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Michael Behnke
Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken

 

 

Exegetisches über Frauen, Männer und das Kreuz

 

 

Ein frischer, trockener Herbstwind fegte in Böen von den Hügeln über das kleine Dorf; kein Wölkchen bedeckte den blass blauen Himmel. Von Süden her warf eine gleißendhelle, schon recht tief stehende Sonne ihre noch wärmenden Stahlen auf den idyllischen Ort. Bäume und Büsche strahlten in grüner, goldgelber und rotbrauner Farbe. Im Rhythmus des Windes tanzte abgefallenes Laub in lustigen Reigen auf den Straßen und Plätzen. Vom nahen Walde sah man eine Gruppe Wanderer auf das Dorf zustreben. Ihr lautes und fröhliches Gelächter und Rufen trug der Wind schon bis in den Ort hinein. Männer- und Frauenrücken beugten sich in gemächlichen Auf und Ab in den Gärten, das herrliche Wetter nutzend, um Rasen, Beete und Gehölze winterfest zu machen. Johlend fuhren Kinder Rad und Inline-Skaters auf dem großen Kirchplatz, auf den Köpfen martialische Helme und in den Ohren die obligatorischen Stöpsel ihrer MP3-Players.

 

Allein das Pfarrhaus lag in seinem leicht verwilderten Garten in ruhiger Abgeschiedenheit. Jedoch ein Blick durch das gotische Seitenfenster belehrte den Betrachter eines Besseren. Ein munterer Pastor saß da gebeugt an seinem Schreibtisch, während seine Finger einen wilden Tanz auf einer Tastatur aufzuführen schienen. Sein verschmitztes Lächeln und seine funkelnden Augen verrieten einen geradezu ekstatischen Zustand, so als läge justament der Geist des Herrn auf dem Manne Gottes. Kurzum: Pastor Hannfried Knöterich war wieder in seinem Element. Endlich konnte er während der kürzlich begonnenen Herbstferien seine Predigten und Ansprachen voranbringen. Ungestört von Konfirmandenstunde, Schulunterricht und Sterbefällen – die kamen bekanntlich erst im November! – konzipierte er gerade seinen siebten Gottesdienst in zwei Tagen. Es ging um die Osterpredigt für übernächstes Jahr, dem der Text des Lukasevangelium zugrunde lag, nämlich Luk 24,1-11: Mehrere Frauen gingen am Sonntag ans Grab um den Leichnam Jesu einzubalsamieren. Doch offen und leer fanden sie das Grab, nur zwei Männer in strahlenden Gewändern waren da und sagten ihnen, Jesu sei von den Toten auferstanden. Daraufhin eilten sie zu den Jüngern und „allen Übrigen“ und berichteten von dem Ereignis, doch keiner glaubte ihnen. Soweit der bekannte Text.

 

 

Die Osterbotschaft und die Gender-Problematik

 

Knöterich war dieser Text nicht geheuer; zu viele Minen des theologischen Zeitgeistes lagen in ihm versteckt. Am Gewichtigsten waren da die Ergebnisse der feministischen Exegese, die besonders herausstellte, dass die ersten Auferstehungszeugen Frauen waren, wodurch die damalige soziale und religiöse Unterordnung und Benachteiligung des weiblichen Geschlechtes gegenüber den Männern durch Jesus relativiert worden sei und zwar hin zu einem neuen liebevollen geschwisterlichen Umgang in Gleichheit und Gleichberechtigung – für die damaligen Verhältnisse geradezu eine Revolution! Knöterich wollte dies nun gerne zugestehen, denn auch er sah an vielen Stellen der Evangelien, dass Jesus ganz anders mit Frauen umging, als seine Zeitgenossen: Er nahm Frauen als Jüngerinnen, er verbesserte ihre Stellung im Eherecht, indem er den Männern das Scheidungsrecht und das Recht auf Polygamie aus den Händen schlug und er nahm sie schlichtweg ernst und hörte ihnen zu und ließ sich von ihnen auch gegen seinen Willen überzeugen wie bei der Kanaaneischen Mutter, die ihn wegen ihrer kranken Tochter bedrängt hatte.

 

Mit all dem war Knöterich einverstanden. Keine Frage! Nur half ihm das bei dem Auferstehungstext nicht recht weiter. Denn es war damals ganz normal, dass Frauen die Toten einbalsamierten. Dass sie dadurch zu Auferstehungszeuginnen wurden, war zwangsläufig und noch kein emanzipatorisches Geschehen. Es kam dazu, dass die Männer ihnen ja zunächst auch nicht glaubten, weil sie damals Frauen einfach nicht als gleichwertige Menschen betrachtet hatten. Also wo war hier die emanzipatorische Aussage? Die Frauen wurden doch so patriarchalisch behandelt wie damals üblich.

