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Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67435 Neustadt-Gimmeldingen

 

 

Das Gesetz und die Propheten

 

Der Mensch ist Mensch und nicht Gott. Dies ist die Grundvoraussetzung aller biblischen Anthropologie. Der Mensch will aber sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist (Gen 3). Daher tendiert er permanent danach, die zwischen Gott und Mensch gezogene Grenze zu überschreiten. Um ihm darin eine Hilfestellung zu geben, hat Gott ihm durch die Gebote ein Angebot gemacht.

 

Einige Gebote sind in ihren Formulierungen aus den menschlichen Verfehlungen entstanden, wie sie sich aus der Anklage des Prophet Hosea entnehmen lassen, wenn er sagt: „Denn der Herr hat Ursache, zu schelten, die im Lande wohnen; denn es ist keine Treue, keine Liebe und keine Erkenntnis Gottes im Lande, sondern Verfluchen, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen haben überhand genommen und eine Blutschuld kommt nach der andern“ (Hos 4,1-2). Bei einer Vernachlässigung der Reihenfolge kann man in dieser Aufzählung fünf Gebote des Dekalogs durch die Umwandlung der Verbformen von Infinitiven in Imperative gewinnen: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen, du sollst kein falsches Zeugnis reden, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen und du sollst nicht ehebrechen.“ Das Verfluchen wird im Gebot zu einem Verfluchen im Namen Gottes, bzw. zu einem Missbrauch des Namens Gottes in einem Fluch präzisiert.

 

Die Gebote setzen voraus, dass der Mensch das Wissen um gut und böse besitzt, den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit und den zwischen Mein und Dein kennt. Damit kann er auch erkennen, dass zum Beispiel die Gebote: „Du sollst nicht lügen!“ und: „Du sollst nicht stehlen!“, mit seinem Gefühl für Gerechtigkeit übereinstimmen. Das Gefühl für Gerechtigkeit nennt Hosea die Erkenntnis Gottes, die er ebenso wie Treue und Liebe im Lande vermisst. Hosea setzt anscheinend die Schöpfungs- und Paradieseserzählungen noch nicht voraus, nach denen der Mensch dieses Wissen erst durch die Übertretung eines Gebotes Gottes erworben hat, ein Mythos, der erst in der Folge der prophetischen Botschaft erzählt werden musste, um so die existentielle Ermöglichung menschlicher Schuld in einer Tat der ersten Menschen zu begründen, für die Gott eine Strafe über sie verhängt hat. Sie begründet auch das Wissen um gut und böse und die Neigung, sein zu wollen wie Gott.

 

Ebenso kann der Mensch erkennen, dass das Fluchen im Namen Gottes einen Missbrauch des Namens Gottes darstellt. Er kann auch erkennen, dass das Töten eines Menschen ein Verbrechen gegen den ist, der diesem Menschen das Leben gegeben hat, und dass der Ehebruch mit einer verheirateten Frau ein Verbrechen gegenüber dem Gott ist, der die Ehe zwischen Mann und Frau gestiftet hat (Gen 2, 24: „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weib anhangen und sie werden ein Fleisch sein.“). Wie der Dieb vergeht sich der Ehebrecher am Eigentum seines Nächsten. Somit ist auch der Ehebruch vergleichbar mit dem Diebstahl von etwas, was meinem Nächsten gehört, auch wenn dieses Etwas eine Person ist; denn die Frau galt im alten Orient rechtlich als Besitz des Mannes.

 

Vertieft man das Wissen um den Schutz des Eigentums und fragt nach dem Grund, warum der Mensch immer wieder dazu tendiert, die Grenze zwischen Mein und Dein zu überschreiten, so stößt man auf das Begehren des Eigentums meines Nächsten. Es ist also folgerichtig und ein weiterer Schritt in der Reflexion, auch das Begehren in ein Gebot aufzunehmen und zu formulieren: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib, Knecht, Magd, Ochs, Esel, noch alles, was dein Nächster hat“; denn mit dem Begehren trifft man die Ursache für alle Vergehen gegen Hab und Gut des Nächsten, packt gewissermaßen das Übel an der Wurzel. Nach Matthäus ist das Begehren bereits die Tat, wenn er Jesus in der Bergpredigt sagen lässt: „ Wenn du ein Weib ansiehst, ihrer zu begehren, so hast du schon die Ehe mit ihr gebrochen in deinem Herzen“ (Mt 5,28). Liest man die Gebote neun und zehn des lutherischen Katechismus als ein Gebot wie im hebräischen Text, so steht das Haus an der Spitze des Eigentums des Nächsten, verteilt man sie wie Luther auf zwei Gebote, so steht die Frau im zehnten Gebot an der Spitze des Eigentums des Nächsten, gefolgt von Knecht, Magd, Ochs und Esel und allem, was dein Nächster hat. Das neunte Gebot lautet dann: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“

