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Martin Vogel
Georgenkirchstraße 69, 10249 Berlin

 

 

Gedanken zu 25 Jahre Deutsche Einheit 1989 bis 2014

 

 

I.

Berlin, im November 1989. Das Land berauscht sich am Glück des Mauerfalls. Unerwartete Perspektiven werden denkbar und längst abgeschriebene Hoffnungen schießen ins Kraut. Was für eine Aufbruchsstimmung!

 

Gleichzeitig macht sich eine Art Lynchstimmung breit. Im Visier wütender Bürger finden sich die Staatslenker von einst allen voran Erich Honecker. Noch wohnt der krebskranke Honecker mit seiner Frau Margot gut bewacht in Wandlitz bei Berlin.

 

Die Liebe der SED-Genossen zu ihrem langjährigen Chef war binnen kürzester Zeit erkaltet; die Partei vollkommen abgetaucht. Die Funktionärssiedlung in Wandlitz, in der Honecker und die Mitglieder des SED-Politbüros jahrzehntelang unter sich gelebt hatten, wurde zum 31. Januar 1990 aufgelöst. Eine Mietwohnung in Berlin aber, die Honeckers angeboten wurde, war objektiv gesehen genauso wenig sicher vor dem Zorn des Volkes wie andere Unterkünfte. Niemand weiß wohin mit den beiden. Die Genossen von einst zucken die Schultern. In der Not bittet ein Intimus der Honeckers die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg um Asyl. Ausgerechnet die Kirche!

 

II.

Am Abend des 30. Januar 1990 rollen zwei schwarze Limousinen vor das Lobetaler Pfarrhaus. Die Wagen halten, ein gebrechlicher Mann stemmt sich aus einem Auto, gefolgt von seiner Frau und ein paar bullige Typen mit Reisekoffern in den Händen. Ein Schwarm aufgebrachter Bürger und sensationsheischender Journalisten folgt Erich Honecker. Über Wochen werden sie das Haus belagern, werden Pfarrer Uwe Holmer beschimpfen für sein Erbarmen, werden seiner Familie mit dem Tode drohen.

 

Uwe Holmer wird am 6. Februar 1929 im mecklenburgischen Wismar an der Ostsee als ältestes von fünf Geschwistern geboren. Die Eltern sind Christenmenschen. Man nimmt die Bibel beim Wort. Im Alter von 15 Jahren wird er seinen Glauben mutig verteidigen. Der Hitlerjunge weigert sich, der SS beizutreten. Aus Gewissensgründen, wie er zu Protokoll gibt. Er kommt damit durch. Als die Eltern und Geschwister 1953 über Berlin nach Westdeutschland fliehen, bleibt Uwe zurück. Seiner weinenden Mutter sagt er zum Abschied:Ich muss hier bleiben. Hier im Osten werden Pastoren gebraucht.

 

Auch in der DDR leistet Holmer nach Kräften Widerstand. Acht Inoffizielle Mitarbeiter hat die Staatssicherheit allein in Lobetal auf ihn angesetzt, jener Heilanstalt, die er ab 1983 leitet. Dann beginnt der Ostblock zu bröckeln. Als die Mauer fällt, weinen sie Tränen der Freude im Hause Holmer.

 

Drei Monate später sitzen die Honeckers an ihrem Küchentisch:Herr Honecker, wir sind es gewohnt, bei Tisch zu beten, sagte Uwe Holmer.Ja, bitte, ich kenne das, ich war mal bei Bauern in Pommern, da wurde auch gebetet. Beim Gebet falten die Holmers die Hände, die Honeckers legen die ihren übereinander. Nach dem Essen beziehen die Gäste ein Kinderzimmer im Obergeschoss des Hauses. Später lassen die Holmers Spüle und Herd installieren, damit Margot Honecker Schonkost für ihren hinfälligen Mann zubereiten kann.

 

Während man sich drinnen Tag für Tag aneinander gewöhnt, wächst draußen die Wut. Bis zu 100 Menschen versammeln sich bald täglich vor dem Zaun des Pfarrhauses, skandierenHonni nach BautzenundKeine Gnade. Es gibt Protestanrufe, mehr als 1500 Schmähbriefe und vier Bombendrohungen flattern in den kommenden Wochen ins Haus. Eines Tages stehen drei Arbeiter in Blaumännern vor der Tür, einer hat einen dicken Kälberstrick in der Hand, das Seil ist zur Schlinge gebunden. Der Mann sagt:Jetzt hängen wir das Schwein auf.

