Impressum

 

Martin Henninger
Bohnstraße 16, 67227 Frankenthal

 

 

„Fresh Expressions of Church“ in Großbritannien und was die Kirchen in Deutschland (vielleicht) davon lernen können

Bericht über ein Studiensemester in Cambridge

 

 

1. Einleitung

 

Es scheint mir von symbolhafter Bedeutung: Großbritannien wurde am Ende der Römerzeit von zwei Seiten auf zwei verschiedene Weisen christianisiert: Einmal von Südosten, als sich 597 König Ethelbert von Kent als erster angelsächsischer König von Augustinus taufen ließ. Mit dieser Taufe begann nicht nur eine Nähe zwischen Kirche und Staat, die sich trotz vieler Veränderungen bis heute erhalten hat; es entwickelte sich, parallel zur staatlichen, auch eine hierarchische Kirchenstruktur. Ungefähr zur gleichen Zeit kamen iro-schottische Mönche von Nordwesten, die zwischen Iona und Lindisfarne Zentren von Gottesdienst und Spiritualität schufen und Menschen einluden, sich hier zu versammeln und Gott zu begegnen. Diese zwei Ansätze ziehen sich durch die ganze Kirchengeschichte hindurch und gewinnen heute neue Relevanz.

 

Zu den guten Erfahrungen eines Studiensemesters in Cambridge gehört die Begegnung mit Studierenden aus aller Welt. Sehr schnell wurde deutlich, dass sich die Kirche überall in der westlichen Welt, von Australien über Europa bis Nordamerika in einer tiefen Krise befindet. Diese Krise äußert sich finanziell und personell, aber sie geht tiefer: durch das, was man gemeinhin Säkularisierung nennt, fühlt sie sich in ihrer Rolle und ihrem Auftrag in Frage gestellt.

 

Wie bei der Christianisierung Englands gibt es heute darauf zwei grundsätzlich verschiedene Antworten. Die eine nenne ich eine Antwort der Organisation: Struktureller Umbau, Zusammenlegung von Gemeinden und Pfarrämtern mit dem Ziel, mit den schwindenden finanziellen und personellen Ressourcen zurecht zu kommen, was bei engagierten Gemeindegliedern überall Frust erzeugt. Wie viele andere Kirchen geht auch die Evangelische Kirche der Pfalz in diese Richtung.

 

Allmählich wird jedoch auch eine zweite Antwort sichtbar, spirituell, kontextuell und missionarisch. Ich fand es faszinierend, während meines Studiensemesters zu erkunden, warum ausgerechnet die Anglikanische Kirche, die ich aus meiner Zeit als Pfarrer in England eher als gute alte behäbige Tante in Erinnerung hatte, sich eine Initiative wieFresh Expressionszu eigen machte und mit ihr eine große Energie und Kreativität freigesetzt hat: Da gibt es einen Gottesdienst für Pendler im Zug nach London, eine Brotkirche in Liverpool, in der das Brotbacken im Mittelpunkt steht, es gibt Gottesdienste in Cafés, Gottesdienste für Eltern, die ihre Kinder von der Schule abholen..., inzwischen über 2000 Projekte, die immer als Initiativen vor Ort beginnen, jedoch von der Kirche als eigene Gemeinde anerkannt werden.

 

1. Ich beginne mit einigen Beispielen von Fresh Experessions. Dieser Teil endet mit der Frage: Was sind gemeinsame Kennzeichen dieser ganz verschiedenen Fresh Expressions of Church?

2.  Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte von Fresh Expressions soll die Voraussetzungen aufzeigen, unter denen eine solche Erneuerungsbewegung entstehen kann.

3. Kritische Diskussion. Bei aller Begeisterung über diesen Neuanfang gibt es auch eine Reihe von kritischen Fragen.

4. Anknüpfung und Widerspruch: Fresh Expressions im Kontext der evangelischen Kirche in DeutschlandWo könnte es Anknüpfungspunkte geben? Wo läuft die Entwicklung in eine ganz andere Richtung?

5. Wenn wir von Fresh Experessions lernen wollen, wo liegen die speziellen Herausforderungen für unsere Kirche?

 

 

2. Beispiele

 

Brotkirche Liverpool

Geh und erkunde, ob es im Stadtzentrum von Liverpool Raum gibt für eine Methodistische Kirche. Vor allem aber: Mach was Neues!

 

So der Auftrag an die methodistische. Pfarrerin Barbara Glasson. Im September 1999 kam sie in Liverpool an. Von zwei Dingen war sie überzeugt: 1. Es war meine Berufung, nach Liverpool zu gehen. 2. Es hat irgendetwas mit Brot zu tun.

