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Ulrich Kronenberg
Am Anger 5, 67346 Speyer

 

 

„Ihr werdet hören von Kriegen und von Krigesgeschrei…“

 

Der Krieg nach der Bibel und ihren Aussagen

 

 

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, was die Bibel über den Krieg in all seinen Erscheinungsformen sagt [1]. Als Theologen und Kirche Christi können wir m.E. nur von den Aussagen der Bibel her über den Krieg reden. Alle anderen Zugangsweisen der modernen Kriegs- und Konfliktwissenschaften sind für den Theologen, der sich – zumindest als Protestant – auf dem Boden von Bibel und kirchlichen Bekenntnissen stehend – sekundär und zunächst bedeutungslos.

 

In der Friedensethik der evangelischen Kirche haben sich in den letzten Jahrzehnten jedoch fachfremde Größen – ich denke hier an den Mathematiker Johan Galtung, den Sozialwissenschaftler Dieter Senghaas, den Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker oder den Politik- und Verwaltungswissenschaftler  Markus A. Weingardt – breitgemacht und evangelische Lehre mit fachfremden Größen politologischer, philosophischer oder soziologischer Art vermischt. Zur Klärung des Sachverhaltes erscheint es unumgänglich, will man theologisch redlich arbeiten, eine Reduktion auf die Aussagen der Schrift vorzunehmen und die Bekenntnisse der verschiedenen Phasen der Kirchengeschichte daran zu prüfen. Es handelt sich um die alte Frage nach der Mitte der Schrift. Dabei ist der lutherische Grundsatz, das AT vom Evangelium her zu erklären und auszulegen, von zentraler Bedeutung [2].  Gerade Luther warnt ja vor einem Benutzen all der Quellen, die uns als Christen zunächst erst einmal nichts angehen. In seinen Schriften „Ein kleiner Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten soll“ [3] und „Eine Unterrichtung, wie sich die Christen in Mose schicken sollen“ [4] hat er das evangelische Schriftverständnis dargelegt. Dazu gehört, dass die richtige Auslegung der Schrift nur vom Evangelium her kommen kann und nur in diesem Licht die Bibel richtig verstanden werden kann [5]. Scharf hat Luther vor anderem Gebrauch gewarnt, weil dies nur auf Abwege führen wird. In der aktuellen Friedensethik scheint es mir unabdingbar, sich hier auf das genuin Christliche zu besinnen, um nicht weiterhin dem falschen Götzen Frieden hinterherzulaufen, wie es momentan zuweilen geschieht [6].

 

 

Biblische Aussagen zum Krieg [7]

 

Die Vokabel michama kommt nach SESB 318-mal in 307 Versen vor [8]. Die meiner Ansicht nach wichtigsten Stellen sollen im Folgenden kurz betrachtet werden: Mit der menschlichen Kriegsangst hängt Xenophobie eng zusammen (Ex 1,10). Jahwe ist für Israel der „Mann des Krieges“ – also der Kriegsgott (Ex 15,3!!!), der sein Volk in den Krieg führt (Ex 17,16). Jahwe hört das Rufen im Krieg (Num 10,9). Schon früh gab es in Israel ein Buch über diese Kriege Jahwes (Num 21,14 vgl. Jos 10,13; 2 Sam 1,18). Jahwe befiehlt den Krieg für sein Volk (Dtn 1,41) und hat sich im Krieg durch Zeichen und Wunder als Gott erwiesen (Dtn 4,34). Das sogenannte Kriegsgesetz (Dtn 20,1-20) zeigt, dass Gott mit seinem Volk in den Krieg zieht und die Feinde in die Hände der Seinen gibt (Jos 8,1). Ja, er ordnet den Krieg seines Volkes an (Ri 20,23.28) und wird als „Gott des Krieges“ als  lejahwe hamilchama bezeichnet. So wird dieser Krieg angeordnet (1 Sam 18,17) und ist von David in seinem Namen zu führen (1 Sam 25,28). Jahwe selbst lehrt die Hand des Kriegers (Ps 18,35; 144,1) und stärkt zum Krieg (2 Sam 22,35): er selbst sendet sein Volk aus in den Krieg (2 Sam 22,40) und das Vertrauen auf ihn entscheidet letztlich die Schlacht (1 Chr 5,20), denn der Krieg war von Gott (1 Chr 5,22). Da David soviel Blut im Krieg vergossen hat, darf seine Hand den Tempel Gottes nicht errichten (1 Chr 22,8; 28,3). Das Buch Hiob berichtet von den sog. sechs Trübsalen und bezeugt, dass Gott allein im Krieg vor dem Schwert bewahren kann (Hi 5,20). Jahwe ist der Retter im Krieg (Hi 38,23). In den Psalmen wird ebenfalls bezeugt, dass Jahwe die Kraft zum Krieg gibt (Ps 18,35 = 2 Sam 22,35) und im Krieg selbst stark macht (Ps 24,8). Er fordert das völlige Vertrauen des Kriegers (Ps 27,3) zu ihm. Von diesem Vertrauen hängt der Erfolg ab.

 

Jahwe steuert nicht nur die Kriege, sondern beendet sie auch (Ps 46,10 je nach Lesart) und kann auch die Kraft zum Sieg nehmen (Ps 89,44). So warnt Ps 140,3 vor Menschen, die den Krieg selbst planen und anzetteln in ihrem Herzen. Gott fordert, dass man Krieg mit Vernunft führen soll (Spr 20,18 tachbulot, vgl. 24,6). Auch hier wird bezeugt, dass die Hilfe im Krieg von Jahwe kommt (Spr 21,31), denn auch der Krieg hat seine Zeit (Koh 3,8). Allerdings verweist Koh 8,8 darauf, dass im Krieg niemand verschont wird (!) und dass menschliche Stärke allein nicht ausreicht, um den Krieg zu einem erfolgreichen Ende zu führen sondern an Zeit und Glück gebunden ist (Koh 9,11).

 

In der prophetischen Botschaft wird für das messianische Friedensreich ein kriegloser Zustand verheißen (Jes 2,4), der aber in diesem Äon nicht eintreten wird. Krieg ist hier die Strafe für den Abfall des erwählten Volkes von Gott: der Vorwurf der Abgötterei lässt Männer fallen und Armeen den Krieg verlieren (Jes 3,25). Jahwe sendet nun sogar fremde Heere gegen sein abtrünniges Volk und bedient sich ihrer als Geißel gegen die Seinen (Jes 13,4). Jahwe ist der „Kriegsmann“ oder der „Mann des Krieges“ (Jes 42,13) und gießt die Schrecken des Krieges aus (Jes 42,25): das ist sein Zorn. Auch Jeremia bezeugt, dass die Feinde Israels auf Geheiß Jahwes kommen (6,23; 18,21f).

 

Jeremia verweist auf den Unterschied zwischen wahren und falschen Propheten: Die falschen Propheten reden beschwichtigend von einem falschen Frieden und verführen Gottes Volk so zur Abgötterei eines falschen Selbstvertrauens (Jer 28,5-15). Angesichts der jüngsten Ereignisse in Bremen um Pastor Olaf Latzel und des Streites um die Geltung des ersten Gebotes ein hochaktuelles und brisantes Thema, denn auch hier wird der Streit im letzten Grunde um die Wahrheitsfrage und die Frage der Exklusivität Gottes und seines Anspruches an den Christen geführt. Jeremia selbst wird Defaitismus vorgeworfen, weil er kein gewünschtes Heil und Frieden prophezeit, sondern das harte Urteil Gottes der drohenden militärischen Niederlage übermittelt (Jer 38,1-4). Jer 25,9 nennt sogar den König Nebukadnezar den Knecht Gottes, den dieser als Werkzeug gebraucht, um das gottlose Treiben der Seinen zu strafen bzw. sie wieder zur Räson zu bringen durch äußerliche militärische Schläge. So ist das unfriedliche Treiben der Welt zugleich eine Anfrage bzw. Anklage an das Volk Gottes. Jeremia warnt vor dem Abgott „Hilfe bei Ägypten“ und sagt, dass genau dorthin das Schwert gesandt wird von Gott, wo man es nicht erwartet (Jer 42,13-22).

