Impressum

 

Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

 

Asymmetrien der Ökumene

 

Der 50. Jahrestag der Verkündigung des Ökumenismusdekrets des Zweiten Vatikanischen Konzils „Unitatis redintegratio“ (UR) vom 21. November 1964 wurde im vergangenen Monat mit ökumenischen Gottesdiensten überall gefeiert. Für das Bistum Speyer und die Pfälzische Landeskirche stand es – auch wegen der Zustimmung der Landessynode zum „Ökumenischen Leitfaden“ – ganz im Zeichen des bevorstehenden ökumenischen Kirchentags. Im Speyerer Dom wurde an den Aufbruch erinnert, den das Konzil bedeutete; dabei war UR nicht der Beginn des katholischen Ökumenismus, sondern bereits dessen erstes entscheidendes Ergebnis. Für die Protestanten sollte dieses Wissen Anlass sein, sich Inhalt und Stoßrichtung von UR immer wieder genau zu vergegenwärtigen. Tatsächlich sind in UR alle Asymmetrien der gegenwärtigen ökumenischen Praxis vorgezeichnet, und für den protestantischen Beobachter ist es keine Überraschung, dass für die römisch-katholische Kirche alles nach Plan, also gemäß der Intention von UR, verläuft.

 

Einstieg der katholischen Kirche in die ökumenische Bewegung war die Ankündigung von Johannes XXIII. am 30. Mai 1960, das Sekretariat für die Einheit der Christen gründen zu wollen. Nach den Aufzeichnungen des ersten Leiters dieses Sekretariats, Kardinal Augustin Bea, geschah dies mit folgenden Worten: „Wir haben auch noch ein besonderes Sekretariat im Sinn; es soll den getrennten Brüdern die Möglichkeit geben, die Konzilsarbeit zu verfolgen, und ihnen dadurch die Rückkehr in den Schafstall Christi erleichtern.“

 

Das Dekret selbst wurde seit dem Dezember 1962 erarbeitet, nachdem vom Konzil beschlossen worden war, drei verschiedene Textentwürfe zu ökumenischen Fragen in einem einzigen Dokument zusammenzuführen. Das Ergebnis, UR, ist im Zusammenhang zu sehen mit zwei weiteren Konzilstexten, nämlich der dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ sowie der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei verbum“. Grundlage des katholischen Ökumenismus ist demnach die Lehre, dass die Kirche Jesu Christi in der römisch-katholischen Kirche „vollständig verwirklicht“ (subsistit in) ist. Dieses Verständnis führt zu jenem asymmetrischen Kirchenverständnis, das Ursachen für Spaltungen immer nur bei anderen erkennen kann, weil eine Separierung der römisch-katholischen Kirche, deren Einheit mit der von Christus gewollten identisch und demnach unverlierbar ist, nicht möglich ist. Deshalb kann ja auch die Kirche nicht in einem Weltrat der Kirchen mitarbeiten – außer eben in Arbeitsgruppen zu Fragen der Kirchenverfassung, wo Schritte erwogen werden, wie sich die Kirchen auf die eine Kirche hinbewegen können.

 

Aus einer solchen Selbstsicht können die anderen Kirchen nur nach dem Maß ihrer Defizite im Hinblick auf die vollkommene Verwirklichung der Kirche Jesu Christi in der römisch-katholischen Kirche bewertet werden, und genau diese Bewertung legt sowohl die Inhalte als auch die Verfahrensweisen der zu leistenden ökumenischen Arbeit fest. Dabei wird vorausgesetzt, dass den „getrennten Brüdern“ aufgrund massiver Defizite zwar der Zutritt zur ganzen Fülle der Heilsmittel – vor allem der Eucharistie – versagt ist, dass aber gleichzeitig eine Sehnsucht vorhanden ist nach derjenigen Einheit, „die Jesus Christus will“, also nach der Einheit der römisch-katholischen Kirche.

 

Der katholische Ökumenismus versteht sich daher als theologisch genau durchdachte und methodisch klar geregelte kirchliche Aufgabe mit dem Ziel, die Einheit der Christen in der römisch-katholischen Kirche zu verwirklichen. Theologisch geht es darum, die getrennten Kirchen an die katholische Lehre heranzuführen, methodisch geschieht dies in Lehrgesprächen. Diese Gespräche wurden bereits im Juni 1965 von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zwischen dem Vatikan und dem Lutherischen Weltbund (LWB) verabredet; die „offiziell autorisierte“ bilaterale Studienkommission nahm im November 1967 ihre Arbeit auf.

 

Genau genommen ist die Installation einer Studienkommission mit „autorisierten“ Mitgliedern, die befugt sind, im Namen eines evangelischen Weltbundes mit Vertretern des Vatikan über Lehrfragen zu verhandeln, bereits ein erstes inhaltliches Zugeständnis an das katholische Ökumenismusprogramm, denn es wird auf evangelischer (in diesem Fall lutherischer) Seite eine organisatorische Parallelität zur römischen Weltkirche simuliert. Das entspricht der römischen Forderung, „auf Augenhöhe“ (par cum pari) zu verhandeln. Abgesehen von den fragwürdigen Ergebnissen, die die Studienkommission seit 1967 zustande brachten, stellt diese Praxis der „Konsensgespräche“ immer vor ein Problem: Der LWB kann als solcher die innerkirchliche Verbindlichkeit des Erarbeiteten nicht garantieren, sein Status als Weltdachverband eigenständiger Kirchen macht eine Zustimmung jeder einzelnen Kirche zu Konsensdokumenten nötig. Soll der römische Ökumenismus jedoch erfolgreich sein, muss er genau dieses strukturelle Defizit, das den Protestantismus aus Sicht der römischen Kirche ausmacht, abbauen und die evangelischen Dialogpartner zu größerer Verbindlichkeit drängen, im Klartext: zu einer hierarchischen Verfassung ihrer eigenen Kirchen als notwendigem Zwischenschritt zur Wiedereingliederung in die römisch-katholische Kirche.

 

Der römische Ökumenismus hat demnach ein doppeltes Problem zu lösen: Zum einen trägt er die Verantwortung für die Kommunikation der vollständigen katholischen Lehre, zum anderen aber darf diese Lehre die Dialogpartner nicht abschrecken. UR reagiert programmatisch auf dieses Problem, indem einerseits vor „falschem Irenismus“ gewarnt wird, „durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird“. Gleichzeitig wird aber gefordert, der katholische Glaube müsse „tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann“.

 

Dieses Programm und seine bisherige Umsetzung zeigt eines sehr deutlich: Die ökumenische Theologie der bisherigen Konsensdokumente ist immer klug verpackte katholische Theologie. Noch ist keinem evangelischen Ökumeniker der Nachweis gelungen, dass es auch anders gehen kann.

 

 


index / forum palatina / rezension / forum / archiv / links / e-mail