirche – das muss man mit Schmerz und Trauer zur Kenntnis nehmen – beruht auf innerer Vernachlässigung der Lehre bzw. auf bewusstem Umbau der christlichen Lehre. Es ist im Grunde ein Bußruf, der zur Besinnung rufen muss. Bonhoeffer hat gezeigt, dass man an diesem Punkt theologisch kompromisslos sein muss: „es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt kompromisslos einzustehen. Und mir scheint der Friede und soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus, sei so etwas“ [45].

 

Die in den letzten Jahren immer wieder heftig geführten Auseinandersetzungen in der evangelischen Kirche – etwa um das Verständnis von Ehe und Familie oder die von weiten Teilen der Pfarrerschaft hoch geschätzten Minderheitentheologien – haben zu einer unverantwortbaren Aushöhlung der christlichen Lehre beigetragen. Es können nicht alle Meinungen gleichberechtigt nebeneinander stehen bleiben.

 

 

VIII. Der Befund AT

 

Der Begriff des Schalom kommt in der BHS laut SESB 267-mal vor in insgesamt 238 Versen. In der LXX ist Schalom zumeist mit eirene wiedergegeben: eirene kommt 274-mal in 250 Versen vor. Die Zahlen sind hier fast deckungsgleich. Im NT wird Eirene 92-mal in 87 Versen gefunden. Es handelt sich also um häufig gebrauchte Worte. Auf die vielfältige Verwendung des Begriffes Schalom wurde ausführlich und fundiert verwiesen [46]. F.J. Stendebach hat darauf verwiesen, dass man dem Begriff Schalom als Frieden nur bedingt gerecht wird, wenn verschiedene Einzelbedeutungen unter einen Begriff „gezwungen werden [47]. Er verweist auf die verschiedenen Verwendungen von Schalom als positivem Begriff: dies kann im politisch-militärischen Bereich gemeint sein. Dies kann aber auch auf die Bereiche des Rechtes, des Kultes, der Sozialordnung oder auch der Fruchtbarkeit bezogen sein. Es verbietet sich von daher die unreflektierte Verwendung auf dem politisch-militärischen Bereich. Im Hinblick auf die Übersetzung als eirene ist zu konstatieren, dass schalom auch als soteria (Gen 41,16) oder soterion (Gen 29,6; 37,14) übersetzt wird. Jos 10,21 übersetzt schalom als hygies bzw. hygieinein. Konstant ist nach Stendebach nur der Gebrauch als eirene: der dem Menschen von Gott geschenkte Schalom. Gerhard von Rad hat darauf verwiesen, dass Schalom ein Übergewicht nach der materiellen Seite hat: leibliche Gesundheit, Wohlstand, Zufriedenheit [48]. Von Rad spricht von einem „Zustand des harmonischen Gleichgewichtes, der Ausgewogenheit alle Ansprüche und Bedürfnisse zwischen zwei Partnern“ [49]. Die Bedeutungsbreite des Schalombegriffes verbiete folglich eine Verengung auf das rein politisch-militärische: Vielmehr hat Claus Westermann gezeigt, dass hier eine Ausweitung des Schalombegriffes mit einem gewandeten Kriegsverständnis einher gegangen ist. Von daher ist es unzulässig, alles als „Frieden“ in einen Topf zu werfen. Vielmehr muss geschieden werden und das Verständnis geweitet werden. Die Verschiebung des Begriffes schalom in den politischen Bereich erfolgt erst im Dtn [50]. Es handelt sich dann um den Zustand einer „pax israelitica, die notfalls militärisch durchgesetzt wird“: Es ist der Schalom für das Volk Israel notfalls mit Gewaltanwendung verbunden und damit unvermeidlich, zumal Schalom mit Fremdvölkern verboten wird (Dtn 23,7). Schalom dient also dem Lebens- und Daseinsrecht des Volkes Israels, dessen Interessen mit Gewalt durchgesetzt werden müssen. So kann auch das unversehrte Rückkehr eines Heeres aus dem Krieg unter diesen Begriff gefasst werden (Jos 10,21; Ri 8,9; 11,31; 1 Sam 29,7; 2 Sam 3,21.22.23; 15,9.27; 19,25.31; 1 Kön 2,6; 22,17.27.28; 2 Kön 22,20). Im Gegensatz dazu kann es auch theologisch bedeuten, in Frieden sein Leben zu beenden. Schalom kann ein Leitwort sein, wenn in der Revolte Jehus nach Schalom gefragt wird: kommst du in friedlicher Absicht – oder nicht (2 Kön 9,11.17-19)?

 

Schalom ist in der prophetischen Literatur erst bei Jesaja belegt und meint die durch den König zu schützende Weltordnung: diese entsteht durch Gerechtigkeit und Recht [51]. Dies kann nur durch Hinwendung zu Gott geschehen [52]. Ohne die Gerechtigkeit ist kein Schalom zu haben. Dies ist als ein Werk Gottes zu verstehen, wie Jes 45,7 belegt [53]: sowohl das Heil des Schalom als auch das Unheil der Welt (hebr. raa [54]) wird von Gott geschaffen: es handelt sich um geschichtliches Wirken. Jes 48,18 sagt Israel zu, dass das Halten der göttlichen Gebote Gerechtigkeit und Frieden bringen würde, wenn es denn geschehen wäre: die Verbindung von sedakah und Schalom findet sich in BHS 5-mal: Ps 72,3; Jes 9,6; 32,17; 48,18; 60,17. Die Verbindung von maaseh und Schalom ist ebenfalls an drei Stellen belegt: 1 Chr 9,31; Jes 26,12; 32,17. Gerade Jes 26,12 lässt keinen Zweifel offen, dass es sich nur um ein Handeln Gottes gehen kann. Das Volk ist in seinem Ergehen ganz auf Gottes Handeln angewiesen und nur das Erfüllen der göttlichen Forderung des völligen Vertrauens auf ihn allein wird zum Schalom führen. Es ist nichts Geringeres als das erste Gebot. Die zentrale göttliche Forderung, keine anderen Götter – in welcher Gestalt auch immer – zu verehren. In einer multireligiösen Welt des 21. Jahrhunderts gewinnt dies eine brennende Aktualität wie die Ereignisse in Bremen um die Predigt von Pastor Olaf Latzel gezeigt haben.

