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Dr. Karlheinz Lipp
Friedrich-Wilhelm-Straße 42, 12103 Berlin

 

 

Der Friedenssonntag im Kaiserreich und in der Weimarer Republik

 

Frieden braucht Symbole – und ein Sonntag für den Frieden zählt zu diesen Symbolen. In Großbritannien veranstalteten Friedensbewegte bereits seit den 1840er Jahren Friedenssonntage. In Deutschland erfolgten erst Jahrzehnte später erste Versuche, einen solchen speziellen Sonntag einzuführen. Pionierarbeit leistete dabei die Freie Evangelische Gemeinde zu Königsberg.

 

 

Anfänge in Königsberg (1908 bis 1913)

 

Im Jahre 1846 gründete Julius Rupp, der Großvater von Käthe Kollwitz, die Freie Evangelische Gemeinde in seiner Heimatstadt nachdem er wegen kritischer Äußerungen zum Verhältnis von Staat und Kirche aus der Landeskirche entlassen wurde. Rupps umfangreiche Publikationen in Königsberg, der Stadt des Friedensphilosophen Immanuel Kant, beinhalteten auch pazifistische Positionen.

 

Am 20. September 1850 gründete sich, ein Verdienst Rupps, die erste Friedensgesellschaft Deutschlands zu Königsberg, die bereits ein Jahr später am 15. Mai 1851 von der Polizei aufgelöst wurde. Gleichwohl blieb der pazifistische Impetus in der Stadt erhalten, besonders in der Freien Evangelischen Gemeinde. Elsbeth und Max Friedrichs veranstalteten zusammen mit dieser Gemeinde am 13. Dezember 1908 den ersten Friedenssonntag in Deutschland. Besonders Elsbeth Friedrichs kamen dabei ihre guten Kontakte zu Großbritannien hinsichtlich des Friedenssonntags zugute, die Predigt an diesem Tag und an einigen weiteren Friedenssonntagen der nächsten Jahre hielt ihr Ehemann Max.

 

Es war, bezeichnend genug, keine evangelische Landeskirche, die einen Friedenssonntag organisierte. Die Ortsgruppe Königsberg der Deutschen Friedensgesellschaft versuchte durch einen Appell an die Konfessionen einen gemeinsamen Friedenssonntag zu gestalten, scheiterte aber mit diesem Anliegen am mangelnden Interesse.

 

Der Friedenssonntag fand in der Advents- und Weihnachtszeit statt, oft am 2. Advent. Es handelte sich hierbei um eine geschickte Terminwahl, denn gerade in dieser Zeit der Kirchenjahres sind die Gottesdienste gut besucht. Friedenstheologische Überlegungen können nur kurze Zeit später mit der Friedensbotschaft des lukanischen Weihnachtsevangeliums (Luk. 2,14; „Friede auf Erden“) im Gottesdienst erneut aufgenommen, kombiniert und vertieft werden.

 

Bis zum Jahre 1913 gab es in Deutschland nur in Königsberg einen Friedenssonntag.

 

 

Elsass-Lothringen (1913)

 

Als Folge des Krieges von 1870/71 gehörte Elsass-Lothringen bis 1918 als „Reichsland“ zum Deutschen Kaiserreich. Einem Großteil der Bevölkerung war klar, dass bei einem erneuten Krieg zwischen Frankreich und Deutschland gerade ihre Region als Grenzgebiet unmittelbar betroffen sein würde. Diese Einsicht führte zu einem breiten Konsens hinsichtlich einer Ablehnung von Kriegen und einer pazifistischen Grundeinstellung.

 

Der Landtagspräsident Ricklin betonte in einer Rede auf einer großen Versammlung aller Parteien in Mülhausen am 13. März 1913 die besondere Brückenfunktion des Elsass. Bereits am 6. Mai 1913 verabschiedete der Landtag in Straßburg eine Resolution, in der der Statthalter aufgefordert wurde, Maßnahmen zur deutsch-französischen Verständigung zu ergreifen. Ricklin selbst traf sich mit dem französischen Sozialisten und Pazifisten Jean Jaurès, der sich ebenfalls für eine Aussöhnung der beiden Länder engagierte.

