Impressum

 

Frank Matthias Hofmann
Am Ludwigsplatz 11, 66117 Saarbrücken

 

Christine Lauer

Domplatz 6, 67346 Speyer

 

Seelsorge in derRoten Zone1938-1945 und in den Evakuierungsgebieten 1939 und 1940 [1]

 

In Erinnerung an die 75. Wiederkehr der Evakuierung der (saar-)pfälzischen Grenzgebiete 1939

 

Wir sind eine Gemeinschaft des gleichen Schicksals,

die Trennung von daheim ist ein Eingriff ins Seelenleben,

das für immer seine Spur hinterlässt(Theophil Blitt).

 

 

Historische Einordnung [2]

 

Die Grenzlandlage zu Frankreich hin war mit verantwortlich dafür, dass vonseiten der Pfälzer, deren Gebiet bis 1930 von Frankreich besetzt war, weder die Wiedereinführung der Wehrpflicht imDeutschen Reichnoch der Einmarsch der Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland und in die Pfalz 1936 und dann auch in Österreich 1938 kritisiert wurden. Separatismus, französische Besatzung und ungesicherte Grenzen prägten den Kontext der Grenzbevölkerung.

 

Auch vonseiten der Pfälzischen Landeskirche gab es keine kritischen Bemerkungen zur Wiederaufrüstung Deutschlands. Dabei spielte auch kirchlicherseits die Nähe zumErbfeindFrankreich und die Grenzlandsituation eine entscheidende Rolle: Die ethnischen Säuberungen in Elsass-Lothringen waren für die Betroffenen, insbesondere Protestanten, traumatische Erfahrungen. Den Einmarsch ins Rheinland feierte Landesbischof Diehl mit pathetischen Worten:Wir [...] danken aus übervollem Herzen dem ewigen Gott, dass er dieses Wunder vor unseren Augen dem Führer hat gelingen lassen. [3] Der militärische Aufbau westlich des Rheins ab 1936 wurde also allgemein als richtig und militärisch nachvollziehbar angesehen.

 

Es war eine spezifische Herausforderung an kirchliche Seelsorge, für Menschen da zu sein, die in Kriegszeiten an der geographischen Grenze lebten und an ihre körperlichen und seelischen Grenzen gestoßen sind. DieseBearbeitung der Erfahrung der Grenze oder von Grenzenist dieMitte der Praktischen Theologie...Ihre Mitte ist die Grenze. [4] Wie kirchliche Seelsorge sich dieser Herausforderung in der NS-Zeit gestellt hat, ansatzweise aufzuzeigen und zu weiterer Erforschung dieses bisher unbearbeiteten Themas anzuregen, ist Aufgabenstellung unseres Beitrages.

 

 

1.Seelsorge in der NS-Zeit Anriss einiger Grundfragen und Eingrenzung des Themas

 

Dass ihre evangelische Kirche in den unberechenbaren Wechselfällen des Lebens ihnen zur Seite steht, erwarten die Gemeindeglieder, egal wie sie sich sonst zur Kirche verhalten, zu Recht. Diese Erwartung geht mit der Überzeugung einher, dass Seelsorge eine Grunddimension kirchlichen Handelns ist. Seelsorge ist ein kommunikativer Vorgang zwischenmenschlicher Hilfe im Lichte des Evangeliums mit dem Ziel einer konkreten Stärkung und Hilfe für Glauben und Leben. [5]

 

Seelsorge wird erfahrbar in ihren Gestaltungsformen: Pfarrer nehmen sich Zeit für Menschen, wenden sich ihnen zu und hören aktiv zu. Sie beten gemeinsam mit den Menschen und lesen Texte aus der Bibel, wobei die Psalmen eine wichtige Rolle spielen. Sie trösten oftmals bereits dadurch, dass sie einfach da sind und menschliche Anteilnahme und Nähe vermitteln. Sie suchen Menschen an den Orten auf, an denen sie sind: Sie suchen Menschen zuhause auf, um zu erleben, welche Lebensumstände und -verhältnisse sie prägen. [6]

 

Seelsorge wurde auch in der NS-Zeit unter den Bedingungen desKirchenkampfesvon den Gemeindengewollt, wie Hans Asmussen zu seiner unter dem Eindruck des seit Juni 1933 ausgebrochenen Kirchenkampfes zwischen Deutschen Christen und Jungreformatorischer Bewegung (ab September 1933Pfarrernotbund) entstandenen Seelsorgelehre im Vorwort von 1935 schreibt:Wir sind im Kampf noch nicht vollends ertrunken...Die Kirche ist noch keine arme Kirche, so lange so viele Theologen in ihr um die eigentliche Amtsarbeit [damit meint er Seelsorge, Anm. FMH] bekümmert sind. [7]

 

Daran festzuhalten war umso wichtiger, als diePartei immer darauf aus [war], die Seelsorge mit allen Mitteln zu stören. [8] und der Allzuständigkeitsanspruch der NSDAP sich auch auf den Bereich der Seelsorge erstreckte und mit den kirchlichen Angeboten konkurrieren bzw. sie ersetzen wollte, um Zugriff auf die Seelen der Menschen zu erhalten. [9] Alfred Rosenberg konnte gar von einernationalsozialistischen Seelsorgesprechen. [10] In Dörrenbach kamen junge Arbeitsdienstler (RAD) aus Sachsen und Württemberg zu den Bibelstunden ins Pfarrhaus zu Pfarrer Theophil Blitt, wo die Nöte des Lebens fern der Heimat und der Familie zur Sprache kamen:Das Heimweh unter den Männern war groß, ebenso die Sehnsucht nach Gemeinschaft unter dem Wort Gottes.Auch das war der Partei ein Dorn im Auge: Im Juli 1939 wurde den RADlern die Teilnahme an den Bibelstunden untersagt. [11]