Bei DtrJes ist Schalom dann zu einem eschatologischem Begriff geworden. Bei dem Propheten Micha wird Schalom zu einem polemischen Begriff gegen falsche Heilsprophetie (Mi 3,5), die am eigenen Wunsch und Wohlergehen ausgerichtet ist, nicht aber am Wort Jahwes, der diese Propheten nicht gesandt hat [55]. Auch Jeremia warnt nachdrücklich vor falschen Friedensrufen, die vom Vertrauen auf Gott allein wegrufen und eigene Ziele verfolgen: Jer 4,10; 6,14; 8,11. Ähnlich findet sich dies bei Ezechiel (13,10.16; 7,25). Bei Jeremia ist die Verwendung des Schalom sehr aufschlussreich [56], denn er warnt nicht nur vor falscher Heilsprophetie, sondern sagt auch dem Volk im Exil Schalom zu, das sie für die Eroberer erwirken können: Dies ist eine Ausweitung des Schalom in dieser besonderen historischen Situation [57]. Von Bedeutung ist die Beziehung des Schalom zum Bund, den Gott mit seinem Volk schließt: dies findet sich neben Ez 34,25; 37,26 in Num 25,12; Jes 54,10 und Mal 2,5. Hier wird die besondere Verheißung weg vom immanenten Leben des Volkes Gottes eschatologisch ausgeweitet. Im Psalter wird der Schalom ausgeweitet auf das umfassende Wohlsein inklusive der rechten Weltordnung [58].

 

F.J. Stendebach kommt zu dem Ergebnis, dass es insgesamt eine Trennung von profanem und theologischen Gebrauch des Schalom nicht gibt. Das rechte Verhältnis zu Gott bestimmt das irdische Wohlergehen: stimmt das Verhältnis zu Gott, so ist das irdische Wohlergehen gesichert. Da dies jedoch nach dem Fall nicht stimmt, hat der Gedanke eines allumfassenden Schalom auf Erden keine Verheißung. Vielmehr ist das Geschehen dieser Welt ein beredtes Zeugnis von der Verkehrtheit des Menschen, der dann zum Unfrieden neigt, wenn er sich von Gott abwendet und seiner Wege geht: Hier ist die prophetische Kritik an Deutlichkeit nicht zu überbieten. Bonhoeffer hat dies in seiner großartigen Friedenspredigt in Barcelona in unüberbietbarer Klarheit gezeigt und hier jedem Schwärmertum klar die rote Karte gezeigt [59]. Gewalt, Krieg und alles Elend dieser Welt rührt daher aus dem Fall des Menschen, der coram Deo als erlösungsbedürftiger Sünder vor ihm steht. Alle falschen Friedenserwartungen im Mikrokosmos des eigenen Lebens und im Makrokosmos der Weltereignisse, die wir in der Tagesschau jede Tag sehen, haben im gestörten Gottesverhältnis – sprich in der Sünde des Menschen – ihre Wurzel. Hier nun setzt der Friedensbegriff des NT ein, der um diesen Fall – um diesen „Riss“ wie es Bonhoeffer treffend genannt hat – weiß. So wie es im AT völlig klar ist, dass der Schalom mit Jahwe untrennbar verbunden ist – als seine Gabe – und keineswegs auf den Gegensatz zum Krieg [60] beschränkt sein kann [61], so ist der Eirene-Begriff im NT untrennbar mit Gott in Jesus Christus verbunden.

 

 

IX. Der Befund NT

 

Man kann im NT von einer fünffachen Verwendung des Eirene-Begriffes ausgehen [62]:

 

1. Wie bei Schalom handelt es sich zunächst um den normalen Zustand aller Dinge: Eirene ist dann der Gegensatz zu akatastasia [63]; es handelt sich dabei um immanente Zustände dieser Welt, die zunächst nicht einmal ethisch zu werten sind. Dies kommt dem rabbinischem Gebrauch von Schalom am nächsten [64].

 

2. Der zweite Gebrauch ist das Kommen Christi als eschatologisches Heil für den ganzen Menschen: Es handelt sich um den von Engeln verkündeten Frieden, der allein im Kommen Christi begründet ist: Lk 2,14; 19,42, Off 12,10. Dies kann als geschichtliches Ereignis verstanden werden: Hebr 7,2; 13,20; dies ist das Evangelium des Friedens: Heil ist in Christus: Eph 6,15: Er gibt die ersehnte eirene. Tlipsis steht eirene gegenüber: Joh 16,33. Eirene ist dann kein Wunsch, sondern Gabe des Christus – konkret Mk 5,34; Lk 7,50. Sie bringt nicht nur Einigkeit unter den Menschen sondern kann auch zu bitterer Feindschaft untereinander führen. Es scheiden sich die Geister: Mt 10,34f. Eirene steht dann inhaltlich parallel zum Leben (zoe): Rö 8,6. Der Gegensatz Tod und Leben bzw. Streben des Geistes steht dem Streben des Fleisches diametral entgegen. So beschreibt es Bonhoeffer in seiner theologischen Begründung der Weltbundarbeit 1932, indem er darauf verweist, dass „der einzig tragende Grund aller Gemeinschaft des Friedens“ die Vergebung der Sünde ist [65]. Bonhoeffer weitet den Friedensbegriff eschatologisch aus „auf die neue Schöpfung hin“. Hier bekommt eirene eine zutiefst theologische Ausweitung, die Bonhoeffer sehr hoch ansiedelt und dem Weltbund damit sehr hohe Anforderungen stellt, die sich historisch leider nicht bewahrheitet haben. Bonhoeffer sieht hier die Grenzen des empirisch Machbaren sehr optimistisch: Der Fortgang der Geschichte hat ihm leider nicht Recht gegeben und sein Ansatz kann konsequenterweise nur im Hinblick auf das kommende Reich Gottes verkündigt werden. In dieser treuen Verkündigung sieht er den entscheiden Dienst der Kirche. Darin darf sie nach seiner Ansicht nicht müde werden: „sie richtet aus, sonst nichts“ [66].

Unter Berücksichtigung von 2 Petr 3,14 kann man von der Wiederherstellung des geistleiblichen Seins nach dem Bilde sprechen, wie es der Mensch nach dem Fall verloren hat. Deshalb wird Gott als Gott des Friedens bezeichnet (Rö 1,7; 15,33; 16,20; Phil 4,9; 1 Thess 5,23), der durch die Gabe des Christus den Zustand des Menschen (status originalis) wiederherstellt. So ist das Heil des Menschen in der Auferstehung begründet. Dies ist daher die zentrale Mitte der christlichen Verkündigung: Gott hat in Kreuz und Auferstehung Frieden geschaffen. Er hat den gefallenen Menschen wiederaufgerichtet. Christus ist konsequenterweise der Frieden des auf ihn vertrauenden Menschen (autos gar estin he eirenen hemon) Eph 2,14 [67].

 

3. Die dritte Verwendung im NT ist der Friede mit Gott: Unter Berücksichtigung von Jes 57,19 wird das Verhältnis Gott-Mensch im Sinne der eirene definiert: Eph 2,14-17. Das Verhältnis – durch die Sünde gestört – wird wiederhergestellt durch das Opfer Christi. Hier entsteht ein neues altes Sein des Christen und die Basis für sein neues Leben als Christ (Rö 5,1) [68]. Eirene ist das Verhältnis des Gläubigen zu Gott (Rö 14,19).

