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Gerhard Eckstein
Gutleutstraße 12, 67098 Bad Dürkheim

 

 

Die Dschihadisten – muslimische Wiedertäufer oder eine neue Münster’sche Rotte?

 

Das Wort Dschihād (Jihād [1])

 

Das Wort  leitet sich ab von dem Verb dschahada, sich anstrengen, sich besondere Mühe geben, mit aller Energie nach etwas streben. [2] Das Substantiv ist deshalb als Mühe oder Kraftanstrengung zu übersetzen. Das Wort hat zunächst einmal nichts mit Kampf oder kämpfen zu tun. Das arabische Wort für Kampf ist qitāl. In den weiteren Ausführungen zum Wort Dschihād finden wir aber bald auch die Sonderbedeutung Kampf, nämlich als Kampf gegen den Teufel, gegen sich selbst oder gegen einen sichtbaren Feind. Alle drei Bedeutungen werden mit Sure 22:78 verbunden.

 

Der Koran

 

Die Worte Dschihād oder dschahada kommen im Koran selten vor (9:20, 2:218, 9:41, 22:78, 29:69). Mehrheitlich werden die Worte qatala und qitāl für kämpfen und Kampf gebraucht. So etwa in Sure 9:5 ff., 2:190 ff. und 4:74 f.. Ganz allgemein bezieht sich der Kampf auf die polytheistischen Bewohner von Mekka, heidnische Araber und äußeren Feinde. In Sure 4:75 steht, dass auch für Schwache und Unterdrückte zu kämpfen ist.

Dschahadu, sich abgemüht auf dem Weg Gottes oder um Gottes Willen, haben sich diejenigen, die mit Muhammad aus Mekka ausgewandert sind (9:20) und diejenigen, die gegen die Polytheisten kämpfen. Ganz klar sind die verschiedenen Wortbedeutungen nicht immer im Koran getrennt oder abgegrenzt.

 

Die Sunna

 

Die Überlieferungen aus dem Leben Muhammads sind die zweitwichtigste Grundlage für den Glauben und das Leben der Muslime. Diese Überlieferungen liegen als Sunna in verschiedenen Sammlungen vor. Die wichtigste und angesehenste ist die von al-Bukhari (810- 870). Er hat die Überlieferungen eingehend überprüft und sie nach Inhalten in Bücher und Kapitel eingeteilt. Buch 52 ist dem Dschihād gewidmet. [3]

In der Sammlung von Bukhari ist der Dschihād ein Kampf mit Waffen für die Sache Gottes (S. 86). Eine kleine Auswahl aus den Bestimmungen:

 

- Frauen sollen nicht am Kampf teilnehmen (S.83).

- Wer im Kampf getötet wird, der kommt ins Paradies (S. 55).

- Der Dschihād ist unabhängig davon zu führen, ob der Herrscher gut oder böse ist (S. 71).

- Frauen und Kinder dürfen nicht getötet werden (S. 159).

- Es ist nicht erlaubt, einen Feind zu verbrennen. Gott allein straft in der Hölle mit Feuer (S. 160).

- Christen und Juden, die in islamischen Ländern leben und Kopfsteuer zahlen, sind zu verteidigen. Sie dürfen nicht versklavt werden (S. 182).

- Die Polytheisten sind von der Arabischen Halbinsel zu vertreiben (S.183).

 

Aus den Überlieferungen wird deutlich, dass das Wort Dschihād wegen der Auseinandersetzungen und den Kämpfen der Anfangsjahre weitgehend die Bedeutung „Heiliger Krieg“ angenommen hat.

 

Gelehrte und Rechtsschulen

 

Die Worte zum Dschihād in Koran und Sunna wurden in der Folgezeit von Theologen, Juristen und Rechtsschulen ausgelegt, eingeordnet und in einzelnen Fragen ein- und abgegrenzt. Hier einige grundlegende Aussagen, wie sie in der hanafitischen Rechtsschule, die in der Türkei, auf dem Balkan, im Vorderen Orient, Zentralasien, in Indien und Pakistan weitverbreitet ist, festgehalten sind : [4]

 

- Bis zum Tag des Jüngsten Gerichts ist der Krieg gegen die Ungläubigen Pflicht.