 

Dient so das Gebot „Du sollst nicht lügen“ dem Schutz der Würde der Person und der Wahrheit, dienen die Gebote „Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen und du sollst nicht begehren“ dem Schutz des Eigentums, und dient das Gebot „Du sollst nicht töten“ dem Schutz der Unversehrtheit des leiblichen Lebens, so fehlen noch die Gebote „Du sollst Vater und Mutter ehren“ und: „Du sollst den Feiertag heiligen“, die je nach Zählung das vierte und fünfte oder das dritte und vierte Gebot sind, je nachdem, ob man das Bilderverbot mit in den Kanon der Gebote aufnimmt, wie die Reformierten, oder es weglässt wie Luther. Im Elterngebot werden die Eltern dem Schutz, der Liebe und der Fürsorge ihrer Kinder anbefohlen und im Sabbatgebot wird die Institution des Sabbats als kulturelle Errungenschaft Israels und als ein Tag der Arbeitsruhe in der Woche geschützt. Das Sabbatgebot setzt den ersten Schöpfungsbericht voraus; denn in diesem wird ja der Sabbat begründet. Es geht in diesem Gebot auch um die Einteilung des Jahres in Wochen. Wenn der Sabbat geheiligt wird, wird damit die Woche als grundlegend für die Einteilung des Jahres im kulturellen Gedächtnis eingeprägt.

 

Eine Frage, die im Neuen Testament diskutiert wird, ist die, ob Jesus den Sabbat gebrochen hat, indem er am Sabbat Kranke geheilt hat oder seinen Jüngern erlaubt hat, Ähren auszuraufen. Hier fällt das Wort Jesu, das wir unter die Zahl der echten Herrenworte zählen können: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht worden, nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2,27), ein Wort, das von Lukas und Matthäus weggelassen worden ist, weil sie Jesus als einen Menschen darstellen wollten, der das Gesetz erfüllt hat und keinen Zweifel daran aufkommen lassen wollten.

 

Der Sabbat steht im Dienst des Menschen und seiner Hinwendung zu Gott. Er dient nicht nur der Erhaltung seiner Arbeitskraft, die damit auch gewahrt werden soll, sondern vor allem der Hinwendung zu Gott. Die Hinwendung zu Gott wird im Sabbatgottesdienst der Synagoge durch die Hinwendung der ganzen Gemeinde zum Eingang verdeutlicht, um den Sabbat zu begrüßen. Er hat sowohl eine kultische (Ex 20,9-11) als auch eine soziale Begründung (Dtn 5,13-15). Wenn das Sabbatgebot in Exodus 20,9-11 mit der Ruhe Gottes am siebenten Tag nach der Schöpfung, also kultisch, begründet wird, soll durch das Gebot der Heiligung des Sabbats die Grenze zwischen Gott als dem Herrn der Schöpfung und dem Menschen, die Grenze zwischen der begrenzten Zeit des Menschen und der unbegrenzten Zeit Gottes, sichtbar gemacht werden. Wenn der Sabbat in Deuteronomium 5,13-15 mit der Gefangenschaft Israels in Ägypten, also sozial, begründet wird, soll dadurch die Grenze zwischen Mensch und Mitmensch gewahrt werden, indem der Mensch vor Ausbeutung durch Arbeit geschützt wird. So regelt der Sabbat beides, das Zusammenleben der Menschen und das zwischen Mensch und Gott.

 

Vervollständigt wird der Dekalog durch die beiden ersten Gebote, die m.E. charakteristisch für die deuteronomistische Bewegung sind: „Du sollst keine andern Götter neben mir haben“ und „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Das Bilderverbot gilt dem Schutz der alleinigen Verehrung Gottes im Tempel in Jerusalem und damit dem Tempelmonopol des Jerusalemer Tempels, und das Gebot „Du sollst keine andern Götter neben mir haben“ gilt dem Schutz des Monotheismus vor der Gefahr des Polytheismus, der durch Jerobeam in Israel eingeführt wurde. Die Formulierung im Anschluss an das zweite Gebot „Bete sie nicht an und diene ihnen nicht“ bezieht sich sowohl auf die Satzgegenstände „andere Götter“ des ersten Gebotes als auch auf den Satzgegenstand „kein Bildnis“ des zweiten Gebots, obwohl hier Bildnis im Singular steht, während die Suffixe der Personalpronomen in der Formulierung „Bete sie nicht an und diene ihnen nicht“ im Plural stehen. Diese abschließende Formulierung fasst die beiden ersten Gebote wie eine Klammer zusammen.