 

4. Dieser Friedensschluss bedingt dann die vierte Verwendung der eirene der Menschen untereinander: Es wird wohl im Gleichnis vom Schalksknecht am deutlichsten: Mt 18,21-35. Der die Gemeinde beseelende Friedensschluss muss Konsequenzen im zwischenmenschlichen Bereich haben: Rö 14,17 betont, dass das Reich Gottes eben nicht aus irdischen Gütern besteht, sondern vielmehr aus eirene und dikaiosyne (2 Tim 2,22; Hebr 7,2 und Jak 3,18 [69]). Hier ist zu bemerken, dass dies nicht für einen allgemeinen Weltfrieden gilt, denn gerade diesen Frieden wollen die Gottlosen nicht (Jes 57,21): Der Begriff der Gottlosen (hebr. Rascha 327-mal in BHS bzw. asebees 242-mal in LXX) ist hier von großer Bedeutung, da es ohne das bereinigte Gottesverhältnis nicht zum Frieden bewegen kann. Man muss deshalb bedenken – ähnlich wie bei den Seligpreisungen der Bergpredigt: Der zwischenmenschliche Frieden in Form von Schalom oder eirene richtet sich an das Volk Gottes bzw. die Gemeinde des Gekreuzigten und Auferstanden. Es handelt sich nicht um allgemeine Weltzustände in Form eines ewigen Friedens wie ihn Immanuel Kant 1795 ersann oder wie auch heute mancher gutmenschlich verbrämte Theologe dies für erstrebenswert oder realisierbar hält, sondern hier geht es um von Gott auserwählte und begnadete Menschen.

 

Nur wer die vergebende Liebe Gottes erfahren hat und sich in Wort und Sakrament gegründet weiß, wird zum zwischenmenschlichen Frieden fähig sein und nur so in dieser Welt dem Frieden der Menschen untereinander dienen können. Alle moralischen Appelle oder Erziehungsprogramme, die diesen ersten Schritt ausklammern, werden kläglich scheitern, da sie nicht das Fundament der göttlichen Verheißung haben. Es wird kein Gesetzesgehorsam dazu führen oder zwingen können, weil er den Menschen unverändert lässt. Wo aber der Glaube an die Liebe Gottes sich Bahn bricht und Gott in das Leben eines Menschen tritt, da erschallt der Friedensgruß. Nur dieser Mensch, der erkannt hat, dass er aus der Gnade und der Barmherzigkeit lebt, wird dazu fähig sein. Alles andere endet im timor servilis und wird immer wieder eskalieren oder explodieren. Nur die bittere Erkenntnis des verlorenen Menschen, dem Gott aus barmherziger Liebe die Sünden vergibt, kommt zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes und kann Frieden schließen. Dann wird alle oberflächliche Friedensbemühung zu nichts und der wahre christliche Friede wird möglich.

 

Wenn man heute etwa Franz Alts [70] wohlgemeinte Ausführungen zum Frieden liest, muss man sie als das erkennen, was sie waren und sind: schwärmerische Utopien, die das Papier nicht wert waren, auf dem sie so zahlreich und wohlfeil gedruckt waren. Am Umgang der Christen miteinander und untereinander kann man das erkennen. Das ganze NT zeigt, was hier der Maßstab ist und auch die Unmöglichkeit den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun: Bevor das Verhältnis zu Gott nicht bereinigt ist, kann kein zwischenmenschlicher Friede möglich sein. Erst wo dieser Frieden geschlossen ist, kann eine Veränderung unter den Menschen stattfinden. Alles andere ist und bleibt humanistische Kosmetik und frommer Selbstbetrug. Die Aufgabe der christlichen Kirche kann also nur darin bestehen, diesen Frieden zu predigen und zu bezeugen: Nur wo der Mensch sich in Erkenntnis seiner unbezahlbaren Schuldenberge unter die Forderung Gottes stellt und erkennt, dass es nur seine Barmherzigkeit ist, kann es zu Vergebung und Versöhnung kommen. Die Versöhnung mit Gott ist der entscheidende Ruf (2 Kor 5,20), dem wir als seine Botschafter zu folgen haben, weil er die Schuldkette und den Selbstbehauptungsdrang des Menschen unterbricht bzw. zerbricht. Das ist elementare theologia crucis [71] und nichts Geringeres. In voller Konsequenz hat Bonhoeffer in seiner Auslegung der Bergpredigt herausgestellt, dass allein das Kreuz der Frieden des Christen ist [72]. Wo wir versuchen andere Wege zu gehen, werden wir als Kirche unserem Auftrag untreu. Bonhoeffer warnt ausdrücklich vor „mancherlei missverstandenem christlichen Aktivismus“ [73]. Deshalb kann dem Frieden nur gedient werden durch klare Verkündigung des Evangeliums: Dies helle Licht der vergebenden Gnade Gottes kann nur vor dem dunklen Ernst des hinrichtenden Gesetzes zur Wirkung kommen – wie oben gesehen. So hat es gerade Bonhoeffer immer wieder betont, dass Frieden nur vom Kreuz her kommen kann [74]. Deshalb ist es meiner Ansicht nach dringend geboten, hier zum reformatorischen bzw. paulinischen Denken zurückzukehren. Der schmerzliche Zerfall der evangelischen Kirche in Deutschland geht auch auf die mangelnde Klarheit diesbezüglich zurück.

 

So hat Luther gezeigt, dass man an diesem Punkt Klartext reden muss: Der Mensch muss sich in seinem wirklichen Zustand erkennen und an sich selbst zugrunde gehen. Es ist unabdingbar, hier wieder zu Klarheit und Einfachheit zurückzukehren. Man mag es mit vielen neuzeitlichen Segnungen vergleichen: Die verwirrende Vielfalt und die Verzettelung sind große Gefahren unserer Zeit. Einfachste Lebensvorgänge sind so kompliziert und undurchschaubar geworden, dass es für junge Menschen oft schwer ist, den Durchblick zu gewinnen bzw. die Übersicht zu behalten. Deshalb führen viele Menschen ihr Leben nur noch auf Nebenkriegsschauplätzen und kommen vor lauter – eigentlich belanglosen – Nebensächlichkeiten kaum noch zu dem, was man früher als das „wahre Leben“ bezeichnet hat. So ist es für mich sehr fragwürdig, wenn sich ein Berufsanfänger heute schon Gedanken über seine zusätzliche Altersvorsorge machen soll, weil er ja sonst eventuell im Alter verarmen könnte, weil die regulär erwirtschaftete Rente möglicherweise nicht ausreicht. Wie soll der Sorgengeist solche junge Menschen nicht überfallen und handlungsunfähig für das Leben machen, wenn ich schon heute alles das bedenken soll, was Jahrzehnte später eventuell eintreffen könnte. Es nimmt die Perspektive und macht unglücklich: all die vielen Zukunftsängste von jungen Menschen, die Depressionen von Schülern, die Burnout-Symptome von Studenten, die noch nicht einmal angefangen haben zu arbeiten, sind doch warnende Zeichen, dass hier etwas nicht stimmt.

