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Dr. Klaus Beckmann
Friedrich-Ebert-Ring 42, 56068 Koblenz

 

 

Torwächter der Hölle

Anmerkungen zu christlicher Verbindlichkeit

 

Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss

 in zwei Stücke von obenan bis untenaus.

Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen,

die Gräber taten sich auf.

 

 

I.

 

„Erzählen Sie den Soldaten von der Hölle?“ Ich war perplex, als mir in einer Pause jemand unvermittelt diese Frage stellte. Am meisten irritierte mich, dass die Umstehenden, auch sie regelmäßige Teilnehmer eines Jahrestreffens sich „entschieden“ nennender Christen, zu dem ich als Referent geladen war (die zwei Tage schenkten mir dann beinahe so viel „Horizonterweiterung“ wie die vier Monate dauernde ISAF-Begleitung), die Frage völlig normal zu finden schienen.

 

Ich antwortete, den Soldaten, zumal denen im Afghanistaneinsatz, sei „Hölle“ alltägliche Gegenwart, durch belastende Erlebnisse „draußen“, den Psychostress im engen Camp, die Gefühle der Hilflosigkeit erzeugende Trennung von den Angehörigen, das Ausgeliefertsein an manch überforderten Vorgesetzten, erkennbares Desinteresse der deutschen Öffentlichkeit und noch einiges mehr. Da brauche ich als Seelsorger niemandem mit „Hölle“ zu kommen, umso mehr aber mit dem Evangelium vom bedingungslos menschenfreundlichen Gott Jesu Christi. Doch mein Gegenüber hatte seine Frage ganz ernst und konkret gemeint. Er wollte wissen, ob ich den mir seelsorglich anvertrauten Soldaten rechte Höllenfurcht einjage, um sie zur Bekehrung zu Jesus Christus, dem Herrn und Erlöser, zu bewegen.

 

Nein, derartig von Hölle rede ich nicht, habe ich niemals geredet und werde ich, so Gott Gnade gibt, auch nie reden. Nicht aus Bekenntnis-Feigheit vor den Leuten, sondern aus Bekenntnistreue.

Menschen mit Furcht vor ewiger Bestrafung anzupacken und sie dem Herrn Jesus in die Arme zu treiben – das entspricht etwa dem, was ein junger Oberleutnant in meinem Unterricht einmal als Führungsstil bestimmter älterer Offiziere karikiert hat: „Disziplinierung durch Angst, Motivierung durch Entsetzen.“ Geschieht solches im kirchlichen Diskurs, liegen die Dinge noch vielfach schlimmer als beim Militär, denn hier greift ja nicht ein unfähiger Vorgesetzter in einem „vorletzten“ und somit vergleichsweise harmlosen Zusammenhang nach seinem ultimativen Machtmittel, sondern hier reden Christen – von der Art sogar, die „entschieden“ sein möchte – von Gottes Handeln am Jüngsten Tag. Das Thema ist unüberbietbar ernst, und welchen Glauben ein Mensch hat, erweist sich an dieser Stelle.

Mein „entschiedener“ Gesprächspartner hielt es für angebracht, Menschen Höllenfurcht einzuflößen, um sie auf den rechten Weg zu Christus zu bringen. Denn, wie ein anderer in der Runde erläuterte, Gott halte mir zwar die Hand entgegen, ergreifen müsse aber ich sie in meiner eigenen Verantwortung. Und ein Dritter ergänzte, wer sich nicht bekehre – das gelte auch für getaufte und „eingeschriebene“

 

Kirchenglieder, unter denen viele „Namenschristen“ oder auch „Karteileichen“ zu finden seien –, ziehe sich verbindlich „eine schlimme Ewigkeit“ zu.

 

 

II.

 

Verbindlichkeit oder „entschiedenes Christentum“ ist derzeit Modethema. Die „Zeit zum Aufstehen“ sei gekommen gegen allerlei Verweichlichung und dogmatische Auflösungserscheinungen.