 

Wonach Knöterich suchte, war eine funktionale Ursache im Rahmen der Erzählung; denn immerhin waren ja bei Johannes die Auferstehungszeugen Männer und nicht Frauen. Also was war – aristotelisch gesprochen – die Zweckursache oder der tiefere Sinn in der Aussage, dass Frauen die ersten Zeugen waren?

 

Knöterich beschäftigte sich neben der Theologie auch mit allerlei säkularen Forschungsansätzen, die er für die Exegese fruchtbar zu machen versuchte. Für den Ostertext schien es ihm nun angebracht, Ergebnisse aus der Phylogenese, der Kommunikations- und Neurowissenschaften anzuwenden. Knöterich war davon überzeugt, dass Frauen in ihrer Entwicklungsgeschichte als Sammlerinnen und Hüterinnen der Höhle, der Kinder und des Feuers sehr viel mehr miteinander kommunizieren konnten, als die jagenden Männer, die konzentriert und meistens stumm  ihrer Beute nachstellten, was natürlich mit kommunikativen Defiziten einherging. Interessanter Weise bestätigte die relativ neue Neurowissenschaft diese Ergebnisse. Frauen waren wegen ihrer neuronalen Verschaltungen einfach kommunikativ kompetenter als Männer. Zog man diese Ergebnisse in Betracht und wandte sie auf den Predigttext an, so löste sich das exegetische Problem in überzeugender Weise. Es war ganz einfach so. Da Frauen eine höhere kommunikative Kompetenz besaßen und besitzen, war es natürlich notwendig, sie als Auferstehungszeuginnen auszuwählen. Denn dadurch sorgte der Herr dafür, dass sich die gute Botschaft möglichst schnell herum sprach. Bei Männern wäre dieser Erfolg bei Weitem nicht gewährleistet gewesen. Die hätten sich vielleicht erst mal gar nicht geäußert, aus Angst sich lächerlich zu machen, hätten dann tagelang stumm vor sich hin gegrübelt und vielleicht wäre nach Wochen einem Jünger die Bemerkung entschlüpft, dass da neulich etwas doch recht merkwürdig gewesen sei, na ja, komisch eben, um nicht zu sagen ungewöhnlich. Ja, also, wie solle er es nur sagen, im Grunde habe es wohl auch nichts zu bedeuten… Nach unendlichen Räuspern und Gestotter hätte dann – hoffentlich diente dabei eine Frau als „Hebamme“! – schließlich die Botschaft „per Kaiserschnitt“ zur Welt gebracht werden können.

 

Den Rest kann man sich ja denken. Das mit der Auferstehung wäre gründlich daneben gegangen und heute würde man wohl Ostern überhaupt nicht oder drei Monate nach Karfreitag feiern. Nicht auszudenken, welchen Verlauf dadurch die Kirchengeschichte genommen hätte. Man stelle sich nur einmal vor, dass man Ostern nach Pfingsten hätte feiern müssen! Wie hätte man die Zeit zwischen Karfreitag und Ostern vom Kirchenjahr einordnen müssen? Auferstehungszeit? Zeit der Suche und des Grübelns? Knöterich graute es bei diesen Gedanken. Nein, es war schon stimmig und richtig, dass sich der Herr bei dieser Geschichte der Frauen bediente. Die Emanzipation stand für ihn auf einmal unter einem ganz andern Lichte und er sah ein, dass man den erfolgreichen Start der Kirche nur den Frauen zu verdanken hatte. Aber was die Kerle dann wieder daraus gemacht hatten!? Daran wollte Knöterich gar nicht erst denken!     

 

 

Biblische Protagonisten: Tumbe Männer – eloquente Frauen

 

Die Sonne stand schon sehr tief im Westen und ihre Strahlen fluteten in des Pastors Studierstube. Geblendet von so viel Licht, drehte er seinen Stuhl, so dass er mit dem Rücken zu dem hohen Fenster saß. Er hatte seine Arbeit zu Ende gebracht und ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit breitete sich in ihm aus. Mit überkreuzten Beinen und verschränkten Armen ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Die Anwendung von Forschungsergebnissen aus den Human- und Naturwissenschaften auf die Exegese beflügelte seine Gedanken und in seiner inneren Schau öffnete sich auf einmal eine Vielzahl von Türen. Er sah die Bibel in ganz neuem Lichte. Waren die Protagonisten der Bibel nicht zu einem überwiegenden Anteil Männer? Und verstrickten diese sich nicht allzu häufig in tödliche Schwierigkeiten wegen ihrer kommunikativen Inkompetenz? Hätte man diese Konflikte nicht mit einem entsprechenden „Coaching“ leicht auflösen können?