 

So auch in der Frage des Friedens der Menschen: Wenn wir den Friedensschluss mit Gott nicht suchen, werden wir keinen Frieden auf Erden bekommen. Spr 16,8 sagt klipp und klar, dass all diejenigen den Weg zur Eirene finden, die Gott auf rechte Weise suchen und Erkenntnis (gnosis) mit Gerechtigkeit erlangen. Die untrennbare Verbindung von Gerechtigkeit und Eirene ist mit Gott als Drittem im Bunde gekoppelt. D.h. dass hier coram Deo ein völlig anderer Maßstab herrscht, der nicht umgangen werden kann. Bonhoeffers Warnung vor dem christlichen Aktivismus würde sonst greifen und alles Handeln zweifellos ins Leere laufen. Alle anderen optimistischen Hoffnungen gehen sonst an der conditio humana zugrunde. In den furchtbaren Ereignissen des ersten Weltkrieges sind alle optimistischen Hoffnungen der Kulturseligen und Fortschrittgläubigen blutig zugrunde gegangen – als das Unvorstellbare Wahrheit wurde und der selbstverliebte Esel im Eis einbrach, auf dem er zuvor noch getanzt hatte. Der Zusammenbruch 1918 hat das klar gezeigt, und mit Recht hat es Helmut Thielicke 1945 als positiv herausgestellt [75], dass man die Frage nach den eigentlichen Fundamenten völlig neu stellte, als man in Deutschland begriff, welchem Abgott man aufgesessen war und der Verführung der falschen Heilsversprechen willig gefolgt war.

 

5. Von daher ist auch die fünfte Verwendung von eirene im NT zu sehen [76]: es handelt sich um den Seelenfrieden, den nur der hat, der Gott auf seiner Seite weiß. Dies steht in krassem Gegensatz zur stoischen Ruhe [77], sondern liegt im Eirene-Verständnis des NT als normaler, heilsamer Zustand begründet: Dies ist dann eirene – höher als alle Vernunft. Dies kann wiederum nur der Christ erhalten, der Gott als seinen „Gesell“ weiß – nämlich den auf seiner Seite Stehenden – wie es Paul Gerhardt so unnachahmlich sagt:

Ich hang und bleib auch hangen

an Christus als ein Glied;

wo mein Haupt durch ist gangen,

da nimmt er mich auch mit.

Er reißet durch den Tod,

durch Welt, durch Sünd, durch Not,

er reißet durch die Höll,

ich bin stets sein Gesell [78].

 

X. Fazit

 

Alles Reden der Bibel vom Frieden bezeugt die unbedingt notwendige Verbindung zu Gott. Alles Heil des Menschen hängt am Verhältnis zu Gott: Wo der Mensch die irdischen Zustände als letzten Maßstab anlegt und in einen unevangelische Aktivismus verfällt, um selbst Frieden zu schaffen oder die Welt zu retten, kommt es zu Gewalt und Krieg in allen schrecklichen Formen, die dieser gefallenen Welt anhaften [79]. Sucht der Mensch sein Heilsein ohne Gott in Bescheidenheit und Demut, dann wird er zum reißenden Wolf. Der Frieden dieser Welt hängt mit dem Gott, den die Christenheit von jeher als allmächtig bezeichnet, untrennbar zusammen. Falsche Anthropologie führt wie oben gesehen, automatisch zu einem falschen Gottesbild und zur Verunstaltung seiner Botschaft an den Menschen. Frieden unter den Menschen rührt nicht aus Einsicht oder Vernunft, sondern nur aus der rechten Erkenntnis Gottes und seiner selbst. Wo das unscharf oder idealisierend gesehen wird, kann die katastrophale Folge nichts ausbleiben. Von Menschen, die von der Botschaft Gottes in Wort und Sakrament getroffen sind, ist niemals Gefährdung oder Unfrieden ausgegangen. Dabei ist die Trennung der zwei Reiche heute gerade in der Friedensethik unbedingt notwendig geworden: Die Entwicklung der heutigen Friedensethik rührt her aus der verständlichen Kriegsangst der Menschen, die die Erfahrungen zweier Weltkriege im 20. Jahrhundert gemacht haben und die wussten, dass der Mensch im Prinzip zu allem fähig ist. Der im status confessionis gefangene Mensch – incurvatus in se – ist zum Frieden unfähig und wird seinesgleichen immer ein Wolf bleiben: hier ist Titus Marcus Plautus [80] nach wie vor Recht zu geben.

 

Theologisch muss hier deshalb Klartext geredet werden: Christliche Verkündigung darf sich nicht in oberflächlichen Friedensbemühungen erschöpfen. Allgemeine Appelle an die menschliche Einsicht oder Vernunft sind so sinnvoll wie das Ausschöpfen der Nordsee mit einem Zahnputzbecher. Nörgelnde Ermahnungen oder „Warnungen“ oder sonstige kirchliche Bekundungen der vermeintlichen Friedensbemühungen, wie man sie etwa vom „Friedensbeauftragten“ [81] der EKD hören und lesen darf, führen sich selbst ad absurdum und entstellen im letzten Grunde die Botschaft des Schalom oder der eirene, die der Christenheit aufgetragen sind. Die Verabsolutierung des immanenten Friedens hat heute schon fast götzengleiche Züge angenommen und trägt wenig Früchte. Der Gang über einen beliebigen Schulhof irgendwo in Deutschland lehrt, dass die wohlgemeinten Friedensbemühungen so sinnvoll sind wie ein Pelzmantel in der Dampfsauna. Kirchliche Vertreter haben hier oftmals vergessen, dass Kirche nicht die bessere Politik zu machen hat oder die Aufsicht über die politisch Agierende zu führen hat.

 

Der Beitrag der christlichen Kirche für den Frieden in der Welt kann nur der Ruf zu Jesus Christus sein. Dies ist in den Debatten der vergangenen Jahrzehnte eindeutig zu kurz gekommen. Es ist hier nicht der Ort, dies zu beurteilen oder zu verwerfen: Jedoch ist der Zeitpunkt gekommen, die eigentliche christliche Friedenbotschaft zu verkündigen und zu bezeugen. Alles andere ist zunächst erst einmal den dafür Zuständigen zu überlassen, die ihres Amtes walten sollen und die auch dafür die Verantwortung tragen. Die Spielregeln unserer Demokratie sprechen hier eigentlich eine völlig eindeutige Sprache und verbieten die ständige kirchliche Aufdringlichkeit, als sei man in allen Fragen für alles zuständig oder kompetent. Zu oft zeigt sich hier eher Amtsanmaßung oder Dilettantismus, der beschämt und der Kirche des auferstandenen und wiederkommenden Gottes unwürdig ist. Vielmehr ist zu bedenken, dass wir in einer Welt leben, die voller Gewalt und Hass ist – theologisch gesprochen in einer gefallenen Welt –, die nichts nötiger hat als das erlösende Wort Gottes vom Frieden, den nur er allein in das unruhige Menschenherz bringen kann, wie schon Augustin klar erkannt hat.

