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Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67435 Neustadt-Gimmeldingen

 

 

Die Entstehung der christlichen Bibel und des Korans

 

Die Berliner Arabistin Angelika Neuwirt schreibt in ihrer Monographie „Der Koran als Text der Spätantike – ein europäischer Zugang“: „Der Koran umfasst in seiner noch im 7. Jahrhundert veröffentlichten endgültigen Form 114 solcher Suren, die in der Reihenfolge ihrer absteigenden Länge im Textcorpus angeordnet sind. Da Manuskripte und Inschriften, wenn auch nicht aus dem Prozess der Verkündigung selbst, so doch aus wenig späterer Zeit erhalten sind – die ersten (unvollständigen) handschriftlichen Zeugnisse datieren in die Zeit etwa 40 bis 60 Jahre nach dem Tod des Propheten im Jahr 632, die ältesten Inschriften aus dem Jahr 691 – lässt sich der uns überlieferte Textbestand mit höchsten Wahrscheinlichkeit tatsächlich auf die Verkündigung des Propheten zurückführen…..Die Endredaktion und autoritative Publikation eines ‚textus ne varietur’, eines Textes mit Anspruch auf Verbindlichkeit, gestützt auf vorausgehende schriftliche Sammlungen und eine intensive mündliche Tradition, ist spätestens in die Zeit des Umaiyadenkalifen ‚Abd al Malik’ (reg.65-86/ 685-705) anzusetzen, erfolgte also sehr viel rascher als im Fall des Alten und Neuen Testaments“ (S. 29). Damit ist für den Prozess der Verschriftlichung des Korans ein Zeitraum von etwa 50 bis 70 Jahren anzusetzen.

 

Vergleichen wir diese Angaben über die Entstehung des Korans mit der Entstehung der christlichen Bibel nach Hans von Campenhausen, „Die Entstehung der christlichen Bibel“, so stoßen wir auf verblüffende Übereinstimmungen zwischen beiden. Setzt man für die Entstehung der neutestamentlichen Schriften die Zeit zwischen dem Jahr 49 (1.Thess.) und dem Jahr 95 (Offenbarung Johannes) an, so kommen wir auf 62 Jahre nach dem Tode Jesu im Jahr 33, wobei ich den zweiten Petrusbrief, der erst um 150 nach Christus geschrieben wurde und dessen Zugehörigkeit zum neutestamentlichen Kanon lange umstritten war, außen vor lasse. Alle andern neutestamentlichen Schriften sind innerhalb der ersten 62 Jahre entstanden.

 

Es war die sogenannte apostolische Zeit. Das Kriterium, das Irenäus und der Verfasser des muratorischen Fragments, genannt nach seinem Entdecker Muratori, für die Kanonizität einer Schrift zugrunde legten, ist diese Zugehörigkeit zur apostolischen Zeit, nicht dagegen, wie fälschlich oft behauptet wurde, die Verfasserschaft eines Apostels. Denn weder Lukas noch Markus waren Apostel und ihre Evangelien wurden doch von beiden zu den kanonischen Schriften gezählt. Dazu gehörten im Kanon Muratorium die vier Evangelien, die Apostelgeschichte und die sieben Paulusbriefe, die er an Gemeinden, und die vier, die er an Einzelpersonen geschrieben hat, wie der Philemonbrief und die Pastoralbriefe, dazu die katholischen Briefe und zwei Johannesbriefe. Der Hebräerbrief galt nicht als echter Paulusbrief, sondern wurde dem Barnabas, einem Mitarbeiter des Paulus aus Antiochien, zugeschrieben, von dem sich Paulus nach der ersten Missionsreise getrennt hatte.

 

Interessant ist eine Bemerkung im Vorspann des Muratorianum, dass Lukas nur solche Ereignisse in der Apostelgeschichte aufgeschrieben hat, die er selbst erlebt hatte, weshalb er die Spanienreise des Paulus und die Hinrichtung des Petrus in Rom nicht erwähnt hat. Die Evangelien werden vor allem wegen ihres Anfangs gewürdigt, der den jeweiligen Anlass des Evangeliums kennzeichnet, vor allem der Anfang des Lukasevangeliums und der des Johannesevangeliums machen dies deutlich. Dass diese alle der gleiche Geist eint, ist das grundlegende Kriterium für die Kanonizität, nicht die apostolische Verfasserschaft. Ebenso ist es der gleiche Geist, der das Gesetz und die Propheten, die Schriften des Alten Bundes mit den Schriften des Neuen Bundes eint. Damit wird gegen den Kanon des Marcion die Aufnahme des Alten Testamentes in die christliche Bibel begründet. Der Geist ist das Kriterium.