- Friedensabkommen sind für festgelegte Zeiträume möglich, wenn es im Interesse der Muslime ist.

- Wegen Beute dürfen keine Kriege geführt werden, sondern nur zur Beförderung des Glaubens oder zur Verteidigung.

- Frauen und Kindern ist die Teilnahme am Kampf verboten.

- Mit dem Hinweis auf Ereignisse im Leben Muhammads sind das Verbrennen von Behausungen, die Zerstörung von Plantagen und Getreide und Plünderungen erlaubt.

- Frauen, Kinder, alte Männer, Kranke, Behinderte und Mönche sollen nicht getötet werden.

- Das Abschneiden von Nasen, Ohren und anderer Glieder soll unterbleiben.

- Kriegerische Aktionen dürfen auch dann durchgeführt werden, wenn dadurch etwa in einer belagerten Stadt einzelne Muslime umkommen. Das gelte auch, wenn der Gegner Kinder oder erwachsene Muslime zum Schutzschild nehme. Die Abwendung eines allgemeinen Übels von der Gesamtheit der Muslime habe Vorrang.

 

Eine ausführliche Darstellung und Diskussion der unterschiedlichen Positionen anerkannter Gelehrter und Rechtsschulen zum Dschihād finden wir bei Ibn Rushd (1126-1198), auch Averroës genannt, in seinem Werk „Bidāyat al-Mujtahid“ [5].

 

Die Überlegungen und Diskussionen zum Dschihād sind natürlich bis in unsere Zeit weitergegangen und dauern an. [6] Manche Bestimmung wurden aufgegeben, wie zum Beispiel die starre dualistische Einteilung der Welt in ein Gebiet des Islams (dar al-islam) einerseits und die übrige Welt als ein Gebiet des Krieges (dar al-harb) andererseits. Diese Entwicklungen darzustellen, ist hier nicht der Ort, denn Islamisten, Salafisten und Dschihadisten wollen ja zurück in eine idealisierte Anfangszeit, für die nur die Worte von Koran und  Sunna gelten. Die Position der klassischen Gelehrten muss dagegen aufgeführt werden, weil die heutigen Diskussionen sich auf sie beziehen.

 

Die Geschichte

 

Der Dschihād als Kampf für die Sache Gottes beginnt mit den Kämpfen, die Muhammad und seine Anhänger gegen die sie verfolgenden Mekkaner geführt haben. Als arabische Stämme sich nach dem Tod Muhammads vom Islam und seinen Verpflichtungen losgesagt haben, hat der erste Kalif Abu Bakr für den Erhalt der islamischen Gesellschaftsordnung gekämpft. Als nächstes sind die Charidschiten (Kharijiten) zu nennen, die in der Auseinandersetzung um den vierten Kalifen Ali diesen mit Berufung auf den Koran in der Schlacht von Siffin 657 verlassen haben.

 

Für die Sache Gottes wurde in der Folgezeit immer wieder gekämpft. Dabei ist es oft nicht einfach zu entscheiden, ob es um den Glauben oder um politische Ziele gegangen ist.

 

Um des Glaubens willen wurden und werden bis heute viele innerislamische Auseinandersetzungen geführt. Dabei wird die Gegenseite oft zu „Ungläubigen“ erklärt, die mit allen Mitteln zu bekämpfen sind. Ein bekanntes Beispiel ist der Dschihād, den Uthman dan Fodio 1804-1810 gegen die Hausa-Herrscher in Nordnigeria geführt hat. In diesem Krieg wurden unzählige Menschen ausgeplündert, getötet oder versklavt. Jene aggressiven „Bekehrungskampagnen“ haben im mittleren Gebiet von Nigeria bis in die 1950 er Jahre angedauert. [7] Die Boko Haram Gruppe, die seit Jahren die Menschen im Norden Nigerias in Angst und Schrecken versetzt, beruft sich bei ihrem Kampf für einen islamischen Staat auf eben dan Fodio.