 

Seelsorge wird zwar auch durch die theologische Haltung des Seelsorgers bestimmt [12], aber in der hier ausgewählten Zeit 1939-1945 und unter den besonderen Bedingungen des Krieges in den Kirchengemeinden an der deutsch-französischen Grenze auf dem Gebiet der Pfalz, den sog. Grenzlandgemeinden, spielten solche Binnendifferenzierungen weniger eine Rolle als vielmehr die gemeinsamen Herausforderungen an Seelsorge in extremen, existenziellen Situationen, in denen sich nicht nur die Gemeindeglieder in denGrenzlandgemeindenbefanden, sondern denen auch die Seelsorger und ihre Familien ausgesetzt waren: Auch sie mussten sich mit abrupter Veränderung ihrer Lebenswelt auseinandersetzen und mussten ihre seelsorgerlichen Aktivitäten neu ausrichten, etwa weil Bauern Land und Häuser zur Landschaftsumgestaltung für militärische Zwecke weggenommen wurden und sie darunter schon lange vor Kriegsbeginn zu leiden hatten. Seelsorge erstreckte sich plötzlich durch den Zuzug von Arbeitskräften für den Ausbau bestehender Garnisonen und den Reichsarbeitsdienst, den Bau desWestwallsdurch die Einquartierung zehntausender Westwallarbeiter ab 1936 und dann von Frontsoldaten 1939 auf eine neue Klientel mit ganz spezifische Problemen und Anliegen, mit denen sie in die Pfarrhäuser kamen. Auch die Pfarrer litten unter den Kriegsvorbereitungen für dieWestfrontmit ihren ständigen Manövern und mussten sich mit der Kriegsangst ihrer Gemeindeglieder auseinandersetzen. Auch sie litten unter der Geißel des Krieges [13], wurden evakuiert [14] oder mussten unter extremen Bedingungen, etwa dem ständigen Beschuss durch Tiefflieger in derRoten Zonepastorale Dienste leisten. [15]

 

Die generelle Fragestellung, inwieweit Seelsorge an Einzelnen und an Gruppen unter den Bedingungen einer repressiven gesellschaftlichen und kirchlichen Situation, wie sie die nationalsozialistische Politik und der Kirchenkampf hervorbrachten, das Unrechtsregime stabilisiert hat, [16] kann hier ebenso wenig behandelt werden wie die interessante Fragestellung, inwieweit im praktischen Vollzug der Seelsorge bei der Ermutigung von Gemeindegliedern auf Seiten des Seelsorgers auch dessen politische Einstellungen eine Rolle gespielt hat. Predigten zeigen, dass sich oftmals Trost aus dem Wort Gottes und biblisch begründeter Zukunftshoffnung mit ideologischen Durchhalteparolen der nationalsozialistischen Propaganda vermischten. [17]

 

In der Seelsorge fühlten sich die Geistlichen durch die unmittelbare Not in den Grenzlandgemeinden und die Bewältigung des seelischen Leides in die Pflicht genommen, so dass ideologische Unterschiede im praktischen Vollzug der Seelsorge weder vonseiten der Gemeindeglieder noch des Pfarrers eine große Rolle gespielt haben dürften. Für den Bereich des Gottesdienstbesuches lässt sich nachweisen, dass Gemeindeglieder, die eine andere politische Einstellung zum NS-Regime als der Pfarrer hatten, dessen Gottesdienste mieden und woanders hingingen. In der Breitfurter Gemeinde mied eine Gruppe von Gemeinschaftsleuten den Nationalkirchler, Pfarrer Wilhelm Gruber. Immerhin wurden in Neustadt nationalkirchlicheGottesfeiernneben dennormalenGemeindegottesdiensten durchgeführt und es kam zu einer ArtParallelgemeinde. [18]

 

Für den Bereich der Seelsorge in der NS-Zeit lässt sich dies schwer erforschen, da sie sich überwiegend im geschützten Raum vollzog, die Pfarrer schon alleine aufgrund des Beichtgeheimnisses zur Verschwiegenheit verpflichtet waren.

 

Wir beschränken uns also bei diesem Thema auf die Seelsorge unter den extremen Bedingungen in der sog.Roten Zoneund in den Evakuierungsgebieten, wobei wir den Schwerpunkt auf die erste Evakuierung 1939/40 legen.