 

In der Tat: Wo die protestantische Kirche selbst wohlwollenden Betrachtern den Gesamteindruck der „Leisetreterei“, ja des Sich-Schämens für das Evangelium vermittelt, kommt berechtigtermaßen die Frage auf, wofür Kirche steht in der Vielfalt der Weltanschauungen. Die „Performance“ von Kirche scheint manchmal geradezu darauf abzuzielen, die Bedeutungslosigkeit des Christentums zu erweisen, von schändlich versäumtem Eintreten für Christen in unfreien Ländern ganz zu schweigen. [1] Ich kann nachvollziehen, wenn konservativ eingestellte Christen auf Abstand gehen und Orientierung ersehnende Menschen anderswo zu suchen beginnen. Für die Klarheit ihres Zeugnisses ist die Kirche selbst verantwortlich, ebenso für spirituelle Defizite, die sich dann mit Un-Evangelischem füllen.

 

Nur: Wer ernsthaft „Kirche“ sein will, muss in seiner Kritik des vermeintlich oder tatsächlich „Lauen“ selbst mit dem Kreuz Jesu ernst machen, dem Kern und Stern der biblischen Botschaft. „Kirche“ im ernsthaften Verständnis nimmt ihre Botschaft wichtiger als ihre religiöse Eigenleistung und -darstellung. Sie bringt die Botschaft als Herausforderung eines liberalistischen laissez-faire, aber genauso eines konservativ-zwanghaften Norm- und Formchristentums zur Geltung.

 

Die Rechtfertigungsbotschaft ist der Gegenpol jeder von Menschen einzuhaltenden Erlösungslehre. Am allerwenigsten gibt es da ein „Du musst“, denn da triumphiert die Gnade Gottes in ihrer schöpferischen Kraft. Den Willfährigen und Angepassten anzunehmen, das schafft jeder Familienpatriarch und kleine Erdenherrscher. Vor dem im Kreuz ausgedrückten Versöhnungswillen aber fällt die kleinmütig einschüchternde Logik des Bedrängens über den Haufen. Keine Sünde kann fesselnder sein als die Gnade Gottes.

 

Ich appelliere, die Aussage der derzeit in Umlauf befindlichen Proklamation „Zeit zum Aufstehen“, wonach das Heil „allein“ an Christus hängt, nachdrücklich zu beherzigen. Am reformatorischen allein entscheidet sich alles. „Wir stehen ein für die Einzigartigkeit von Jesus Christus. Allein an ihm entscheidet sich das Heil aller Menschen“: Ja, dort entscheidet es sich, und nicht auch noch an meiner – realistisch gesehen: doch niemals wirklich freien – Entscheidung. Diese Aussage erheischt systematisch Gewicht, soll das Einmalige unseres Bekenntnisses, der einzig stichhaltige Grund, Christ zu sein, unterscheidbar laut werden. Die Initiatoren und Unterzeichner haben in den (hoffentlich) anstehenden Debatten freilich noch zu erweisen, dass sie von der Radikalität des Evangeliums getrieben sind und nicht konservatives Ressentiment „entschieden“ hat. [2]

 

 

III.

 

Die verstärkt wahrzunehmende Polarisierung zwischen dem kirchlichen Defekt liberalistischer Verwaschenheit und dem frommen Exzess unevangelischer „Verbindlichkeit“ macht mich besorgt. [3] Offensichtlich mangelt es an einer reformatorisch, genauer: kreuzestheologisch geprägten Basis, die gelassenes Vertrauen schafft und zur Versöhnung unterschiedlicher religiöser Stile des Protestantismus einlädt.