 

Ihm kamen Kain und Saul in den Sinn. War Kain nicht ein cholerischer Charakter mit einem tief sitzenden Minderwertigkeitsgefühl? Kain tötete seinen Bruder im Affekt, nur weil dem Herrn die Opfergaben Abels besser gefielen, und Saul – auch so einer, den Gott auf die Probe gestellt hat! –  versuchte in einem Anfall hasserfüllter Wut mehrmals, David mit seinem Speer an die Wand zu nageln. Hätten beide etwas von der Frustrations-Aggressions-Hypothese gewusst, die besagt, dass der Frustrierte seine Wut ausschließlich an Schwächeren auslässt, anstatt sich gegen den Verursacher der Enttäuschungen zu wenden, hätte es Saul und Kain doch wie Schuppen von den Augen fallen müssen. Statt ihren heißen Zorn an Unschuldigen und Schwächeren abzulassen – denn was hatten Abel seinem Bruder bzw. David Saul Böses angetan? – hätten beide sich mit dem Verursacher der Situation unterhalten müssen. Knöterich stellte sich eine entsprechende Einleitung folgendermaßen vor: „Du, Gott, wir müssen reden!“ Kopfschüttelnd resümierte unser Held seine Einsicht: Wie viele Leben hätte man retten können, hätte man damals schon über die Ergebnisse der modernen Wissenschaft verfügt? Wie viel Schuld und Unglück mit ihren verhängnisvollen Auswirkungen wären erst gar nicht entstanden?

 

Ach, diese „Herren der Schöpfung“ waren sie nicht fast alle kommunikative Krüppel? Getriebene ihres ungeklärten Aggressionstriebes? Kamen die meisten ihrer Gedanken und Impulse nicht aus dem Stammhirn, wo Gier, Angst und Neid nisten? Wie einfach ließ sich Adam in seiner Gier manipulieren? Verkaufte Abraham nicht aus Angst, von den Ägyptern umgebracht zu werden, seine Frau Sarah an den Pharao? Und warum brauchte Mose, der von sich selbst sagte, er habe noch nie gut reden können, seine Aussagen seien immer schwerfällig und unbeholfen (2. Mose 4,10), also warum benötigte dieser gefeuerte Prinz und auf Schafhirte umgeschulte Asylbewerber 40 Jahre (!), um Israel nach Kanaan zu führen? Sah man sich die Distanz einmal auf der Karte an, so konnte man diese Strecke in einer Woche bewältigen. Wie konnte nur dieser „Volk-in-die-Irre-Führer“ 40 Jahre lang in einem so kleinen Gebiet den Weg nicht finden? Auch hier konnte für Knöterich nur eine kommunikationstheoretische Erkenntnis Licht ins Dunkel bringen: Wegen der typischen Angst des Mannes, sich zu blamieren, wenn er mal zugeben müsste, nicht alles zu wissen, nicht alles im Griff zu haben, traute sich dieser tumbe Tor 40 Jahre lang nicht, mal einen Ortskundigen nach dem Weg zu fragen! Unfassbar! Es war nicht zu glauben! Die theologische Begründung, wonach ganz Israel wegen seines Ungehorsams in der Wüste sterben müsse und erst die folgende Generation das Land erobern werde (4. Mose 14,26-37), hielt Knöterich für eine nachträgliche Konstruktion und Geschichtsklitterung.

 

In Gedanken ließ unser Held die biblischen Protagonisten Revue passieren. Da waren nicht allzu viele, die kommunikative Kompetenz besaßen. Da waren nur der schlaue Jakob und sein Sohn, der weise Josef. Da waren noch der gewiefte und lyrisch begabte David, die eloquenten und ernsthaften Propheten, der radikale und bedingungslose Jesus und der gebildete Paulus.

 

Wie anders sein Ergebnis bei den biblischen Frauengestalten! Obwohl meist eine Nebenrolle spielend, waren sie ihren Männern sprachlich durchweg überlegen. Wie leicht fiel es Eva, Adam „um den Finger zu wickeln“! Wie geschickt verstanden es Sarah und Rebekka ihre Männer zu manipulieren? Wie überzeugend log Rahel selbst ihren eigenen Vater an, als der die von ihr geklauten Hausgötter suchte. Sie hatte sich ganz einfach drauf gesetzt und auf seine Frage hin, wo die Götzen seien, sagte sie einfach, sie wisse es nicht, aber er möge bitte entschuldigen, dass sie nicht aufstehen könne, sie habe gerade ihre Tage (1. Mose 31, 34f.). Welche Dreistigkeit! Ein Mann wäre da nie darauf gekommen!