 

Da die seelsorgerliche Bemühung um Gemeindeglieder eine Querschnittsaufgabe in allen praktisch-theologischen Feldern ist, werden neben derunmittelbaren Seelsorgean Einzelnen und (Evakuierten-)Gruppen (cura animarum specialis)auch Gottesdienste, Kasualien und Unterricht dargestellt, sofern diesen seelsorgerliche Bedeutung zukommt (cura animarum generalis). Gerade für die evakuierten Pfälzer Protestanten waren die Zusammenkünfte aus diesen Anlässen Gemeinschaftserlebnisse und kommunikative Treffen, die schon an sichSeelsorgedarstellten. Es gilt zu beachten,daß unter den Bedingungen eines totalitären Systems auch solche Äußerungen und Vollzüge seelsorgerliche Bedeutung gewinnen können, die im Nachhinein von außen betrachtet als solche gar nicht mehr [oder wie in diesem Aufsatz nur angedeutet] wahrgenommen werden können. [19]

 

Seelsorgerlichen Zuspruch und Trost fanden von daher also die Evakuierten auch in der Gestaltung der Gottesdienste, der Predigten und o.g. sonstiger Anlässe. So schreibt Pfarrer Blitt in seinem Jahresbericht 1939 für die evakuierte Protestantische Kirchengemeinde Dörrenbach:Die kirchliche Arbeit bestand von selbst vorerst mehr ihn der persönlichen Seelsorge und Hilfe; förderlich hierfür war das gemeinsam erfahrene Geschick, das alle Grenzabwanderer fest miteinander verband und auch den mitgekommenen Geistlichen in engem Zusammenhang mit der Gemeinde hielt. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft begünstigte die bald aufgenommenen Versammlungen der Rückwanderer. [20]

 

 

2. Herausforderungen an Seelsorge in extremen Situationen derGrenzlandgemeinden

 

In diesem zweiten Teil soll dargestellt werden, welchen spezifischen Herausforderungen sich die Seelsorger in den Grenzlandgemeinden durch die historische Entwicklung der Region stellen mussten.

Für die zeitgeschichtlichen Hintergründe verweisen wir aus Platzgründen auf die Literatur in den Anmerkungen, die teilweise durch ihre Lokalbezogenheit wenig bekannt ist, über die man sich aber eine guten Überblick über die historischen Ereignisse erschließen kann.

 

Westwallbau [21]

In Europa hatte der auf den Waffenstillstand von 1918 folgende Friedensvertrag von Versailles nicht den erwünschten Frieden gebracht. Nationalistisch geschürte Rache- und Revanchegedanken kamen im deutschen, aber auch im französischen Raum auf. In Deutschland dachte Joachim von Stülpnagel, Leiter der Heeresabteilung im Truppenamt, bereits 1924 über eine Befestigung der Westgrenze nach, entgegen der Bestimmung des Versailler Vertrages, in dem grenznahe Befestigungen auf deutscher Seite verboten waren. Zusätzlicher Auslöser war der Bau der Maginotlinie auf französischer Seite in den Jahren 1926-1936. [22]

 

Gab es zunächst einen spezifisch deutschen Unwillen, Zivilisten zu evakuieren, weil dies der bei den Nationalsozialistenvorherrschenden Überzeugung [widersprach], Flucht und Evakuierung als Zeichen von Schwäche zu betrachten. [23], so wurden doch unter den o.g. Einflüssen 1934 erste Pläne für denWestwallerstellt und mit der Verwirklichung des Bunkerprogramms begonnen. Hitler ordnete am 9. April 1938 im Rahmen der Sudetenkrise die Beschleunigung des planmäßigen Ausbaus der Befestigung an und übertrug am 14. Juni 1938 Dr. Fritz Todt [24] die Generalvollmacht für den Festungsbau. Der Westwall erstreckte sich über 600 Kilometer (Basel bis Geilenkirchen) entlang der deutsch-französischen Grenze.Nun begann mit einem unglaublichen Einsatz an Mensch und Material eine bisher in der Weltgeschichte nie gekannte Bautätigkeit...Aus allen Teilen des Reiches trafen Arbeitskräfte in der Südpfalz ein und wurden auf die einzelnen Gemeinden verteilt...jeder freie Raum von Verpflichteten belegt. [25] Teilweise waren bis zu 400.000 Arbeiter mit dem Westwallbau für die Westfront beschäftigt. [26]

 

Auch in evangelischen Kreisen wurde die Bautätigkeit diesesgigantischste[n] Befestigungswerk[es] aller Zeiten, wie Hitler in einer programmatischen Rede am 12.9.1938 [27] formulierte, positiv gesehen:Wir sind Grenzvolk und wissen, was es für uns bedeutet, dass des Reiches schirmende Wehr am Westwall des Führers steht und unsere Heimat hinter diesem Wall von Stahl und Eisen sicher ruht.Daher stehe man festzu dem Mann [Adolf Hitler, Anm. FMH], dessen Schaffen und Walten auch im Kriege Gott der Herr sichtbar gesegnet hat. [28]

 

Von Kirchengemeinden vor Ort wurde der Westwallbau zunächst unter den Gesichtspunktendes Gemeindezuwachses, der Arbeitsbeschaffung und wirtschaftlichen Belebung gesehen. [29] Man hatte die Probleme, die sich mit dem Bau des Westwalls ergaben, vorher wohl nicht ahnen können, aber Einsatz, Unterbringung und arbeitsfreie Zeiten dieser Arbeitermassen führten schließlich zustarken Belästigungen der einheimischen Bevölkerung:Es kam zu schweren Excessen seitens der Westwallarbeiter. [30]

 

Die Landeskirche überließ den Umgang damit den Seelsorgern und Gemeinden vor Ort. Einquartierungen von Arbeitern bei Einheimischen waren in dieser Zeit üblich. Auch im Dörrenbacher Pfarrhaus war ständig drei Westwallarbeitern untergebracht. Pfarrer Blitt berichtete, dass bereits 1938 die Einquartierung von hunderten Westwallarbeiterndie Dorfsitte und auch das kirchliche Leben stark beeinflussen.