 

Sie beschreibt in ihrem Buch, wie sie unter der Statue der Brüder Moore sitzt, zwei Unternehmern aus Liverpool; die Statue zeigt die Brüder, wie sie, vertieft ins Gespräch, die Church Street entlang gehen. Barbara Glasson begann, das gleiche zu tun; sie tat zunächst nichts anderes, als mit ihrem Pfarrerkragen die Straßen Liverpools auf und ab zu wandern und mit den Menschen zu reden. Die Frage, die sie sich stellte lautete:Wenn Gott mir vorangehtwas ich hoffe –, wo ist er und wie erkenne ich ihn?Sie beschreibt in ihrem Buch, wie sie sich in den ersten Monaten oft sehr einsam und verloren vorkam. Der Wendepunkt kam, als sich ihre Einstellung änderte: Sie fragte nicht mehr:Was kann ich diesen Menschen bringen?sondern sich sagte:Diese Stadt ist ein Geschenk und Gott ist hier schon am Werk.Dieser Schritt, zu erkennen, dass Gott in dieser Stadt und in den Menschen bereits am Werk war, führte dann zur 2. Stufe: Sie merkte, wie das Brotwas ja bisher nicht mehr als eine Idee warein Eigenleben entfaltete. In der Küche einer Bekannten, die sie auf ihren Wegen durch die Stadt kennengelernt hatte, begann sie mit anderen Brot zu backen, und dieses Brot wurde verteilt, erst unter den Freunden und Bekannten der Bäckerinnen, dann, als weitere Küchen und weitere Gruppen von Bäckern dazu kamen, erweiterte sich der Kreis.Wie das Brot verschiedene Zutaten braucht: Mehl, Salz, Wasser, Honig, Öl, Hefe, so auch eine neue Gemeinschaft.15 Jahre später gibt es die Brotkirche immer noch, immer noch ohne eigenes Gebäude, aber als sehr lebendige vielseitige Bewegung.

 

Thirst Cafe Kirche, Cambridge

In England ist es üblich, die Kinder während der ganzen Grundschulzeit von der Schule abzuholen. Um 15.30 Uhr gibt es daher immer ein großes Elterntreffen am Schultor. Eine Gruppe von Eltern, die sich vorher schon zum Gebetsfrühstück getroffen hatten, begann, Kaffee anzubieten. Verbunden damit war immer ein kurzer biblischer Impuls. Mit der Zeit hat sich daraus Weiteres entwickelt, ein Meditationstreffen z.B. und z.Zt. diskutiert man die Frage, ob und wie man das Abendmahl integrieren kann.

 

No Holds Barred (ohne Kompromisse), Stockport

Während der Karwoche verteilte eine Gemeinde in Stockport Kaffe, Gebäck und Hefte mit der Ostergeschichte. Sie benutze dafür den Pub in der Nähe des Bahnhofs. Daraus entwickelten sich Pub-Abende zu Themen des Glaubens und Lebens.

 

Messy Church in St. Andrew's, Leeds, und All Saints, Milton

Messy Church ist ein Angebot für Eltern mit Kindern zwischen drei und zehn Jahren, fast schon eine Bewegung in den englischen Kirchen. Anders als die drei bisherigen Beispiele laden die Gemeinden zur Messy Church in das eigene Gebäude ein. Man könnte Messy Church als einen sehr niederschwelligen Familiengottesdienst bezeichnen.Messybedeutetdurcheinander, chaotischund weist darauf hin, dass das Gemeindehaus während der Aktivitäten für die Kinder nicht unbedingt sauber bleibt.

 

Der Anfang ist ziemlich locker. Die Eltern kommen, wann sie es mit ihren Kindern einrichten können. Das Thema der Messy Church in All Saints war Pfingsten: Man konnte also das Wehen des Geistes in verschiedenen Aktivitäten erfahren: Ein Ventilator war in der Kirche aufgebaut, um die Luftbewegungen sichtbar zu machen. Ich war einen ganzen Teil des Nachmittags beschäftigt, Gebetshubschrauber auszuschneiden, die die Kinder von der Kanzel fliegen lassen konnten, nachdem die Eltern ein Gebet darauf geschrieben hatten. Es gab Pustewettbewerbe, feuriges Gebäck wurde ausgestochen... Nach eineinhalb Stunden gab es einen kurzen Gottesdienst in der Kirche mit vielen Liedern und am Ende einen gemeinsame Tea-time.

 

Die Kinder im Grundschulalter hatten viel Spaß an den Aktivitäten. Die Eltern haben sie dabei unterstützt, und manches, wie z.B. das Schreiben eines Gebetes für den Gebetshubschrauber, hat auch die Eltern durchaus gefordert. Die eigentliche Herausforderung sehe ich darin, auch ein spezielles Angebot für die Eltern zu machen, und sie nicht nur über den Umweg Kinder mit Fragen des Glaubens zu beschäftigen.

 

Café Church, Leeds

Eine Doktorandin meines Colleges in Cambridge hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Da es in diesem Teil der Stadt keine Gemeinde mehr gab, hatte die Kirche das nicht mehr benötigte Gebäude an die Uni verkauft, die in dem Kirchengebäude aus dem 19. Jh. Büros und Seminarräume einrichtete. Einen Raum hatte die Kirche behalten. Als ich kam, saßen etwa 20 Personen an verschiedenen Tischen, es gab Kaffee und Gebäck, und man setzte sich irgendwo dazu und unterhielt sich. Irgendwann stand jemand auf, erklärte das Thema des Abends:Unsere Gott gegebene Kreativitätund wir wurden eingeladen, ein kleines Buch zu gestalten und darin unsere Gott gegebene Kreativität sichtbar werden zu lassen. Man kam ganz gut ins Gespräch am Tisch, aber mehr war nichtalso wirklich ein sehr niederschwelliger Ansatz. Ich habe danach lange mit der Studentin aus Cambridge über die Frage diskutiert: Wenn das Projekt sechs Jahre läuftmüsste man dann nicht über eine Ergänzung dieses niederschwelligen Ansatzes nachdenken? Wollen Menschen nicht auch weiterkommen in ihrem Glauben?