 

Was sich im Kreuz Jesu ereignet hat, ist schlechterdings überwältigend. Die alle gängigen Rechtsvorstellungen beherrschende Logik von Lohn und Strafe fällt dahin. Sollte Gott in Jesus sterben, der Vorhang vor dem Allerheiligsten zerreißen, die Erde erbeben und die Gräber sich auftun – und es dann doch wieder nur darauf ankommen, dass ich mich brav und regelkonform verhalte („bekehre“)?! Hat Gott am Karfreitag nicht die tödliche Ordnung strafender Macht zerstört? Wie sollte das Jüngste Gericht dann eine bloße Apotheose weltlicher Sanktionsmuster sein können, als hätte der „fröhliche Wechsel und Streit“ nicht stattgefunden? Angepasste belohnen und Abweichende bestrafen, das geschieht tagtäglich in Schulen, Firmen, der Bundeswehr und wohl auch „bei Kirchens“ (die Militärseelsorge eingeschlossen). Ich jedenfalls meine, der biblische Gott hat mehr drauf. Was er am Jüngsten Tag tut, wird sich, wenn das Kreuz Jesu dafür den Maßstab liefert, der erbärmlichen Logik des Gefügigmachens nicht fügen. Gott wird als Herr des Lebens triumphieren, indem er sich gerade mit den schweren Fällen versöhnt und lebendige Beziehung stiftet, wo wir keine Möglichkeit mehr gesehen haben. Jede Limitierung der Gnade Gottes vergreift sich am 1. Artikel des Glaubensbekenntnisses. Bekenne ich Gottes Allmacht, dann kann ich mein eigenes Leisten, mein Festwerden und Zweifeln, nicht mehr unendlich wichtig nehmen. Das ist nicht zuletzt Grundlage annehmender Seelsorge.

 

Wer das „Credo“ ablehne, so wollte mich ein relativ moderat klingender Teilnehmer der Tagung der „Entschiedenen“ belehren, der stehe in der Verdammnis, weil er außerhalb Christi sei. Damit erklärte er die Wirksamkeit Christi für begrenzt durch die eigenverantwortliche Entscheidung des Menschen; dieser hat Gott etwas zu bringen – nämlich seine „Bekehrung“. So nimmt Gott eine feindselige Grundhaltung ein, geprägt von gekränktem Stolz und der Forderung nach Satisfaktion, die in der „Entscheidung“ des Menschen befriedigt werden muss. Damit qualifiziert sich die „Entscheidung“ für den Glauben als „Werk“, eine den Menschen rettende eigene Tat, die seine Zugehörigkeit zum eschatologischen Gottesvolk in der Zeit sichtbar und kontrollierbar macht.

 

Wie anders sieht es die Reformation! Wenn sie von „Gerechtigkeit durch den Glauben“ spricht, meint sie den Modus der Anwesenheit des Heils, doch nie eine vom Menschen zu leistende Bedingung. CA 4 lehrt, „dass wir Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit vor Gott nicht durch unser Verdienst, Werk und Genugtuung erlangen können, sondern dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben“. Die Stelle attackiert die römische Werkgerechtigkeit. Ihr stellen die Evangelischen die iustitia aliena Gottes entgegen, nicht fromme Werkheiligkeit, die ja zwangsläufig wieder „Verdienst, Werk und Genugtuung“ wäre. Die Differenzierung zwischen „sichtbarer“ und „unsichtbarer“ Kirche wahrt den Respekt vor Gottes alleinigem Wissen, wer „am Ende“ zu den Erlösten zählt.

 

Das „entschiedene“ Beharren auf der den göttlichen Zorn stillenden „Glaubens“-Leistung verkennt den hebräisch-biblischen Sinn von „Gerechtigkeit“, der von der uns dominierenden griechisch-römischen Rechtstradition absticht. Biblisch ist zedaqa „immer ein Tun, eine Tat, ein Handeln, das Gerechtigkeit bewirkt, ihr entspricht, sie herstellt. Zedaqa ist nicht ein Maßstab, nicht eine Norm.“ Das bedeutet: Gott handelt – und macht den Menschen gerecht. Im Kern war dies Luthers Entdeckung: „Gottes Gerechtigkeit ist seine erbarmende Rettungstat.“ [4]

 