Besonders die Jugend wurde von fremden Einflüssen ergriffen. Diebstahl, Alkoholismus und Sittlichkeitsverbrechen spielten dabei die größte Rolle. [31]

 

Diese Probleme, vor die die Einheimischen gestellt wurden, spiegelten sich auch in erhöhten Anforderungen an die Seelsorge wider. So berichtete Pfarrer Friedrich Theysohn im Jahresbericht der Pfarrei Luthersbrunn über die Situation 1938, in dem er die merkliche Verschlechterung der sittlichen Verhältnisse in seiner Gemeindedurch Einfluss der in den Gemeinden wohnenden Fremden [Westwallarbeiter]thematisiert:Geld mit vollen Händen ausgegeben, leichtsinniges üppiges Leben, besonders Mädchen, Ehefrauen und Witwen mit hineingezogen...vergiftende Wirkung auf die Jugend. Schlechter Einfluss der Arbeitsdienstlager in Ober- und Niedersimten. Kaum konfirmierte Mädchen gehen da aus einer Hand in die andere. [32] Was das für die einzelnen Familienverhältnisse und die Situation im Dorf, wo jeder jeden kannte, an Zerwürfnissen und Nachrede bedeutete, kann man sich unschwer vorstellen. Pfarrer Theysohn sah seine Hauptaufgabe in dieser Situation vor allem in seelsorgerlichen Hausbesuchen, mit denen er Gemeindeglieder im Glauben und ihrer Sittlichkeit zu stärken, Familien zusammenzuhalten und zu trösten versuchte.

 

RoteundGrüne Zone/ Evakuierungspläne [33]

Um die Zivilbevölkerung vor Beschuss aus Frankreich zu schützen und vor allem um ein ungestörtes Aufmarsch- und Operationsgebiet im Kriegsfall zu haben, wurden seit dem Spätjahr 1938 geheime Evakuierungspläne für die Grenzregion erstellt, mit denen der Stellvertretende Gauleiter Ernst Leyser beauftragt war. Es entstanden die schönfärberischen, die wahren Absichten verschleiernden BegriffeFreimachungundRückführung. Das Gebietfreimachenbedeutete Evakuierung tausender Menschen.Rückführungbedeutete eigentlichWegführen aus der Heimat ins rückwärtig gelegene Landesinneremit dem Ziel, dieWeggeführtendann, wenn nach dem angenommenen (in Wahrheit bereits geplanten) Krieg, die Grenzlage befriedet(er) worden wäre, wiederzurückzuführenin ihre Heimat. Verwendet für Evakuierte wurden aber auch Begriffe wieBergungsbevölkerung,Räumungsflüchtlinge,Geräumte,Zurückgeführte,Räumlinge,Heimkehreroder ganz euphemistischGrenzabwanderer.

 

Auf deutscher Seite wurde zum Zwecke einer Evakuierung entlang der westlichen Reichgrenze ab Frühjahr 1939 die sog.Rote Zone(RZ) vorgesehen, ein also aus dem militärischen Sprachgebrauch stammender Begriff, der das Gebiet der Westwallanlagen definierte und hinter der angenommenenHauptkampflinie(HKL) eine Tiefe von bis zu ca. zehn Kilometern ins Landesinnere aufwies. Wir übernehmen den Begriff der Einfachheit halber. Dieser Gebietsstreifen lag im Bereich feindlicher Artillerie. In der Pfalz gab es 78 Dörfer in diesem Gefahrenbereich. Hinzu kamen die Städte Bad Bergzabern, Zweibrücken, Blieskastel und Pirmasens.

 

Die dahinter liegendeGrüne Zone(ca. zehn bis 20 Kilometer von derHKLentfernt) konnte nur von schweren Geschützen erreicht werden. Auch für sie gab es Evakuierungspläne, die freilich nie realisiert wurden. DieGrüne Zonediente ab 1939 u.a. als Auffangbecken für Viehbestandrückgeführter Frontbauern, demontiertes Industrie-Material und zwischengelagerte Individualbesitztümer aus der evakuiertenRoten Zone.

 

Mit derWeisung Nr.1 für die Kriegsführungvom 31.8.1939 befahl Hitler den Angriff auf Polen für den 1. September 1939, 04:45 Uhr. Daraufhin erklärten England und Frankreich am 3. September 1939 dem Deutschen Reich den Krieg.

 

Damit war der Fall eingetreten, den Hitler eigentlich hatte vermeiden wollen, dass nämlich die Westmächte Polen zur Seite traten und damit auch die deutsch-französische Grenze zum Kriegsgebiet wurde. Andererseits hatte er diese Möglichkeit stets mit einberechnet und die Evakuierung der Grenzbevölkerung kaltschnäuzig schon seit Winter 1938/39 durch Ernst Leyser als Freimachungskommissar, der dem Stab des Generalquartiermeisters im Oberkommando des Heeres zugeteilt worden war, vorbereiten lassen.

 

Am 26.8.1939 war ein Geheimbefehl an die Bürgermeister in der Roten Zone ergangen:Die Fahrer und Besitzer von Kraftfahrzeugen sollten ihre Instruktionen erhalten, vor allem über Sammelplätze, an denen die Transporte für den Rücktransport in die Evakuierungsräume zusammengestellt werden sollten. [34]

 

Panikmache sollte vermieden werden. Am 30. August 1939 wurde der Befehl an die Bürgermeister zurFreimachung der Roten Zoneausgegeben, die vom 1. bis 3. September 1939 in Etappen erfolgte.