 

Das genaue Gegenteil war ein Projekt im Costa Café Shop in Cambridge: Sicher ein interessanter Ort für einen Gottesdienst, von der Gestaltung her unterschied er sich jedoch wenig von anderen Gottesdienst dieser Gemeinde.

 

Beim Recherchieren im Internet stieß ich auf eine

 

Gothic Church in Cambridge:On the Egde

Das hat mich natürlich neugierig gemacht: Wie kann man Gothic und Gottesdienst verbinden? Leider kam ich zu spät: Obwohl das Spiel von Licht und Dunkelheit den Gottesdienst immer noch prägte, war nur noch wenig von der ursprünglichen Prägung zu sehen. Auch das gehört zu Fresh Expressions: Die Gestaltung hängt sehr stark von den Menschen ab, die sich engagieren, und die Goths waren wohl weiter gezogen. Inzwischen, würde ich sagen, hat sich der Gottesdienst zu einer Veranstaltung für das kulturell aufgeschlossene Bürgertum entwickelt, schön inszeniert in der uralten Kirche, mit einem interessanten Wechsel zwischen Musik und anspruchsvoller Meditation.

 

Cambourne, ein Vorort ca. 12 Kilometer westlich von Cambridge

Ich hatte die Chance, diese Fresh Expression zweimal zu besuchen, einmal 2009 mit dem Pfarrkonvent Otterbach, und ein 2. Mal im Jahr 2013.

Die Planungen für diesen Vorort von Cambridge begannen in den 80er Jahren, Baubeginn war 1998. Inzwischen gibt es dort 3300 Häuser, am Ende werden es 4200 Häuser sein mit etwa 12.000 Bewohnern. 2009 war vieles noch im Fluss: Die Gemeinde war noch im Aufbau. Das Gemeindehaus war ein heiß geliebter, aber kleiner und ziemlich heruntergekommener Holzbau, den man second hand irgendwo gekauft hatte. Für größere Gottesdienste wich man ins Bürgerhaus aus. Auch damals schon war das ein ökumenisches Projekt von vier Kirchen. 2009 war die Gemeinde noch mitten in der Diskussion über ihren Auftrag, über die Art und Weise, wie sie sich als Kirche verstehen wollte. 2013 war das neue Kirchengebäude fertig. Immer noch war es der Gemeinde wichtig, in der Community gut verankert zu sein mit Angeboten wie Krabbelgruppe, Männernetzwerk und Mittagessen für Senioren, das Gebäude sollte von allen gesellschaftlichen Gruppen genutzt werden; auf der anderen Seite war zu spüren, dass sich die Gemeinde in Cambourne nicht mehr im Aufbruch befand, sondern angekommen war. Auch das ist eine mögliche Entwicklung: Eine Fresh Expression wird zu einernormalenKirchengemeinde.

 

Man fragt sich: Gute Ideen gibt es auch bei unswas ist das Besondere von Fresh Expressions?

Die Antwort ist im Grunde sehr einfach: Es geht um eine Änderung der Blickrichtung. Traditionellerweise sagen wir: Kommt doch zu uns, bei uns ist es so schön! Manchmal gehen wir weiter hinaus, manchmal weniger. Aber die Bewegung ist immer die Gleiche: Wie laden ein, zu uns zu kommen. Das ist unser Vorteil: Wir laden Menschen dorthin ein, wo wir zu Hause sind. Wo unsere Heimat ist. Wo wir uns wohl fühlen. Da ist ja dann auch der Pfarrer/in, die notfalls alle Fragen beantwortet. Da ist der Fachmann/frau, die es wissen müssen. Da sind die anderen, die mithelfen. Ich bin nicht allein.

Das Problem dieses Zu-Uns-Einladens besteht darin: Jede Kirche hat eine sehr spezielle Kultur, ein spezielles Milieu, das nicht für jeden passt.

 

Es gibt vier entscheidende Kennzeichen für Fresh Expresssions:

 

1.    Eine Umkehrung der Blickrichtung: Nicht mehr: Kommt zu uns, denn wir wissen, was gut für euch ist und wie Glaube gelebt wird. Stattdessen gilt dasinkarnatorischePrinzip (Moynagh S. Xvii): Wir gehen hinaus und erkunden mit den Menschen, was Glaube für sie in ihrer Situation bedeuten könnte.

2.    Das Gemeindeverständnis: Gemeinde ist nicht mehr die Parochie oder, im Falle einer Freikirche, die gottesdienstliche Versammlung derer, die Mitglieder sind. Gemeinde ist dort, wo Menschen sich treffen, um über ihren Glauben nachzudenken: Im Zug, im Schulhaus, im Cafè, an der Uni. Es wird nicht erwartet, dass man sich darüber hinaus an den traditionellen Gottesdiensten  beteiligt. Die Gemeinde wird zum Netzwerk.

3.    Traditionelle Denominationen spielen (fast) keine Rolle mehr.

4.    Die Zeit der Treffen muss auch nicht der Sonntag sein, sondern wann immer es der Gruppe günstig erscheint: Also z.B. am Freitagmorgen im Pendlerzug nach London. Oder donnerstags um 15.30 Uhr nach der Schule. Und das ist dann Gemeinde!

