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Eberhard Cherdron
Kardinal-Wendel-Straße 35, 67346 Speyer

 

 

Ist die Typologie dem modernen Menschen zumutbar?

 

Die Fragestellung beruht auf Beobachtungen im Zusammenhang mit Erläuterungen und Führungen in der Dreifaltigkeitskirche in Speyer, die in den bildlichen Darstellungen stark durch die Typologie geprägt ist. Insbesondere der Emporenreihenzyklus dort ist ohne Kenntnis der Typologie in der lutherischen Orthodoxie kaum zu verstehen. Bisherige Darstellungen haben dabei, über die damit verbundenen Schwierigkeiten des Verstehens hinweg, sich mit eher an der Oberfläche bleibenden Beschreibungen beholfen.

 

Das gilt leider auch für die schöne Zusammenstellung der „Begehbaren Bilderbibel“ [1], die nun handlich die wesentlichen Bibelstellen und Abbildungen des Emporenzyklus enthält, wichtige Teilerkenntnisse der Vergangenheit (etwa über die Herkunft der Bildmotive) auch wiedergibt, aber hinsichtlich der zentralen theologischen Begrifflichkeit undeutlich und nebulös bleibt. Das ist nun nicht den Autoren anzulasten, sondern eben auch dem einzigen theologischen Versuch zur Bilderwelt der DFK aus der Feder von Carl Schneider, der sich selbst den Zugang zur Typologie verstellte, als er formulierte: „Es handelt sich tatsächlich um eine hervorragende und einmalige Gesamtkonzeption, die man ganz zu Unrecht übersieht, wenn man etwa hier nur eine Erneuerung des mittelalterlichen Typs der biblia pauperum sieht.“ [2]

 

Auch wenn wir in der DFK natürlich nicht von einer „Erneuerung der biblia pauperum“ sprechen können, der Blick in das Mittelalter hätte Carl Schneider wenigstens zu der Frage geführt, in welcher Weise und auf welchem Wege die Typologie des Mittelalters und der frühen Kirche in der lutherischen Orthodoxie fortwirkte. Seine Rede von der „hervorragenden Gesamtkonzeption“, die die eigentlichen Schwierigkeiten des Verstehens verdeckt, setzt sich dann allenthalben fort. Etwa im Vorwort zur „Begehbaren Bilderbibel“, wo von einem „beeindruckenden Panoptikum biblischer Bildmotive“ die Rede ist und die Hoffnung ausgesprochen wird: „Die eindrucksvollen Bilder machen das barocke Bauwerk zu einer sprechenden Kirche.“ [3]

 

Die Gesamtintention der „Begehbaren Bilderbibel“ war es ja nun gerade auch, die Bilder verständlicher zu machen und Besucher der Kirche neu zu den christlichen Glaubensaussagen zu führen. So wie man hofft, dass mit der Musik Johann Sebastian Bachs neue Anregungen zum Glauben gegeben werden, so soll ein Besuch dieser Kirche Menschen neu zum Glauben rufen. Ob das gelingen kann, ist die Frage, die gerade auch, wenn man häufig mit Besuchern der Kirche Kontakt hatte, im Raume steht.

 

Und dies ist mit der Frage verbunden: Sollte man dabei lieber auf der bisherigen oberflächlichen Ebene bleiben, die nichts von den eigentlichen theologischen Begründungen verrät, oder ist es möglich dem modernen Menschen die Komplexität der Typologie zuzumuten.

 

 

Die Simson-Christus-Typologie

 

Um es an einem Beispiel zu zeigen: Bei den Deckengemälden ist eine besonders auffällige Darstellung die des Simson, der aus einem Zelt stürzt und mit einem Eselskinnbacken die Philister erschlägt. Im Hintergrund ist synoptisch in kleinerer Darstellung die Tötung des Löwen durch Simson zu erkennen. In der Standarddarstellung der Kirchenführer heißt es zu diesem Bild, dass sich darin für das damalige Luthertum die kämpferische Haltung von Martin Luther zeigt. Damit ist das kunsthistorische und theologiegeschichtliche Interesse der Besucher befriedigt, und es scheint ja nun eine ganz kluge Interpretation gegeben zu sein.