 

Da gab es auch die schlaue Tamar, die Schwiegertochter Judas, die ihren Schwiegervater gegen seinen Willen durch eine List zwang, ihr Nachkommen zu schenken und ihn damit sogar beschämte (1. Mose 38). Die Prophetin Deborah fiel ihm ein, die erst ihren feigen Heerführer Barak überzeugen musste, gegen die Okkupanten Israels vorzugehen. Und da gab es noch Ruth, Judith, Ester, die Sünderin, die Jesus die Füße küsste und so viele andere. Alle kämpften und überzeugten mit Worten. Das Ergebnis war eindeutig: Bezüglich der kommunikativen Kompetenz waren die biblischen Frauen den Männern haushoch überlegen. War dies aber nicht zu allen Zeiten so, auch heute?  Knöterich empfand eine tiefe Genugtuung ob seiner neuen Einsichten. War er nicht zu einer Erkenntnis durchgedrungen, die die biblischen Schriften mit der heutigen Zeit kompatibel machten? Und war dies nicht das vornehme Ziel biblischer Exegese?

 

 

Das Kreuz mit Karfreitag

 

Mittlerweile war es dunkel geworden. Er ging in die Küche, bereitete sich ein karges frugales Mahl, aß, setzte sich danach vor den Fernseher und ging bald danach zu Bett. Tief und erholsam war diese Nacht und mit frischen Kräften setzte er sich nach einem kleinen Frühstück wieder an seinen Schreibtisch. Heute wollte er eine Karfreitagspredigt zu 1. Kor 1,18-25 verfassen. Auch ein Klassiker: „Freilich gilt die Predigt vom Kreuze denen, die verloren gehen als Torheit, uns aber, die gerettet werden, als Gottes Kraft“ (V.18).

 

Knöterich fühlte sich freudig in seine Studentenzeit zurück versetzt. Damals hatte er nämlich eine Seminararbeit über die Bedeutung dieses Textes bei Lessing und dessen Auseinandersetzung mit Reimarus geschrieben. Um was es damals im Detail ging, wusste er zwar nicht mehr, erinnerte sich aber mit einem gewissen Stolze an die lobenden Äußerungen seines Professors.

 

Nachdem er den Text gewissenhaft aus dem Griechischen übersetzt hatte – diese schlechte Angewohnheit konnte er sich zum Erstaunen seiner Kollegen einfach nicht abgewöhnen; einige nannten ihn deswegen: „Griecherich“ – begann er über den hermeneutischen Sinn der Perikope zu meditieren. Dabei bereiteten ihm die Verse 20f. Schwierigkeiten: „Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als Torheit erwiesen…“, weil diese eben Gott nicht erkennen konnte.

 

Knöterich wurde es bei dieser Aussage ganz anders. Hatte er sich nicht gestern noch der „Weltweisheiten“ bedient, um sie für eine moderne Exegese fruchtbar zu machen? Und ist er dabei nicht zu überraschenden Ergebnissen gekommen? Sichtlich verwirrt ging er den Text noch einmal durch. Es schien ihm, dass der Knackpunkt in dieser Perikope die „Predigt vom Kreuz“ darstellte. Zur Auslegung der Kreuzespredigt also brachten die Weltwissenschaften überhaupt keinen Nutzen. Denn wenn man sie auf die Kreuzesbotschaft anwendete, erwies sich die Aussage vom Kreuzesgeschehen schlichtweg als „Schwachsinn“. Andererseits, wenn man das Erlösungsgeschehen am Kreuz als göttliches Rettungshandeln an der Welt ansah, erschienen auf einmal die Weltwissenschaften als Unsinn. Irgendwie passte da nichts mehr zusammen! Alles war auf einmal „überkreuz“!