 

Wie kommt eine Kirche dazu, so viele liebe Gewohnheiten und gewachsene Traditionen, die ja durchaus liturgisch und dogmatisch wohl begründet sind, aufzugeben?

 

 

3. Geschichte

 

Michael Moynagh weist in seinem grundlegenden BuchChurch for every Kontext(eine Kirche für jeden Kontext) zu recht darauf hin, dass Fresh Expressions keine Erfindung des 21. Jh sind. Schon die Gemeindegründungen des Neuen Testaments seien zum größten Teil Fresh Expressions gewesen, weil sie sowohl missionarisch und kontextuell gewesen seien. Er erinnert an Apostelgeschichte 10, Petrus und Cornelius: Petrus hat auf dem Dach eine Vision von unreinen Tieren und hört gleichzeitig diese Stimme:Nimm und iss!Hier wird  von einem im jüdischen Gesetz und Glauben wohl verwurzelten Christen die Grenze in einen neuen heidenchristlichen Kontext überschritten. Moynagh ergänzt diese Geschichte mit einem sehr interessanten historischen Überblick von den Beghinen im Mittelalter über John Wesley, den Begründer des Methodismus, bis zu Dorothy Sayers, der Krimiautorin, und ihren Versuch, über das Medium Radio der Kirche eine neue Zuhörerschaft zu erschließen; es ist also nichts Neues, wenn Kirche die Grenzen des Gewohnten überschreitet.

 

Die eigentlichen Wurzeln von Fresh Expressions gehen jedoch zurück auf die 70er Jahre.

Damals begann die britische Bibelgesellschaft über Gemeindewachstum nachzudenken. Mit Gemeindewachstum war jedoch die Weiterentwicklung der Arbeit bestehender Gemeinden, nicht die Gründung neuer Gemeinden gemeint.

 

Eine zweite Wurzel war das Church Planting (Gemeindepflanzung): Eine Gruppe verlässt ihre bestehende Gemeinde und gründet / pflanzt eine neue. Es gab eine Gemeinde in London, Holy Trinity Brompton, die Erfinderin des Alpha-Kurses, die das Zentrum der Gemeindepflanzungsbewegung wurde und dazu regelmäßig Konferenzen abhielt. Der BerichtBreaking New Groundvon 1994 stellt fest, dass es neben dem traditionellen parochialen Ansatz der Anglikanischen Kirche wichtig ist, auch soziale und kulturelle Netzwerke in den Blick zu nehmen und für die Gemeindearbeit fruchtbar zu machen. Gemeindepflanzungen waren und blieben bis dahin jedoch die große Ausnahme.

 

Eine dritte Wurzel war die Dekade der Evangelisation 1992 bis 2002, die das Bewusstsein für Mission schärfte.

Diese drei Wurzeln haben den missionarisch-evangelikalen Teil der Anglikanischen Kirche immer wieder beschäftigt. Viele neue Ideen wurden entwickelt. Die wichtige Frage jedoch lautet: Wie kann es von einzelnen interessanten Ideen zu einer Veränderung der Gesamt-Kirche kommen?

 

2004 legte Rowan Williams, der damalige Erzbischof von Canterbury, der Synode der Anglikanischen Kirche einen Bericht vor:Mission Shaped Church, der die Erfahrungen dieser drei Wurzeln aufnimmt und weiterführt (Deutsch:Mission bringt Gemeinde in Form). Dieser Bericht hat vier Schwerpunkte: 1. werden zum einen die bisherigen Erfahrungen mit Gemeindepflanzungen zusammengefasst. 2. Diese Erfahrungen werden in den Kontext einer sorgfältigen Analyse gesellschaftlicher Veränderungen gestellt: Der Niedergang der Kirche fällt zusammen mit der sozialen Entwicklung zu einer Netzwerk- und Erlebnisgesellschaft. 3. werden konkrete Schritte vorgeschlagen, wie neben den bisherigen Parochien neue Formen von Kirche entwickelt werden können. Und 4. wird eine Struktur erarbeitet, wie die alten und die neuen Gemeinden unter der Leitung des Bischofs zusammenarbeiten können. Das ist ein interessantes strukturelles Detail: Fresh Expressions müssen vom Bischof autorisiert und zumindest der Leiter vom Bischof beauftragt werden. Rowan Williams nannte das eineMixed Economy“, alsoMischwirtschaft, in der das Alte und das Neue gleichermaßen ihren Platz finden konnten.

 

Jetzt wird es spannend: Wie kam es, dass dieser BerichtMission Shaped Churchnicht ein Bericht unter vielen blieb, sondern von der gesamten Anglikanischen Kirche als Programm übernommen wurde? Dazu gibt es zwei Erklärungsversuche:

 

a) Komplexitätstheorie

Michael Moynagh (S. 51ff) versucht, die Entstehung der Fresh Expressions mit der sog Komplexitätstheorie zu erklären. In der Komplexitätstheorie geht es um die Frage, wie sich Systeme selbst organisieren. Im Grundsatz besagt die Komplexitätstheorie zwei Dinge: a) Veränderungen werden nicht von oben, sondern durch das System als Ganzes initiiert. b) Eine Veränderung wird möglich, wenn sich ein System auf der schmalen Kante zwischen Ordnung und Chaos befindet. Befinden sich Organisationen zu weit im Bereich der Ordnung, dann sind sie stabil und es gibt wenig Anlass, sich auf den Weg zu machen. Versinken Organisationen im Chaos, lösen sie sich auf. Damit tiefgreifende, anhaltende Veränderungen möglich werden, ist es also wichtig, den Zeitpunkt zu erkennen, an dem sich Organisationen auf dem schmalen Grat zwischen Ordnung und Chaos befinden.