Der dringend erwünschte Rücktransport der Westwallarbeiter aus der RZ verlief parallel, da bereits Plünderungen von Häusern und Bauernhöfen durch diese in den schon evakuierten Gebieten in Oberotterbach und Steinfeld gemeldet worden waren. Es kam aber auch zu Plünderungen durch Soldaten der Wehrmacht, was für Empörung bei den Rückgeführten sorgte. Verstärkter Einsatz der Feldgendarmerie in den menschenleeren Geisterdörfern sollte diesen Vorgängen wehren. [35]

 

In der offiziellen Propaganda sollte der Eindruck vermittelt werden, als sei bei der Evakuierung alles reibungslos verlaufen. In Wirklichkeit hatte es aber teilweise großes Chaos und heilloses Durcheinander gegeben:Kein Transportfahrer wusste sein Tagesziel... große Verunsicherung bei der zurückzuführenden Bevölkerung. [36]

 

In aller Eile wurde das Notwendigste gepackt, 15 Kilogramm Gepäck war pro Person erlaubt. Das Vieh wurde aus den Ställen getrieben und die Haustüren verschlossen. In Dörrenbach hielten alle Wagen zur Kontrolle noch einmal am Dorfausgang an, wo der Seelsorger Blittden Gemeindegliedern ein Abschiedswort sagen [konnte] mit einem Psalm oder Lied, um hinzuweisen auf den Herrn und Vater, der über uns wacht uns und begleitet auf allen Wegen. Auch die Pfarrfamilie schloß sich dem Transport an. [37] Von den Sammelplätzen aus ging die tagelange, manchmal wochenlange Fahrt weiter mit Bahn, LKWs oder sonstigen Beförderungsmitteln in die Evakuierungsgebiete.In endlosen Kolonnen fahren Bauernwagen mit Pferden und Kühen bespannt...Frauen und Kinder sitzen zwischen ihren Habseligkeiten auf den Wagen und schauen traurig ins Ungewisse. Manche sah man sogar weinen. [38] Für einige ist es auch ein Abschied für immer, denn sie sterben auf der Flucht infolge von Überanstrengung, wegender Aufregungen und an Erkältungen’.“ [39]

 

Über die Menschen längs der französischen Grenze brach ein großes Unglück herein, das sie von einem Augenblick zum anderen zu Heimatlosen und Flüchtlingen machte. [40]

 

 

3. Die seelsorgerliche Betreuung in den Evakuierungsgebieten

 

Im Gau Saarpfalz waren rund 400.000 Menschen betroffen, die in die sogenanntenBergungsgaueumsiedeln mussten. Die Menschen aus dem Saargebiet und der Pfalz waren somit die größte Evakuierungsgruppe vor Baden (118.433 Personen), dem Gau Koblenz-Trier (27.112 Personen) und dem durch seinen großen Kriegshafen besonders gefährdeten Wilhelmshaven. Vier Räumungsgebieten standen 20 Bergungsgaue gegenüber. 292 Stadt- und Landgemeinden wurden vom 1. bis 3. September 1939 im Gau Saarpfalz und im Regierungsbezirk Trier geräumt. [41] EinBergungsplanüber die Herkunft und die zu erwartende Anzahl der Evakuierten und die Bergungsgebiete mit den entsprechenden Aufnahmezahlen soll zwar existiert haben [42], ist aber nicht überliefert. Zahlen finden sich lediglich in einem SD-Bericht vom Oktober 1939. [43] Demnach waren bis dahin insgesamt 573.234 Einwohner der Westgebiete umquartiert worden. Rund 200.000Rückgeführtekamen in Kurhessen und Thüringen unter. Mehr als 100.000 Personen gelangten nach Bayern, davon 53.222 in den Gau Mainfranken, 42.528 Personen in den Gau Ostmark. [44]

 

Der grundlegendeUnterschied zwischen den Räumungsmaßnahmen im Westen, von denen mehr als eine halbe Million Menschen betroffen waren, und den später einsetzenden Luftkriegsevakuierungen, die mindestens sechs Millionen Menschen dazu zwangen, ihre Heimatstädte zu verlassen, bestand darin, daß für erstere bereits seit den frühen zwanziger Jahren Planungen angestellt wurden, während letztere bei den deutschen Kriegsvorbereitungen völlig vernachlässigt blieben [45].

 

Zu Beginn des Krieges wurden nicht nur dieRote Zonegeräumt, sondern auch außerhalb gelegene Kranken- und Pflegeanstalten, wie Klingenmünster, die Pflegeanstalten Bethesda in Landau (am 10.9.1939) und das Paulusstift in Queichheim: Die 224 Pfleglinge aus Bethesdakamen in einem Extrazug in 2-tägiger Fahrt zusammen mit unseren Pflegeschwestern nach der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn-Hamburg. Die 1251 Insassen aus Klingenmünster wurden nach Nord- bzw. Südbayern verlegt. [46]

 

DieFreimachung Vom hektischen Aufbruch ins Chaos in den Bergungsgebieten

86.536 Angehörige der Pfälzischen Landeskirche aus 117 politischen Gemeinden sollen lt. Ludwig Diehl Ihre Heimat verlassen haben. [47] Mit diesen Zahlen begründete er unter anderem die missliche finanzielle Lage seiner Kirche im ersten Kriegsjahr, die durch die Evakuierung enorme Kirchensteuerverluste hinnehmen musste.