 

Entstanden sind diese beiden Gebote, als sich nach der Teilung Israels in ein Nordreich und ein Südreich für die Bewohner des Nordreichs die Frage stellte, ob auch sie zum Tempel in Jerusalem gehen sollten, das ja die Hauptstadt des Südreichs war, und der König des Nordreichs, Jerobeam, das verhinderte, indem er in Bethel und in Dan Stierbilder aufstellen ließ und dem Volk sagte: „Das sind deine Götter, die dich aus Ägypten herausgeführt haben“ (1. Kön 12,28). Diesem doppelten Missbrauch durch a) Bilderdienst und b) die Verehrung fremder Götter wehrte die deuteronomistische Reformbewegung durch das Gebot des Tempelmonopols, wonach allein im Tempel in Jerusalem Gott anzubeten sei, und durch die Voranstellung der beiden ersten Gebote des Dekalogs, die hier ihren Sitz im Leben haben. In der Darstellung der Königsbücher wird Jerobeam, der gegen diese beiden Gebote verstoßen hatte, von Gott bestraft, indem er durch den Aufstand des Jehu gestürzt wird, woraufhin Jehu an seiner Statt durch den Propheten Elia zum König gesalbt wurde.

 

Die Einleitung des Dekalogs lautet: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe“ (Gen 20,2). Diese Formulierung kehrt im Plural wieder in der Rede Jerobeams, wenn er zum Volk sagt (1. Kön 12,28): „Das sind deine Götter, die dich aus Ägypten herausgeführt haben.“ In diesen beiden kontradiktorischen Wendungen steht Aussage gegen Aussage. Entweder ist die Formulierung in Gen 20,2 die Antithese zu 1. Kön 12,28 und die Selbstpräsentation Gottes ist die Antwort auf die Worte Jerobeams, oder es ist das Umgekehrte der Fall, dass 1. Kön 12,28 die Antithese zu Gen 20,2 ist, mit der Jerobeam in polemischer Absicht innerhalb der deuteronomistischen Darstellung den Wortlaut des Dekalogs in sein Gegenteil verkehrt, indem er die wörtliche Rede Gottes im Singular absichtlich im Blick auf die beiden Stierbilder in den Plural gesetzt hat. Im Sinne des Deuteronomisten kann diese Tat nur als Provokation des Zentralheiligtums und seiner Priesterschaft und damit Gottes verstanden werden, sodass der politische Umsturz des Jehu durch sie gerechtfertigt war. Das setzt aber den Text des Dekalogs als vordeuteronomisch voraus.

 

Es ist aber auch das Umgekehrte denkbar: Der Text des Dekalogs setzt den Umsturz des Jehu voraus und auch die Worte, die Jerobeam bei der Errichtung der Stierbilder in Bethel und Dan dem Volk gesagt hatte. Die Einleitung der Gebote ist dann eine Antwort auf die Rede Jerobeams in dem Sinne einer Kontradiktion: Nicht jene sind deine Götter, die dich aus Ägypten herausgeführt haben, sondern: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägypten herausgeführt habe“. Damit wäre der erste Satz des Dekalogs eine Antithese, eine Antwort auf das Kultprogramm des Jerobeam und stünde ganz im Dienst der Theologie der deuteronomistischen Bewegung. Das Tempelmonopol wäre dann nicht nur eine lokalpolitische Maßnahme, sondern eine theologische. Das Tempelmonopol und die zehn Gebote bildeten dann eine untrennbare Einheit, die auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass die zehn Gebote im Tempel aufbewahrt werden. So fallen das Tempelmonopol, die zehn Gebote, die deuteronomistische Bewegung und der Aufstand des Jehu der Sache nach zusammen, auch wenn sie zeitlich auseinander liegen mögen. In den zehn Geboten geht es um Grenzen des Menschen, Grenzen zwischen Mensch und Mensch und zwischen Gott und Mensch.

 

Alle andern Gebote wie die Reinheitsgebote und die Speisevorschriften sind später dazugekommen. Ein frommer Jude hatte zur Zeit Jesu über 6000 Gebote zu befolgen. Das war entschieden zu viel, und so suchten die Menschen nach einem Ausweg aus der Fülle von Einzelvorschriften. Beispielhaft fragte ein Fragesteller Jesus nach dem Obersten Gebot. Jesus gibt diese Frage an den Fragesteller zurück, indem er sagt: „Wie liest du bei Mose?“ und bekommt zur Antwort: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst“. Jesus antwortet ihm darauf: „Tue das, so wirst du leben“ (Lukas 10,26-28). Bei Markus sagt Jesus zu dem Fragesteller: „Du bist nicht ferne vom Reich Gottes“, indem er den Namen Gottes umschreibt, den auszusprechen im Spätjudentum verboten war (Mk 12,34). Matthäus fügt an dieser Stelle hinzu: „In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,40).

 


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