Ein Gott, der bei seinen Geschöpfen auf wohlverhaltendes „Bekehren“ pochte und Fehlverhalten – verweigertes „Ergreifen der Hand“ – mit Kappung jeder Beziehung ahndete, bliebe hinter Beispielen liebevollen Beziehungswillens zurück, die die Bibel von Menschen berichtet. König David im Verhältnis zu seinem aufrührerischen Sohn Absalom kommt mir in den Sinn. Hier wird erzählt, dass Absalom unter dramatischen Umständen gestorben war und David die „gute Botschaft“ gebracht werden sollte, ihm sei „Recht verschafft“ worden gegen seine Feinde (2. Sam 18,19). David aber, durch Absalom gedemütigt, wie es schlimmer kaum ginge, erzitterte beim Erhalt der Nachricht, weinte und rief: „Mein Sohn! Mein Sohn! Wollte Gott, ich wäre für dich gestorben!“ (2. Sam 19,1) Göttlichkeit, die nur durch ewige Höllenstrafe zu retten wäre, unterschritte das ethische Niveau des – insgesamt höchst ambivalent geschilderten – David, der seinem „verstockten“ Sohn über den Tod hinaus Treue hält und keine Ruhe darin findet, den Abtrünnigen den Folgen seines eigenen Tuns zu überlassen. [5] Wo ein menschlicher König zu seinem aufsässigen Kind noch zu allerletzt Verbindung sucht, ist das Gottesbild eines ewig Bestrafenden obsolet, so wahr dem Gott des Alten und Neuen Testaments die Charakterisierung „Liebe“ zukommt (1. Joh 4,8). Der Höllen-Gott in seiner vermeintlichen „Gerechtigkeit“ ist im biblischen Horizont „unter-menschlich“ und eine Perversion „biblischer“ Theologie. Wer meinte, sich im Namen des biblischen Zeugnisses zum Anwalt der Hölle machen zu müssen, schlüpfte in die Rolle dessen, der David die „gute Botschaft“ vermeintlich geschehenen „Rechts“ überbringen möchte, damit aber die Vaterliebe des Königs verletzt (vgl. 2. Sam 18,31f).

 

Das den Tun-Ergehens-Zusammenhang übersteigende menschliche Liebesvermögen muss in das Gottesverständnis integriert werden, um die Bibel als befreiende Kunde göttlicher Wirksamkeit zu erschließen. Nur wenn Gott noch mehr lieben kann, als Menschen es an den bitteren Grenzen ihrer Erfahrungswelt vermögen, begründet die biblische Botschaft eine die Menschen erreichende, ihr Leben hilfreich deutende pastorale Praxis. So erst dient die Kommunikation des Evangeliums der Zueignung und Aneignung von Freiheit, dem Empfangen- und Gewährenkönnen von Liebe und der Erfahrung der Gelassenheit des Glaubens. [6]

 

Im kirchlichen Credo ist von ewiger Verdammnis nicht die Rede, wohl aber vom ewigen Leben. Und das Reich des Todes wird nur insofern erwähnt, als Christus dorthin geht, um die Trennung aufzuheben. Luther charakterisiert in seiner griffigen Sprache den mächtigen Gott als „Backofen voller Liebe“. Der Heidelberger Katechismus hingegen scheint die Konsequenz des eigenen Ansatzes zu scheuen. Denn wenn ich „in aller Trübsal und Verfolgung […] mit erhobenem Haupt aus dem Himmel eben den Richter erwarte“, „der sich zuvor für mich dem Gericht Gottes gestellt und alle Verurteilung von mir genommen hat“ – meine Erwartung also exklusiv auf der iustitia aliena des Kreuzes Jesu ruht, die bei Gott umgehend zur iustitia distributiva wird –, dann nimmt sich die Trennung zwischen ewig zu verdammenden „Feinden“ und den Teilhabern himmlischer Freude als bloßes Zugeständnis an eine Tradition aus, die mit dem Kreuz Jesu nicht radikal ernst machte. [7] Ich halte Karl Barths Aussage, die Allversöhnung lasse sich zwar nicht postulieren – Gott ist dem Menschen nun einmal „keine ewige Geduld und also Errettung schuldig“ –, noch weniger aber dürfe sie definitiv verneint werden, da das Kreuzesgeschehen eine Tendenz zur Allversöhnung hin habe, für das klügste dogmatische Votum zu diesem – alles entscheidenden – letzten Punkt: „Es gibt kein Recht und keinen Grund, sich dafür nicht offen zu halten“, weise Gottes Handeln in Christus doch „eindeutig in die Richtung des Werkes einer in der Tat ewigen göttlichen Geduld und Errettung“. [8] Das Insistieren auf einer ewigen Verdammung „Unbekehrter“ markiert nicht nur bedenkliche dogmatische Schieflage, sondern deutet einen im Interesse eigenen Vorrangs initiierten Aufstand gegen Gottes lebensschaffende Macht an. Der Prophet Jona, ob der göttlichen Geduld mit Ninive bis zur Lebensmüdigkeit verdrossen und zornig, bietet ein anschauliches biblisches Beispiel derartiger frommer Betroffenheit (vgl. Jona 4).

