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Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67435 Neustadt-Gimmeldingen

 

 

Die Heilung am Sabbat

Der Sabbat ist der Sabbat des Herrn und Jesus ist der Herr über den Sabbat – Wie durch einen Umkehrschluss das neutestamentliche Bekenntnis aus dem alttestamentlichen gewonnen und begründet wird

 

Am Schluss der Erzählung vom Ährenausraufen am Sabbat (Mk 2,23-28; Mt 12,1-8; Lk 6,1-5) steht in allen drei synoptischen Evangelien der Satz: Des Menschen Sohn ist ein Herr auch über den Sabbat. Hinzugefügt wird bei Markus: „Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Verwiesen wird auf 5.Mose 5,14, wo es heißt: „Am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn.“ Es ist deutlich, dass wir es hier mit einem Midrasch zu tun haben. Die Wendungen „Herr über den Sabbat“ und „Sabbat des Herrn“ sind Umkehrungen eines Satzes, der aber im Neuen Testament eine ganz andere Bedeutung erhält. Der Sabbat ist des Herrn und der Menschensohn ist Herr über den Sabbat. Der Menschensohn aber ist Jesus. Es geht um das älteste Bekenntnis der Christenheit, dass Jesus der Herr ist. Hier, in der Auseinandersetzung über das Ährenausraufen am Sabbat, wird deutlich: „Jesus ist der Herr über den Sabbat.“ Die rationale Begründung des Markus, „Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2,27), durch welchen Satz er sich von den beiden andern Evangelien unterscheidet, die ihm darin nicht gefolgt sind, zeigt einen Umgang mit dem Gesetz, der dieses in den Dienst des Menschen stellt, und nicht den Menschen in den Dienst des Gesetzes. Diesen Skopos der Perikope haben die beiden andern Evangelisten weggelassen.

 

Markus will damit sagen, dass der Umgang Jesu mit dem Gesetz und dem Sabbat sich von dem Umgang der Pharisäer mit dem Gesetz und dem Sabbat grundlegend unterscheidet, indem er den Menschen aus der Sklaverei des Gesetzes befreit, um so erst den Nutzen des Gesetzes und des Sabbats für den Menschen wirksam werden zu lassen. Diesen Gedanken, dass das Gesetz für den Menschen gemacht ist, nicht der Mensch für das Gesetz, hat Paulus zu Ende gedacht, indem er von der Sklaverei des Gesetzes spricht, von der uns Christus befreit hat. Es ist die Sklaverei eines Gesetzes, das nicht für den Menschen gemacht ist, sondern für das umgekehrt der Mensch gemacht ist. Dieses Gesetz ist eine Macht, von der uns Christus befreit hat. Markus vertieft das Bekenntnis zu Jesus durch eine Bemerkung, die zeigt, wie Jesus das Gesetz versteht. Matthäus, der das Verhältnis Jesu zum Gesetz an anderem Ort in der Bergpredigt thematisiert, kann hier auf die Ausführung über die dienende Funktion des Gesetzes verzichten, weil er im Gegensatz zu Markus das Gesetz verschärft, vor allem in den Antithesen zu den Geboten: Du sollst nicht töten (Mt 5,21-26), du sollst nicht ehebrechen( Mt 5,27-32), du sollst deinen Eid halten (Mt 5,33-37), Auge um Auge, Zahn um Zahn (Mt 5,38-42) und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Mt 5,43-48). Mit Recht endet Matthäus diese Rede Jesu mit der Bemerkung: „Da entsetzte sich das Volk über seine Lehre; denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten“ (Mt 7,28f).

 

Hatte Markus die Perikope vom Ährenausraufen in den Dienst des Umgangs Jesu mit dem Gesetz gestellt, so hat Matthäus diesen Skopos weggelassen, weil er ganz einfach seinem Verständnis des Umgangs Jesu mit dem Gesetz widersprach und Lukas ist ihm darin gefolgt. Bei Lukas ist das Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn über den Sabbat wichtiger als die Unterscheidung seines Gesetzesverständnisses von dem der Pharisäer. Neben das Bekenntnis „Herr über den Sabbat“ tritt bei Lukas in der Erzählung von der Sturmstillung das Bekenntnis: „Jesus ist der Herr über den Wind und das Wasser“ (Lk 8,22-25, Mt 8,23-27; Mk 4,35-41), in der Erzählung von der Heilung des besessenen Geraseners das Bekenntnis: „Jesus ist der Herr über die Dämonen“ (Lk 8,26-39; Mt 8,28-34; Mk 5,1-10), und in der Erzählung von der Heilung des Töchterchens des Jairus und der blutflüssigen Frau das Bekenntnis: „Jesus ist der Herr über den Tod“ (Lk 8,40-56; Mt 9,18-26; Mk 5,21-43).