 

Die Anglikanische Kirche hatte realisiert, dassbusiness as usualnicht mehr funktionierte. Die Zahl der Gottesdienstbesucher war weiter gefallen, und alle Versuche der Reorganisation hatten nicht wirklich gefruchtet. Man nahm jedoch auch wahr, dass neue und kreative Ideen auch in der Kirche umgesetzt wurden. Diese kleinen lokalen Veränderungen wurden durch Mission Shaped Church öffentlich anerkannt und vervielfältigt. Damit eröffnete sich ein Korridor für Veränderungen.

 

Beides, die Erkenntnis, dass Kirche nicht mehr so weitermachen kann wie bisher, und die Wahrnehmung, dass es ja durchaus interessante erfolgreiche Ansätze gibt, haben dazu beigetragen, dass Erzbischof Rowan Williams in seinem Vorwort vonMission Shaped Churchvon einer Trendwende sprechen konnte.

 

b) Vorgeschichte

Ein zweiter Erklärungsversuch ist die eher geschichtliche Betrachtung: Betrachtet man die Vorgeschichte, haben vier Faktoren  dazu beigetragen, dass der BerichtMission Shaped Churchin einer so breit aufgestellten Kirche wie der Anglikanischen von ganz fromm bis sehr liberal angenommen wurde.

 

-      Der 1. Faktor lag in der Person des Erzbischofs. Rowan Williams hatte einen Ruf als Denker und liberaler, gesellschaftlich engagierter Theologe. Dass einer wie er sich einen explizit missionarischen Bericht zueigen macht, hat viele Vorurteile des liberalen Flügels der Anglikanischen Kirche überwunden.

-      Der 2. Faktor war das, was ich eben als Mixed Economy beschrieben habe: Es war nicht alles falsch, was bisher geschehen war, sondern beide Formen von Kirche, die Parochie wie auch die neuen Entwicklungen, sollten ihren Platz unter dem Dach der Anglikanischen Kirche finden.

-      Ein 3. Faktor bestand darin, dass man das gleiche Problemnämlich den Bedeutungsverlust von Kirche nun von verschiedenen Seiten beleuchtete: Und zwar von evangelikaler Seite (Gemeindepflanzungsbewegung) wie von liberaler Seite (Erzbischof).

-      Um das bisherige traditionelle starre System der Anglikanischen Kirche aufzubrechen, musste man 4. die kleinen Veränderungen, die es gab, verstärken. Genau das war die Funktion des BerichtesMission Shaped Church, der die vielen zarten Pflänzchen, die es überall gab, zusammenfasste einer Kirche als ganzer vorstellte und daraus Handlungsanleitungen entwickelte.

 

Neben der alten Ordnung der Parochie, die ja immer noch ihre Anziehungskraft und Befürworter hatte, gab es also nun einen offiziellen anderen Weg, Kirche zu erneuern, der ebenfalls seine Anziehungskraft und seine Befürworter hatte, und mit diesem BerichtMission Shaped Churchauch öffentlich anerkannt war: DieMixed Economyvon Parochie und Fresh Expressions.

 

Ein kurzer Zwischenblick auf die Pfalz: Die Evangelische Kirche der Pfalz hat in den vergangenen Jahren sehr viele Ressourcen in das Zukunftspapier gesteckt, um die Organisation der Landeskirche dem sinkenden Kirchensteueraufkommen und sinkenden Zahlen an Gemeindegliedern und Pfarrer/innen anzupassen. Eine Mixed Economy im Sinne der Anglikanischen Kirche hätte bedeutet, die gleichen Ressourcen in die Förderung kreativer Gemeindeideen zu stecken. Ich habe viel darüber nachgedacht, warum das bei uns nicht passiert ist. Ich denke: Die Evangelische Kirche der Pfalz ist noch nicht auf dem schmalen Grat zwischen Ordnung und Chaos angekommen. Ein Grund dafür könnte unser Kirchensteuersystem sein, das ja gerade in den letzten Jahren kräftig gesprudelt ist und uns immer noch eine gewisse Stabilität vorgaukelt.

 

 

4. Kritische Diskussion

 

Bei aller Begeisterung für Fresh Experssions gibt es natürlich auch kritische Anfragen. Das Buch von Davidson und Milbank (2010) idealisiert zwar die Parochie etwas zu sehr, stellt jedoch auch viele bedenkenswerte Fragen.

 

1.    Wenn Fresh Expressions und traditionelle Parochie gleichwertige Formen von Gemeinde sein sollengibt es überhaupt so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner, der beide verbindet? Rowan WilliamsMixed Economyschafft zwar einen Raum für beide Formen, aber gibt es auch eine gemeinsame Identität zwischen denen, die am Freitagmorgen im Pendlerzug nach London Gottesdienst feiern und denen, die sich sonntags in der Dorfkirche treffen? Anders gefragt: Kann man Form und Inhalt wirklich trennen?