 

Hier zeigt es sich, wie bestimmend Carl Schneiders Ausführungen geworden sind. Er hat den Simsondarstellungen einen ganzen Abschnitt gewidmet, der zeigt wie wenig er von der Typologie wusste und stattdessen in seltsame Spekulationen verfällt.

 

Schon am Beginn seiner Ausführungen vermerkt er zu dem Pfarrer, der die Bildkompositionen und Bildüberschriften verantwortet: „Gleich am ersten Bild verrät er übrigens, daß er hebräisch kann, indem er Simson den ‚Sonnenmann‘ nennt.“ [4]

 

Es kann dahingestellt bleiben, ob der Verfasser der Bildüberschriften hebräisch konnte, weil in der Simson-Typologie selbstverständlich die Ableitung seines Namens eine Rolle spielte und immer schon ausgedeutet wurde. So kann etwa verwiesen werden auf die Auslegung von Joachim Lange zu Ri. 13, 24+25: „Bekam der Knabe den Namen Simson von der Sonnen und ihrem Glantze, und war ein Vorbild von dem Meßia, so erwegen wir von ihm billig den Ort Mal. 4,2 da er die Sonne der Gerechtigkeit heißt.“ [5]

 

Doch noch gravierender sind die Spekulationen von Carl Schneider in dem schon erwähnten längeren Abschnitt: „Unter den Vorläufern Christi hat der Schöpfer der Komposition eine ganz besondere Vorliebe, die nicht so ganz einfach zu verstehen ist, es sei denn, dass dem Verfasser der Gedanke an Christus als die Sonne so liebgeworden ist, dass sie sich in seine Vorliebe zu Simson ins Alte Testament hineinprojiziert. Denn keine andere Gestalt des Alten Testamentes ist so häufig wie dieser. Bereits zu Beginn der Heilsgeschichte im allerersten Bild führt ein Engel Simson in die heilige Landschaft ein, sozusagen das Programm für die alttestamentliche Reihe überhaupt. Simson am Anfang steht dabei in einer sicherlich gewollten Parallele zu Luther am Ende, und es sind wohl die Züge Luthers, die in Simson hineingelegt werden sollen. Das ist origineller als die wesentlich traditionellere Mosesfigur, bei der man den Eindruck hat, als ob sie wegen Luthers Gegensatz zum Gesetz bewusst etwas in den Hintergrund gestellt ist. Das schönste Simsonbild, das freilich vom Theatermaler mit demselben pathetischen Schwung wie etwa die Totenauferstehung bei Ezechiel ausgeführt ist, findet sich unter den Deckenbildern. Der aus dem Türkenzelt mit dem Eselskinnbacken herausstürzende Simson, der gleich drei Feinde auf einmal erschlägt, und außerdem dem Löwen in den Rachen fasst, ist ein glänzendes Symbol des kämpferischen Luthertums. Endlich ist die derbe Realistik des von Delila verratenen Simson ein so prachtvolles Gegenstück zu der Verhaftungsszene Jesu in Gethsemane (selbst die Rüstungen der Polizisten gleichen sich), und der küssende Judas entspricht genau der falschen Frau, dass hier wohl mehr als bloß alttestamentlicher Hinweis auf Neutestamentliches zu suchen ist, nämlich ein Stück Simson-Christus-Mystik, Gedanken, die wieder innerhalb der lutherischen Theologie einen guten Platz haben.“ [6]

 

In seiner Geschlossenheit der Darstellung ist das hier Gesagt durchaus beeindruckend und ich habe selbst öfters bei Besichtigungen früher erzählt, was Carl Schneider hier darstellt. Und doch beruht seine Darstellung eben nicht auf der Kenntnis der Typologie, sondern ist schlichte Spekulation.

 

Nach einem Blick in die Typologese der lutherischen Orthodoxie [7] ist festzustellen: Die Simson-Christus-Typologie ist nach der David-Christus-Typologie die zweithäufigste personenbezogene Typologie. Dies lässt sich auch in der Dreifaltigkeitskirche beobachten. In den Emporenzyklen kommt David viermal vor(VI, XV, XVIII und XXVI), Simson dagegen nur zweimal(II und XIX). Simson ist noch ein Deckengemälde gewidmet. Ob in der ursprünglichen Ausmalung schon ein harfenspielender David zu sehen war, kann hier offen bleiben. So ist die Häufigkeit der Simson-Motive nicht „eine ganz besondere Vorliebe“ des Schöpfers der Bildkomposition, sondern einfach in der typologischen Tradition begründet.