 

Vor diesem Hintergrund wird auch das pazifistische Verhalten der evangelischen Landeskirche in Elsass-Lothringen verständlich. Ende 1910 unternahm der sehr aktive Stuttgarter Friedenspfarrer Otto Umfrid, Vizepräsident der Deutschen Friedensgesellschaft von 1900 bis 1920, eine Vortragsreise durch das Elsass. Ortsgruppen der Deutschen Friedensgesellschaft gründeten sich daraufhin in Straßburg, Colmar und Mülhausen. Der Friedensaufruf An die Geistlichen und theologischen Hochschullehrer der evangelischen deutschen Landeskirchen des Berliner Friedenspfarrers Walther Nithack-Stahn von 1913 unterschrieben 395 Personen, davon, bezeichnend genug, 108 aus Elsass-Lothringen.

 

An der Spitze des Straßburger Oberkonsistoriums stand mit Friedrich Curtius ein Mann, der selbst ein Anhänger der Friedensbewegung war. So wurde er 1913 zum Präsidenten des Verbandes für internationale Verständigung gewählt. Curtius besaß eine große Sensibilität für die Probleme der Bevölkerung Elsass-Lothringens. Er bedauerte die gravierende Unkenntnis der Lage im Reichsland bei vielen Deutschen. In eine ähnliche Richtung ging die Intention des Marburger Theologen Martin Rade, ebenfalls Mitglied im Verband für internationale Verständigung. In seiner Zeitschrift Die Christliche Welt konnten in den Jahren vor 1914 Geistliche aus Elsass-Lothringen ihre Meinungen äußern, die sich deutlich von der Propaganda und Germanisierungspolitik (Die Zabernaffäre von 1913 als große Belastung) des Kaiserreichs unterschieden.

 

Ein wichtiger Baustein der friedenstheologischen Bemühungen stellte die Einführung eines Friedenssonntags dar. Den Ausgangspunkt hierfür bildete die Versammlung von Straßburger Pfarrern am 22. Mai 1913, die einstimmig für einen solchen Sonntag votierten. Die weitere Entwicklung verlief dann relativ schnell und ausgesprochen harmonisch. Größere Kontroversen oder gar erheblicher Widerstand gegen einen Friedenssonntag lassen sich nicht erkennen – ganz im Gegensatz zu anderen Landeskirchen.

 

Am 13. November 1913 fasste das Oberkonsistorium den Beschluss zur Feier eines Friedenssonntages. Anders als in der Freien Evangelischen Gemeinde zu Königsberg feierte nun eine ganze Landeskirche am 7. Dezember 1913, dem zweiten Advent, einen Friedenssonntag. Für die Friedensbewegung in Deutschland, besonders für die Friedenspfarrer, bedeutete dies einen beachtlichen Erfolg, der weitere positive Entwicklungen möglich erscheinen ließ. Jedoch wurden Versuche, einen Friedenssonntag in anderen Landeskirchen (z.B. Baden) einzuführen, von Pfarrern und Kirchenleitungen abgeblockt – und der bald beginnende Erste Weltkrieg setzte diesen friedenstheologischen Plänen ein jähes Ende.

 

 

Religiöser Sozialismus (1919 bis 1933)

 

Die steckengebliebene Revolution von 1918/19 änderte die Strukturen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche nicht grundlegend. Die enge Verbindung von Thron und Altar wurde offiziell beendet. Der Kaiser ging – Pfarrer und Oberkirchenräte blieben. Die evangelischen Landeskirchen begegneten der Revolution und der Demokratie der Weimarer Republik mit großem Misstrauen. Die offizielle Haltung gegenüber den gesellschaftlichen Kräften sollte durch Neutralität bestimmt sein. Tatsächlich jedoch ergriffen viele Geistliche und Kirchenregierungen deutlich Partei für konservativ-nationalistische Gruppen.