2.    Wie ist das Verhältnis zwischen Fresh Expressions und der reichen kirchlichen Tradition? Kann man so tun, als würde sich Kirche komplett neu erfinden? Sicher muss der gesellschaftliche Kontext berücksichtig werdenaber welche Bedeutung haben dann Liturgie und Dogmatik, Sakramente und Bibel? (S. 9)

3.    Mission Shaped Church unterscheidet zwischen Reich Gottes und Kirche, wobei das Reich Gottes das Ziel ist und die Kirche lediglich Weg und Mittel (S. 51). Davidson und Milbank fragen dagegen: Ist die Kirche nicht mehr als Mittel zum Zeck, ist sie nicht sichtbare Gestalt des Reiches Gottes?

4.    Fresh Expressions hofft, Mauern niederzureißen, die Mauern zwischen Kirche und Gesellschaft. Werden im Gegensatz zu Eph 2,14 („Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war...“) nicht neue Mauern errichtet, indem man spezielle Angebote für bestimmt Milieus macht, und die Menschen damit in ihrem Umfeld bleiben? (S. 65)  Ist es sinnvoll, kirchliche Arbeit entsprechend der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer weiter zu differenzieren? Ist es nicht gerade die große Chance einer Parochie, verschiedene Milieus zusammenzubringen? (S. 65, ähnlich Hull S. 14-15)

5.    Fresh Expressions geht von der Voraussetzung aus, dass die These der Säkularisierung falsch ist und soziale Veränderung nicht notwendigerweise zum Niedergang der Kirche führen muss. Das ist eine bisher unbewiesene Behauptung (Moynagh, s. 81).

 

Das sind berechtigte Anfragen. So weit ich das sehen kann, hat sich Fresh Experssions jedoch in den vergangenen zehn Jahren weiter entwickelt und ist inzwischen auf einer 2. Stufe angekommen. Ich hatte zweimal die Gelegenheit, Michael Moynagh zu treffen, eine Dozenten in Oxford, der die letzten zehn Jahre der Erforschung von FE gewidmet und eines der Handbücher dazu geschrieben hatChurch for Every Context. Ich habe ihn vorhin bei derKomplexitätstheorieschon einmal zitiert.

 

Während Mission Shaped Church den Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte und die daraus folgenden notwendigen Veränderungen der Kirche fokussiert, tritt Michael Moynagh sozusagen eine Schritt zurück und fragt: Was bedeuten Fresh Experssions für die Kirche als Ganzes? Wie lassen sich Tradition und Gegenwartsbezug vereinen? Wie kann Rowan WilliamsMixed Economy, was ja zunächst nicht mehr als ein Schlagwort war, umgesetzt werden?

 

Für Michael Moynagh lebt Kirche einer vierdimensionalen Beziehung:

nach oben: Wort, Sakrament und Gebet in der Beziehung zu Gott;

nach außen: diakonisches Handeln und Evangelisation in der Beziehung mit der Welt;

nach innen: regelmäßige Treffen und Verbindlichkeit bei den Beziehungen innerhalb der Gemeinde;

zum Woher: aus der Beziehung zur gesamten Kirche und ihrer Tradition.

 

Man könnte sagen: Fresh Experssions setzt einen Schwerpunkt bei den Beziehungen nach außen und nach oben. Es ist ein Verdienst von Michael Moynagh, daran zu erinnern,

a) dass neue Gemeinden immer von Menschen gegründet werden, die im Glauben und in der Kirche verwurzelt sind, und die, um etwas Neues zu wagen, ein Netzwerk der Unterstützung brauchen.

b) dass eine Gemeinde sich ihrer Voraussetzungen bewusst sein muss, also der Tradition, aus der sie kommt, und dass die Menschen, die da draußen Gott neu begegnet sind, ja auch in ihrem Glauben wachsen und daraus ein neues Interesse gewachsenen Formen von Glauben und Gemeinde entsteht.

Man könnte auch sagen: Nimmt man das reformatorischeeccelsia semper reformandaernst, muss die Kirche immer wieder diese vier Dimensionen in eine gute Balance bringen. Eine Gemeinde, die die Beziehung nach außen in die sich verändernde Gesellschaft vernachlässigt, wird starr. Andererseits, bei aller Begeisterung über kirchliche Innovation - wenn Fresh Experssions kein Strohfeuer bleiben sollen, dann brauchen sie auch ein Bewusstsein dafür, wo ihre Wurzeln sind.

 

 

5. Anknüpfung und Widerspruch: FE im Kontext der evangelischen Kirche in Deutschland

 

5.1. Gesellschaftliche Veränderungen

Kirche der Freiheitgeht stark auf innerkirchliche Veränderungen ein: Rückgang der Gemeindegliederzahlen, Rückgang der KirchensteuerNeues Bedürfnis nach Spiritualität und religiösen Fragestellungen.  Die gesellschaftlichen Veränderungen werden konstatiert, aber nicht beschrieben. Ähnlich auch das Zukunftspapier unserer Landeskirche. Trotzdem wichtig, diese Veränderungen zur Kenntnis zu nehmen.