 

Die moderne kirchliche Friedensethik ist weithin dem pelagianischen Grundirrtum aufgesessen, dass der Mensch im Grund ja gar nicht so schlimm ist. Es ist fatal, wenn man diesem Irrtum folgt: Nur die klare Hinwendung zu Jesus Christus kann individuell wie allgemein Frieden bringen, den man weder schaffen noch erhalten kann, wenn es Gott nicht gefällt. Der sich selbst überlassene Mensch hat immer wieder an sich selbst Schaden genommen und die Erde mit viel Blut getränkt. Deshalb ist die klare Verkündigung des Schalom und der Eirene immer klare Verkündigung von Jesus Christus. Nichts anderes. Alle selbsterwählten anderen Wege sind gescheitert und tun das auch noch heute. Hierbei müssen wir einerseits sehr bescheiden sein und bei uns selbst beginnen und andererseits aus der Fülle des göttlichen Friedens sehr großzügig austeilen an diese friedlose Welt.

 

 

XI. Sola fide

 

Theologisch bedeutet dies m.E. heute: Es muss eine Besinnung auf den lutherisch-reformatorischen Sinn der Rechtfertigung erfolgen, denn gerade die Friedensethik der letzten Jahrzehnte hat in eine pharisäische Selbstgerechtigkeit geführt, die in einer Sackgasse ohne Möglichkeit der Weiterfahrt feststeckt. Es bleibt nur die Besinnung auf den radikalen Grundsatz der paulinischen Glaubensgerechtigkeit, der jedes Werk erst einmal beiseite lässt und ohne jeden Anspruch vor Gott tritt. Luther hat dies in seiner zweiten Galatervorlesung scharf herausgearbeitet und vor jedem Rückfall in Gesetzlichkeit gewarnt [82]. Iwand hat vor dieser Gefahr im Hinblick auf den Antichristen, der aus der Glaubensgerechtigkeit eine neue Gesetzesgerechtigkeit machen will, gewarnt [83].

 

Wenn Christen sich nicht als begnadigte Sünder begreifen, werden wir sehr genau darauf achten müssen, welche Art von Gerechtigkeit wir verkünden: Immanent menschliche Gerechtigkeit ist von der Glaubensgerechtigkeit, die allein auf Christus vertraut, grundlegend geschieden. Bereits im AT ist diese Gerechtigkeit Gottes grundlegend von der menschlichen Gerechtigkeit unterschieden [84]. Alle Gleichnisse Jesu haben den Sinn, dass sie uns genau diesen Maßstab, der vor Gott gilt, zeigen sollen: Es geht nicht um das immanente Bemühen des Menschen, um Gerechtigkeit im Sinne von Gleichbehandlung. Es ist dies gerade im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16) klar geworden: Hier ist nicht sozialistische Gleichmacherei oder gewerkschaftliches Denken angesagt, sondern der Maßstab der göttlichen Barmherzigkeit, die auch in der letzten Minute grundsätzlich von unserem Gerechtigkeitsdenken und -empfinden verschieden ist. Ein Beispiel dafür ist das Diktat in der Schule: ein Lehrer kann nicht einem Schüler mit null Fehlern im Diktat die gleiche Zensur erteilen wie dem Schüler, der dieses Diktat mit 37½ Fehlern schreibt: Da erwacht zu Recht der Widerspruchsgeist und das Gerechtigkeitsempfinden, das sich gegen eine solche Behandlung empört. Im Verhältnis zu Gott, der einen völlig anderen Maßstab anlegt als wir im „zwischenmenschlichen Vergleichstest“, gelten jedoch völlig andere Maßstäbe und hier lässt sich Gott nicht in unser Denken hineinpressen oder Vorschriften machen (Rö 9,13 zitiert Mal 1,2f). Deshalb muss hier angesichts der momentanen Situation der gordischen Knoten dahingehend durchschlagen werden, sich auf die reformatorische Klarheit in dieser Frage zu besinnen: Neben Luther hat dies wohl nur Augustin in aller Konsequenz gezeigt und damit der Kirche Christi den Weg gewiesen Erst die erlangte Glaubensgerechtigkeit kann frei machen zu guten Taten und Werken: Sie müssen aus dem Glauben heraus getan werden – vorher sind sie eher kontraproduktiv; sie verführen zu Vertrauen auf eigene Möglichkeiten und eigene Stärke und führen in die entgegen gesetzte Richtung. Hier ist die Reihenfolge entscheidend: Der erste Schritt kann nur das richtige Verhältnis zum Herrn der Zeit und Ewigkeit sein; erst wenn der Christ weiß, dass Gott ihn ohne all sein Tun – mit Läusen und Wanzen in Dreck und Speck – als sein verlorenes Kind annimmt und ihm das beste Feierkleid (Lk 15,22) anzieht, kann er als wiederaufgenommenes Kind in diese Welt hinein wirken: Nicht weil ihn das moralische Gesetz „eine Hand wäscht die andre“ dazu zwingt sondern nur aus der Dankbarkeit heraus. Aus der Dankbarkeit des begnadigten Sünders, der vor Gott weder einen Anspruch hat, noch irgendein Recht auf seiner Seite. Nur das einzige entscheidende Wissen „hier ist Christus“ (Rö 8,34). Das allein macht vor Gott gerecht. Hier ist zu bedenken, welchen Maßstab der Christ damit hat: Das kleinliche Aufrechnen und das Pochen auf Verdienst und Anspruch ist in diesem Rahmen Makulatur und völlig überflüssig. Es führt von Gott weg und dient ggf. dem eigenen Ruhm vor den Menschen – aber es führt in keinem Fall zu Gott und seinem Maßstab: Das bürgerliche Denken ist hier kontraproduktiv und unpassend.