 

 

IV.

 

Historisch ist das evangelikale Entscheidungschristentum eine Metastase des neuzeitlichen Autonomiegedankens, dessen sozialethische Ausprägungen im evangelikalen Milieu freilich auffallend negativ gesehen werden. Da kann es eigenartig berühren, wenn genau jene Christen, die bestimmte Methoden der Familienplanung mit dem Argument der „Geschöpflichkeit“ des Menschen ablehnen, in der allerletzten, jenseits empirischer Möglichkeiten liegenden Frage sich selbst das entscheidende Wort zuschreiben. In einem säkularer Rationalität und aktiver ethischer Verantwortung zugänglichen Bereich wird rational-emanzipiertes Verhalten mit biblizistischer „Begründung“ abgewiesen; zugleich aber unterwirft man den genuinen Bereich des Glaubens und Hoffens, wo alle menschliche Subjektivität auf das reine Empfangen reduziert ist, einer Lohn-Strafe-Rationalität, die weltliche Machtstrukturen übersteigernd abbildet. Der Fromme beansprucht darin die eschatologische Kontrolle der Mitgeschwister, indem er das „jüngste“ Urteil an das diesseitig überprüfbare Kriterium der religiösen Entscheidung bindet. Meine Frage, ob nicht Gottes Verhältnis zu jedem einzelnen Menschen unserem Urteil verborgen sei und Respekt verdiene, provozierte mehrfach heftige emotionale Ablehnung.

 

Die Möglichkeit ewiger Verdammnis wird in verschiedenen Bibeltexten – weder ausführlich noch zentral – erwähnt, sie kommt – ebenso weder ausführlich noch zentral – in kirchlichen Bekenntnissen gleichfalls vor. Über die Hölle theologisch zu diskutieren, ist somit fraglos legitim. Für die biblische Anthropologie gilt: „Indem der Mensch sich gegen das Angebot des Lebens vergeht, gibt er sich der Vergänglichkeit preis. Denn das Vergehen, das der Mensch sträflich begeht, führt ins Verderben, das er schuldig erleidet.“ [9] Menschliche Leistung bzw. Verfehlung als ewig zu nehmen, konterkarierte jedoch die biblische Botschaft, wonach der Gott, der in der Geschichte Israels immer wieder den Tun-Ergehens-Zusammenhang durchbrach, im Tod Jesu das „der Schuld verfallene“ Menschenleben „in die Freiheit geführt“ hat: „Jesus starb in einen Tod hinein, in dem das Grauen noch den letzten Ton des Lobes Gottes und der Verkündigung seiner Taten verschlungen hat. Diesem öden Vakuum, das heute mehr denn je seinen Rachen öffnet, hat er die Macht genommen.“ [10] Am Kreuz Jesu orientiert, wird christliche Verkündigung die rechtfertigende Gnade niemals „billig“ machen. Vielmehr wird sie eine ethische Verbindlichkeit vermitteln, die das Belohnungsschema hinter sich lässt. Eine als Erziehungsmittel eingesetzte Höllendrohung desavouierte demgegenüber jede Ethik, würde das Tun des Guten dadurch doch als „Mittel zum ewigen Zweck“ entwertet.

