Impressum

 

Dr. Ludwig Burgdörfer
Ebernburgstraße 14, 76829 Landau

 

 

Ort und Wort

 

Bibel to go – Erfahrungen mit der Eigendynamik biblischer Texte

 

 

Es ist eine Idee für den Fortbildungskalender gewesen. Auf der Suche nach Variationen im Angebot für Lektorinnen und Lektoren, Prädikantinnen und Prädikanten. Ich habe es „Auswärtsspiel“ genannt. Weil wir sozusagen „aus dem Häuschen“ sind. Wir haben jeweils einen Tag damit verbracht, an verschiedenen Stationen in und um Landau, Bibeltexte zu lesen und auf uns wirken zu lassen. Mit der Resonanz und der entsprechend großen  Nachfrage hatte ich nicht gerechnet. Ich gebe deshalb diese Erfahrung weiter, weil ich glaube, die Idee ist an jedem Ort , in jeder Gemeinde in Variationen möglich und als eine Form von speziellem „Glaubenskurs“ eine große Chance, verblüffende Erfahrungen zu machen, wie die Bibel außerhalb der Kirchenmauern mit uns spricht.

 

Der Grundgedanke dabei ist, durch das Aufsuchen bestimmter Orte, den in den Texten gespeicherten Mehrwert aufzuspüren. Und so haben wir es gemacht:

 

 

1. Turmbesteigung Stiftskirche Landau

 

Mit der Gruppe auf den Kirchturm steigen und dann oben in atemberaubender Höhe endlich einmal den Überblick haben, das ist schon per se ein Erlebnis. Aber dann den Text aus 1. Mose 11, 1-9 vom Turmbau zu Babel zu hören, das beeindruckt. Ebenso die Geschichte von der Versuchung aus Matthäus 4, 1-11 oder den Text Lukas 14, 28-30. Alle haben eine Bibel dabei und es wird spontan entschieden, wer welche Verse liest. Es gibt keine Auslegung, sondern ausschließlich spontane Reaktionen und Gespräche. Die Worte wirken stark und die Orte verstärken diese Intension enorm.

 

 

2. Stadion, Sportplatz, Aschenbahn

 

Wir gehen oder fahren zusammen zum Stadion, zum Sportplatz. Dort vereinbaren wir, schweigend eine Runde zu drehen und dabei unser eigenes Tempo zu finden und aufzuspüren, wie es ist, sich in dieser Umgebung zu bewegen. Nach dem Zieleinlauf kommen wir zusammen und hören auf 1. Korinther 9, 24-27. Paulus vergleicht unsere Existenz als Christenmenschen mit der eines Läufers. Es geht um Kondition und Ansporn im Glauben. Leute erzählen aus ihrer Schulzeit, von mehr oder weniger gelungenen Wettkämpfen. Das Gespräch dreht sich um den Siegeskranz, der bekanntlich das Patent ist für den Kranz auf dem Grab und für den Adventskranz auch. Sieg und Niederlagen in der Biographie jedes Einzelnen stehen vor Augen und werden mehr oder weniger unausgesprochen gegenwärtig. Wir sind beeindruckt und gehen weiter.

 

 

3. Am Bach

 

Wir stehen an der Queich. Das Wasser plätschert vor sich hin. Jemand liest Psalm 1. Gepflanzt an den Wasserbächen – das hört sich hier ganz besonders an. Nach dem ersten Verlesen sagt jemand aus der Gruppe: Können wir das noch einmal hören? Die Zustimmung zu diesem Anliegen ist groß. Spontan liest ein Anderer den Psalm noch einmal in einer anderen Übersetzung. Wir verweilen eine ganze Zeit. Im Schweigen liegt ganz viel Sinn. Langsam ziehen wir weiter.

 

 

4. Auf dem Friedhof

 

Schweigend gehen wir über den Friedhof. Wir haben uns verabredet unter dem großen Holzkreuz. Nacheinander kommen wir dort an und bilden einen Kreis. Es braucht keine Regieanweisungen und niemand beginnt einen small talk. Es ist beeindruckend, wie das setting für sich spricht und wie viel alle empfinden, dass wir gerade dabei sind, etwas Wesentliches zu begehen. Wir lesen nacheinander: Psalm 90, Johannes 20. Danach singen wir gemeinsam: Christ ist erstanden.

 

Es folgen die Texte: 1. Korinther 15,19, Römer 8, 35-39, Römer 14,7. Wir machen Pausen und schweigen vielsagend. Zum Abschluss sprechen wir gemeinsam den Psalm23. Es ist unfassbar bewegend. Die Texte gehen uns allen unter die Haut. Auch eine Prise triumphalen Trotzglaubens erfasst die Gruppe. Wir spüren etwas von der Macht der Liebe und von dem Schauer von Ostern. Es dauert eine ganze Zweit, bis wir aufbrechen. Wir schauen uns an und nicken uns zu. Was für ein Schatz, was für eine Botschaft. Was sind wir beschenkte Leute.

 

 

5. Autobahnraststätte

 

Pfälzer Weinstraße. Es ist viel los. Die Ferien haben begonnen, sagt jemand. Es regnet. Wir bleiben im Bus sitzen und tauschen uns darüber aus, wie es ist unterwegs zu sein. Wir lesen uns schließlich vor: Hebräer 13,14. „Wir haben hier keine bleibende Stadt…“ Lukas 10, 1-12, der Auftrag an die „geschickten Leute“, die im Unterwegs zuhause sind, und schließlich Lukas 10, 29-37, der barmherzige Samariter, der sich für den einsetzt, der unter die Räder kommt. Jetzt gehen wir zum Mittagessen in die Raststätte und mischen uns unter das fahrende Volk.