 

Der Christ, der aus der Glaubensgewissheit lebt, kann dies nur erfassen, wenn er alle eigene Gerechtigkeit über Bord wirft und auf alles menschliche Krämerdenken verzichtet. Die elementar-radikale Art und Weise befreit zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes: Hier ist das Zeugnis des NT völlig klar und dies muss wieder neu ans Tageslicht kommen; ich verweise auf die einschlägigen Stellen des NT: Rö 3,24; 5,1; 1 Kor 6,11; Gal 2,16f; 3,24; 5,4 (Verbindung Christus und dikaioo) bzw. Rö 3,22; 5,17.21; 8,10; 10,4.6; Gal 2,21; Phil 1,1; 3,9; 2 Petr 1,1 (Verbindung Christus und dikaiosyne). Sine ira et studio bedarf es hier der Besinnung auf diese grundlegende evangelische Lehre. Friedensethik bedarf m.E. aus diesem Grund der radikalen Kursänderung und der Besinnung auf das elementar Evangelische. Mit Recht hat Iwand hervorgehoben, dass diese Erkenntnis Luthers dazu führte, dass er die Kirche damit erhalten hat – und nicht spaltete. Deshalb sollte den verführerischen pazifistischen Ideen, die im Zeugnis der Schrift m.E. keinen Anhalt haben, der Abschied gegeben werden. Als Bürger einer gefallenen Welt werden wir es bis zum Ende dieser Welt nicht erleben, dass Krieg und Gewalt aufhören werden. Das Zeugnis der Bibel sagt ja, dass es gegen das Ende hin schlimmer werden wird. Dies muss nüchtern festgestellt werden: Durch Gesetze und Verordnungen ist das Böse nicht zu bannen oder zu entsorgen. Es ist ähnlich sinnvoll wie das Atmen oder den Stuhlgang verbieten zu wollen. Es geht nicht, wie Bonhoeffer unter Berufung auf das göttliche dei genestei– es muss so geschehen (Mk 13,7) – klar gesagt hat und alle schwärmerischen Ideen eines immanenten Weltfriedens klar ad absurdum geführt hat: „Der Krieg wird nicht das Ende sein. Sondern er muss sein, damit das Ende kommt. Es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker und dann wird das Ende kommen. Und hier nun weitet sich unser Blick, wird er hinaufgerissen zu dem Herrn, der alles lenkt, dem auch die Dämonischen und Höllischen dienen müssen. Krieg, Krankheit und Hunger, sie müssen kommen, damit das Evangelium vom Reich des Friedens, der Liebe und des Heils umso schärfer, klarer, umso tiefer gesagt und gehört wird. Die bösen Gewalten müssen dem Evangelium dienen…Krieg dient dem Frieden, Hass dient der Liebe, der Teufel dient Gott, das Kreuz dient dem Leben [85]. Im Wissen um die Abgründe des Menschen, die immer gleich bleiben – mit Helmut Thielicke ist hier treffend von der Dieselbigkeit des Menschen zu sprechen – sind wir heute in die Zeit zwischen der Vertreibung aus dem Paradies und dem jüngsten Tag gestellt. Als das Volk Gottes sind wir damit zwischen den Pendelschlägen von Zeit und Ewigkeit und haben in dieser unfriedlichen Welt den wahrlich nicht einfachen Auftrag, der Welt den Frieden in Christus zu verkündigen: Friedenspredigt kann nur den Ruf zu Jesus Christus bedeuten, der einen ganz anderen Frieden zu geben hat als den timor servilis dieser Welt, der den politisch Verantwortlichen obliegt. Erst wer den Pax Christi erkannt und empfangen hat, wird diesem Frieden in der Welt dienen können und damit der Welt etwas geben, was sie sich nicht selber geben kann und auch nicht herstellen kann. Es ist dann prinzipiell egal, an welchem Ort und in welchem Stand oder Amt ich das tue: Es wird dieser Welt zum Heil und zum Frieden dienen, weil man es einem Menschen abspürt, wes Geistes Kind er ist und welcher Geist ihn beseelt.

 

Der Rückzug der Kirche unter die fromme Käseglocke wird dieser Welt wenig dienlich sein. Das Handeln des von Gott befreiten und begnadigtem Sünders aus dem ursprünglich ausbruchsichern Gefängnis der Sünde kann nur durch den Befreier Jesus Christus erfolgen. Dies ist in voller Konsequenz das Einzige was Eirene und Schalom befördert; alle andere unevangelische Werkerei endet in frommen Selbstbetrug. Luther selbst hat am Ende seines Lebens von diesem Erkennen und Wandel bezeugt, dass hieran alles für ihn hing und er erst durch dieses reformatorische Erkennen ein völlig neues befreiendes Verständnis des Evangeliums erlangte: ”Mit wie großem Hass ich nun zuvor das Wort ’die Gerechtigkeit Gottes’ gehaßt hatte, mit so großer Liebe hielt ich dies Wort hoch als das, welches mir das allerlieblichste war. So ist mir diese Stelle des Paulus in der Tat die Pfore des Paradieses gewesen. Später lass ich des Augustinus Schrift ’vom Geist und vom Buchstaben’, wo ich wider mein Erwarten darauf stieß, daß er auch die Gerechtigkeit Gottes in gleicher Weise auslegt von der Gerechtigkeit mit der Gott uns bekleidet, indem er uns gerecht macht” [86].

 

Die Tür zum Paradies liegt also im Wissen des Sünders um die Rechtfertigung sola gratia. Elementare evangelische Wahrheit muss heute wieder genau zu dieser Erkenntnis führen. Um diese müssen wir mit allem Ernst ringen und uns nicht weiter mit immanenten Belanglosigkeiten befassen [87], denn der Kirche Christi ist Wichtigeres aufgetragen als allgemeine Wunschwahrheiten in christlichem Anstrich in die Welt zu rufen. Ohne die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, werden wir keinen Frieden finden: weder für uns noch für die Welt. Ohne den Frieden mit Gott werden wir keinen Frieden untereinander haben: weder in der christlichen Gemeinde noch in der Welt. Die Pforte zum Paradies kann uns nur auf diesem bitteren Weg geöffnet werden: Alle anderen Wege, die nicht auf dieser unbequemen christlichen Wahrheit fußen führen von dem Weg, der gesagt hat, dass er selbst dieser Weg ist (Joh 14,6). Unter Ausklammerung jeder iustitia distributiva kann in reformatorischer Theologie nur die Glaubensgerechtigkeit in Christus Jesus dahin führen, dass uns die Steine zu Brot werden: Statt dem verbissenen Streben nach einer friedlichen Welt „made by humans“ bedürfen wir des Brotes des Lebens, das allein den Hunger der Seele in allen Anfechtungen einer verlorenen Welt Sättigung geben kann. Dies ist die elementare und entscheidende „Friedensdividende“ der Christen an die Welt. Man muss in tiefste evangelische Wahrheiten vordringen, um zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes emporzusteigen. Es ist daher das harte und beschwerliche Amt des Theologen das in voller Härte und Konsequenz immer wieder neu zu sagen. Um in der Liebe weit zu werden, müssen wir zuvor in der Frage der Wahrheit eng werden, denn diese schmale Pforte ist nicht leicht zu finden. Aber die Tür ist offen, denn „das ist der Friede: geführt werden“ [88].