 

Der Islam ist bei der Kanonbildung einen anderen Weg gegangen. Die alttestamentliche Heilsgeschichte wird in seinen Schriften zwar ebenso aufgenommen, wie in den Schriften des Neuen Testamentes, aber die Kontinuität und Diskontinuität zwischen „history“ und „counter-history“ oder dem Subtext und dem Epitext, dem alttestamentlichen Heilsgeschehen und dem gegenwärtigen Heilsgeschehen, wird hier anders gesehen als von den neutestamentlichen Autoren und den frühen Kirchenvätern. Zum Beispiel wird Mohammeds Flucht von Mekka nach Medina als history zum Exodusgeschehen, zur Flucht Israels aus Ägypten, als counterhistory umgedeutet. Die Gründung des Salomonischen Tempels wird zur Gründung des mekkanischen Heiligtums durch Abraham umgedeutet, weshalb die Gebetsrichtung, ursprünglich nach Mekka, von da ab nach Jerusalem vorgeschrieben wurde. Die Opferung Isaaks durch Abraham wird zur Opferung Ismaels umgedeutet. Ismael wird zum Stammvater aller Muslime.

 

Bei den Kirchenvätern wird dagegen die Rezeption des Alten Testaments durch Allegorisierung alttestamentlicher Ereignisse auf die neutestamentlichen Heilsereignisse bezogen, bei den neutestamentlichen Verfassern durch Typologisierung. So wird Abraham bei Paulus zum Prototyp des Heiden, der durch Glauben und ohne das Gesetz zur Gerechtigkeit bei Gott gelangt ist, bleibt aber gleichzeitig Stammvater der Juden, die die Abrahamskindschaft besitzen. Der Prophet Jona wird zum Prototyp der Auferstehung der Toten, deren Erstling der Christus geworden ist, weil er nach drei Tagen auferstanden ist wie Jona, der drei Tage im Bauch des Walfisches gewesen ist und danach den Auftrag, den er von Gott erhalten hatte, erfüllen konnte. Christus ist bei Paulus der Fels in der Wüste, aus dem Mose eine Quelle hervorsprudeln ließ, als er mit seinem Stab daran schlug.

 

Im Koran gibt es weder den Gedanken der Abrahamskindschaft als Erwählung zum Heil, noch eine Rechtfertigung aufgrund der Zugehörigkeit zum Abrahamsbund. Er kennt diese Art der Typologie des Paulus und der Allegorie des Origenes nicht. Und er kennt auch nicht das Kriterium des Geistes, das aufseiten der Kirchenväter zu der Erkenntnis geführt hat, dass die Schriften der Propheten des Alten Testaments durch den gleichen Geist Gottes inspiriert waren wie die der Apostel und Propheten des Neuen Testaments, die zur Aufnahme des Alten Testaments in den Kanon geführt hat. Er kennt demzufolge auch keinen Alten und Neuen Bund. Abraham ist für den Koran nur ein Vorbild für die gläubigen Muslime, weil er an Gott glaubte, und seine Rechtfertigung wird ihm von Gott aufgrund seines Glaubens zuerkannt. Bekannt sein bei Gott aufgrund des Glaubens an den einen Gott, heißt gerechtfertigt sein. Und um an Gott zu glauben, muss man weder Christ noch Jude sein; denn auch Abraham war ja weder Jude noch Christ, sondern Vater aller Völker, wie sein hebräischer Name lautet, und Vorbild aller Muslime, wie es im Koran heißt. Hier folgt der Koran ein Stück weit der Rechtfertigungslehre des Paulus, lässt aber die Abrahamskindschaft der Juden weg und gibt damit die Dialektik im Verhältnis zwischen Juden und Christen auf. Er kennt nur den Begriff, dass Abraham ein Gerechter war, ein Hanif. Die einseitige Hervorhebung der Rechtfertigungslehre erinnert an Luther, der aber die Dialektik des Paulus und die Erwählung der Juden zumindest exegetisch gesehen hat, wenn er auch in den praktischen Konsequenzen, die er daraus gezogen hat, hinter dieser Erkenntnis zurückgeblieben und ganz ein Sohn seiner Zeit geblieben ist.

 

Wie wir gesehen haben, fehlt im Koran das Kriterium des Geistes als des Kriteriums für die Aufnahme des Alten Testaments in die christliche Bibel. Es kann natürlich auch deshalb keine Lehre vom Geist im Islam geben, wie sie sich im Neuen Testament und in den ersten vier Jahrhunderten in der christlichen Kirche herausgebildet hat. Insofern gibt es im Islam ein grundlegendes Missverständnis bezüglich der Rolle des Heiligen Geistes in der Kirche. Er wird fälschlicherweise als eine Beigesellung zu dem einen Gott verstanden, wie auch der Sohn Gottes als eine Beigesellung zu Gott verstanden wird. Mohammed ist der Erhabene. Er ist nicht der Sohn Gottes. Wenn Johannes den Christus sagen lässt: „Ich und der Vater sind eins“, setzt er sich bereits mit Vorwürfen auseinander, wie sie zu seiner Zeit von jüdischen Gegnern gegen das Bekenntnis der Gottessohnschaft erhoben wurden. Dieselben Vorwürfe wurden später vom Islam gegen das Christentum erhoben und werden es bis heute.

 

Literatur:

Hans von Campenhausen, Die Entstehung der christlichen Bibel, Tübingen, 1968

Angelika Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike – ein europäischen Zugang, Insel Verlag Berlin, 2010

 


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