 

Von den Evakuierungsmaßnahmen betroffen waren im Dekanat Bergzabern die Pfarreien Bergzabern (ohne die Filiale Oberhofen) (mit Dekan Gilcher), Barbelroth (nur Filiale Dierbach und Parochiale Oberhausen), Dörrenbach (mit Pfarrer Blitt), Kapellen-Drusweiler (ohne Filiale Niederhorbach), Oberotterbach, Rechtenbach (mit Pfarrer Eugen Suess) und Vorderweidenthal (ohne Filiale Dimbach), im Dekanat Germersheim die Pfarreien Freckenfeld, Minfeld, Neuburg am Rhein (mit Pfarrer Gustav Gansert ab Dezember 1939), Winden (nur Parochiale Hergersweiler), Wörth (nur Filiale Maximiliansau und Parochiale Hagenbach), im Dekanat Homburg die Pfarrei Hassel (ohne Filiale Rohrbach), im Dekanat Pirmasens die Pfarreien Dahn, Lemberg (nur die Parochialen Glashütte, Langmühle und Ruhbankerhof), Luthersbrunn, Nünschweiler mit Pfarrer Theodor Hutterer), Pirmasens (mit vier Pfarrstellen) (mit Pfarrer Maximilian Georg Arnold), Rumbach und Schönau, im Dekanat Zweibrücken die Pfarreien Blieskastel, Breitfurt (mit Pfarrer Gruber), Contwig, Einöd (mit Pfarrer Rudolf Lipps), Ensheim (mit Pfarrer Ludwig Kleis, ab Mitte November 1939), Großsteinhausen, Hornbach (mit zwei Pfarrstellen) (mit Pfarrer Karl August Weber), Mimbach (mit Pfarrer Ludwig Lugenbiehl), Mittelbach (mit Pfarrer Walter Rudolf Weiß), Niederauerbach (ohne Filiale Oberauerbach), Rieschweiler (ohne Filiale Maßweiler und Parochiale Reifenberg), Walsheim/Blies, Zweibrücken (mit Pfarrer Jakob Kissinger) einschließlich Ernstweiler und Ixheim mit fünf Pfarrstellen. [48]

 

Listen über eine genaue Verteilung der Gemeinden des Freimachungsgebietes auf jene des Bergungsgebiets lagen wohl den politischen Gemeinden vor, enthielten jedoch keine Konfessionszugehörigkeit. [49]

 

Der Aufbruch von zu Hause war hektisch und es folgte ein oft tage-, manchmal wochenlang dauernder Transport. Für viele warder Herrgott...noch ihr einziger Trost. [50] Bei der Ankunft in den Aufnahmegebieten Nordhessen, Thüringen, Provinz Sachsen und Franken herrschte erst einmal Chaos: All diesen Menschen mussten vorher beschlagnahmte Quartiere zugewiesen werden. [51]

 

Auch die dortigen Gemeindepfarrer leisteten Vorarbeiten bei der Verteilung der Unterkünfte. Stadtvikar Gottfried Götz aus Treuchtlingen berichtete am 7. Dezember 1939 [52], dass manche Unzufriedenheit über die Quartiere durch freundliches Zureden geregelt werden konnte. Er beschrieb die Stimmung unter den Evakuierten als schlecht: Sie hätten innerhalb kürzester Zeit die Heimat verlassen müssen. Das größte Problem sah er jedoch darin, dass Familien auseinandergerissen worden waren. Die Verteilung an sich sei jedoch mehr oder weniger problemlos erfolgt, da auf soziale und familiäre Verhältnisse Rücksicht genommen wurde. Im Bericht des Dekanats Bamberg an den Landeskirchenrat München vom 14. Oktober 1939 ist zu lesen, dass sich nur wenige Rückwanderer in Bamberg aufhielten, obwohl einige Wochen zuvor in zahlreichen Häusern Betten beschlagnahmt worden waren. Dort erwartete man die zweite Evakuierungswelle, die der sogenannten Grünen Zone. [53] Nicht immer verliefen die Einquartierungen so reibungslos, vor allem wenn Städter in Landgemeinden und Dorfbewohner in Städten untergebracht wurden. Problematisch vor allem auch für die spätere Seelsorge durch die betreuenden Pfarrer war außerdem die Aufnahme von Katholiken in evangelischen Gemeinden und umgekehrt. Alte, Gebrechliche und Kranke wurden, von ihren Familien getrennt, in Krankenhäuser, Spitäler und Heime aufgenommen. So konnte es passieren, dass der Mann einer 80jährigen Frau in der Nähe von Bamberg verstarb, ohne dass die Ehefrau es wusste. [54]

 