 

Holmers Frau Sigrid versucht draußen die Aufgebrachten zu beschwichtigen, drinnen wischt Margot Honecker das Treppenhaus. Der Ex-SED-Chef sitzt derweil hinter dicken Vorhängen. Honecker liest dieBild-Zeitung, die seine Tochter Sonja bei ihren Besuchen mitbringt.

 

Auch Konflikte bleiben nicht aus. Täglich geht Holmer mit dem Ehepaar um einen nahe gelegenen See spazieren, Honeckers Arzt hatte den Pastor darum gebeten. Die drei bleiben unbemerkt, sie schleichen sich durch die Hintertür aus dem Haus. Man spricht über Privates bei diesen Ausflügen, über die Familie, die Gesundheit; denn das Thema Politik bietet zu viel Zündstoff, die Differenzen sind unüberwindbar. Holmer schwärmt für Gorbatschow. Einmal, als er ihn einengroßen Mannnennt, versteinert sich Honeckers Miene.

 

Auch zwischen den beiden Frauen kommt es zu unangenehmen Situationen. Irgendwann sagt Margot Honecker zu Sigrid Holmer:Das wusste ich ja gar nicht mit Ihren Kindern.Sie meint die Verweigerung von Studienplätzen.Natürlich hat sie es nicht gewusst, aber sie hat die Direktive dazu gegeben, sagen die Pfarrersleute.Wir haben dazu geschwiegen.

 

Am 3. April 1990 verlassen Margot und Erich Honecker Lobetal. Man bringt sie nach Beelitz, in ein sowjetisches Militärhospital. Man habe sich gemocht, sagt Uwe Holmer. Menschlich. Das ließ sich nicht vermeiden. Anfang 1993 sah er Honecker noch einmal in der Moabiter Untersuchungshaft.Da war er schon sehr krank und sagte mir: ,Nun kommt wohl bald die Zeit, wo ich diese Erde verlassen muss.’“ Von Honeckers Tod im Mai 1994 im chilenischen Exil erfuhr Uwe Holmer dann aus der Zeitung.

 

III.

Wie komme ich denn dazu?war Holmers erste Reaktion. Er war seit 1983 Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Bernau, einem kleinen Ort nordöstlich von Berlin. In der DDR war Lobetal eine der größten diakonischen Anstalten mit etwa 1200 Bewohnern und 550 Mitarbeitern, die sich vorwiegend um alte, geistig behinderte und epilepsiekranke Menschen kümmerten.

 

Drei Stunden lang diskutierten sie. Können wir weiter glaubhaft beten: Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern? Und was ist mit unserem Auftrag, keinen Obdachlosen abzuweisen?Honecker war jetzt auch obdachlos.

 

Holmer hatte die Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte nicht vergessen. Er hatte hautnah miterlebt, wie Pensionen und Hotels an der Ostseeküste enteignet wurden, er erinnerte sich genau, wie Betriebe entschädigungslos verstaatlicht, Bauern in Genossenschaften gezwungen und Menschen grundlos verhaftet wurden.

Als sein Vater viele Jahre später in Recklinghausen im Sterben lag, durfte Holmer ihn nicht besuchen. Er bekam die Reiseerlaubnis erst, als es zu spät war.

 

Und nun saß der Mann, der für all das verantwortlich war, leibhaftig, wenn auch schwer krank und gezeichnet von einer gerade überstandenen Krebsoperation, gemeinsam mit seiner Frau bei ihnen daheim in Lobetal am Tisch.

 

Uwe Holmer und seine Frau haben damals eine mutige Entscheidung getroffen. Sie haben versucht im Licht des Evangeliums zu handeln, etwa wenn es im Evangelium bei Matthäus 5,43f. heißt: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

 

Sie haben damit ein bemerkenswertes Zeichen gesetzt, das mehr beeindruckt als viele gute Reden es je vermögen.

 

 

Ansprache bei der EKD-Bevollmächtigtenkonferenz in Berlin am 6.10.2014. Der Autor ist Oberkirchenrat und Beauftragter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz beim Sitz der Landesregierung. Zur Veröffentlichung vorgeschlagen von Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken.

 


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