 

Was mich am meisten erschreckte, war der emotionale Nachdruck, mit dem die auf besagter Tagung versammelten „entschiedenen“ Geschwister die Hölle (für andere Menschen!) einforderten. „Entschiedene“ gerierten sich geradezu als Torwächter der Verdammnis – als habe Christus der Höllen Pfort‘ nicht zerstört und als sei es Aufgabe der Christen, die Zahl der durch Christus Herausgeführten möglichst eng zu limitieren. Auffällig war in dabei geäußerten gesellschafts- wie kirchenpolitischen Einschätzungen das Vorherrschen einer pessimistischen, paranoid durchsetzten Verfallsperspektive. Die eigene Rolle wurde dank selbst geleisteter „Bekehrung“ auf der „sicheren Seite“ verortet und als „Mahnen“ und „Aufrütteln“ der vermeintlich lauen und tendenziell „verlorenen“ Mehrheit funktional bestimmt. Die Relativierung jeder denkbaren menschlichen Position als rechtfertigungsbedürftig (vgl. Röm 3,23) schien da bereits als dekadente Störung zu gelten. Offenkundig kompensierten sich Frustration und Unterlegenheitsgefühle in eschatologischer Vergeltungserwartung.

 

Mir drängte sich der theologisch heikle Begriff „Sünde wider den Heiligen Geist“ auf, den Barth bekanntlich als Geringschätzung des Werkes des göttlichen Geistes interpretiert hat. Sich selbst in der Gnade Gottes sehen, aber diese Gnade zugleich limitieren und konditionieren, damit ein „verdienter“ eigener Vorsprung bleibt; sich auf Gott berufen, ihm aber ausdrücklich  nicht alles Gute zutrauen, sondern sich und andere Menschen auf das eigene „Entscheiden“ zurückwerfen; die Möglichkeit guten Wirkens Gottes bei solchen Menschen, die dem eigenen religiösen Urteilsschema zuwider handeln, negieren: Ist ein schlimmerer Übergriff auf die Souveränität Gottes denkbar? Der harmlose Heide in Unkenntnis und Unverstand kann nicht gegen den Heiligen Geist sündigen, das vermag einzig der Fromme. [11] Der im pietistischen Milieu geschätzte Adolf Schlatter sprach in diesem Zusammenhang von einer Gefahr der „Wollust der Rache  [...], die sich an der Qual derer freut, die wir für unsere und Gottes Feinde halten“.

 

 

V.

 

So eindeutig das Christsein die Verpflichtung zu bestimmtem Bekennen und Handeln einschließt, so haben im Glauben doch Freude und getrostes Sich-Verlassen das „prae“. Der wahrnehmbare Antagonismus zwischen „Verwaschenheit“ und religiös exzessiver „Entschiedenheit“ lässt indes ein an der reformatorischen Mitte bestimmtes, Gelassenheit gebendes Zentrum vermissen, so dass mancher nur die Alternative „Pest oder Cholera“ sieht.

 

Diese Mitte zu festigen, ist Aufgabe des Konfirmanden- und Religionsunterrichts, der kirchlichen Erwachsenenbildung, vorrangig natürlich der Predigt und jeder seelsorglichen Begegnung. Der Widerspruch zur Höllentheologie mit ihren psychologisch besorgniserregenden Momenten ist nicht moralisch oder ästhetisch, sondern kreuzestheologisch zu begründen. Es gilt den freien Wettbewerb in der Auslegung des biblisch bezeugten Kreuzesgeschehens: Was bedeutet es, wenn Gott im Kreuz Jesu präsent ist? „Sieger“ ist, wer aus dem Kreuz die am stärksten befreienden, am nachhaltigsten Hoffnung stiftenden, die tröstlichsten Schlüsse zieht. Offensichtlich wird im „Kirchenvolk“ ein kreuzestheologisch profiliertes Votum aus der Kirchenleitung goutiert (und als Ausnahme vermerkt). [12] Unerlässlich scheint die qualifizierte, breit kommunizierte Kritik einer im evangelikalen Milieu verbreiteten Schriftauslegung, die das Strapazieren separierter Stellen „bibeltreu“ nennt. Gerade ihrer biblizismus-kritischen Stoßrichtung wegen sollte die reformatorische Hermeneutik der „Mitte der Schrift“ offensiver als Merkmal des Protestantismus herausgestellt werden.