Noch verfehlter ist es, in der Simson-Christus-Typologie „ein Symbol des kämpferischen Luthertums“ zu sehen, oder gar unversehens aus der Simson-Christus-Typologie eine Simson-Luther-Typologie zu konstruieren. Hier zeigt sich, wie wenig Kenntnis der Typologie vorhanden war, wenn dies aus dem Deckengemälde geschlossen wird.

 

Johann Gerhard hat in seiner Postille eine schöne knappe Beschreibung der Simson- Typologie gegeben: „Christus ist der rechte Nazarener und Verlobte Gottes, dessen Vorbild alle Nazarener des Alten Testaments und sonderlich Simson gewesen sind.

 

Die Geburt Simsons wurde durch einen Engel verkündiget Richt. 13,3, die Geburt Christi gleichfalls Luc. 1,31 ff.

Simson war ein Verlobter Gottes von Mutterleibe an. Von Christo spricht der Engel: Das heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genennet werden.

Von Simson stehet: Und der Knabe wuchs und der Geist des Herrn fieng an ihn zu treiben Richt. 13,24+25, also stehet auch von Christo Luc. 2,80: Und das Kindlein wuchs und ward stark im Geist.

 

Simson ist ein starker Held gewesen; er hat einen Löwen wie ein Böcklein zerrissen Richt. 14,16, Christus ist der Stärkere, welcher über den starken, gewappneten, über den höllischen Löwen kommen und denselben überwunden hat Luc. 11,22.

Simson nahm ein Weib aus den Philistern Richt. 14,10, also hat Christus ihm eine geistliche Braut aus den unbeschnittenen Heiden gesammlet.

Simson hat die Feinde des Volkes Gottes überwunden und Israel von ihrem Joch errettet Richt. 15,11-15, also hat Christus sein Volk errettet von allen ihren Feinden und von der Hand aller derer, die sie hassen Luc. 1,71.

Simson zerriß die Bande und riß die Tore der Stadt aus den Riegeln Richt. 16,3, also hat Christus die Todesbande zerrissen und die Pforten der Hölle zerstöret.

Simson hat durch seinen Tod seine und seines Volkes Feinde überwunden Richt. 16,30, Christus hat durch seinen Tod mächtiglich gesieget und triumphiret.“ [8]

 

Diese Darstellung weist die Richtung auf, von der her unsere Simson-Darstellungen zu verstehen sind. Hier ist auch die Bibelstelle genannt, auf die sich die Szene an der Decke bezieht: Richter 15, 9-16. Hierbei ist daran zu erinnern, dass es sich bei Simson um einen sogenannten „Typus innatus“ handelt, ein Typus, der nicht erst in die Schrift hineingelegt wird, sondern schon in ihr vorhanden ist. Dieses wird insbesondere mit dem Hinweis auf Hebräer 11,32ff. unterstrichen. Hier wird Simson mit anderen Glaubenshelden zusammen genannt, die „Löwen den Rachen gestopft“ haben und „fremde Heere in die Flucht geschlagen“ haben.

 

Es besteht überhaupt keine Veranlassung, in die Bilder mehr hineinzulesen, als es die lutherische Theologie in ihrem damaligen Verständnis von Typologie getan hat. Offensichtlich hat ja auch Carl Schneider bemerkt, dass er sich hier auf schwierigem Pflaster bewegt, wenn er dann zur Erklärung des Verrats der Delila wieder von Luther auf Christus zurücklenken muss. Dass er dann aber mit dem Begriff der „Simson-Christus-Mystik“ hantiert, zeigt seine ganze Unsicherheit. Zwar gehört die Typologese durchaus in den Bereich des sensus mysticus der orthodoxen Schriftauslegung. Doch würde es zu weit führen, hier von einer sehr missverständlichen Simson-Christus-Mystik zu sprechen.