Die Trennung und spätere Zusammenführung von Familien scheint mit ein Grund für die hohe Fluktuation bis Ende 1939 gewesen zu sein. Viele Evakuierte zogen weiter zu Verwandten in andere Gebiete Deutschlands oder näher Richtung Heimat. Weitere kehrten kurzfristig in die Heimat zurück, um das Nötigste an Kleidung und Bettzeug für den kommenden Winter zu beschaffen. [55] Die Unübersichtlichkeit in der Pfarrei Rödelsee, Unterfranken, die mit Pirmasensern belegt war, entstand vor allem dadurch, dass Facharbeiter in ihren anderswo etablierten Betrieben wieder gesammelt wurden und ihre Familien nachholten. [56] Verlässliche Zahlen, wie viele Gemeindeglieder an welchem Ort untergebracht waren, gab es nicht, zumal aus den Listen der politischen Gemeinden keine Konfessionsangaben zu entnehmen waren. Meistens wurden von den Behörden noch nicht einmal Auskünfte über Aufenthaltsort und Namen der Evakuierten erteilt. [57] Für die pfälzischen Pfarrer, die ihre Gemeinden in die Aufnahmegebiete begleiteten, war es eine wahre Sisyphusarbeit, erst einmal herauszufinden, wo sich ihre Gemeindeglieder aufhielten. Oft waren weite Wege zurückzulegenmit der Bahn, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Ausführlich berichtete der Bergzaberner Dekan Adolf Gilcher, der selbst in Lenkersheim untergebracht war, am 16. November 1939 an den Landeskirchenrat in Speyer: Dienstfahrt nach entfernt gelegenem Ebrach. Am Sonntag zu Fuß nach 8 km entferntem Großbirkach, Rückweg über Großgressingen. Um halb sieben abends wieder in Ebrach. Insgesamt vierstündiger Marsch. Am Montag nach Untersteinach. Danach über Unterweiler nach Koppenwind. Um 18 Uhr wieder in Ebrach. Am 15. November in Forchheim. [58]

 

Vielfach werden in den Berichten der fränkischen Pfarrämter an die Dekanate und der Dekanate an den Landeskirchenrat in München auftretende Spannungen zwischen einheimischer Bevölkerung und Evakuierten mit dem ungewohnt rauen Klima, dem harten Menschenschlag, der einfacheren Lebensweise der Ostmärker und den beengten Wohnverhältnissen begründet [59]die unterschiedliche Mentalität zwischen Pfälzern und Franken tritt hier zum Vorschein:Allgemein kann gesagt werden, dass die Volkscharakter der Pfälzer und Oberfranken grundverschieden sind; die Lebensansprüche der Pfälzer sind wesentlich höher als die der hiesigen Bevölkerung. Ihre Ansprüche werden oft sehr abfällig beurteilt. [60] Die vom Heimweh geplagten Pfälzer bezeichneten die Franken hingegen alskalt und gefühllos. [61] Zugegenseitigen Diskriminierungenkam es gewiss auch, weilbei allen Beteiligten die Nerven blank [lagen]: bei den Evakuierten, weil sie nicht wussten, wie es um die Angehörigen und die Heimat stand; bei den Einheimischen, weil sie das Gefühl oder auch die Furcht hatten, über Gebühr ausgenutzt zu werden; bei den für die Durchführung der Evakuierung Verantwortlichen, weil sie Angst hatten, in dieser Frage der nationalen Bewährung zu versagen. [62]

 

Allerdings waren immer wieder auch Worte des Dankes über die herzliche Gastfreundschaft zu hören. [63]

In Thüringen war die Lage der Evakuierten vergleichbar. In der lutherischen Kirchengemeinde, in die die Mauschbacher Protestanten geraten waren, waren sie freilich anfangs nicht akzeptiert, bis eine Evakuierte dem dortigen Pfarrer eine Spende machte und dabei das GedichtWir sind ein Volk im Strom der Zeitrezitierte. Das hat den Pfarrer angerührt undvon da an sei alles besser geworden. [64]

In Einzelfällen haben sogar Evakuierte in späterer Zeit Erinnerungstafeln im Bergungsort aufgestellt, so geschehen z.B. in Rosenhammer in Oberfranken, wo Menschen aus Heckendalheim und Ommersheim evakuiert waren. [65]

 

Insgesamt gesehen muss man aus diesen Erfahrungen aber das Resümee ziehen, dass die Absicht der nationalsozialistischen Propaganda,das Postulat derVolksgemeinschaftzu nutzen, um die Evakuierten zu integrieren, und damit gar dieVolksgemeinschaftzu stärken, als gescheitert betrachtet werden muss. [66]

 

Gottesdienste

Über alle diese Hürden setzten sich sowohl die Pfälzer als auch die einheimischen Pfarrer hinweg, um für die Evakuierten das kirchliche Leben einigermaßen aufrecht zu erhalten. Pfarrer Blitt fragte beim Landeskirchenrat in Speyer nach, ob dort die Dörrenbacher Vasa sacra abgegeben worden seien, die er wohl vor Ort benötigte. Er erbat außerdem eine Pfälzische Agende und schlug vor, ein Heft mit pfälzischen Gesangbuchliedern drucken zu lassen, da die Gesangbücher daheim zurückgelassen worden waren. [67] Damit wollte er seinen Gemeindegliedern wenigstens ein Stück Heimat bewahren. Häufig standen den pfälzischen Pfarrern fränkische Kirchen zur Verfügung, damit diese dort die Gottesdienste nach pfälzischem Ritus abhalten konnten. Schwieriger war die Situation in Diasporagemeinden. Wenn die katholische Kirche nicht benutzt werden konnte, wich man auf Schulsäle oder Wirtshaussäle aus. Manchmal mussten aber auch diese Gottesdienste ausfallen, wenn die Räume durch parteipolitische Veranstaltungen belegt waren. Eine geplante Andacht im Saal eines Gefängnisses in Ebrach konnte von Dekan Gilcher nicht gehalten werden, da der Raum von den Deutschen Christen benutzt wurde. [68] In Burgebrach sollte ein Gottesdienst im Schulhaus stattfinden, allerdings lief dort zur gleichen Zeit eine Musterung ab. Gilcher verlegte den Gottesdienst kurzerhand in ein Privathaus, wo sich 35 Personen zusammenfanden. [69]

 

Wenn in den Diasporagemeinden die Wege zu den Kirchen der eigenen Konfession zu weit waren, besuchten die protestantischen Evakuierten notgedrungen auch die katholischen Gottesdienste und umgekehrt. [70] Auch damals existierte, wenn auch eine aus der Not geborene, gelebte Ökumene.