 

 


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[1] http://www.reformiert-info.de/229-0-12-2.html

2 http://www.suedkurier.de/nachrichten/baden-wuerttemberg/themensk/10-Konzilgespraech-Keine-Antwort-auf-die-militaerische-Frage;art417921,7723329

 

[3] Ich verweise auf das brandaktuelle Buch: Wolffsohn, Michael: Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf. München 2015.

[4] http://www.ekd.de/68536.html

[5] http://www.br.de/radio/bayern2/gesellschaft/theologik/kaessmann-wecker-entruestet-euch-100.html http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Margot-Kaessmann-spricht-an-der-ZU-_arid,10183355_toid,310.html http://www.ardmediathek.de/radio/Theo-Logik-Bayern-2/Entr%C3%BCstet-Euch-Margot-K%C3%A4%C3%9Fmann-und-Konst/Bayern-2/Audio-Podcast?documentId=27242484&bcastId=5961784

[6] http://www.7wochenohne.evangelisch.de/content/liebe-mitfastende https://www.ekd.de/aktuell/97632.html

[7] Ein  aktuelles Beispiel dieser überheblich-naiven-akkusarischen Art und Weise liefert Heiko Kuschel  in seiner Kritik der Kritik an der aktuellen Fastenaktion, die nichts anderes als Menschenvergötzung ist: https://www.evangelisch.de/blogs/stilvoll-glauben/120792/28-03-2015.

[8] DBW 12, 232-235.              

[9] Chata kommt nach SEBS 289 Mal in der BHS vor.

[10] „guiltiness before God“. Das ist die eigentliche Hybris der fortschrittsgläubigen Menschen, die siegesgewiss in den Weltkrieg marschierten. DBW 10, 579.

[11] DBW 11, 406f.

[12] Iwand, Glaubensgerechtigkeit. S. 45. Er arbeitet diesen Gedankengang exzellent heraus.

[13] DBW 11, 406.

[14] DBW 11,407.

[15] Nach Luther 1984 wird hier köstlich übersetzt – Luther 1912 übersetzt noch „teuer“.

[16] Bodelschwingh, Friedrich von: Lebendig und frei. Bethel 1939. S. 123.

[17] DBW 4,35f. Es ist kein Zufall, dass Bonhoeffer den ersten Teil seiner Schrift „Nachfolge“ mit „Die teure Gnade“ überschrieb. AaO. S. 29-43. Für Bonhoeffer fußt hier der entscheidende Unterschied in der Rechtfertigung des Sünders von der der Sünde.

[18] DBW 4, 180.

[19] DBK 4, 307-310. Vgl. zudem Metaxas, Eric: Bonhoeffer. Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet. Holzgerlingen5, 2013.

[20] DBW 10, 534-539.

[21] DBW 12, 232-235.  Vgl. Anm. 37.

[22] KD IV/2, 413.

[23] KD IV/2, 571.

[24] KD IV/4, 230.

[25] Thielicke Helmut. Der Evangelische Glaube I, Tübingen 1968. S. 257.

[26] AaO. S. 228. Vgl. grundsätzlich Bd. II: Gotteslehre und Christologie. Tübingen 1973. S. 238ff: Die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium in ihrer Relevanz für den heilsgeschichtlichen Progressus vom Alten zum Neuen Testament. Ferner: Thielicke, Helmut: Das Gesetz als bleibender Kontrahent des Evangeliums. In: Theologische Ethik. Bd 1. Prinzipienlehre. Tübingen5 1981, S. 188-221.

[27] Theologische Ethik, aaO. S. 221 - § 623.

[28] Iwand, aaO. S. 48. Das grundsätzliche Verständnis des Gesetzes hat Franz Lau in bis heute treffender Klarheit herausgearbeitet: Art. Gesetz, ethisch. In. RGG3, 2, 1531-1533.

[29] Schiller, Das Lied von der Glocke.

[30] WA 39, 1, 266-333. Besonders 283, 9f. 19-21. Luther lässt keinen Zweifel, daran, dass man ohne den rechten Glauben keine Werke vollbringen kann, die vor Gott Bestand haben.

[31] WA 39,1, 44-53.53-59. These 67: WA 39,1, 48,19-21.

[32] DBW 13, 42. Erklärung an die Reichskirchenregierung vom 29.11.1933.

[33] EG 341, 2.

[34] WA 7, 231, 7. Quaestio utrum opera ficiunt ad iustificationem. 1520.

[35] Iwand, aaO. S. 49.

[36] So hat es Iwand in seinem bis heute sehr wichtigen Aufsatz über die Glaubensgerechtigkeit brillant herausgearbeitet. AaO S. 29.

[37] Bezzel, Hermann: Dienst und Opfer. Bd  1.  Leipzig3 1921. S. 205.

[38] DBW 10, 535.537. Predigt über Phil 4,7 vom 3.2.1929 aaO. 534-539.

[39] Bonhoeffers Predigt fußt auf seinem „Vortrag zum Thema „Krieg“, den er 1930/31 in New York hielt. Bis in die Formulierungen hinein finden sich hier Parallelen. DBW 10, 381-388. Übersetzung aaO. 646- 652.

[40] DBW 10, 578f. Bonhoeffer predigte am 9.11.1930 über 1 Joh 4, 16b. Vgl. S. 576-581. Bonhoeffer hebt darin die Universalität des christlichen Friedens hervor, der nur aus dem Kreuz Christi kommen kann (S. 576): Das ist für ihn das verbindende Zeichen, denn Christus ist der Frieden der Christen: Friedenstheologie ist also Kreuzestheologie – nichts anderes.

[41] DBW 10, 390f: War literature. Übersetzung aaO. 654f. Wenn ich bedenke wie mich in Schule, Bundeswehr, Studium und Pfarrdienst Filme über den Krieg prägten und dies bis heute tun, halte ich Bonhoeffers Bedenken für sehr berechtigt. Selbst sog. Antikriegsfilme oder Antikriegsromane wie etwa 08/15 von Hans Helmut Kirst rufen hier doch nach meiner Beobachtung recht ambivalente Reaktionen hervor. Die Hölle von Stalingrad a la Steven Spielberg lässt sich am Bildschirm recht wohl „ertragen“, wie es schon Goethes Faust (5. Kapitel) sagt:

                „Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten“.

[42] DBW 12, 233. Bonhoeffers Vortrag „Christus und der Friede“ im WS 1932/33. AaO. 232-235. Bonhoeffer bezieht sich hier explizit auf das Verständnis bzw. Missverständnis von Gesetz und Evangelium.

[43] Iwand, Hans Joachim: Nachgelassene Werke. Hrsg. von Helmut Gollwitzer u.a. München 1962. S. 173.

[44] Goethe, Faust I, Vers 1323.

[45] DBW 13, 273. Brief vom 14.1.1935.

[46] ThWAT VIII, 12-46.

[47] ThWAT VIII, 16.

[48] ThWAT VIII, 19.

[49] Rad, Gerhard von: Theologie des Alten Testaments I, S. 144.