 

Eine eigene Untersuchung ist die Verwendung des chäräb im Sprachgebrauch der Propheten wert. Jer 48,14 betont, dass nur der ein rechter Kriegsmann ist, der auf Gottes Wort hört. Jer 50,22.42 und 51,20ff heben hervor, dass Babel die Waffe Gottes gegen das gottlose Volk war, dann aber auch selbst durch Krieg wieder untergeht, weil es eben nur Mittel zum Zweck ist. Auch Ez 7,14 sagt, dass Kriegführen gegen den göttlichen Ratschluss sinnlos ist. Es wird auch hier vor falschen Friedensträumen gewarnt (Ez 13,4-15 wie Jer 6,14 vgl. 1 Thess 5,3) und das Bild der getünchten Wand (koniao im NT; aleipho – LXX – bei Ez 13,10-16; vgl. auch unbedingt 22,38) verwendet, das von Jesus (Mt 23,27) und Paulus (Apg 23,27) aufgegriffen wird. In aller Deutlichkeit wird hier vor falschen Träumen über einen Frieden gewarnt, den es nicht gegeben wird, weil Gott ihn nicht will und vorsieht. Es ist für uns heute der Punkt, an dem man sich vor allem beschwörend-beschwichtigenden  Pazifismus gründlich hüten muss, denn die dem natürlichen Menschen angenehmen Friedensprophezeiungen sind und bleiben falsch. Theologisch kann man hier nur von einem trojanischen Pferd sprechen – ja von einem Wolf im Schafspelz (Mt 7,15). Das Warnen der Propheten vor diesem Betrug ist m.E. hochaktuell: Seit Jahrzehnten wird auch durch einen völlig unbiblischen Pazifismus die Wirklichkeit ausgeblendet und eine neue Tünche über die biblischen Aussagen gestrichen.

 

Diese Tünche ist zu einem eigenen System angewachsen, das sich „unbiblischer Anstreicher“ bedient hat und bedient. Die vielen Bemühungen, die man diesbezüglich unternommen hat und unternimmt, haben das ursprüngliche Mauerwerk zunehmend unkenntlich gemacht. Mit dem Herausbrechen einiger Steine dieser Mauer – sprich Bibelstellen –, die gebetsmühlenartig beschworen wurden und werden, wird aber die Gewalt des biblischen Bauwerkes letztlich zunichte gemacht. Die sehr eng fokussierte Sicht der Friedensethik hat sich durch ihr Entfernen von der Grundstruktur des Bauwerkes zu einer großen Verwirrung geführt.

 

Es sei an einem Beispiel verdeutlicht: Die Stiftskirche in Bad Gandersheim war in  den Tagen meiner Kindheit und Jugend eine recht düstere und einfach gestrichene Kirche, an der mein Großvater wirkte. Damals ahnten nur Sachverständige, was unter der Deckenfarbe verborgen sein könnte und wie dieses alte Gotteshaus ursprünglich einmal ausgesehen haben könnte. Nach einer gründlichen Renovierung und Restaurierung kam ein völlig neuer alter Deckenschmuck des Himmelsgewölbes heraus, der heute dieses wunderbare Gotteshaus wieder schmückt in alter ursprünglicher Schönheit. So verhält es sich in übertragenem Sinne mit falschen Friedenshoffnungen, die heute der evangelischen Lehre übergetüncht werden. Hier ist die ursprüngliche Kraft genommen, weil man sich falschen Hoffnungen und Erwartungen hingibt. Das Warnen der Propheten hat sich in der Geschichte Israels auf das Furchtbarste bewahrheitet und hat alle die Lügen gestraft, die sich auf wohlklingende Phrasen eigener Prophetie (Ez 12,24; 13,3.6.7) verlassen haben. Das Ergebnis war der Zerfall des Staates, des Kultus und der Eigenständigkeit Israels. Erst in dem furchtbaren babylonischen Exil erkannte man den tieferen Grund: das Verlassen auf die eigene Kraft und die eigene Stärke. Diese ging einher mit dem Verlassen des Bundes und dem Vertrauen auf eigene Klugheit einher und ist letztlich der Zustand der Werkgerechtigkeit, der immer gegenüber dem lebendigen und wirkenden Gott in die Katastrophe und Fall geführt hat.

 

Das Verlassen der evangelischen Friedensethik auf andere Quellen, die nicht dem Worte Gottes entspringen war und ist der Grund für diese sich geschichtlich immer wiederholende Tragik. Das Besinnen auf den Grund allen Friedens und allen Krieges ist daher immer bleibende Aufgabe des Gottesvolkes: auch und gerade im neuen Bund, den Gott in Jesus Christus geschlossen hat. Überschreitet der Mensch diese von Gott gesetzte Grenze und wird er seinem Anspruch nicht gerecht, so führt dies immer in die Katastrophe. Tiefer sehenden Theologen haben dies nach dem letzten Krieg klar erkannt und die Ausrichtung der kirchlichen Arbeit und Verkündigung ganz neu auf das alte bewährte biblische Fundament gegründet. In den langen Jeschurunjahren (Dtn 32,15f) der krieglosen Zeit seit 1945 hat man wieder zum Pinsel der verwischenden Tünche gegriffen, die sich so wohlmeinend und klingend angeboten hat – jedoch verändert sie den Bau in gefährlicher Weise, denn bis heute – ja bis zum letzten Tag dieser Zeit und dieser Erde – verlangt der lebendige Gott nichts Geringeres als das monogame Vertrauen der Seinen zu ihm – und nichts Anderes.

 

Zurück zu den Aussagen der Bibel: Der Bruch des Bundes hat zur Folge, dass Gott den Untergang seines Volkes sendet (Ez 17,11-18). Ez 27,10.27 warnt vor dem falschen Vertrauen auf eigene militärische Stärke und Machbarkeit.

 

Im Buch Daniel wird explizit ein Ende der Kriege ausgeschlossen (9,26):Vielmehr werden dieses bis zum Ende dieses Äons bleiben (BHS: kes; LXX: kairos). Hos 1,7 sagt, dass Gott seinem Volk allein helfen kann: eine Hilfe durch Bogen, (käschät) Schwert (chäräb), Krieg (milchama), Pferde (sus) und Reiter (pharasch) wird ausgeschlossen. Das Vertrauen auf eigene Kraft ist eine gefährliche Verirrung: Fleisch für seinen Arm zu halten und auf Menschen zu vertrauen war und ist die gleichzeitige Abkehr von Gott (Jer 17,5) – das Übertreten des ersten Gebotes. Das Vertrauen auf eigene menschliche Kraft und Klugheit ist eine gefährliche Verirrung. Hos 2,20 weist eindeutig darauf hin, dass erst durch den Schluss eines neuen eschatologischen Bundes Kriege zu ihrem Ende kommen werden. Bis zum Eintritt dieses Zustandes wird es aufgrund der verkehrten, sündigen Menschen Kriege geben.

 

Joel 2,1-11 zeigt, dass Gott durch militärische Macht Verderben sendet und dass Jahwe im Krieg schützt, wenn er Pflugscharen zu Schwertern schmieden lässt. Auch Amos 1,14 bezeugt, dass Jahwe das Feuer des Krieges anzündet. Obd 1,1 lässt den Krieg durch Jahwe ausrufen.

 

Micha 2,8 warnt vor einem Frieden, der keiner ist, und dass es eine falsche Friedenspredigt gibt, die beschwichtigend wirken soll, dass kein Krieg kommen werde (Mi 3,5). Es wird betont, dass erst dann  Frieden kommen wird, wenn Gott selber eschatologisch kommen wird (4,3): Es ist m.E. eine völlige theologische Fehlinterpretation, diese Aussagen immanent zu deuten oder gar einen Zustand der Gewaltlosigkeit und des dauerhaften Friedens in diesem Äon zu erwarten. In diesem Verständnis sagt auch Sach 9,10, dass erst Christus den eschatologischen Frieden bringt, denn erst Gott wird sein Volk in seinem Land zusammenbringen: nicht die Menschen durch ihr Handeln (Sach 10,4f). Auch im NT ist nirgends ein Zustand des innerweltlichen Friedens verheißen: Jesus selbst sagt, dass man vor dem Ende dieses Äons immer von Kriegen und von Kriegsgeschrei hören wird. Jesus sagt, dass dies so geschehen muss: die genestai (Mk 13,7). Wer will hier etwas anderes sagen? Diese Aussage ist völlig klar. Jesus sagt weiter, dass es um ihn und seinen Anspruch Streit geben wird, der sich von den kleinsten menschlichen Zusammenschlüssen bis hin zu großen gewalttätigen Auseinandersetzungen spannt. Die Geschichte hat dies schmerzlich bewiesen. Hier scheiden sich die Geister. Weltfrieden oder bürgerliche Familienidylle hat Jesus diesbezüglich nicht verheißen: vielmehr diamerismos Lk 12,51ff kann man nicht uminterpretieren ohne die biblische Botschaft zu verkürzen. Frieden im politischen wie im religiösen Sinn ist nicht von Gott aus vorgesehen, sondern gerade das Gegenteil. Die Interpretation der Bergpredigt als Regierungserklärung Gottes für die Welt ist diesbezüglich ein Irrtum.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass Krieg durch Gott gesteuert und beendet wird. In der Geschichte der Welt hängt Krieg immer mit dem Gottesverhältnis auf das Engste zusammen. So steht es nach biblischem Zeugnis nicht in der Macht des Menschen, Krieg zu ächten oder gar zu verbieten. Es ist so sinnvoll, als wolle man den Menschen das Atmen oder den Stuhlgang verbieten. Die Geschichte der letzten Jahrzehnte lehrt, dass die Versuche, Gewalt und Kriege zu verhindern eine Geschichte des Versagens ist, denn die Entwicklung des Weltgeschehens bezeugt genau das Gegenteil. Interessant ist ja hier die neuere Geschichtsforschung zum ersten Weltkrieg [9], die genau zu diesem Resultat kommt, nämlich dass der Krieg nicht verhindert werden konnte, obwohl ihn eigentlich niemand wollte oder anstrebte. Theologisch darf man hier interpretieren, dass gerade die menschliche Hybris und das Verlassen auf die eigene Machbarkeit und den technischen Fortschritt und die überhöhte Kulturseligkeit zum Marsch in den Abgrund geführt haben. Theologisch kann man – gerade im Hinblick auf die Aussagen der Bibel – dies nur als eine Geschichte des Abfallens und des Wiederhinwendens zu Gott und seinem Willen sehen, denn nach biblischer Lehre entspringen alle Formen der Gewalt und somit auch der Krieg dem Sündenfall als dessen Folge. Das toph meod – Gen 1,31 – LXX kala lian ist nach dem Fall verloren. Dieser Zustand kann vom Menschen nicht wieder herbeigeführt oder geschaffen werden.