 

Jesu Verhältnis zum Sabbat wird bei Lukas dagegen in der Perikope von der Heilung einer Frau, die schon seit achtzehn Jahren gekrümmt war, (Lk 13,10-17) behandelt, die sich in den andern Evangelien nicht findet. Hier setzt er das Verständnis des Sabbats des Obersten der Synagoge in Gegensatz zu Jesu Verständnis, wenn er ihn auf dessen Vorwurf hin antworten lässt: „Ihr Heuchler! Löst nicht ein jeglicher unter euch seinen Ochsen oder Esel von der Krippe und führt ihn zur Tränke? Sollte dann diese, die doch Abrahams Tochter ist, welche der Satan gebunden hatte nun wohl achtzehn Jahre nicht von diesem Bande gelöst werden am Sabbattage?“ (Lk 13,16).  Aber auch hier tritt der Diskurs über das Gesetzesverständnis hinter das Bekenntnis: „Jesus ist der Herr über den Satan“ zurück.

 

In der Perikope von der Heilung des Wassersüchtigen (Lk 14,1-6) wird der Diskurs über das Heilen am Sabbat im Haus des Obersten der Pharisäer geführt. Dort provoziert Jesus die Pharisäer durch die Frage, ob es erlaubt ist am Sabbat zu heilen. „Sie aber schwiegen still. Da fasste er ihn an und heilte ihn und ließ ihn gehen. Und er sprach zu ihnen: Welcher ist unter euch, dem sein Sohn oder sein Ochse in den Brunnen fällt, und der nicht alsbald ihn herauszieht am Sabbattage?“ Der Leser, der bereits weiß, dass Jesus Herr über den Sabbat, den Sturm, die Dämonen und den Satan ist, erfährt nun, dass er sich auch gegenüber dem Obersten der Pharisäer mit seinem Verständnis des Gesetzes behauptet, wie er sich auch schon zuvor gegenüber dem Obersten der Synagoge in gleicher Weise behauptet hatte. Nur wird dort im Beispiel der Ochse, bzw. der Esel von der Krippe zur Tränke geführt, während hier der Sohn, bzw. der Ochse, der in den Brunnen gefallen ist, wieder herausgezogen werden muss, welches Handeln jeweils mit dem Heilen am Sabbat verglichen wird. In beiden Fällen ist Gefahr im Verzug, wodurch das Sabbatgebot aufgehoben ist.

 

Mk 2,1-12 wird erzählt, wie Jesus in Kapernaum einen Gichtbrüchigen heilt. In die Erzählung eingeschoben ist ein Streitgespräch mit den Pharisäern über die Sündenvergebung; denn Jesus hatte zu dem Gelähmten gesagt: „Dir sind deine Sünden vergeben“, worüber sich die Pharisäer ärgerten. Jesus fragt die Pharisäer, was leichter ist, einem Menschen seine Sünden zu vergeben oder ihn gesund zu machen? Während die Pharisäer über eine Antwort auf diese Frage nachdenken, befiehlt Jesus dem Gelähmten: „Steh auf, nimm dein Bett und geh.“ Jesus befreit den Gelähmten von seinen Sünden, und er ist geheilt. Die Heilung kann erfolgen, nachdem das falsche Verständnis des Gesetzes, das den Menschen lähmt und ihn somit somatisch krank macht, in ein Verständnis des Gesetzes verwandelt worden ist, das den Menschen gesund macht, indem es ihm hilft, sein Leben zu gestalten und ihn nicht versklavt. Dieses falsche Verständnis des Gesetzes bewirkt die Sünde im Sinne von Lebenshemmung und diese wird mit dem falschen Verständnis des Gesetzes aufgehoben und mit ihm zugleich die Krankheit als Folge der Sünde. So ist auch diese Wundergeschichte ein Beleg dafür, dass Krankheit und Sünde aus einem falschen Verständnis des Gesetzes kommen und dass, wenn dieses aufgehoben ist, Krankheit geheilt werden kann. Wenn Markus die Aussage der Pharisäer in diesem Zusammenhang überliefert, dass Jesus sich etwas anmaßt, das nur Gott kann, nämlich Sünden vergeben, zeigt das wiederum, dass Jesus der Herr ist. Er ist Herr über Sünde und Tod, so wie über die Dämonen, den Satan, den Sturm und über den Sabbat. So steht die Erzählung im Dienst des Bekenntnisses, das sie entfaltet. Das Medium ist die Botschaft.

 


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