[50] ThWAT VIII; Sp. 27.

[51] ThWAT VIII, 31.

[52] Wildberger, BK X/2 1011.

[53] ThWNT II, 404.

[54] Raa findet sich laut SESB 558-mal in BHS in 520 Versen. Von besonderer Bedeutung sind hier auch die anthropologisch maßgeblichen Stellen Gen 6,5; 8,21. Zu dem verderbten Herzen des Menschen vgl. ebenfalls 2 Chr. 12,14; Ps 12,3; Spr 12,20; Jer 3,17; 7,24; 11,8; 13,10; 16,12;18,12.

[55] Nach wie vor ist der Aufsatz von Gerhard von Rad zum Thema hochaktuell: Die falschen Propheten. ZAW 51 (1933) S. 109-120. Von Rad zeichnet eine sehr interessante Entwicklung in der Prophetie auf und kommt zu dem Schluss, dass“ der eigene Wunsch der Vater der Prophezeiung“ wurde und man sich in der überkommenen Heilslehre „behaglich eingesponnen“ hatte und „liebgewordene Dogmen“ die eigentliche Botschaft des „rückhaltlosen Kontaktes mit Jahwe“ ersetzten und so scheitern mussten. Rad zeigt, dass „anerkannte Dogmen“ nicht unbedingt das Wort Jahwes sein mussten. Vgl. aaO. S. 119f.

[56] SESB weist 34 Fundstellen in 28 Versen auf.

[57] ThWAT, VIII, 36. ThWNT II, 401.

[58] AaO. Sp 39f.

[59] DBW 10, 534-539. Bonhoeffer zeigt, dass nur der in der Ewigkeit verwurzelte Christ diesen „Strahl des Friedens“ erahnen und bezeugen kann. AaO. 539.

[60] Dieser Gegensatz milchama – schalom findet sich in BHS 10-mal: 2 Sam 8,10; 11,7; 1 Kön 8,5; 20,18; 1 Chr 18,10; Ps 120,7; Koh 3,8; Jer 38,4; Mi 3,5; Sach 9,10.

[61] ThWNT, II, 400f.

[62] Ich folge hier dem ThWNT II, 409-417.

[63] Lk 21,9; 1 Kor 14,33; 2 Kor 6,5; 12,20; Jak 3,16.

[64] ThWNT II, 411.

[65] DBW 11, 339f.

[66] AaO. 338.

[67] Vgl. dazu Apg 10,36; Rö 5,1; Kol 3,15.

[68] ThWNT II, 414.

[69] In der LXX scheinen mir hier folgende Stellen von Bedeutung: Ps 72,3.7; 85,11; Jes 9,6; 32,17; 48,18.

[70] Frieden ist möglich. Die Politik der Bergpredigt. München 1983.

[71] Mit Recht hat Walther von Loewenich herausgearbeitet, dass sich vom Kreuz her eine „Umwertung aller Werte“ ergibt. Luthers Theologia crucis. Bielefeld6 1982, S. 11.

[72] DBW 4, 108.209.

[73] DBW 4, 107. Anm. 4: Bonhoeffer zeigt, wie gefährlich man das „Friedensstifter“ missverstehen kann, da die Übersetzung hier doppeldeutig ist. In der modernen christlichen Friedensethik ist man genau dieser ideologischen Versuchung erlegen und führt sich selbst ad absurdum. Die nebulösen Konkretionen der EKD-Denkschrift „Aus Gottes Frieden leben – für einen gerechten Frieden sorgen“ (Hannover 2007) S. 80-123 belegen m.E. genau diese von Bonhoeffer befürchtete Entwicklung. Im Bonhoefferschen Sinne bewirkt diese „Friedensstiftung“ genau das Gegenteil des Friedens, der dem unter dem Kreuz stehenden Jünger aufgetragen ist-  auch wenn es menschlich gesehen sehr wohlfeil wirkt.

[74] DBW 14,280-282: Krieg und Frieden: „Sie (sc. die Kirche) hat ihnen das Kreuz zu bezeugen als einzige Rettung aus aller Ohnmacht, Angst und Sünde und als die Stätte, von der immer neue Wege des Friedens ausgehen“ (281). Vgl. 346: „Unser Ruhm ist der Friede am Kreuz, das Heil Gottes“. Vgl. 719: „Wo ist eine Erinnerung an die Erkenntnis der Reformation, dass Friede allein in der Vergebung der Sünde besteht?“

[75] Thielicke Helmut: Theologie und Zeitgenossenschaft. Ges. Aufsätze. Stuttgart 1967. S. 75.

[76] ThWNT II, 416f.

[77] Wie sie durch griech. galene ausgedrückt wird: vgl. Mt 8,2; Mk 4,39; Lk 8,24 – der Begriff findet sich nicht LXX!

[78] EG 112,6: Auf, auf, mein Herz mit Freuden.

[79] DBW 4, 108: in der Welt des Hasses stößt diese Friedensbotschaft auf erbitterten Widerstand.

[80] RGG, 3. Aufl., 7, 865.

[81] Man beachte einmal exemplarisch die Terminologie in den Pressemitteilungen des „Friedensbeauftragten“ unter dem Aspekt, was dort alles beklagt, gefordert oder angemahnt wird: http://www.ekd.de/friedensbeauftragter/texte/pressemitteilungen.html. Es erinnert ein wenig an die sauertöpfische Lebensfreude des hochgeschätzten Frl. Rottenmeier aus dem bekannten Kinderroman von Johanna Spyri: „Heidi“.

[82] WA 40, 1, 45, 24ff.

[83] Iwand, Glaubensgerechtigkeit, aaO. S. 53.

[84] Vgl. Ps 4,2; 7,18; 35,24.27f; 50,6; 97,6; 119,7.62.106.123.160.164; Jes 41,10; 42,21; 62,2; Jer 23,6; 33,16.

[85] DBW 11, 407. Predigt am Volkstrauertag 1932 über Mt 24,6-14.

[86] WA 54, 186, 14-20. „Iam quanto odio vocabulum ‘iustitia Dei’ oderam ante, tanto amore dulcissimum mihi vocabulum extollebam, ita mihi iste locus Pauli fuit vere porta paradisi. Postea legebam Augustinum de spiritu et litera1, ubi praeter spem offendi, quod et ipse iustitiam Dei similiter interpretatur: qua nos Deus induit, dum nos iustificat. Et quamquam imperfecte hoc adhuc sit dictum, ac de imputatione non clare omnia explicet, placuit tamen iustitiam Dei doceri, qua nos iustificemur”. Übersetzung bei Walch2, 14, 448. Datiert auf den 5.3.1545.

[87] http://www.evangelisch.de/inhalte/120969/10-04-2015/sozialethiker-huber-forderte-voelkerrechtliche-regeln-fuer-kampfdrohnen

[88] DBW 14, 719.