Wichtiger ist es, nach Beispielen für die typologische Zuordnung von „Verrat der Delila“ und „Verrat des Judas“ zu suchen. Und diese gibt es durchaus, auch wenn Johann Gerhard in seiner Postille dieses Beispiel nicht aufgenommen hat.

 

Jacob Carpov hat dies so dargestellt: „Miseria Simsonis magnam Christi passionen adumbravit. Nam uti Simson ab uxore dilecta pro mercede accepta perfide prodebatur hostibus, iam dudum ipsius occidendi occasionem quaerentibus Iud. XVI, 4 seqq: ita Christus a discipulo, multis nominibus Cristo obstricto, pro pretio prodebatur hostibus sanguinolentissimis Matth. XXVI, 15-48.“ [9]

 

Wer die Typologie der Zeit zur Interpretation heranzieht, kann nur ein weit weniger spektakuläres Ergebnis zu den Darstellungen des Simson in der DFK abliefern, als es die spekulativen oberflächlichen Beobachtungen der Vergangenheit erzielten. Die großen Worte sind hier nicht angebracht: Simson war eine der beliebtesten alttestamentlichen Gestalten, die in eine typologische Beziehung zu Christus gebracht wurden. Dies ist schon von der frühen christlichen Theologie her zu beobachten. Die Darstellungen in der Dreifaltigkeitskirche nehmen dies auf. Hierbei sind vier Szenen in der DFK dargestellt.

 

Die Ankündigung der Geburt Simsons, des „Sonnenmannes“ wird in typologische Beziehung zu der Ankündigung der Geburt Jesu gesetzt, der „Lebens Sonn“. Der Verrat der Delila tritt in typologische Beziehung zum Verrat des Judas. Auf dem Deckengemälde sind zwei Szenen der Simsongeschichte abgebildet: das Zerreißen des Löwen und die Tötung der Philister mit dem Eselskinnbacken.

 

Typologisch wird die Überwindung des Löwen mit der Überwindung des Bösen, des Satans durch Christus in der Tradition verbunden. In dem Erschlagen der Philister wird traditionell die Überwindung aller seiner Feinde durch Christus gesehen. Ob bei der Auswahl dieses Motivs auch der Gedanke im Hintergrund stand, dass damit auch die „Feinde der lutherischen Kirche“ gemeint waren, muss dahingestellt bleiben.

 

 

Was nutzt eine solche Betrachtung?

 

Es ist die Frage, ob ein solch historisch abgesichertes Ergebnis den Betrachtern der Bilder etwas nutzt. Auf den ersten Blick ist ja nur wenig Spektakuläres aus diesen erst einmal recht komplexen Erläuterungen, zu ziehen.

 

Weder wird uns einsichtiger, warum Jesus die „Sonne unseres Lebens“ sein soll, wenn wir wissen, dass Simson „Sonnenmann“ heißt, noch macht uns der Verrat der Delila den Verrat des Judas plausibler. Und es fällt uns schon schwer, die Brutalität der Tötung der Philister auf den Gedanken anzuwenden, dass Jesus alle seine Feinde schon überwunden hat und gänzlich überwinden wird. Im Gesangbuch singen wir: „Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht.“ In diesen Worten von Johann Christoph Blumhardt aus den Jahr 1877 können wir wiederfinden, was diese Darstellung des Simson einst meinte Doch was ist das für ein weiter Weg?

 

In seiner Einleitung der Beschreibung der Heidelberger Armenbibel stellt Maurus Berve fest: „Der Sinn für die Typologie, d. h. für die Beziehung von Vorbild und Erfüllung im geoffenbarten Heilsgeschehen, die den mittelalterlichen Frommen geradezu faszinierte, ist seit Beginn der Neuzeit dem abendländischen Menschen abhanden gekommen. Das liegt nicht nur an der Glaubensentfremdung und dem weitgehenden Schwund des persönlichen Verhältnisses zur biblischen Botschaft. Für den Menschen des 20. Jahrhunderts ist der intellektuelle Prozeß, der dem typologischen Denken zugrunde liegt, nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar. Denn die Voraussetzungen dafür, das Symbolverständnis und die Fähigkeit, Bilder zu ‚lesen‘, sind unter der Vorherrschaft des Rationalismus mit seinem dominierenden Kausalitätsprinzip und ausschließlichen Geltungsanspruch empirischer Beweisführung nahezu vollständig verkümmert.“ [10]