 

Im letzten Grunde geht es dabei um nichts Geringeres als um die Rechtfertigung des Sünders: das Grundgesetz der Sünde (Rö 3,23; 5,12), unter dem alle Menschen ausnahmslos stehen, bestimmt das Leben und Weben dieser gefallenen und erlösungsbedürftigen Welt. Somit ist dieser Zustand der Gewalt und des Kriegs bis zum Ende dieser unerlösten Welt konstitutiv. Theologisch wird man, von der Rechtfertigungsbotschaft herkommend, keine Utopien, Ideologien oder Schwärmereien vertreten können, ohne den Boden des Evangeliums und der Schrift zu verlassen. Luther hat in der Galatervorlesung genau auf diesen zentralen Punkt hingewiesen: wenn die paulinische Rechtfertigungslehre fällt bzw. ausgeklammert wird, dann verfällt die christliche Lehre in hohle Moralisiererei, wie er am Beispiel des Aristoteles ausführt [10]. Luther sagt, dass dies im letzten Grunde nichts anderes bedeutet, als die eigene Weisheit in den Himmel tragen zu wollen. Es handelt sich folglich um das zentrale Thema, was alle Theologie ausmacht. Friedensethik ist somit ein Spiegel des Zustandes von Theologie und Kirche. Die Entwicklungen dieser Ethik zeugen zu aller Zeit von Irrungen und Wirrungen, wenn man sich verlaufen hat bzw. die zentrale Mitte, das Gesetz und das Evangelium, verloren hat. Es geht nicht um theologische Geschmacksnuancen oder pastorale Steckenpferde, sondern um den articulus stantis et cadentis ecclesiae [11]. Die Bischofskonferenz der VELKD hat 2008 auf die grundlegende Bedeutung dieser reformatorischen Grundeinsicht verwiesen und ihre Aktualität hervorgehoben [12]. 

 

 

Krieg als Folge des Ungehorsams gegen Gott

 

Alle Formen der dauerhaften Befriedung des Menschen sind zum Scheitern verurteilt, wie die Geschichte schmerzhaft lehrt. Dies zeigt sich im Mikrokosmos des einzelnen Menschen und seinem Leben wie auch in dem Makrokosmos der Welt im Ganzen [13]. Ein Blick in das eigene persönliche Umfeld und die tägliche Tagesschau bezeugen dies in aktueller Drastizität. Wir sind in eine unfriedliche Welt hineingestellt, in der die Gesetze des Kampfes, des Neides und des Geizes regieren. Luther hat dies in der ihm eigenen Deutlichkeit in der Auslegung des 8. Gebotes im Großen Katechismus gezeigt [14]. Die Erhaltungsgesetze dieser Welt hat Gott im noachitischen Bund [15] erlassen (Gen 9,1-7). Sie gelten bis zum Ende dieser Welt. Im Gegensatz zu den Verheißungen an das erwählte Volk Israel gelten sie für die gesamte Menschheit. Sie sind ein Schutz des Menschen vor sich selber und garantieren die Ordnung dieser Welt und wehren dem totalen Chaos, dem Krieg aller gegen alle.

 

Wenn man heute theologisch von Krieg und Frieden redet, so ist dies immer die Folge des Sündenfalles. Es ist immer Teil der Notordnung einer gefallenen Welt und Zeichen des akkomodierten Willen Gottes, um die Menschen wenigstens in dieser Form vor sich selbst zu schützen und insofern ein Werk seiner Liebe und Barmherzigkeit. Der gefallene Mensch im status coruptionis kann gar nicht anders. Die biblische Anthropologie des Menschen zeigt im Großen wie im Kleinen: Der Mensch ist von sich aus zum Frieden und zum Miteinander unfähig. Zu tief sitzt im Herzen das Übel in aller Form (Gen 6,5; 8,21). Es beginnt beim  Streit der Kinder untereinander und durchläuft alle Formen und Stadien des menschlichen Lebens. Neid und Missgunst sind und bleiben die Wurzel allen Übels (1 Tim 6,10). Diese Wurzel ist im Herzen des Menschen begründet.

 

Helmut Thielicke hat direkt unter dem Eindruck des Krieges 1947 gezeigt, dass die Bibel das Geheimnis der Welt so erschließt, „dass sie uns das Geheimnis des Menschenherzens erschließt“ [16]: „der Krieg hat etwas mit dem Verhängnis zu tun, das sich zwischen Gott und uns geschoben hat“: die Sünde. Es geht um nichts anderes als „dieses babylonische Herz“ [17]. In Zeiten des Wohlstandes und in langen Perioden des Friedens wird dies theologisch gern übersehen. Die Auseinandersetzung Jeremias mit Hananja zeigt dies klar auf (Jer 28,1-15). Luther nennt das den „pelagianischen Grundirrtum“ [18]: die Illusion über das Wesen des Menschen. In reformatorischer und evangelischer Lehre herrscht die Tradition von Augustin über Luther vor: eine radikale Sichtweise des Menschen, die sich in der gesamten Geschichte widerspiegelt. Der Widerwille gegen diese Botschaft ist zu allen Zeiten groß gewesen, da sie den Menschen ungeschminkt darstellt, wie er wirklich war, ist und auch bleiben wird von der Natur aus, die ihm durch den Sündenfall innewohnt. Helmut Thielicke hat mit Recht darauf verwiesen, dass der Mensch sich und seine Natur gerade im Krieg verrät und offenbart. Er unterstreicht den biblischen Realismus, der gerade die „Wolkenkuckucksheimer“ in ihrer „Humanitätsträumerei und verliebt in das Bild des Edelmenschen“ ad absurdum führt [19]. Die anthropologischen „Schminkversuche“ täuschen über das wahre Wesen des Menschen hinweg und beschönigen etwas, was theologisch nicht beschönigt werden darf.

 

Die Lehre von Gesetz und Evangelium stellt den Menschen als das dar, was er coram Deo ist. Reden wir von dieser Sichtweise aus, dann müssen wir anders reden, als andere Fachrichtungen vermeintlicher Anthropologie. Wir müssen als Theologen radikaler und grundsätzlicher reden: vom Standort der Rechtfertigung des Sünders, der wir in Gottes Augen sind. Verloren ohne das Erbarmen Gottes: in einer Welt, die, wenn sie Gott vergisst, kein Mitleid und klein Erbarmen kennt. Eine im wahrsten Sinne des Wortes gnadenlose Welt. Hier regiert das Hauen und Stechen, das Kämpfen und Bekämpfen: der Wille zur Macht und der Wille zur Durchsetzung. Ob es sich dabei um den Streit von Kindern um ein Spielzeug, das Ringen zweier Freier um eine Angebetete, den Streit an der Grundstücksgrenze zweier Nachbarn oder die Eroberungssucht von Staaten handelt, ist im Grunde gleichgültig, denn es steht die gleiche Motivation dahinter: das Durchsetzen des eigenen Willens und das Erringen der gesteckten Ziele. Die modernen Formen des Wirtschaftslebens spiegeln das in erschreckender Art und Weise wieder.

