Impressum

 

Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Reformationsfundamentalismus

 

„Ein Impuls für die Zukunft der Kirche“ soll es sein, was zwölf Repräsentanten der evangelikalen Bewegung Anfang April unter dem Titel „Zeit zum Aufstehen“ veröffentlicht haben. Schon wenige Tage später gab es 365 Erstunterzeichner, mehrheitlich evangelikale Funktionsträger, aber auch den einen oder anderen Repräsentanten des landeskirchlichen Protestantismus, so etwa den Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche, Hans-Jürgen Abromeit, sowie die lutherischen Altbischöfe Ulrich Wilkens und Gerhard Müller.

 

Der Aufruf, laut „idea“ ein „Ruf zur Mitte in geistlichen und gesellschaftlichen Fragen“, gliedert sich in einen Vorspann und den eigentlichen Aufruf, der, eingerahmt von 1. Korinther 3,11 und Johannes 20,21, in sieben theologischen Thesen ein zeitgemäßes Bekenntnis gegen die zeitgeistige Verflachung des Protestantismus liefert, die in den vergangenen Monaten exemplarisch in der EKD-Orientierungshilfe zum Familienbild deutlich wurde.

 

Beim ersten Lesen klingt alles nach gediegenem Luthertum, hart entlang der Bekenntnisschriften. Die Argumentation wirkt ein wenig statisch, erscheint aber nicht falsch. Im Vorspann tauchen die vier reformatorischen Alleinstellungen in durchaus origineller Zuspitzung auf: „Allein Christus befreit uns. Allein durch seine Gnade sind wir gerettet. Allein durch den Glauben an ihn haben wir das Leben. Allein durch die Bibel finden wir einen Maßstab für das, was wir glauben und wie wir leben“. Es folgt das Bekenntnis, dem „oft nicht gerecht [zu] werden, was wir glauben und was dem Willen Gottes entspricht“, sowie die Bitte „um Vergebung für mangelnde Treue im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe“. Von der Liebe Gottes bewegt, will man gemeinsam aufstehen „gegen Lehren, Ideologien und Kräften in unseren Kirchen und in unserer Gesellschaft, die die Würde des Menschen infrage stellen, die Freiheit des Bekenntnisses einschränken und das Herzstück unseres Glaubens preisgeben“. Darauf folgt die Einladung an alle Christen, „mit uns aufzustehen“.

 

Im materialen Teil des Aufrufs wird dieses im Vorspann umrissene Programm in sieben Thesen zu den folgenden Themen entfaltet: Jesus Christus als Sohn Gottes, die Ebenbildlichkeit Gottes als Begründung für die (auch vorgeburtliche) Menschenwürde, die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen als Ausgangspunkt der Mission, die ganze Bibel als Gottes Wort, die Geschöpflichkeit des Menschen als Mann und Frau, die Religionsfreiheit als universales Menschenrecht sowie die Verheißung der Wiederkunft Christi, die das Reich Gottes schon heute erfahrbar mache. Keines dieser Themen fügt sich auf den ersten Blick zwingend in ein evangelikales Programm ein, sondern ist anschlussfähig an konservative landeskirchliche Positionen. Auch die Kritik an der EKD-Orientierungshilfe (die, anders als in klassischen Bekenntnistexten, aufgrund des Verzichts auf Verwerfungssätze nicht explizit genannt wird, aber der Sache nach präsent ist) erscheint maßvoll und lässt sich nur aus dem Kontext erschließen: „Wir stehen ein für die Ehe von Mann und Frau. Sie ist für jede Gesellschaft grundlegend. Wir wollen das aus dieser Gemeinschaft geschenkte Leben von Familien fördern. Wir stehen auf für die Stärkung der Ehe und gegen ihre Entwertung.“ Es bedarf gewisser hermeneutischer Fähigkeiten, um die mit diesen wenigen Zeilen verworfenen Gegenpositionen klar zu identifizieren.

 

Allerdings gibt es sowohl im Vorspann als auch im Aufruf selbst ein klar identifizierbares fundamentalistisches Einfallstor, das wie ein negatives Vorzeichen die ganze Erklärung nur und ausschließlich als aus dem Geist evangelikaler Theologie entstanden verstehen lässt und damit für nicht-evangelikale Protestanten ziemlich ungenießbar macht: Die Erklärung macht sich die in unseren Kirchen gängige Verwechslung von Bibel und Heiliger Schrift zunutze und baut auf dieser Verwechslung ihr gesamtes theologisches Programm auf. Wenn im Vorspann gesagt wird: „Allein durch die Bibel finden wir einen Maßstab für das, was wir glauben und wie wir leben“, dann ist das nur eine scheinbare Anleihe am reformatorischen sola scriptura, das die alleinige Erkennbarkeit Gottes in Jesus Christus, wie er in der Schrift bezeugt wird, aussagen will; worum es tatsächlich geht, ist die Profilierung der Bibel als Richtschnur zum Handeln, was innerreformatorisch nicht einfach nur einen reformierten Sonderweg beschreibt, sondern auch im Kontext reformierter Theologie sehr viel komplexer auszulegen ist als die hier vorgeführte Handlungsanweisung, die auch den Glauben als Werk menschlicher Selbstgerechtmachung erscheinen lässt.