 

Auch in der Typologese handelt es sich um einen intellektuellen Prozess. Das Durchschauen dieses Prozesses und die Kenntnis der Regeln, die für ihn gelten, sind aber unabdingbar, um solche Darstellungen, wie die der Dreifaltigkeitskirche, zu verstehen. Das gilt auch für den modernen Menschen, sonst gerät die Deutung dieser Bilderwelt zur reinen Spekulation, wie das oben aufgeführte Beispiel zeigt.

 

In der lutherischen Orthodoxie wurden Regeln für die Typologese entwickelt. Diese sollten vor einer überbordenden, willkürlichen Anwendung der Typologie schützen. Ja, es gab durchaus auch erhebliche Bedenken gegen die Typologie, etwa bei Abraham Calov. Und auch bei Johann Gerhard ist in der Entwicklung seines Schriftverständnisses später eine größere Zurückhaltung zu vermerken.

 

Einer der wesentlichen Grundsätze war die Feststellung, ob es sich um einen „typus innatus“ oder „typus illatus“ handelt. Der „typus innatus“ wird im NT selbst genannt. Die besten Beispiele hierfür sind die Erhöhung der ehernen Schlange/Christi Kreuzigung und Jona im Bauch des Fisches/Christi Grablegung und Auferstehung. Beide Beispiele sind auch in den Bilderpaaren der Dreifaltigkeitskirche zu sehen.

 

Schwieriger wird es dort, wo aus der eher allgemeinen Nennung einer Person der „typus innatus“ abgeleitet wird, wie das etwa bei Simson der Fall ist. Hier ist aber eine lange Tradition zu beachten, die die typologischen Züge im Einzelnen ausgemalt hat. Dies zeigt das längere Zitat aus der Postille von Johann Gerhard.

 

Eine so stark typologisch ausgelegte Bilderreihe, wie die Emporenmalerei der Dreifaltigkeitskirche, macht es erforderlich, jedes einzelne Bilderpaar auf seinen typologischen Bezug zu untersuchen und aus den Quellen der Zeit zu belegen. Nützlich hierzu sind sowohl die Dogmatiken wie auch Kommentare und vor allem geistliche Auslegungen, wie sie in den Postillen usw. zu finden sind.

 

Dass in den Emporenreihen auch andere Beziehungen hergestellt sind, wie z. B. die prophetische von Verheißung und Erfüllung, muss dabei auch beachtet werden. Schon das erste Bilderpaar (Ankündigung des Vorläufers Johannes Mal. 3/Geburt des Johannes Luk. 1) bildet keinen typologischen Bezug, sondern steht im Bezug von Verheißung und Erfüllung. Hier ist eine Schärfung der Begrifflichkeit notwendig, wie sie glücklicherweise, etwa auch durch den umfassenden Artikel „Typologie“ [11] in der TRE, inzwischen geleistet ist.

 

Auch ökumenisch könnte es inzwischen interessant sein, die Typologie zu entdecken, verbindet sie doch die Schriftauslegung und Bilddarstellung des Mittelalters mit der Auslegung und, wie die Dreifaltigkeitskirche zeigt, mit der Bilderwelt einer barocken lutherischen Kirche. Welche Möglichkeiten des Gesprächs über das rechte Verstehen der Heiligen Schrift!

 

Und für die ganz aktuelle Debatte in der evangelischen Theologie über die Bedeutung des Alten Testaments werden vielleicht auch ganz neue Aspekte auftauchen.

 

Der hier vorliegende kleine Essay kann ja nur aufmerksam machen auf verschüttete Aspekte der Deutung einer imponierenden Bilderreihe in unserer Landeskirche. Sowohl angesichts des Jahresthemas der Reformationsdekade, „Bild und Bibel“, wie aber auch im Anweg auf die 300-Jahr-Feier der Dreifaltigkeitskirche im Jahre 2017, ist solche Aufmerksamkeit dringend geboten.

