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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

 

Ein philosophisches Lob der Erbsünde

 

Der 1949 in Slowenien geborene Philosoph Slavoj Žižek ist kein Theologe, sondern ein hegelianisch orientierter Kulturkritiker. Weil aber die Theologie ein wichtiger Kulturbereich ist, äußert er sich immer wieder zu theologischen Fragen und versteht es dabei, christliche Themen mit gedanklicher Schärfe neu zu sortieren. Žižek präsentierte diese Methode öffentlichkeitswirksam in der „Zeit“ vom 15. Juni 2000 unter dem Titel „Liebe ohne Gnade“ – eine Erwiderung auf Herbert Schnädelbachs Beitrag „Der Fluch des Christentums“, der am 11. Mai 2000 in der gleichen Zeitung erschienen war.

 

Žižek fragte damals nach dem christlichen Vermächtnis, das er in dem „Geheimnis der christlichen Liebe“ zu finden glaubte, die er als „Liebe jenseits der Gnade“ identifizierte. Er verglich Christus mit Marcel Duchamps Flaschenständer, die „nicht deshalb Objekte der Kunst sind, weil sie innere Qualitäten aufweisen, sondern weil sie einen Ort im Ausstellungskontext besetzen“. Analog dazu sei „Christus nicht deswegen ein Gott, weil ihm göttliche Eigenschaften zukommen, sondern weil er als ganz und gar menschliches Wesen den symbolischen Ort besetzt, der ihn als Sohn Gottes erscheinen läßt“.

 

Žižek kombiniert die dialektische Philosophie Hegels mit einer an Jacques Lacan orientierten Methode der Psychoanalyse und landet so bei der durchaus originellen Figur des Anderen, über den sich das Subjekt erst als Eigenes konstituiert. In der Erwiderung auf Schnädelbach befand Žižek den für uns unergründlichen Gott als „ebenso unergründlich für sich selbst“, was zu der These führt, dass Christus nicht nur deshalb erscheinen musste, „um Gott der Menschheit zu offenbaren, sondern auch, um als Gott für sich selbst erscheinen zu können – nur als Christus kann sich Gott als Gott überhaupt erkennen“.

 

Folgerichtig erkennt Žižek auch im Ruf Jesu, „Vater, warum hast du mich verlassen?“, den totalen Rückzug Gottes in sich selbst und damit den Punkt, „an dem Christus ganz zum Menschen und die Kluft zwischen Gott und Menschen in Gott selbst aufgehoben ist“. Diese christliche Vorstellung von der Beziehung zwischen Gott und Mensch verkehre „das heidnische Vorurteil, wonach die Menschen nur durch spirituelle Reinigung zu Gott gelangen“ und die leiblichen Aspekte der Existenz verdrängt werden müssten. Im Gegenteil sei es so, dass man „im Moment äußerster Entfernung zu Gott“ diesem am nächsten sei, weil man sich „in der Lage des verlassenen Christus wiederfinde“ – eine direkte Identifikation mit der göttlichen Herrlichkeit sei dagegen nicht denkbar.

 

Diese Denkfigur, dass Gott und Mensch in einem wechselseitigen Konstitutionsverhältnis stehen, kehrt wieder in Žižeks neuem Buch „Was ist ein Ereignis?“ (S. Fischer-Verlag, Frankfurt/M. 2014), wo es um den Sündenfall als notwendige Bedingung für die Menschwerdung geht. Wieder ist Hegel der Stichwortgeber, der meinte, die Unschuld des Paradieses sei ein anderer Name für ein tierisches Leben, und das, was die Bibel „Sündenfall“ nenne, sei nichts anderes als der Übergang von diesem tierischen zum eigentlichen menschlichen Leben. Es sei daher „der Sündenfall selbst, der die Dimension erschafft, von der er der Ab-Fall ist“.

 

Žižek erkennt selbst die Gefahr, mit dieser Argumentation in die Nähe des cartesianischen Katholiken Nicolas Malebranche (1638-1715) zu geraten, der die heilsgeschichtliche Konstruktion des Christentums in die subjektiven Bedürfnisse Gottes hinein auflösen wollte und die Frage, warum Gott die Welt erschaffen hatte, damit beantwortete, dass Gott Anerkennung wollte und wusste, dass man für Anerkennung ein anderes Subjekt benötigt, das einem diese Anerkennung gewährt. Gott habe also die Welt aus selbstsüchtiger Eitelkeit geschaffen. Die Folge ist eine komplette Umkehrung der Heilsgeschichte: Christus kam nicht deshalb auf die Erde, um die Menschen von den Folgen von Adams Sündenfall zu erlösen, sondern Adam musste den Sündenfall begehen, um es Christus zu ermöglichen, auf die Erde zu kommen und sein Erlösungswerk zu vollbringen. Folglich war in diesem Szenario Malebranches „Gott (Vater) zu keinem Zeitpunkt glücklicher als dann, als er Seinen [sic!] Sohn am Kreuz leiden und sterben sah“. 

 

Obwohl er sich von dieser „perversen Lesart“ abgrenzt, kann Žižek nicht anders als von einem „glücklichen Sündenfall“ sprechen, der Vorbedingung für „das Gute“ ist und Eva als „die ursprünglich ethisch Handelnde“ erscheinen lässt. Schlüssel ist ihm die Interpretation des Sündenfalls als „Ereignis“, das mit einem zweiten Ereignis, nämlich der Inkarnation korrespondiert. Handelt es sich beim Sündenfall um den „Verlust einer Art urtümlicher Einheit und Harmonie, die niemals existiert hat und eine rückwirkende Illusion ist“, so verläuft der „einzige Zugang zum Absoluten (Gott) […] über unsere Akzeptanz des einmaligen Ereignisses der Inkarnation als singuläres historisches Geschehen“.

 

Da die Inkarnation mit der Auferstehung zusammengedacht werden müsse als „Bruch im normalen Verlauf der Dinge“, bedeute „Christus ist auferstanden“ das gleiche wie „Christus ist abgefallen“. In anderen Religionen, so Žižek, fielen Menschen von Gott ab ins sündhafte, irdische Leben, und nur im Christentum falle Gott selbst ab, nämlich von sich selbst in seine Schöpfung. Damit sei das christliche Ereignis das genaue Gegenteil der „Rückkehr zur Unschuld“, nämlich „die Ursünde selbst, die ursprüngliche pathologische Wahl der unbedingten Bindung an irgendein singuläres Objekt“. Diese Wahl sei deshalb pathologisch, weil sie „buchstäblich unausgewogen“ sei und die vorausgehende Gleichgültigkeit zerstöre und „Teilung, Schmerz und Leid  mit sich“ bringe.

 

An diesem Punkt sieht Žižek den Bruch zwischen der antiken Welt und dem Christentum markiert. Die Griechen verloren „ihren moralischen Kompass genau deshalb, weil sie an die spontane und grundlegende Aufrichtigkeit des Menschen glaubten und daher die ‚Neigung’ zum Bösen vernachlässigten, die man im Innersten eines menschlichen Wesens findet“. Der Mensch neige jedoch dazu, „von der Richtung abzuweichen wie die Kugel, und das Christentum war die Entdeckung, wie man diese Abweichung korrigiert und dann das Ziel trifft“. So ist „die frohe, gute Mär, welche das Evangelium brachte, die Kunde von der Erbsünde“.

 


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