 

In der Logik dieses Programms ist es nicht verwunderlich, wenn in der vierten These die Begriffe Bibel und Heilige Schrift synonym gebraucht werden; eine sachliche Differenz scheint es nicht zu geben. So sind in ihr „Gottes Wort und menschliche Worte […] untrennbar verbunden“, ohne erklären zu müssen, dass diejenige Verbundenheit, die letztlich die Bibel als Heilige Schrift qualifiziert, nur im Akt der Verkündigung als geistgewirktes Geschehen erfahrbar ist. Außerhalb dieses Verkündigungsgeschehen ist die theologische Dignität der Bibel nicht höher zu bewerten als etwa ein Bekenntnistext, der genauso wie die Bibel von menschlicher Hand geschrieben wurde – der Form nach Ergebnis menschlichen literarischen Könnens, inhaltlich Ergebnis zeitgemäßer Reflexionskunst über die jeweils aktuelle Rationalitätsgestalt des Glaubens: Sicherlich anregend zu lesen, wertvoll für die Reflexion über das eigene Glaubensleben, aber eben nicht Gottes Wort, sondern die literarische Darlegung menschlicher Glaubenserfahrung vor dem Hintergrund einer uns nicht mehr zugänglichen Lebenswelt der Antike.

 

Dieses vorausgesetzt, erschließt sich auch die Problematik des wortgewaltig vorgetragenen Satzes: „Wir stehen auf für die Wahrheit des Wortes Gottes und gegen die Kritik an der Bibel als Autorität für die Lehre der Kirche und das Leben des Christen.“ So sehr man auch den abschließenden Satz „Die Bibel ist immer aktueller als der jeweilige Zeitgeist“ intuitiv bejahen möchte, so ratlos wird man beim vorhergehenden Satz mit dem Gefühl zurückgelassen, vor irgendeinen Karren gespannt zu werden, den man nun wirklich nicht aus dem Dreck ziehen will. Wie, bitte schön, soll man für die „Wahrheit des Wortes Gottes“ gegen die „Kritik an der Bibel als Autorität für die Lehre der Kirche und das Leben der Christen“ aufstehen? Die gesamte theologische Entwicklung der Neuzeit hat bekanntlich gezeigt, dass die wissenschaftlich-kritische Betrachtung der Bibel der Wahrheit des Wortes Gottes eben nicht geschadet hat, sondern einen Möglichkeitsrahmen bot, der ein zeitgemäßes Verstehen unter den Bedingungen des radikalen Bruchs, den die Aufklärung bedeutete, möglich machte.

 

Sollte der Satz weitergehend so verstanden werden, dass die Bibel als Autorität für die Lehre der Kirche und das Leben der Christen gegen jede Kritik in Schutz genommen werden muss, so ist zu fragen, wie die Autorität der Bibel (und nicht der Heiligen Schrift) für die Lehre der Kirche und das Leben der Christen überhaupt zu verstehen ist. Darauf ist zu antworten, dass die Autorität der Bibel niemals absolut, sondern immer nur relational verstanden werden kann: Sie ist eine Ansammlung von Zeugnissen unterschiedlicher Menschen zu verschiedenen Zeiten, die allesamt ihre Glaubenserfahrung – vermutlich im Diskurs mit Gleichgesinnten – aufgezeichnet haben; die frühe Kirche hat sich diese Sammlung von Zeugnissen so zu eigen gemacht, dass sie ihre eigene Identität maßgeblich auf diese Zeugnisse stützte. Da kollektive Identitäten aber niemals statisch zu fassen sind, sondern immer dynamischen (Verstehens-)Prozessen unterliegen, können die diese Identität begründenden Zeugnisse niemals die gegenwärtige Rationalitätsgestalt der kollektiven Identität vollständig erfassen, sondern müssen neuen Bewusstseinslagen und neuen gesellschaftlichen Begebenheiten angepasst werden. Von daher ist die Ablehnung von Kritik an Autoritäten immer der schlechteste Weg zur Vergewisserung eigener Identität.

 


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