 

 

6. Im Weinberg.

 

Wir fahren zurück und machen Station mitten in den Weinbergen. Der provozierende, ja skandalöse Text von den Arbeitern im Weinberg aus Matthäus 20 macht uns zu schaffen. Eine rege Diskussion ist entfacht. Es ist wunderbar, wie sich die Sprengkraft der  biblischen Botschaft entlädt. Es wird gestritten, es kommt zu erheblicher Aufregung. Die Leute merken gar nicht gleich, wie sehr sie gerade dabei sind, den Text zu einem Erlebnis zu machen. Ich halte mich ganz zurück und denke, wie gut es uns täte, auch ab und zu in den Gottesdiensten so zu ringen und zu emotionaler Betroffenheit zu kommen. Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern aus Markus 12 löst weniger Gespräch aus. Und trotzdem macht der Text allerhand mit uns. Aber wir reden nicht. Seltsam, wie es sein kann, nach diesem Disput. Aber es ist eben genau so intensiv, das Schweigen jetzt. Wir steigen ein und fahren weiter.

 

 

7. Auf der kleinen Kalmit

 

Wir stehen auf dem Berggipfel. Es ist ein herrlicher Panoramablick Wir genießen es. Es ist eine Gnade, da oben zu stehen und einfach nur rund herum zu schauen. Die Schöpfung predigt uns. Und wir hören schweigend zu. Schließlich bilden wir einen großen Kreis. Was wir jetzt machen, das ist einmalig. Niemand kann sich erinnern, es jemals getan zu haben. Die ganze Bergpredigt am Stück. Jeder und Jede liest jeweils ein Stück. Es ist wunderbar. Wanderer kommen vorbei und bleiben stehen. Mit einer gewissen Irritation beobachten sie uns. Bis einer sagt: „Ich glaub, die lesen aus der Bibel.“ Alle hören zu. Radfahrer steigen ab. Es bildet sich ein äußerer Kreis um uns. Wir lesen einfach weiter. Es ist nicht peinlich. Es ist groß. Die Bibel schafft es, eine hohe Einschaltquote auf dem Berg. Wir spüren, dass wir da eigentlich einen großen Schatz verwalten. Die Seligpreisungen, das Vater Unser. Alles drin. Alles dran. Es dauern fast 25 Minuten. Dann sind wir durch – und durchdrungen von der Wuchte dieser Worte.

 

Lange noch stehen wir so da. Die Leute um uns gehen weiter. Es ist eine merkwürdige Atmosphäre. Wir stehen auf heiligem Land. Der Dornbusch brennt. Es zieht uns fast die Schuhe aus. Nur der plötzliche Regen macht uns Beine. Unsere große Auswärtsfahrt nähert sich dem Höhepunkt.

 

 

8. Im Weingut

 

Wir sind angemeldet. Im Weingut. Wir gehen in den Weinkeller. Unglaublich, wie das riecht. Die großen alten Holzfässer wissen um ihre Majestät. Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana wird mit Heiterkeit aufgenommen. Und das also ist das erste Wunder, das Jesus tut. Die Leute staunen, dass es stimmt. Jesus, der Liebhaber des Lebens. Der Kostgänger. Der sich gerne zum Essen einlädt. Der sich offenbar das Image eines „Fressers und Weinsäufers“ erarbeitet. Wir sprechen über die Spannung von Genuss und Protestantismus. Es geht um die Frage, ob das Leben nur ein Kampf ist oder auch eine Freude. Oder Beides. Und schließlich geht es um Matthäus 26, 26-29. Sensationell. Wir wissen ja im Grunde ganz wenig darüber, wie es einmal im Himmel sein wird. Aber zwei Dinge wissen wir tatsächlich. Es wird kein Weinen mehr gaben. Aber es wird Wein geben. Denn Jesus sagt bei seinem Abschied zu den Jüngern: „Das sage ich Euch: Ich werde von jetzt ab keinen Wein mehr trinken. Erst an dem Tag werde ich mit euch neu davon trinken, wenn mein Vater sein Reich vollendet hat.“

 

Heiter und fröhlich steigen wir aus dem Keller und oben erwartet uns der Winzermeister mit einem Glas Secco. Wir stoßen an und prosten uns zu. Und einer sagt spontan: „Auf die Bibel!“

 

Beim Auswertungsgespräch im MÖD macht das Staunen die Runde. Niemand hätte gedacht, dass wir einen Tag damit verbringen, Bibeltexte zu lesen und sie an den jeweiligen Orten völlig neu zu hören, mit einer Kraft und Präsenz, mit so viel Mehrwert und unverbrauchter Dynamis. Weit entfernt von einem Verfallsdatum. Und wir sind uns einig. Das können wir an jedem Ort, in jeder Gemeinde wiederholen. Es können gleiche oder andere Orte sein. Wir können anstatt zum Winzer genau so in den Bäckerladen oder zum Friseur gehen. Es kann alles zu Fuß passieren, oder im gemeinsamen Bus, wie wir es gemacht haben. Es kommt nicht darauf an, dass es viele Leute sind. Einmal sind wir nur sieben, einmal acht Leute. Und bekanntlich hat sich Jesus bereit erklärt auch schon dahin zu kommen, wo nur zwei oder drei sind. Wort und Ort. Probieren Sie es aus. Es wird Ihnen laufend klar werden: Ein Prosit auf die Bibel kann ein ganz besonderer Glaubenskurs sein. Nachmachen!

 


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