 

Alle Register des Neidens und Geizens werden gezogen, um genau diesen reformatorisch-radikalen Punkt der Anthropologie zu verschleiern. Diese Verlorenheit des Menschen ohne Gott beschreibt die Bibel, wenn sich der Mensch von Gott los machen möchte und seine Gerechtigkeit und seine Ansprüche anmeldet und dann zu allem bereit ist, um sie durchzusetzen. Das Woher dieses Zustandes nennt der Jakobusbrief (4,1) ganz eindeutig: Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, dass in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten? Hier werden beide neutestamentlichen Termini für den Krieg (polemos 18-mal im NT, mache 4-mal im NT) [20] genannt. Dies ist das menschliche Grundgesetz unseres Seins in einem Leben, das Gott ausklammert: der auf sich reduzierte Mensch, der meint, die Rechnung dieses Lebens und dieser Welt ohne Gott als seinen Herrn machen zu können. Hier ist die Wurzel aller Missstände. Woher dieses rührt wird explizit genannt: Es ist der Hedonismus des Menschen. Dieser verhindert, dass die Saat des göttlichen Samens aufgehen und Frucht bringen kann. Jesus hat diesen Hedonismus noch um die Sorgen des Reichtums ergänzt (Lk 8,14) und damit klar die Gefahr aufgezeigt, die den Menschen heute wie zu aller Zeit vom Vertrauen zu Gott wegziehen kann und jedes Fruchtbringen verhindert. Der Reichtum und der Hedonismus dieses Lebens steht damit in krassem Gegensatz zum Reichtum Christi (Rö 9,23; Eph 3,16; Php 4,19; Kol 1,27: to ploutos tes doxes im Gegensatz zu ploutou kai hedonon tou biou). Dieser Hedonismus spiegelt sich im einzelnen individuellen Erleben wie im großen Maßstab der Welt mit ihren Kriegen und Feldzügen aller Art wieder. Übersieht man diese theologische Grundgegebenheit oder gewichtet sie falsch, ist alle weitere Bemühung zum Scheitern verurteilt, denn man geht von falschen Voraussetzungen aus. Es zieht sich dann wie ein einmal eingeschlichener Fehler in einer mathematischen Aufgabe immer weiter mit durch. Wer von humanistischen Idealen oder Voraussetzungen ausgeht, steht hier auf einem anderen Fundament als dem genuin christlichen und kann nach christlichem Verständnis nur irren.

 

Nach biblischer Lehre ist der Krieg eine der vier schweren Strafen Gottes neben Hunger, wilden Tieren und der Pest (Ez 14,21). Krieg ist also ein Handeln Gottes, das der Mensch nicht von sich aus steuern oder beherrschen kann. Vielmehr ist es eine Reaktion Gottes auf den Ungehorsam des Menschen, die ihn zur Räson rufen soll. Dies ist in der Geschichte immer passiert. Die Frage, warum Krieg, Not, Gewalt und Elend über die Menschen kommen und die Erde verwüsten, wurde immer nach den großen geschichtlichen Katastrophen erhoben. Theologisch gibt es hier nur die eine immer gleiche Antwort: der Ungehorsam gegen Gott, dessen Eifersucht den Menschen hierfür zur Rechenschaft zieht. Das heute gängige, gern vertretene Bild des alle Menschen liebenden Gottes, der niemanden ausschließt und niemand verwirft und seine billige Gnade über alle ausgießt – ob sie sie haben wollen oder nicht –, verträgt sich an dieser Stelle nicht mit der Lehre der Bibel des Gottes, der hier nicht durch die Finger sieht und der nicht fünfe gerade sein lässt. Es ist die Frage nach dem Gottesbild: der eifernde (el kana, zolotes bzw. zeloo Ex 20,5; 34,14; Dtn 4,24; 5,9; 6,15; Nah 1,2) Gott, der das Herz des Menschen für sich will und um sein Vertrauen wirbt ist nicht nur der sanfte, liebe, handzahme Gott, sondern eben auch der Gott, mit dessen Zorn [21] der Mensch nicht spielen darf und ihn sich nicht nach seinem Gusto zurechtbiegen darf: Das hieße, das Wesen Gottes zu verkennen und ihn so zu einem Götzlein zu degradieren. Die Herrlichkeit Gottes wird in das Bild eines grasfressenden Ochsen (Rö 1,23; Ps 106,20; Jer 2,11; 10,14) verwandelt. Gott wird damit nicht ernst genommen und dies ist, wie die Bibel zeigt, noch nie folgenlos geblieben.

 

Dies muss auch in Hinblick auf ein Jesusbild gesagt werden, das diesen Zorn ausblendet bzw. nicht wahrhaben will. Die Veröffentlichungen von Sebastian Moll haben das sehr deutlich gemacht [22]: der nur-sanfte und alles hinnehmende und absegnende Jesus entspricht nicht dem, was uns die die Bibel von dem Jesus bezeugt, der zornig wurde und die Menschen zum Entsetzen brachte. Am deutlichsten wird dies neben der Tempelreinigung im Fischzug des Petrus (Lk 5, 9) als das Entsetzen angesichts der göttlichen Vollmacht die Jünger überfällt, denn sie erkennen die Vollmacht Jesu [23] und den damit verbundenen Anspruch Gottes an den Menschen. Jesus hat uns Gott im Gleichnis als den erzürnten Gott gezeigt [24]. Hier muss das gängige Bild des ausschließlich liebenden Gottes korrigiert werden: Ohne den Zorn Gottes ist seine Liebe farblos und leer. Hier liegt ein entscheidender Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Seins coram Deo.

 

Sehr oft hat man in den letzten Jahrzehnten des Friedens in Europa einen Frieden beschworen, der mit dem Frieden, den die Bibel bezeugt, nichts zu tun hat. Was alles unter dem Thema und Motto „Schalom“ unternommen wurde, hat bisweilen groteske Züge angenommen und hat mit Friedensliebe oder Einsatz dafür m.E. oft wenig zu tun. Man hat sich seitens des kirchlichen Pazifismus gern fremder Lehren (Hebr 13,9) bedient und hat den Frieden dieser Welt mit dem Frieden Gottes vermischt bzw. verwechselt. So hat die Friedensbewegung der DDR gern das Wort der umgeschmiedeten Schwerter (Jes 2,4; Mi 4,3) verwendet und dies zum Symbol ihres Tuns und ihrer Absicht gemacht.  Freilich wurde nicht bedacht, dass durch Propheten auch die umgekehrte Tätigkeit befohlen wird: nämlich das Schmieden der Pflugscharen zu Schwertern (Joel 4,10).

 

 

Das Dilemma de gegenwärtigen Friedensethik

 

Es gilt in aller Klarheit zu erkennen, dass die Bibel von einem weltlich-immanenten Friedensreich niemals redet. Die beliebtesten und am häufigsten verwendeten selektiven biblischen Belege (Ps 85,11; Mt 5,9) vergewaltigen geradezu exegetisch die Aussagen, die dem Theologen gegeben sind im Wort des Gottes, der um das Herz des Menschen weiß wie kein anderer. Es ist geradezu eine Vergewaltigung des Wortes Gottes, wenn unsere menschliche Angst vor Gewalt und allem was damit zusammenhängt, auf Gott projiziert wird. Es wird damit der Gott, den die Christenheit als allmächtig bekennt und dessen Kommen sie erbittet, auf die Bühne dieser Welt reduziert. Das wird ihm in keinster Weise gerecht. So fußt dieses Gottesverständnis auf einem gefährlichen Gottesbegriff. Denn es sieht nicht, dass dieser Gott ganz andere Maßstäbe und Möglichkeiten hat als wir Menschen: Wir Menschen laufen mit unseren derzeitigen Friedensbemühungen ins Leere. Die Ereignisse überholen uns und wir werden mit Tatsachen konfrontiert, die wir nicht aufhalten können. Gewalt ist einfach da und bricht sich Bahn. Kriege kommen und der Mensch kann nichts dagegen tun. Alle Bemühungen, das ändern zu wollen, scheitern in furchtbarer Weise: das Wort Jesu, dass der Mensch irrt, weil er weder Gott noch seine  Kraft kennt (Mk 12, 24), bewahrheitet sich in dieser Situation: Alles, was wir Menschen von Gott und seinem Handeln mit dieser Welt wissen können, steht nach protestantischem Verständnis in der Schrift. Kennen wir diese nicht oder sehen darüber hinweg – wie es durch selektive Exegese geschieht –, so kann der Weg nur in furchtbare Verirrung führen. Und deshalb ist es theologischer Betrug bzw. die Führung des Blinden durch einen Blinden (Lk 6,39), wenn wir die Kraft Gottes auf unseren Maßstab reduzieren wollen. Bildlich gesprochen wird die Fußballweltmeisterschaft auf ein Bambinitrainig von Hintertupfingen reduziert. Es ist ein geradezu schändlicher Missbrauch des Wortes Gottes, wenn man es in die von uns aufgerichteten Maßstäbe pressen will. Dies hat Gott noch nie mit sich machen lassen: die Verwechselung der göttlichen und menschlichen Maßstäbe ist wohl zu allen Zeiten bis heute eine der größten Gefahren gewesen. Hier hat Jesus seinen eifrigsten Jünger scharf in die Schranken gewiesen (Mt 16,23).

 

Die Verwechselung der Maßstäbe ist wie ein verkehrtes Fundament, auf dem nur falsch weitergebaut werden kann. Aber es wird kein Winkel in diesem Gebäude stimmen. Die moderne Friedensethik in Form des „gerechten Friedens“ ist genau diesem falschen Fundament aufgesessen und errichtet einen Bau, der nur dem Einsturz verfallen kann. Die „göttliche Baupolizei“ gibt hier keine Freigabe: Es ist der Einsturz statisch vorprogrammiert.