 

Die Anhänger der Höllentheologie verdienen theologisch fundierte Gegenrede, zugleich aber seelsorgerische Zuwendung. Ernsthaft das eigene Leben im Glauben bedenken zu wollen, ist selbstverständlich aller Ehren wert. Die notorische Vorordnung eigenen „Entschiedenseins“ vor der Gnade Gottes und die Abwertung anderer christlicher Glaubensformen verraten jedoch pathologische Züge. In welcher Seelennot ist ein Christ, wie viel Frustration trägt jemand in sich, der die Hölle ins Zentrum des Gottesverständnisses rückt – und dabei den Respekt vor Gottes unerforschlichem Weg mit jedem einzelnen Menschen verliert? Das Bestehen auf einem harten, Regeln betonenden Gottesbild signalisiert die Schwäche, das eigene Leben in Freiheit zu gestalten. Der Gott der brennenden Liebe hat es nicht nötig, mit Angst zu disziplinieren und mit Entsetzen zu motivieren.

 

„Hölle“ ist die Grenzmöglichkeit, der wohl niemand so nahe kommt wie der entscheidungsstolze Fromme. Aber das Kreuz weist auf ein anderes Ende. Jochen Kleppers wenig bekanntes Weihnachtslied „Sieh nicht an, was du selber bist“ formuliert die biblisch geschulte Hoffnung:

 

„Glaubst du auch nicht, bleibt er doch treu. Er hält, was er verkündet. Er wird Geschöpf und schafft dich neu, den er im Unheil findet. Weil er sich nicht verleugnen kann, sieh ihn, nicht deine Schuld mehr an. Er hat sich selbst ge­bunden, er sucht: du wirst gefunden!“ [13]

 

Die Reformation bekämpfte zu ihrer Zeit mit dem Wort vom Kreuz eine Bewegung, die Menschen Höllenfurcht einjagte. Hoffen wir für heute auf genügend kirchliche Substanz, um dem Höllengerede mit der Kreuzesbotschaft zu begegnen. Auch den „Entschiedenen“ muss die evangelische Verkündigung ein Gegenüber sein, das sich nicht wegduckt, sondern die Herausforderung annimmt. [14]

 


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[1] Vgl. Friederike Gräff, Ist Gott noch Mitglied der evangelischen Kirche?, in: Die Zeit vom 19. 2. 2014; http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-02/evangelische-kirche-protestantismus.

[2] Vgl. http://www.zeit-zum-aufstehen.de

[3] Zu „Kirche im Defekt/im Exzess“ vgl. Karl Barth, Das christliche Leben (KD IV 4), Zürich 1976, S. 223-235.

[4] Vgl. Frank Crüsemann, Maßstab: Tora. Israels Weisung für christliche Ethik, Gütersloh 2003, S. 52.

[5] Vgl. Wolfhart Pannenberg, Systematische Theologie, Band III, Göttingen 1993, S. 657.

[6] Vgl. Wilfried Engemann, Worin besteht die Autorität der „Heiligen Schrift“? Anmerkungen zum Umgang mit der Bibel im Gottesdienst, in: ZThK 2014, S. 103-126, hier: 120.

[7] Vgl. Heidelberger Katechismus, Frage 52.

[8] Vgl. KD IV,3, S. 550f.

[9] Hans Walter Wolff, Anthropologie des Alten Testament, 5. Auflage München 1990, S. 171.

[10] Vgl. Wolff, aaO, S. 176.

[11] Vgl. KD IV,2, S. 177.

[12] Vgl. den Leserbrief von Sebastian Hofmann, in: Evangelischer Kirchenbote 18/2014.

[13] EG, Regionalteil Württemberg, 539, 3. Strophe.

[14] Vgl. Gräff, aaO: „Ich wünschte mir, ich hätte in meiner Kirche ein Gegenüber. Eines, das sich nicht wegduckt, eines, das man respektieren kann.“