 

Auch wenn es in Einzelfällen dazu kam, dasserzkonservative Lutheraner...den Pfälzer Evakuierten die Zulassung zum Heiligen Abendmahl verwehrten [71], weil diese als Unierte des Calvinismus verdächtigt wurden, fanden die Pfälzer Protestanten in den fränkischen lutherischen Gemeinden überwiegend freundliche Aufnahme. Es erfolgten Einladungen zu den Gottesdiensten, wo regelmäßig ihrer Anliegen gedacht und Fürbitte gehalten wurde. In seinem Bericht vom 6. Oktober 1939 an das Dekanat Burghaslach beschrieb Pfarrer Hugo Schnell, Pfarramt Aschbach-Hohn, die staunenden Pfälzer folgendermaßen: Es sei unverkennbar, dass die Gäste aus reformiert geprägtem Kirchengebiet kämen. Sie freuten sich über den Schmuck des Gotteshauses und amschönenGottesdienst mit unbekannter Liturgie. [72] Pfarrer Ludwig Roth, Pfarramt Rödelsee/Unterfranken, berichtete allerdings über die eher traurige Stimmung der Evakuierten: Gerade in den ersten Tagen seien die Rückwanderer für seelsorgerliche Beeinflussung sehr zugänglich gewesen.Viele weinten im Gottesdienst, viele saßen in der Kirche wie in einem Asyl.Viele hatten harte Erlebnisse hinter sich, die Familien waren auseinandergerissen, das Haus war vielleicht nicht abgeschlossen, und die Haustiere hatte man ihrem Schicksal überlassen müssen. [73] Trost und Seelsorge waren hier besonders nötig. Pfarrer Blitt schrieb damals in sein Tagebuch:Wir sind eine Gemeinschaft des gleichen Schicksals, die Trennung von daheim ist ein Eingriff ins Seelenleben, das für immer seine Spur hinterlässt. [74]

 

In nahezu jedem Bericht der pfälzischen und bayerischen Pfarrer erscheinen die Schwierigkeiten der kirchlichen Versorgung der Evakuierten. Gerade für die in Franken sich aufhaltenden, noch nicht einmal zehn Pfarrer der Pfälzischen Landeskirche war es ein enormer Kraftakt, die Gemeindeglieder erst einmal aufzufinden und dann auch einigermaßen seelsorgerlich zu betreuen. Auf katholischer Seite schien es etwas einfacher zu sein: Etwa 50 katholische Geistliche, Lehrer und Ordensangehörige aus der Pfalz taten ihren Dienst in den Evakuierungsgebieten in Franken. [75]

 

Seelsorge an Einzelnen, Bibelarbeit und Gebetsstunden

Vielfach besuchten die Pfarrer während ihrer oft mehrtägigen Reisen auch Kranke und Alte in Heimen und Krankenhäusern sowie einzelne Familien, vor allem in Diasporagemeinden, um diese seelsorgerlich zu betreuen. Die Pfarrer, sowohl die heimatlichen als auch die bayerischen, hielten Hausabendmahle, beteten gemeinsam mit den Menschen oder lasen in der Bibel, trösteten und standen oft einfach nur mit Rat und Tat zur Seite. Nach einem solche Besuch in einem Krankenhaus in Hochstadt/Oberfranken notierte Pfarrer Blitt in sein Tagebuch:Da liegen sie nun und bevölkern die Krankenhauszimmer. Die Heimatlosigkeit ist ihnen ins Gesicht geschrieben. [76]

 

In Gemeinden mit größeren Gruppen von Evakuierten wurden regelmäßig Bibel- oder Gebetsstunden abgehalten. Die Evakuierten freuten sich über den BesuchihresPfarrers, der Neuigkeiten mitbrachte, vielleicht von Nachbarn, die in einem ganz anderen Ort untergebracht waren. Er berichtete von Taufen oder Bestattungen von Bekannten, lud zu Gottesdiensten ein und fungierte auf diese Art als Bindeglied zwischen den einzelnen Gemeindegliedern. Die Geistlichen konnten nicht immer vor Ort sein, wo es gerade nötig war. Daher wurden auch vervielfältigte Predigten verteilt. Zur eigenen Lektüre erhielten die Menschen Schriften mit religiösem Inhalt, u. a. vom Landesverein für Innere Mission. Auch Bibelauszüge, von Pfarrer Paul Kreiselmaier vom Pfälzischen Bibelverein zugesandt, waren gern gesehene Geschenke. Um die Verbindung zur Heimatkirche aufrecht zu erhalten, wurden auch die heimatlichen KirchenblätterUnionundEvangelischer Kirchenbotevon den Rückwanderern gerne gelesen, zumal dort hin und wieder Grußworte vom Landeskirchenrat oder von ihren eigenen Pfarrern an sie abgedruckt waren. Auf dem Titelblatt des Kirchenboten vom 29. Oktober 1939 ist im Grußwort des Landesbischofs Diehlan die Glaubensgenossen, die die pfälzische Heimat verlassen musstenzu lesen:Im gemeinsamen Gebet wollen wir Kraft erbitten für unsere Kirche, für Führer, Volk und Vaterland, für unsere Soldaten, für uns alle,