 

Deshalb ist es meiner Ansicht nach dringend an der Zeit, hier klarer zu sehen und sich nicht weiter in dem verbauten Bau dieser theologischen Konfusion zu verirren. Das neoscholastische System der Friedensethik, das man mit viel Mühe und Arbeit erreichtet hat, wird durch die falschen Grundpfeiler auf Dauer nicht getragen werden können. Das ganze Desaster dieser Ethik ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder sichtbar geworden: Die deutsche gewaltfreie Wiedervereinigung, der Zusammenbruch des sozialistischen Verbrecherregimes, der Jugoslawienkrieg mit seinen furchtbarer Massakern, das Entstehen der neuen Kriege und nicht zuletzt der sog. Arabische Frühling führen die Lehre des gerechten Friedens ad absurdum. Unverdrossen posaunen die Propheten dieser Lehre, die den angeblichen gerechten Krieg überwinden soll, ihre Ansichten in die Welt hinaus. Konkretion dieser Lehre ist nie erfolgt. Berufung auf das Wort Gottes erfolgt nur sehr selektiv. Die immer absurder werdende Lehre wird von der Realität überholt und macht ihre Vertreter lächerlich, denn sie selbst müssen ja in jeder Tagesschau den Irrtum mit ansehen, dem sie aufgesessen sind.

 

Die in EKD-Kreisen so beliebte Vokabel des „Paradigmenwechsels“ entpuppt sich theologisch betrachtet ständig als Fatamorgana. Angesichts der Tatsache, dass das Rad nicht ständig neu erfunden werden muss, verharrt der Mensch im Zustand der Dieselbigkeit, wie Helmut Thielicke das treffend formuliert hat [25]. Ulrich H.J. Körtner hat das Dilemma der gegenwärtigen Friedensethik auf den Punkt gebracht. Mit Recht verweist er darauf, dass die Gefahr besteht, den gerechten Frieden zu einer ideologischen Parole verkommen zu lassen. Dies nennt er politisch unverantwortlich. Zudem bringt es das theologische Abseits mit sich, in welches sich die Vertreter des gerechten Friedens hineinmanövrieren. Körtner zeigt die Differenz auf, die sich gegenwärtig zwischen den Äußerungen von Bundespräsident Gauck und Margot Kässmann ergibt. Körtner, der sich schon wiederholt sehr kritisch mit der Lehre des gerechten Friedens auseinandergesetzt hat [26], erhebt die berechtigte Forderung nach einer realitätsgerechten Friedensethik, die sich nicht in Phrasen erschöpft [27]. Es ist deshalb m.E. dringend an der Zeit, hier tiefer zu bohren und nach den biblischen Grundlagen neu zu fragen. 

 

 

Christliche Friedensarbeit ist ein Haschen nach Wind

 

Kriege sind nach dem Zeugnis der Bibel – wie oben gesagt – Ausdruck bzw. Folge der menschlichen Sünde bzw. des menschlichen Falles. In den Augen Gottes steht der Mensch anders da, als er sich selbst sieht oder sehen möchte. Kriege werden von Gott gesteuert (Ps 46,10). Wenn wir das übersehen, sind unsere Lehre und auch unser Verhalten in Gefahr, in die falsche Richtung zu marschieren. Hier müssen wir als Theologen des Wortes Gottes klar sehen, dass mit unserer Macht nichts getan ist und dass Gott über solche Versuche des Menschen nur spottet (Ps 2, 4). Die Erfahrungen aller Zeiten und besonders die des 20. Jahrhunderts, das als das blutigste in die Geschichte der Menschheit eingegangen ist, zeigt, dass die Verirrung in der Lehre immer in Krieg, Not und Leid geführt hat. So sieht die Bibel hinter jedem Krieg die von Gott ausgesandte Plage bzw. Strafe: Wenn der Reiter des roten Pferdes (Off 6,4) ausgesandt wird, so ist die Welt mit Krieg und allem Unglück überzogen. Dies geschieht nicht von selbst, sondern auf Befehl Gottes, der diese Reiter aussendet. Wenn auf diese Art und Weise der Frieden von der Erde genommen wird, dann kann der Mensch von sich aus nichts dagegen tun. Hier handelt es sich nicht um menschliches Wollen in Form von Krieglüsternheit oder Kriegstreiberei, sondern um ein tiefer gehendes Phänomen, in dem Gott handelt.

 

In der Phase der Besinnung nach jeder geschichtlichen Katastrophe wurde immer das Gericht Gottes in dem Geschehen gesehen. In der Heimsuchung lag aber auch zugleich die Gnade des Neuanfanges und der Neuausrichtung.

 

So hat Helmut Thielicke dies sehr überzeugend in seiner Schrift „Gericht und Heimsuchung“ [28] dargelegt. Gerade für das innerkirchlich oft beschworene „Wächteramt der Kirche“ hat Thielicke mit prophetischer Klarheit vor einer Politisierung der Kirche gewarnt, wenn sie sich in vordergründige politische Fragen einmische und dann folglich zu einem „Informationsministerium mit umfangreichen Stäben von Agenten und Sachbearbeitern“ mutiere und dabei in ein „ihr fremdes Metier“ eingreife. Thielicke warnte vor „wertendem Dilettantismus“ [29]. Wenn man heute das Heer von kirchlichen Beauftragten und Referenten und ihr Tun betrachtet, ist festzustellen, dass genau dies eingetreten ist. So leistet sich die Evangelische Kirche der Pfalz beispielsweise einen „Stabsreferent für Ökum. Diakonie im Diakonischen Werk“, der seine Zeit mit Erwägungen über Palmöl, nachhaltigem Handeln, der EU-Fischereipolitik und anderen theologischen „Bedeutsamkeiten“ verbringt [30]. Die Liste solcher theologischen Suppenkaspereien lässt sich beliebig fortsetzen und zeugt vielmehr von einer kirchlich angemaßten Gigantomanie als von einer Erfüllung des eigentlichen kirchlichen Auftrages. Mit Recht hat Wilhelm Laible im Kirchenkampf vor solchen „selbsterwählten Lasten“ und „eigens ausgesuchten Bergen“ gewarnt, die man statt des Auftrages Gottes sucht [31].

 

Wie Thielicke hat es Walther von Löwenich 1946 gesagt: „wir haben das Versagen aller innerweltlichen Deutungen erlebt. Nur vom Kreuz Christi her lässt sich unserer Zeit noch ein Sinn abgewinnen.“ [32] Auch Edmund Schlink hat sich in dieser Hinsicht dahingehend deutlich geäußert [33]. So auch der württembergische Bischof Theophil Wurm, der den Lauf der Ereignisse dieser Jahre in diese Richtung verstanden [34] hat. Wurm hat vor der Vergötzung des irdischen Friedens nachdrücklich gewarnt: „Menschen, die den Frieden mit Gott und ein gutes Gewissen höher schätzen als den zeitlichen Frieden, die sind uns bitter nötig für unser Volk und für unsere Kirche. Sie werden dort zu finden sein, wo man das Heil gefunden hat in keinem anderen als in Jesus Christus.“ [35] Bei aller Wertschätzung des irdischen Friedens ist hier der Verweis auf den theologisch entscheidenden Maßstab. Suzanne de Dietrich hat dies neben vielen anderen in der Stunde Null nach dem Zusammenbruch 1945 ebenfalls klar gesehen und theologisch darauf reagiert [36], denn es kam ein neues intensives, ja fundamentales Fragen, nachdem die falschen Götzen als solche entlarvt waren und man vor den Trümmern stand, die diese Götzen angerichtet hatten. An den „Wassern zu Babel“ [37] erfolgte und erfolgen das Weinen und das Fragen.

 

Theologisch ist es zu kurz gegriffen, nur menschliches Handeln im Wirken der Geschichte zu sehen. Die Bibel bezeugt von Anfang an ein Eingreifen Gottes in den Lauf der Geschichte, wenn die Sünde zu groß und die Zustände aus Gottes Sicht unhaltbar waren (Gen 6,5ff): Dies gilt für die Geschichte des Volkes Israel wie für die Geschichte des neuen Israel – der christlichen Kirche. Der Abfall seiner Kinder lässt den eifersüchtigen Gott nicht kalt: es ist ihm nicht gleichgültig, wenn sich die Seinen von ihm abwenden und andere Götter verehren. Der eifernde Gott vom Sinai lässt sich eben nicht zu einem handlichen Gott für alle Gelegenheiten umbauen, sondern stürzt die falschen Götter und bringt seine Kinder zur Räson.