 

Die gesellschaftlichen Entwicklungen in Großbritannien sind denen in Deutschland nicht unähnlich:

-          Demographischer Wandel: Die Alterspyramide wird auf den Kopf gestellt

-          Größe der Haushalte: Es gibt mehr, dafür aber kleiner Haushalte. Durchschnittsgröße heute 2,4 Personen, 1971 2,9. Viele Arbeiten in Haus und Garten werden heute selbst ausgeführt (wegen der hohen Kostendo it yourselfhäufig am Sonntag)

-          Anzahl der Erwerbstätigen: Die meisten Menschen sind heute berufstätig, Männer wie Frauen. Längere Arbeitszeit bedeutet: Menschen haben weniger Freizeit als 1970. Die Wochenenden, bes. Sonntage werden als Zeit für die Familie betrachtet.

-          Mobilität. Die meisten Menschen besitzen ein Auto und sind bereit, es zu nutzen: im Schnitte 37 km pro Tag und Person. Menschen können in größerer Entfernung von ihrem Wohnort arbeiten; berufsbedingt verbringen sie nicht mehr das ganze Leben in der gleichen Region. Sie leben daher weiter entfernt von Familie und Verwandtschaft als früher. Am Wochenende ist man daher häufiger unterwegs

-          Familiäre Strukturen haben sich gewandelt.

 

Fazit: Das Leben ist zunehmend fragmentarisiert. Geographische Nachbarschaft und Wohnumfeld verlieren an Bedeutung und werden durch Netzwerke (Arbeitskollegen, Sportvereine, Hobbys, Kindergarten, Schule…) ersetzt. Dazu kommt: Die Zahl der Menschen, für die Kirche relevant und wichtig ist, sinkt mit jeder Generation:Wir können nicht länger von der Annahme ausgehen, dass es reicht, die Menschen an ihren lange verschütteten Glauben zu erinnern. Bei vielen Menschen ist nicht einmal mehr ein Rest von christlichem Glauben vorhanden(Bischof von Whitby). Die jüngste EKD-Mitgliedschaftsumfrage hat das bestätigt: Es gibt eine Zweiteilung: Die Zahl der mit der Kirche sehr verbundenen Mitglieder, die sich auch engagieren, steigt, aber genauso wächst auch die Zahl derer, die keinen Bezug zur Kirche mehr haben. Beispiel Konfirmandenkurse: Vor nicht allzu langer Zeit hieß es noch: Fast jeder Jugendliche geht zur Konfirmation. Auf der Landessynode im Mai wurde gesagt: In Städten erreicht der Konfirmandenunterricht maximal die Hälfte der Jugendlichen.

 

Um die Relevanz von Fresh Expressions für unsere pfälzische Situation zu erkennen, ein kurzer Blick auf Reformpapiere in Deutschland:

 

 

5.2. Kirche der Freiheit (2006)

Die EKD steht vor großen Herausforderungen: Demographische Umbrüche, finanzielle Einbußen, die Spätfolgen zurückliegender Austrittswellen, hohe Arbeitslosigkeit globalisierter Wettbewerb sind gesellschaftliche Entwicklungen, von denen die Kirche entscheidend betroffen ist. Sie nötigen zu einem Wandel der kirchlichen Strukturen (Hervorhebung von mir) ... Bei einem aktiven Umbauen, Umgestalten und Neuausrichten der kirchlichen Arbeit und einem bewussten Konzentrieren und Investieren in zukunftsverheißende Arbeitsgebiete wird ein Wachsen gegen den Trend möglich(S. 7). Vier Motive sollen diesen Prozess leiten:

1. Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität.

2. Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit.

3. Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen.

4. Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit(S. 45).

Der Wert vonKirche der Freiheitliegt darin, dass er die Krise der EKD ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat. Im Vergleich mit Fresh Experssions werden drei Dinge deutlich:

a)Kirche der Freiheitlegt den Fokus auf Strukturen, nicht auf Begegnungen mit Menschen.

b)Kirche der Freiheitzeigt eine ausgeprägteKomm-zu-uns-Mentalitätstatt einerWir-gehen-zu-euch-Mentalität, was nicht zuletzt in den zwölf Leuchtfeuern zum Ausdruck kommt. Leuchtfeuer 1den Menschen geistliche Heimat geben(S. 49), Leuchtfeuer 3 willausstrahlungsstarke Begegnungsorte evangelischen Glaubens schaffen(S. 59).

c) Statt Partizipation denktKirche der Freiheitvon Oben nach Unten.

 

 

5.3. Zukunftspapier der Evangelischen Kirche der Pfalz

Mutig voranschreiten. Den Wandel gestalten. Gott vertrauenheißt das Zukunftspapier der Evangelischen Kirche der Pfalz, 2011 von der Pfälzischen Landessynode verabschiedet. Darin heißt es:

„Als Volkskirche im Wandel wollen wir

- öffentliche Kirche und relevantes Teilsystem der Gesellschaft,

- erkennbare Kirche, die für möglichst viele Menschen der jeweiligen Region erreichbar ist,

- offene Kirche, die Pluralität ermöglicht und unterschiedliche Weisen, Kirchenmitgliedschaft zu leben, anerkennt,

- Kirche für Andere, die Kritik an lebensfeindlichen Bestrebungen und Strukturen mit der Bereitschaft zur Hilfe verbindet,

- missionarische Kirche, die werbend auf Menschen zugeht,

 

sein und bleiben“ (Synodalvorlage, 26.5.2011, S.1).