 

Vor diesem Hintergrund gründeten sich in einigen Landeskirchen religiös-sozialistische Gruppen.

 

Besonders das Engagement für soziale Gerechtigkeit und Frieden stand dabei im Mittelpunkt. Dies zeigte sich u.a. in der Kritik des Baus von Panzerkreuzern, in Predigten zu Gedenk- und Feiertagen im Dienst des Friedens, in positiven Aufnahmen internationaler Friedenskonferenzen, in der Kritik an militaristischen Pfarrern und Kirchenleitungen, in der positiven Rezeption pazifistischer Belletristik sowie in einer deutlichen Kritik am Bündnis von Militarismus und Faschismus.

 

In den religiös-sozialistischen Hochburgen Baden und Thüringen versuchten Pfarrer in den Synoden Friedensgottesdienste verbindlich für alle Geistlichen festzuschreiben. Diese Anträge wurden entweder abgelehnt oder derart verwässert, dass die ursprüngliche Intention kaum noch ersichtlich war.

 

Besondere Erwähnung verdient der Vorschlag der religiös-sozialistischen Fraktion im Thüringer Kirchenparlament. Hier wurde nicht nur der zweite Advent nach dem historischen Vorbild Elsass-Lothringens (1913) als Datum einer Feier des Friedenssonntages vorgeschlagen sondern auch ein Sonntag um den 1. Mai. Damit sollte auf die enge Verknüpfung von sozialer Gerechtigkeit und Friede hingewiesen werden. In Karlsruhe veranstaltete der religiös-sozialistische Pfarrer und Quäker Heinz Kappes kontinuierlich während der Weimarer Republik Gottesdienste zum Friedenssonntag, mitunter auch mit ausländischen Gästen.

 

 

Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen (1922 bis 1933)

 

Entstanden ist dieser Weltbund aus der deutsch-britischen Freundschaftsarbeit ab 1908. Vom 1. bis zum 3. August versammelten sich ca. 100 Vertreter von Kirchen aus der ganzen Welt in Konstanz zu einem Friedenskongress. Maßgeblichen Anteil an der Organisation dieser Tagung hatte aus deutscher Sicht Friedrich Siegmund-Schultze, auch der Thüringer Friedenspfarrer Ernst Böhme war anwesend.

 

Der Beginn des Ersten Weltkrieges überschattete das Friedenstreffen, aber die Konstanzer Konferenz gilt de facto als Gründung des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen, da die Einrichtung einer zentralen Geschäftsstelle und die Konstituierung von nationalen Verbänden, um Einfluss auf die Kirchen in den jeweiligen Staaten zu nehmen, umgesetzt wurde. Die Versöhnungs- und Freundschaftsarbeit wurde als zentrale christliche Aufgabe angesehen.

 

Bereits während des Ersten Weltkrieges zeigte es sich, dass dieser Krieg die Friedensaktivisten der Konstanzer Tagung nicht auseinander dividieren konnte. Das lässt sich etwa in den Bemühungen um eine internationale Verständigung oder an den Kontakten um Gefangene im jeweiligen gegnerischen Lager erkennen.

 

Der Weltbund verstand sich als eine internationale und ökumenische Organisation mit pazifistischer Ausrichtung. Für viele deutsche Pfarrer und Kirchenfunktionäre bedeuteten dies Dimensionen jenseits ihrer Vorstellungswelt.

 

Offiziell arbeitete Friedrich Siegmund-Schultze von 1914 bis 1946 als Schriftführer des Weltbundes. Damit zeigte sich schon der enge Bezug zwischen diesem Friedenspfarrer und dem Weltbund über eine lange Zeitdauer.