 

Der tiefe Fall Deutschlands 1945 beruht auf dem Abfall: auf dem Verlassen des lebendigen Gottes und seines Wortes – auf dem falschen Vertrauen auf sich selbst und den selbstgebauten Gott. Die Welt macht es sich diesbezüglich gern leicht und sucht den sichtbaren, greifbaren Gott, der sich beweisen lässt, der sich leicht verehren lässt und der unseren Kategorien eher entspricht als der uns oft fremd erscheinende Gott, der seinen Sohn am Kreuz für die Sünden der Welt sterben ließ. Das goldene greifbare Kalb ist dem Menschen zunächst immer näher und oft erstrebenswerter als der Gott „auf dem Berg“. Die Ungeduld des Menschen wartete am Fuße des Berges Sinai sehr ungern auf die Wiederkehr des Mose vom Berge und griff sehr begierig nach dem greifbaren Gott, dessen Verehrung ja viel einfacher und erstrebenswerter schien (Ex 32,1-6). Der Mensch hat zu aller Zeit den kommoden Gott gesucht, der es ihm leichter macht als der von der Bibel bezeugte Gott, der eben nicht nur nah und lieb ist, sondern oft auch grausam und unverständlich erscheint. Die theologia crucis war und ist zu aller Zeit niemals mehrheitsfähig gewesen und Gott hat manchmal harte Streiche über die Menschheit kommen lasen müssen, um zu zeigen, wer Herr und wer Geschöpf ist.

 

Die moderne Egozentrik, die wir aus Kirche und Theologie sehr wohl kennen, da sie sich selbst bzw. „den Menschen“ absolut setzt, feiert hier ihre Triumphe, weil der Gott, der sich den Menschen bezeugt hat, nicht nur der nahe Gott ist, sondern auch der ferne, der fremde, der unverständliche Gott (Jer 23,23). Die christliche Botschaft von Kreuz und Auferstehung war und ist hier eine harte Speise für den Menschen, der diesen Weg und diesen Plan Gottes aus seiner beschränkten Sicht heraus bei allem Grübeln nicht nachvollziehen kann. Hier versagen alle Kategorien der menschlichen Logik und der menschlichen Einsicht, denn dieses Handeln Gottes kann nur aus dem Glauben, der durch den heiligen Geist geschenkt ist, erfasst werden. Alle Versuche, diesen Weg und Willen Gottes zu relativieren oder zu „entschärfen“ scheitern. Es mutet an wie das Besteigen des Mount Everest in Badeschlappen. Diese Zumutung Gottes muss der Mensch aushalten: Hier ist er nicht gleichberechtigter Partner Gottes, sondern nur Geschöpf, das den Willen seines Herrn nicht immer nachvollziehen kann und nicht begreifen kann mit den ihm gegeben Maßstäben – wohl aber kann er es dankbar ergreifen wie der Ertrinkende den Rettungsring. Und nur aus dem einen Grund: Es gilt ihm. Insofern mutet alles menschliche Bestreben um einen kirchlich erstrebten Weltfrieden – im Kleinen wie im Großen – mehr als merkwürdig an, denn dieser Auftrag wurde dem Menschen nicht erteilt. Es handelt sich vielmehr um eine selbsterwählte Werkgerechtigkeit, die weder erforderlich noch erfolgreich ist.

 

Die christliche Friedensarbeit, in der sich viele redliche Menschen seit Jahrzehnten mühen, entpuppt sich letztlich als ein Haschen nach Wind und als ein falscher Vorsatz. Der entscheidende Terminus ist hier nach LXX prohairesis, was hier mit Vorsatz oder Vorhaben wiederzugeben ist. In Verbindung mit Jer 8,5; 14,14 steht es für falschen selbsterwählten Gottesdienst infolge falscher Prophetie. Es handelt sich um Werkgerechtigkeit: das ewig alte Streben des Menschen, wie Gott sein zu wollen. Der Versuch sich selbst auf den Thron Gottes setzen zu wollen. Das Märchen vom Fischer und seiner Frau zeigt, wohin dieser Wahn führt. Dieses ist zweifellos nicht Gottes Willen sondern vielmehr ein Haschen nach Wind: häbäl urut ruach (vgl. prohairesis pneumatos [38]) und des Menschen eigener Willen, den er für den Willen Gottes hält bzw. ausgibt. So ist das Bemühen des Menschen in Gottes Augen also grundverkehrt: Was den äußerlich guten Schein hat und im Denken des Menschen nur positiv angesehen werde kann, ist also hier durch die Verdrehung der menschlichen Bemühung und seine verkehrte Intention durchaus negativ im Sinne Gottes. Eine zentrale Bibelstelle ist diesbezüglich Mt 16,23: das harte Wort Jesu gegen Petrus ist aus unserer Sicht ein Schlag ins Gesicht: Der Jünger ist um das bedrohte Leben seines Meisters besorgt und will ihn vor dem Unheil, das dieser ankündigt, schützen. Wer wollte aus menschlicher Sicht so etwas tadeln? Es ist menschlich zutiefst verständlich und ehrt Petrus, der sofort auf den Plan kommt, als Jesus das kommende Unheil beim Namen nennt. Aus menschlicher Sicht verdient eine solche Haltung Anerkennung und Respekt. Doch da Jesus aus einer völlig anderen Perspektive sieht und um einen völlig anderen Maßstab weiß, kann er diese menschlich-humanitäre Sichtweise nicht loben sondern muss hier den eifrig-besorgten Jünger scharf zurechtweisen. Der Satans-Titel zeigt ja, wessen Denken Jesus hier erkennt: Das sind die völlig verschiedenen Sichtweisen Gottes und des Menschen. Der Christus, der weiß, dass Leiden und Tod notwenig sind, wenn er seinen göttlichen Auftrag erfüllen soll, muss hier klare Verhältnisse schaffen und den Eifrigen zu einem Sichtwechsel bringen. Die Versuchung Jesu in der Wüste zeigt ja das gleich Muster der falsch gedeuteten Humanität: Als Jesus nach den 40 Tagen hungert und dürstet und der Teufel ihn satt machen will, ist das ja menschlich gesehen sehr nett. Wer wollte dem Hungernden weiter das Essen verbieten? Es ist doch ein Gebot der Nächstenliebe: allerdings einer Nächstenliebe, die etwas anderes verfolgt als das Wohl des Hungernden; es steht ja die Verführung zur Abgötterei – die Sünde gegen das erste Gebot dahinter. Hinter dem primär positiv Erscheinenden steht das Negative – weil Verführende.

 

Und an diesem Punkt wird es bis heute gefährlich: Das so positiv Scheinende hat einen bösen und theologisch gefährlichen Hintergrund. Das menschliche Denken kann die Arbeit für den Frieden und das allgemeine Wohl nur positiv werten. Die „Helden der Nation“, die Peacebuilders oder Peacekeepers genießen den Nimbus der Uneigennützigkeit und des Allgemeinwohls. Und das ist menschlich gesehen auch richtig so: Mit Recht genießen Feuerwehrleute das größte Ansehen in der Bundesrepublik vor allen anderen Berufsgruppen, weil sie Leib und Leben zum Wohle und zur Sicherheit ihrer Mitmenschen einsetzen. Aber dies ist die menschliche Seite. Sog. Friedensethiker oder Friedensaktivisten nehmen auch den Schein für sich in Anspruch, anderen Menschen etwas Gutes tun zu wollen und sich in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Coram Deo ist dies jedoch völlig bedeutungslos, wenn es ohne Glauben geschieht, sondern nur um das Treppchen des eigenen Ruhmes zu erhöhen und sich selbst positiv darstellen zu wollen. Das greift coram Dei eindeutig zu kurz. Das Wissen, dass nach Jesu Wort Himmel und Erde vergehen werden, steht in krassem Gegensatz zu dem Sorgengeist, der sich friedensethisch in einer oft verbiesterten „Weltrettungstheologie“  breit macht, die sich wohlfeil klingend auf „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ [39] beruft. Diese Form der Selbstrechtfertigung hat gerade Jesus in schärfster Form zurückgewiesen wie auch den eifernden Petrus. Hiervor warnt Paulus in scharfer Form: „sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide!“ (2 Tim 3,5). Dieser fromme Schein ist im letzten Grund nichts anderes als menschliche Hybris und ein Missbrauch, dem es theologisch zu wehren gilt.

 

 

Wort Gottes als Prüfstein – auch in der Friedensethik

 

Die in den letzten Jahrzehnten friedensethisch geschlossenen Bündnisse mit anderen nichttheologischen Erkenntnissen sind also theologisch gefährlich und öffnen vielen kirchlichen Tumoren Tür und Tor, denn diese Wucherungen entwickeln ein gefährliches Eigenleben, das immer wieder zu reformieren ist. Als evangelische Christen können wir dem Grundsatz nur in der Form entsprechen, dass wir am Wort Gottes prüfen, ob sich das so verhält wie es geschrieben steht. Hinter vielen kirchlichen Entwicklungen dieser Art steckt nichts anderes als prophasis (Mk 12,40; Joh 15,22; Hos 10,4): ein falsches Motiv – ein falscher Schein. Jesus hat sich gerade mit dieser Art von Wölfen im Schafspelz, die etwas anderes sind als sie vorgeben, scharf auseinandergesetzt (Mt 23,28; Mk 12,15; Lk 12,1). Bereits in den ersten Gemeinden war dies ein völliges No-Go (1. Petr 2,1). „Diese Heuchler befehlen ihrem Herzen Zorn“ (übersetzt nach LXX Hiob 36,13; die Vulgata nennt sie „simulatores“) und verfolgen somit höchst unfriedliche Ziele und entsprechen dem Wort Jesu über die getünchten Gräber, deren Inhalt sich vom Äußeren scharf differenziert (Mt 23,27). Das sehr unfriedliche Gebaren mancher sog. Pazifisten bestätigt geradezu diese These. Gerade die, die sich als hoi eirenopoioi (Mt 5,9) sehen, stellen sich oft als streitsüchtige und kompromissunwillige Geistesdiktatoren dar, die neben sich und ihrer imperativisch vertretenen Lehre nichts anderes gelten lassen wollen. Diese Art des Friedens ist ein trügerischer Frieden, der nichts mit dem Frieden zu tun hat, den die Kirche dieser Welt zu verkündigen und zu zeigen hat. Schon Paulus warnt vor dieser Verwechselung und den betörenden Sirenenklängen (1. Thess 5,3), die sich als gefährlich herausstellen. Bereits Jeremia warnt vor diesen falschen Propheten (6,14).