Dies wird untermauert durch eine kurze Analyse der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unter den StichwortenSelbststimmung und Selbstbehauptung, Wandel von Wort- zu Medienkultur, Expansion des Wissens, Freizeitgesellschaft, Globalisierung und Migration.

 

Zu schnell jedoch wendet sich das Papier der Entwicklung der Organisationsstrukturen unserer Landeskirche auf den Ebenen Kirchengemeinde, Kirchenbezirk und Landeskirche zu. Ziel ist eine Ausrichtung der Landeskirche auf eine finanzierbare Zukunft hin, die durch eine Portfolioanalyse gestaltet werden soll.

 

Die genannten fünf Ziele würden eine Offenheit gegenüber Fresh Expressions erlauben, aber die Wirklichkeit der vergangenen drei Jahre sah anders aus: Alle Ebenen der Kirche warensehr zur Frustration von Presbyterien und Gemeindegliedern damit beschäftigt, ihre Organisationsstruktur zu überprüfen, so dass wenig Energie übrig blieb für die Umsetzung neuer Ideen.

Zusammenfassend kann man sagen: Beide Zukunftspapiere versuchen, der Krise der Kirche auf organisatorischem Weg beizukommen. Beide versuchen, die Kirche von oben nach unten zu verändern. Wenn die Komplexitätstheorie von M. Moynagh stimmtdas System als Ganzes muss sich wandeln (2012, 52ff), ist hinter diese Vorgehensweise ein großes Fragezeichen zu setzen.

 

 

5.4. Erwachsen Glauben

2011 initiierte die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste die InitiativeErwachsen Glauben. Indem sie verbindet, was früher eher als Gegensatz angesehen wurde, nämlich Mission und  Erwachsenenbildung, zielt sie auf einen wechselseitigen Lernprozess. Die Einleitung zitiert Wolfgang Huber:Der Weg zum Glauben muss ebenso als Bildungsaufgabe verstanden werden wie das Bleiben und Wachsen im Glauben(AMD 2011: 9).

 

Gemeinden werden ermutigt, Glaubenskurse anzubieten. Darüber hinaus gibt es ein Netzwerk, das  Ressourcen, Fortbildungen und Öffentlichkeitsarbeit anbietet. Ich bin Teil des Netzwerkes in der Pfalz, und war sehr erfreut, dass sich schon zum ersten Fortbildungstag 60 Personen angemeldet haben, und ich stelle fest: Das Interesse wächst. Z.Zt. wird an einer gemeinsamen Aktion in der Metropolregion Rhein-Neckar gearbeitet, und es sind auch vier Pfälzer Kirchenbezirke dabei.

 

So gut ich die Aktion finde, sie bleibt immer noch sehr der Komm-Struktur verhaftet, von einer Geh-Struktur ist wenig zu sehen. Im Augenblick sehe ichErwachsen Glaubenals wichtige Voraussetzung dafür, dass Gemeinde sprachfähiger wird und Mitarbeiter/innen dann leichter die schützenden Kirchenmauern verlassen.

 

 

5.5. Milieu-Studie

Im Zusammenhang mitErwachsen Glauben“ und der Entwicklung von Kursen für verschiedene Zielgruppen entstand ein zunehmendes Bewusstsein für die verschiedenen Milieus unserer Gesellschaft. Ursprünglich initiiert von der katholischen Kirche, hat inzwischen auch die Evangelische Kirche der Pfalz die Daten gekauft (www.brandigg.de/brand/microm-Geo-Milieus, 19.6.2014).

 

Um zu den zehn Milieus zu kommen, werden im Prinzip zwei Linien übereinandergelegt: In der Vertikalen die soziale Lage Ober-, Mittel- und Unterschicht, in der Horizontalen Grundorientierungen: Tradition, Modernisierung, Neuorientierung.

 

Die Milieu-Studie des Sinus-Instituts in Heidelberg bietet ein gutes Werkzeug, um den gesellschaftlichen Kontext einer Kirchengemeinde darzustellen.Grundlegende Wertorientierungen  gehen ebenso in die Analyse ein wie Alltagseinstellungen zu Arbeit, Familie, Freizeit, Medien, Geld, Konsum. Sie rücken also den Menschen und das gesamte Bezugssystem seiner Lebenswelt ganzheitlich ins Blickfeld(AMD 2011: 84). Man beginnt relativ schnell zu verstehen,weshalb dieses oder jenes (kirchliche) Angebot bei diesen oder jenen auf Nachfrage stößt und bei anderen nicht(Ebertz und Hunstig, 2008: 18). Die entscheidende pastorale Herausforderung läge dann darin,neue Orte und Gelegenheiten der Kommunikation der frohen Botschaft zu erschließen und die Sozialgestalt der Kirche komplexer zu gestalten(aao: 33). Das Problem besteht jedoch darin, dass eine Kirchengemeinde nie alle zehn, sondern nur drei bis maximal vier verschiedene Milieus abdecken kann.

 

Der berühmte Autobauer Henri Ford soll einmal gesagt haben:Wenn ich meine Kunden gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: Wir brauchen schnellere Pferde.Aber er wollte natürlich Autos verkaufen. Also hat er seine Kunden motiviert, sich auf das Neue, das er verkaufen wollte, einzulassen, und er war ein guter Verkäufer.

 

M. Moynagh nennt solch einen Menschen Entrepreneur. Er schreibt:Der Entrepreneur liest das Umfeld, um