 

Ähnlich wie Boko Haram wollte schon die Tarīqa-yi Muhammadī Anfang des 19. Jahrhunderts einen idealen islamischen Staat errichten. [8]

 

Ein weiterer Anlass für den Dschihād in der Neuzeit ist der Kolonialismus mit seinen Auswirkungen. [9] So hat der afghanische König Sher Ali 1878 den Heiligen Krieg gegen die einmarschierenden Engländer ausgerufen. [10]

 

Es waren überwiegend nicht-religiöse, sondern nationale oder nationalistische Bewegungen, die gegen die Kolonialmächte gekämpft haben. Nach der Unabhängigkeit konnten sich die Vertreter dieser Bewegungen nicht behaupten, weil sie der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notstände nicht Herr wurden. Meistens haben Militärs und Militärdiktaturen die Macht ergriffen. Aber auch sie konnten keine dauerhaften, stabilen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse schaffen.

 

So sind ab den 1930er Jahren fundamentalistische Bewegungen entstanden, die in der Rückkehr zur Anfangszeit des Islams die Rettung sahen und deshalb einen islamischen Staat errichten wollten. [11] Dabei haben einige dieser fundamentalistischen Bewegungen den Dschihād, die Anstrengung auf dem Weg Gottes, anfangs friedlich verfolgt. So hat die Muslimbruderschaft in Ägypten mit Bildungs- und Sozialarbeit begonnen, mit einer Art „Innerer Mission“, um Muslime zu den wahren Werten ihres Glaubens zurück zu führen. [12] Erst später, bei den Auseinandersetzungen mit Nasser, haben sich Teile der Bruderschaft radikalisiert und militärisch organisiert.

 

Zusammenfassung

 

Ähnlich, wie die Wiedertäufer am Anfang des 16. Jahrhunderts radikale Reformen und die Organisation der Kirche nach dem Vorbild des Neuen Testaments gefordert haben, verlangen die Dschihadisten die Errichtung eines islamischen Staates auf der Grundlage von Koran und Sunna. So, wie die Münster’sche Rotte [13] um 1530 der Meinung war, dass nach der Vertilgung der Gottlosen allein  die Gläubigen herrschen sollen, so fordern es heute die Anhänger von IS, Boko Haram und anderen militanten Gruppen für den Islam.

 

Die Grausamkeiten, die unter solchen Zielsetzungen begangen werden, sprechen nicht nur der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN von 1948, sondern auch der Allgemeinen Islamischen Menschenrechtserklärung von 1981 und der Kairo-Erklärung der Menschenrechte im  Islam von 1990 Hohn. Doch mit solchen Einwänden ist den Dschihadisten nicht beizukommen. Denn Grausamkeiten wie die Wegführung in die Sklaverei und Enthauptungen kennt schon die als ideal vorgestellte Anfangszeit des Islams, siehe den Angriff Muhammads auf die Banu Quraiza. [14]

 

Die Stellen zum Dschihād in der Sunna haben leider dazu geführt, dass das Wort heute nur noch mit Krieg und Grausamkeiten verbunden wird. Aus diesem Grund haben sich viele muslimische Vereinigungen und Gelehrte von IS, Boko Haram und anderen distanziert. Ein Beispiel ist der „Offene Brief“ von über einhundert muslimischen Gelehrten vom 19. September 2014 an den Anführer und die Anhänger von IS. [15] Diesen Brief sollte man unbedingt lesen, denn er geht ausführlich auf die Taten des IS ein und zeigt, dass diese Organisation sich zu Unrecht auf den Islam beruft.

 

Leider gibt es viele Gründe, weshalb keine Hoffnung besteht, dass den Vergehen dieser Terroristen in naher Zukunft ein Ende bereitet werden kann.