 

Es ist m.E. eine gefährliche Selbsttäuschung der christlichen Kirche, wenn sie sich in diese Position begibt: so wird man zu Helfershelfern einer sehr fragwürdigen Weltanschauung, die mit dem christlichen Glauben nichts zu tun hat. Der tiefer sehende Christ wird sich mit der Oberflächlichkeit des Weltfriedens nicht zufrieden geben. Wohl wird er aus staatsbürgerlicher Überlegung heraus alles tun, um dem Frieden dieser Welt zu dienen [40], aber er wird keinesfalls diesem Frieden, der in erster Linie Sicherheit für Leib und Leben bedeutet, eine Bedeutung für seinen Glauben beimessen. Denn dies würde den immanenten Frieden religiös überhöhen und ihn zu etwas machen, was ihm nicht zusteht. Wie oben aufgezeigt, kann man sola scriptura nur sagen, dass immanenter Frieden vom Menschen aus nicht zu schaffen oder herzustellen ist. Vielmehr ist deutlich geworden, dass es ein Kennzeichen der gefallenen Welt in der noachitischen Ordnung ist, dass es immer wieder zu kleinen und großen Kriegen kommt und auch weiterhin kommen wird. Das Chamäleon des Krieges [41] erscheint in variierenden Formen und Weisen, wie die Kriegsgeschichte lehrt. Dies ist und bleibt so bis an das Ende dieser Welt. Die Beschreibungen des himmlischen Friedens in all seinen Vorstellungen zeigen, dass dieser Zustand dem Eschaton vorbehalten ist und bleibt.

 

Ein Gewaltverbot oder ähnliche humanitäre Bestrebungen erweisen sich als wirkungslos und sind christlich betrachtet Schwärmerei und Utopie, die dem evangelischen Glauben von der Bibel her betrachtet fremd sind. Auf dem Boden der biblischen Botschaft hat dieses importierte Unkraut nichts verloren. Ich möchte die Situation der christlichen Friedensethik mit der einer Bestattung vergleichen: Die versammelte Gemeinde am Sarge steht vor dem sichtbaren Vergehen. Das Leben des Verstorbenen ist menschlich nicht mehr zu retten oder fortzusetzen. Es ist das definitive menschliche Aus. Alle Blumen, Kränze und andere Versuche, das zu beschönigen, welken nach wenigen Stunden oder Tagen auf dem Grabe. Auch der Prediger steht vor dieser weltlichen Realität: Diese ist hart und wir können nicht mehr ausweichen. Aber Christen verkündigen angesichts der Realität des Todes die Wahrheit der Auferstehung und des ewigen Lebens. Es ist ein harter Dienst am Sarg genau das Gegenteil von dem zu bezeugen, was unausweichlich vor Augen ist. Die Schere zwischen Realität und Erwartung ist groß.

 

So verhält es sich auch mit Krieg und Frieden: Der Frieden, den wir am Sarge verkündigen, ist nicht die Friedhofsruhe. Sondern es ist der Frieden, den nur Gott allein uns schenken kann, weil wir wissen, dass genau dieser Feind, der Tod, durch unseren Herrn am Kreuz und im leeren Grab überwunden ist und wir unsere Verstorbenen bei ihm wissen und diesen Weg für uns erbitten. Da das unausrottbar Böse dieser Welt nur durch das Gute überwunden werden kann, dürfen wir nicht in der Vorläufigkeit stehenbleiben und uns hierin erschöpfen. Das spiegelt sich in mancher Rede am Sarg wieder: Wer nur von den Taten und Leistungen eines Menschen spricht, was er für ein toller Hecht war und alles für Heldentaten vollbracht hat, wird keinen Trost für die versammelte Trauergemeinde geben können, denn das Vergangene ist schnell vergessen und auch das beste Leben enthält genug dunkle Flecken – wir sprechen dann von Sünde. Die menschlich gesehen schmerzlichste Erinnerung an die Vergänglichkeit ist wohl Psalm 103,16: „ihre Stätte kennet sie nicht mehr“. An diesem Punkt ist der Mensch zum Guten gerufen – ja befohlen: zu dem unbedingten Vertrauen des 1. Gebotes: dem Vertrauen zu Gott, den wir fürchten und lieben und dem wir vertrauen müssen. Der für uns menschlich unüberwindliche Tod, dessen Realität uns jeden Tag in vielerlei Gestalt vor Augen steht, kann nur durch das Vertrauen auf die Barmherzigkeit, die Gnade und die Güte Gottes überwunden werden. Übertragen auf die Friedensethik heißt das: Das Stehenbleiben in vordergründigen Fragen der Vorläufigkeit dieses Lebens und dieser Welt ist christlich gesehen zu wenig. Die Zwei-Reiche-Lehre Luthers bewahrt uns ausdrücklich davor und zeigt dem Wanderer zwischen zwei Welten, was der Friede ist, der gerade in der unfriedlichen Welt Ruhe in das unfriedliche Herz des Menschen bringt.

 

Deshalb war und bleibt es fatal für die Kirche Christi, wenn sie in eschatologischen Fragen immanent steckenbleibt bzw. diese ausblendet. Denn die eschatologischen Fragen auf die Immanenz herunterzukürzen führt nur zu falschen weil überhöhten Erwartungen. Deshalb ist gerade der so wohlfeile „Kirchentagspazifismus“ im Alltag völlig ungeeignet, um die harten Lasten des Lebens zu bestehen. Deshalb ist gerade der Irrgarten mancher pazifistischen Friedenslehre wohl verführerisch aber gefährlich, weil er in der harten Realität dieser Welt kläglich versagt. Gerade in Kriegs- und Krisenzeiten dieser Welt hat die Kirche vielen Menschen Kraft, Halt und Ziel gegeben: nicht durch Abschaffung des Übels Krieg, Gewalt und Leid – das hieße, den Ozean mit einem Wassereimer leeren zu wollen.

 

Die Kraft des christlichen Glaubens, wie sie in den Liedern Luthers, Paul Gerhardts oder Matthias Claudius bezeugt ist, hilft nicht um das Übel Krieg herum, aber hindurch. Wenn wir uns – ganz im Sinn der Zwei-Reiche-Lehre – von der Idee der Weltenrettung verabschieden, haben wir die Kraft, den zu bezeugen, der uns allein den Weg zu dem Frieden weist, der – jenseits der Friedhofsmauer – zu dem Frieden rufen wird, der nicht mehr bedroht oder gefährdet ist, weil dann alles das nicht mehr sein wird, was uns das Leben hier so schwer macht.

 

Das ist nicht, wie Jürgen Moltmann und sein theologisches Gefolge postulierten, die Vertröstung auf das bessere Jenseits, sondern für die Kirche Christi Wegzehrung und eiserne Ration auf dem Weg. Die nüchterne Lehre der Schrift muss an diesem Punkt eine Einnordung unseres Weges zur Folge haben. Jeder Pfadfinder weiß, dass dies unumgänglich ist, wenn man befürchtet, sich verlaufen zu haben. Christliche Lehre ist an diesem Punkt – von der Schrift her – sehr einfach und klar. Sie befreit von manchen „Handlungen als Frondienst seligmachenden Glaubens“ [42]. Sie  bedarf keiner großen Programme, Pläne oder Perspektivkommissionen, sondern das klare Wissen um das Wesen des  Menschen in seiner Verbindung zum Wesen dieser Welt und dem Wesen Gottes. Wenn diese Verbindung von humanitas und christianitas [43] deutlich ist, sind wir vor falschen und überhöhten Erwartungen bewahrt und wissen, dass wir einer untergehenden Welt den einzigen und exklusiven Weg zu zeigen haben.

 

Das halte ich in gebotener christlicher Demut und Bescheidenheit für das theologische Gebot der Stunde. Die Besinnung auf Wort und Sakrament, auf Gesetz und Evangelium ist hier das Gebot der Stunde für eine Kirche, die das oft über den tagespolitischen Fragen vergisst (Mk 4,19) und sich so in Nebensächlichkeiten müde macht: „und kommen weiter von dem Ziel“ (EG 482,4).