 


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[1] Begehbare Bilderbibel, Die Emporenbilder der Dreifaltigkeitskirche in Speyer (Hrsg. Christiane Brodersen/Thomas Klenner/Lenelotte Möller), Speyer 2011. Als Arbeitsbuch ist diese Veröffentlichung unverzichtbar. Gerne werbe ich auch für sie, zumal der Erwerb auch die Sanierung der Kirche unterstützt und, da nun auch die Bilderreihen wegen der Sanierung vorläufig nicht mehr zugänglich sind, wenigstens auf diese Weise über die Bilder diskutiert werden kann. Im Folgenden wird nach der Nummerierung dieser Veröffentlichung verfahren.

[2] Carl Schneider, Die Bilder in theologischer Sicht, in: Die Dreifaltigkeitskirche in Speyer, herausgegeben im Auftrag des Protestantischen Landeskirchenrats von Kirchenpräsident D. Hans Stempel, Speyer 1963, S. 19-23 (Zitat S. 19)

[3] Begehbare Bilderbibel, S. 7

[4] Carl Schneider, S. 19, Es handelt sich aber nicht um das Bilderpaar I/1, sondern um II/2.

[5] Biblisch-Historisches Licht und Recht, Das ist, Richtige und Erbauliche Erklärung Der sämmtlichen Historischen Bücher des Alten Testaments, Von dem Buch Josua an bis auf das Büchlein Esther, mit hinzugethanem Buch Hiobs: Darinn nach einer historischen und geographischen Einleitung, mit Auslassung aller zur gründlichen Erklärung eigentlich nicht gehörigen Nebendinge, gedachte Bücher erstlich von Vers zu Vers, wo es nöthig ist, mit einer parenthetischen paraphrasi kürtzlich erläutert, und hernach Mit hermeneutischen und practischen Anmerckungen Nach dem Grund-Texte aus eigener Betrachtung erkläret, und also zur Erbauung in Lehr und Leben angewendet werde: Ausgefertiget von D. Joachim Langen, Fac. Theol. Sen. Zu Halle Andere Auflage Halle, zu finden bey Christoph Peter Francken 1739.

Auch wenn Joachim Langes „Licht und Recht“ erst nach dem Bau der Dreifaltigkeitskirche erschienen ist und er zudem ja nicht zur lutherischen Orthodoxie, sondern zu dem Hallischen Pietismus gehört, finden wir gerade in seinem Werk eine ganz breite Aufnahme der Typologie, die durchaus zum Verständnis der Bilderwelt der Dreifaltigkeitskirche herangezogen werden kann. Das Zitat findet sich auf der Seite 178.

[6] Carl Schneider, S.22f.

[7] Es ist das Verdienst von Johann Anselm Steiger, auf die Bedeutung der Typologie in der lutherischen Orthodoxie neuerdings besonders hingewiesen zu haben. Siehe dazu Johann Anselm Steiger, Philologia Sacra, Neukirchen-Vluyn 2011, S. 88-112

[8] Johann Gerhard, Postille 1. Theil, Berlin 1870, S. 144f. Zitiert wird hier nach der Ausgabe der Postille aus dem 19. Jahrhundert. Eine historisch-kritische Neuausgabe durch Johann Anselm Steiger ist z. Zt. im Entstehen. Sachlich ist aber hier durchaus das Zitat aus der Ausgabe von 1870 unproblematisch, kommt es ja nur auf den Nachweis an, wie die Simson-Typologie zu verstehen ist.

[9] Theologiae revelatae dogmaticae methodo scientifica propositae tomus tertius Ienae et Lipsiae MDCCXLIX S. 848f. Auch wenn dieses Werk von Jacob Carpov erst nach der Erbauung der Dreifaltigkeitskirche erschienen ist, so bietet doch der 3. Band seiner Theologiae revelatae dogmaticae in seinem Bemühen, die Typologese der Orthodoxie historisch zu erfassen, eine wesentliche Quelle für das Verständnis dieser Typologese.

[10] Maurus Berve, Die Armenbibel, 2. Aufl., Beuron 1989, S. 7

[11] Stuart George Hall, „Typologie“, in: TRE, Band 34, S. 208-224.