 

- Solange die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Situation in vielen islamischen Ländern hoffnungslos ist, werden diejenigen Zulauf haben, die versprechen, dass der Islam die Lösung der Probleme bringt.

- Schwache oder korrupte Zentralgewalten in konkurrierenden Stammesgesellschaften machen die Sache nicht einfacher.

- Die willkürlichen Grenzziehungen der Kolonialzeit, die Hegemonie der westlichen Welt, das Gefühl des Ausgeliefertseins an die großen Mächte, die Verunsicherung durch die Säkularisierung und anderes sind ein bleibender Dorn im Fleisch der Muslime.

- Bilder von leidenden Muslimen in Palästina, Kaschmir, Tschetschenien und anderswo sind Öl ins Feuer der innerislamischen Diskussionen über den Weg in eine bessere Zukunft.

- Diese Diskussionen haben den Rahmen der Fach- und Gelehrtenwelt schon lange überschritten. Durch Massenmedien und Internet werden die Auseinandersetzungen  emotional und hoch polarisiert ausgetragen. Politische Interessen stehen über moralischen Argumenten.

- Moderate Stimmen werden wenig gehört und werden als Zeichen der Verwestlichung oder als Anbiederung an den Westen zurückgewiesen.

 

Dass Muslime über lange Zeiten, ja Jahrhunderte in friedlicher Koexistenz mit Nichtmuslimen gelebt und sich nicht in einem Krieg gegen Ungläubige gesehen haben, das wird bei den gegenwärtigen Diskussionen nicht beachtet.

 

Auch dass der Dschihād, die Bemühung auf dem Weg Gottes, in den Herzen der Gläubigen stattfinden sollte, wird nicht gesehen.

 

- Es ist der innere Kampf gegen die Versuchung, ein Leben ohne Gott und die Beachtung seiner Gebote zu führen.

- Es ist der Weg, den die Sufis als „großen Dschihād“ bezeichnet haben.

- Es ist der Einsatz für Gerechtigkeit, Wahrheit und Barmherzigkeit.

 

Der Weg der Dschihadisten steht im krassen Gegensatz zum Ethos der Muslime und den Grundaussagen des Korans. Die zeitbedingten Worte des Korans gegen die arabischen Gegner Muhammads sind deutlich nachgeordnet.

 


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[1] Die englische Transkription ist für weitere Informationen.

[2] Die Worterklärung folgt: Edward William Lane, Arabic- English Lexicon, 1865, repr. New Dehli 2002, Bd. II, S. 473

[3] Sahih Al-Bukhari, Arabic- English, Bd. 4, New Dehli 1987, S. 34 ff.

[4] Hidāya, Bd.2, S. 140 ff., auszugsweise in: Th. P. Hughes, A dictionary of Islam, 1885, repr. Lahore 1976, S. 244 ff.

[5] Englische Übersetzung: The distinguished jurist’s primer, Reading 1994, S.454 ff.

[6] Siehe etwa: Khaled Abou El Fadl in: Islam in Transition, ed. J. J. Donohue und J. L. Esposito, Oxford 2007, S. 460 ff.

[7] John Azumah, Boko Haram in retrospect, in: Islam and Christian-Muslim Relations Nr.1/2015 , S. 34

[8] Der Islam in der Gegenwart, Hg. W. Ende u.a., München 1989, S. 101

[9] siehe zum Beispiel: Eugene Rogan, The Arabs, London 2009

[10] Habibo Brechna, Die Zitadelle von Kabul, Stuttgart 2002, S. 77

[11] Der Islam in der Gegenwart, S. 130 f.

[12] R. P. Mitchell, The society of the Muslim Brothers, Oxford 1993

[13] Evangelisches Kirchenlexikon (EKL), Göttingen 1962, Bd. 2, Sp. 1464

[14] Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, Kandern 2004, S. 176 ff.

[15] www.madrasah.de/.at  download Januar 2015