 


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[1] Es geht weder um Polemik oder Streitsucht, sondern ausschließlich um die Frage nach den Aussagen der Schrift zum Thema. Was dies dann in der Konsequenz für uns als Kirche bedeutet, wird man verschieden auslegen können. Ich möchte weder zum Streit noch zum „Mönchsgezänk“ aufrufen – wohl aber auf urprotestantischer Basis das theologische Gespräch anregen, das unserer ideologieverliebten Kirche m.E. dringend Not tut. Das Wort ist der Schutz der Kirche: dies war eine grundlegende Erkenntnis im Kirchenkampf. Nicht von ungefähr trägt der von Karl Heim herausgegebene Predigtband (Dein Wort ist deiner Kirche Schutz. Göttingen 1934) seinen Titel. Die Predigten von den führenden Köpfen der bekennenden Kirche sind auch heute noch mit Gewinn zu lesen. Der Mut der damals Predigenden (Asmussen, v. Bodelschwingh, Niemöller, Eger u.a.) war groß und kann uns Nachgeborenen auch im 21. Jahrhundert den Weg in die richtige Richtung weisen. Ich bitte um ein biblisches Ringen – ohne ideologische Scheuklappen und moralisierende Salbungen! Es ist ein urprotestantisches Anliegen: „Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre um deiner Gnade und Treue willen!“ (Ps 115,1).

[2] WA 5, 633, 17-19: „Nos enim non rem gestam e scripturum mysteriis, sed scripturam mysteria e re gesta, hoc est veterem sripturam Euangelio illustramus et non econtra“. Luther über Ps 22,17.

[3] WA 10, 1, 1, 8 – 18. In der Vorrede zur Kirchenpostille 1522.

[4] WA 16, 363 – 393. Aus der Exodusvorlesung 1525.

[5] Althaus, Paul: Die Theologie Martin Luthers. Gütersloh, 6. Aufl., 1983. S. 195-197.

[6] In der jüngsten Ausgabe der ZEE zeigt Ulrich Körtner die verfahrene Situation der Friedensethik auf. ZEE 59, S. 3-7.

[7]   Zwischenüberschriften sind von der Redaktion eingefügt.

[8] Aus drucktechnischen Gründen kann die hebräische und die griechische Schrift nicht wiedergegeben werden und erfolgt im Umlaut. Wer die originalen Schriftzitate nachlesen möchte kann diese gern anfordern unter: ulrich.kronenberg@evkirchepfalz.de.

[9] Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München 10. Aufl. 2013. Münkler, Herfried: Der große Krieg. Die Welt 1914 – 1918. Berlin 2013.

[10] WA 2, 493, 3-14.

[11] Schäfer, Hans: Die Botschaft von der Rechtfertigung. Eine Einführung in ihr biblisches und reformatorisches Verständnis. Hannover 1997.

[12] http://www.ekd.de/presse/pm145_2008_velkd_rechtfertigung.html

[13] Helmut Thielicke hat diese Entsprechung oft verwendet: z.B. Der Glaube der Christenheit. S. 151.

[14] WA 30, 1, 169,1-174,23.

[15] Thielicke, Helmut: Theologische Ethik II,2: Ethik des Politischen. Tübingen 1958. § 1552ff. Der noachitische Bund ist ein zentraler Punkt von Thielickes dogmatischen und ethischen Arbeitens. Vgl. auch Rad: Gerhard von: Theologie des Alten Testaments, Bd 16 S. 170f. ; Bd 25 S. 368f.

[16] Thielicke, Helmut: Der Glaube der Christenheit. S. 152.

[17] AaO. S. 154: „das große Babylon ist nur ein Scherz, will es so groß und maßlos sein, wie unser babylonisch Herz“ (Francis Thompson, 1859-1907)

[18] WA 5, 485, 5 – 21. Auslegung von Ps 17, 13-15.

[19] Thielicke, Helmut: Der Glaube der Christenheit. Göttingen 1947. S. 150f. Thielicke zeigt anhand der Schriften von Nietzsche, Jünger und Kant, dass man theologisch hier sehr genau hinsehen muß und sich eben nicht von „Fortschrittsträumern“ (aaO S. 149) zu Ideologien, Utopien und falschen Folgerungen daraus verführen lassen darf.

[20] ThWNT 4, 533,8 – 534,37; 6, 501,37 – 515,20; sowie Theologisches Begriffslexikon zum NT, hrsg. Von Lothar Coenen, Wuppertal 2000, S. 1107f. 1111f.

[21] Lk 3,7; Joh 3,36; Rö 1,18; 2,5; Eph 2,3; 5,6; Kol 3,6.

[22] Jesus war kein Vegetarier. Berlin 2011; Du sollst nicht atmen, Asslar 2013.

[23] Vgl. ekplesso, ektambeo, tambeo Mt 7,28; 13,54; 22,33; Mk 1,26f; 6,2; 7,37; 9,15; 10,24.26.32; 11,18; 16,5f. Lk 2,48; 4,32; 9,43; Apg 13,12. Luthers Übersetzung mit „verwundern“ schwächt diese Aussage m.E. nach zu sehr ab. embrimaomai Mt 9,30; Mk 1,43; Joh 11,33.38; met orges Mk 3,5;

[24] Orgizo: Mt 18,34; 22,7; Lk 14,21.

[25]            Thielicke, Helmut: Mensch sein – Mensch werden. Entwurf einer christlichen Anthropologie. München 1976. S. 319.

[26] Körtner, Ulrich H.J.: Evangelische Sozialethik. Grundlagen und Themenfelder. Göttingen3, S. 205-233. Ähnlich kritisch haben sich Martin Honecker und Michael Haspel geäußert.

[27] Körtner, Ulrich H.J.: Neuer Streit um die Friedensethik. In: ZEE 59. S. 3-7.

[28] Tübingen 1948.

[29] AaO. S. 62f.

[30] Dt. Pfarrerblatt 1/2015, S. 19. Dort wird der Leser über nachhaltiges Handeln, Neugestaltung der Wirtschaft und Stärkung der Demokratie belehrt: ureigenste theologische Aufgaben. Matthias Claudius ist hier Recht zu geben: „Wir spinnen Luftgespinste, und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel“ (EG 482,4).

[31] Laible, Wilhelm: Predigt zum Sonntag Sexagesimae über 2. Korinther 12,1-10. In: Predigtbuch der lutherischen Kirche Hrsg. von Friedrich Ulmer. Erlangen 1936. S. 130.

[32] Löwenich, Walther von: Die Stunde der göttlichen Heimsuchung. 12 Predigten. Stuttgart 1946. Vorwort o.P. Sehr interessant sind auch von Loewenichs Memoiren zu dieser Zeit: Erlebte Theologie, München 1979. S. 185-212.

[33] Schlink, Edmund: Die Gnade in Gottes Gericht. In: Bekennende Kirche und Welt. Das christliche Deutschland 1933 bis 1945. Dokumente und Zeugnisse. Tübingen 1947. S. 112-139. Bedeutsam dazu: Schlink, Edmund: Der Ertrag des Kirchenkampfes. Gütersloh2, 1947.

[34] Wurm, Theophil: Erinnerungen aus meinem Leben. Stuttgart 1953. S. 86-202. Vgl. Lebensrätsel und Gottesglaube. Stuttgart4, 1949. Vgl. Euer Herz erschrecke nicht. Predigt vom 18.5.1945. In: 50 Jahre im Dienste der Kirche. Stuttgart 1950. S. 112-124. „Die Aufgabe der Kirche in der Gegenwart. Rede in Treysa am 28.8.1945. aaO. S. 125-129.

[35] Wurm, Theophil: Evangelischer Glaube. Stuttgart 1931. S. 213.

[36] Dietrich, Suzanne de: Die Wiederentdeckung der Bibel. Schriftenreihe Ecclesia Militans. Genf 1948.

[37] Ps 137,1.

[38] Vgl. Koh 1,17; 2,17.22.26; 4,4.6.16.

[39] So der von Carl Friedrich von Weizsäcker in Gang gesetzte Weg des sog. Konziliaren Prozesses. Vgl.: Die Zeit drängt. Eine Weltversammlung der Christen für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. München, Wien. 2. Aufl. 1986.

[40] So verstehe ich persönlich meinen Dienst als Soldat und Militärpfarrer: ein geringer und bescheidener Beitrag für die Sicherheit und das Wohl meines Vaterlandes, das ich sehr liebe und das m.E. diesen Einsatz mehr als verdient.

[41] Münkler, Herfried: Neues vom Chamäleon Krieg – Essay. In: APUZ 16-17/2007.

[42]            Kant, Immanuel: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.

[43]            Walther von Loewenich zeigt in drei heute noch sehr lesenswerten Aufsätzen über Augustin, Luther und Jacob Burckhardt das immer wieder neu zu suchende Verhältnis von humanitas und christianitas auf. Menschsein und Christsein. Gütersloh 1948.