 

Ein Aspekt der Friedensarbeit stellte die Durchführung des Friedenssonntags dar. Am 11. August 1922 bat der Weltbund die nationalen Gruppen um die Organisation von Friedenssonntagen. Am 16. April 1923 erneuerte der Weltbund durch eine Resolution den Wunsch nach der Veranstaltung eines Friedenssonntages – und erwartete eine positive Resonanz der Kirchen in vielen Staaten, oft genug vergeblich.

 

In den Jahren der Weimarer Republik kam es in Deutschland in den Hochburgen des Weltbundes zu Feiern des Friedenssonntages, so z.B. in Heidelberg (Pfarrer Maas), Nürnberg, Danzig und Apollonsdorf (Pfarrer Müller) bei Wittenberg. Von einer deutschlandweiten Einführung des Friedenssonntages konnte nur sehr bedingt gesprochen werden.

 

 

Friedrich Siegmund-Schultze (1930 bis 1933)

 

Zweifelsohne gehört Siegmund-Schultze zu den führenden deutschen Friedenspfarrern des 20. Jahrhunderts. Ab 1908 wirkte er wegweisend in der deutsch-britischen Versöhnungsarbeit und gründete 1911 die Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost, eine Nachbarschaftssiedlung von Arbeiterinnen und Arbeitern mit Studierenden nach dem großen Vorbild der englischen Settlement-Bewegung.

 

Während des Ersten Weltkrieges gehörte Siegmund-Schultze verschiedenen pazifistischen Organisationen (Bund Neues Vaterland, Zentralstelle Völkerrecht, Vereinigung Gleichgesinnter) an.

 

Der Friedenspfarrer organisierte die Auskunftsstelle für Deutsche im Ausland und Ausländer in Deutschland. Nach 1918 wurde er Präsident des deutschen Zweiges des Internationalen Versöhnungsbundes.

Nachdem ein erwartetes positives Echo auf den Aufruf des Weltbundes nach einer Einführung eines Friedenssonntags in Deutschland ausfiel, versuchte es der unermüdliche Friedensaktivist Friedrich Siegmund-Schultze in den Jahren 1930 bis 1933 alleine mit einem erneuten Anlauf. Sicherlich kam ihm dabei seine glänzende nationale und internationale Vernetzung sehr zugute.

 

Im Jahre 1930 veröffentlichte Siegmund-Schultze in seiner eigenen (seit 1913 existierenden) Zeitschrift Die Eiche einen längeren Beitrag (auch als Sonderdruck erschienen) zum Friedenssonntag, der einen Appell zur Durchführung eines speziellen Gottesdienstes beinhaltete. Der Friedenspfarrer zeigt sich dabei sehr geschichtsbewusst, schlug er doch als Termin für einen solchen kirchlichen Friedenstag den zweiten Advent vor, also jenen Tag, an dem in Elsass-Lothringen 1913 der Friedenssonntag gefeiert wurde.

 

In den Jahren 1931 und 1932 sammelte Siegmund-Schultze akribisch Feiern von Friedenssonntagen im In- und Ausland und publizierte diese in seiner Zeitschrift. Dadurch wollte er die Durchführung von Friedenssonntagen vorantreiben.

 

Die intensiven Bemühungen Siegmund-Schultzes erbrachten nur bedingte Erfolge. Das Spektrum der Veranstaltungen von Friedenssonntagen blieb auf die Hochburgen des Weltbundes, der religiös-sozialistischen Bewegung sowie auf die historischen Friedenskirchen beschränkt (Quäker, Mennoniten, Herrnhuter Brüdergemeine).

 

Im Jahre 1938 scheiterte Siegmund-Schultze im Schweizer Exil mit dem Versuch, einen Friedenssonntag abzuhalten.

 

 

Literatur:

Karlheinz Lipp: Der Friedenssonntag im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Ein Lesebuch. Nordhausen 2014

 


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