 

Knöterich kam nicht weiter. Brütend saß er auf seinem Stuhl. Dabei schweiften seine Gedanken ab und stießen auf eine aktuelle theologische Diskussion bezüglich der Kreuzestheologie, die ihn seit langem beschäftigte. Es war in der evangelischen Kirche seit einiger Zeit nicht mehr opportun, das Kreuzesereignis als Sühnehandeln Gottes zu deuten. Geradezu widerwillig lehnte man die damit verbundene Vorstellung ab, dass ein Gott, der reine Liebe sei, sich mit den Menschen erst versöhnen könne, wenn er zur Genugtuung seinen eigenen sündlosen Sohn stellvertretend für alle Sünden der Menschen am Kreuz geopfert habe. Das Blut eines unschuldigen Menschenopfers durch einen Gewalt fordernden Rachegott einerseits und andererseits einen unbedingt liebenden und vergebenden Gott, den jeder als Vater anbeten durfte; diesem Widerspruch wollte sich heute keiner mehr aussetzen. Ein Gott, der gerade im zentralen Heilsgeschehen einen Gewaltakt fordere, bliebe in der irdisch-kreatürlichen Gewaltspirale hängen und die so an ihn Glaubenden blieben ihren aggressiven Impulsen weiterhin ausgeliefert. Nein, der Gott Jesu sei ein ganz anderer Gott; er sei reine Liebe und Vergebung. Der Gang Jesu ans Kreuz sei hingegen lediglich ein Zeichen für die Treue Jesu zu seinem göttlichen Auftrag, nämlich den Weg der Liebe, der Vergebung, des Friedens und der Gewaltlosigkeit bis ans bittere Ende zu gehen. Kurz: Der Tod Jesu sei kein Sühnetod, sondern ein Treuetod gewesen.

 

Knöterich musste zugeben, dass dieser Ansatz einiges für sich hatte. Denn nun war Gott wieder ganz Gott und der Mensch wieder ganz Mensch. Der Liebe des Schöpfers entspräche, dass der Mensch von Natur aus gut sei und erst durch die irdischen Umstände und Konkurrenzsituationen immer vor dem Risiko stünde, böse zu werden, was aber durch die gegenseitige Vergebung immer wieder gerade gerückt werden konnte. Auch brauchte Gott nicht durch eine einmalige Sühne versöhnt zu werden. Nein, er sei wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn, der vergebe ohne Vorbedingungen, der sogar dem Sohn entgegenlief und dessen Sündenbekenntnis einfach überhörte in seiner Freude. Im Liebesgebot habe zudem jeder eine ethische Maxime bekommen, die den Menschen ein friedliches, liebevolles und gewaltfreies Leben untereinander ermögliche, die auch die Natur und die Tierwelt mit einschließe. Daraus folge ein prinzipieller Vegetarismus, den schon Jesus und die ersten Gemeinden praktiziert hätten. Das heutige Christentum habe nichts mehr mit dieser jesuanischen Botschaft gemein, sei vielmehr durch eine Reihe theologischer Manipulationen, wie zum Beispiel die Erbsündenlehre, und die Lehre vom Sühnetod Christi, denaturiert worden. Es ginge bei Jesus um ein einfaches praktisches Christentum der Liebe zu aller Kreatur.

 

Eine im Grunde sehr sympathische Lehre, fand Knöterich. Auch war alles irgendwie sehr logisch und in sich stimmig. Wer konnte an einer solchen sanften und liebevollen Religion Anstoß nehmen? Aber gerade an dieser Stelle kam ihm wieder der Text aus 1. Kor 1 in den Sinn, wonach die Predigt vom Kreuz den Juden ein Skandal und den Griechen eine Narrheit sei. Nur wo, bitte sehr, war denn in der neuen weichgespülten Lehre noch ein Skandal oder eine Torheit zu finden? Im Gegenteil! Wer eine solche Friedensreligion lebte, den konnte man vielleicht milde belächeln, aber dass er das Gute lebte und umzusetzen versuchte, konnte doch keiner ernsthaft als Narretei oder Skandal bezeichnen. Und Jesus, der das verkündigt haben soll, hat man für so etwas ans Kreuz genagelt?

 

Unser Pastor begann zu begreifen, dass hier Weltweisheit und Religion wieder in eine sehr harmonische Beziehung zueinander gekommen sind. Hatte sich die Welt, hatten sich die Menschen in den letzten zweitausend Jahren wirklich so verändert, dass die Kreuzesbotschaft heute nicht mehr als Ärgernis oder Torheit empfunden wurde? Knöterich konnte so etwas nicht glauben. Es genügte, einen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu werfen, denn so brutal und gewalttätig wie in dieser Zeit war die Menschheit zuvor noch nie gewesen. Wie musste man vor diesem Hintergrund die Kreuzesbotschaft heute interpretieren?

 

Das Gottesbild der neuen Lehre schien Knöterich nicht sehr stimmig zu sein. Stand dieser liebende Gott denn nicht mehr in Kontinuität zu dem des Alten Testamentes? Knöterich erinnerte sich, dass dort der Herr der Heerscharen sehr wüten konnte und manchmal regelrechte Mordbefehle erteilte, die die Vernichtung ganzer Völker betraf. Gleichzeitig war Er aber auch immer ein verzeihender und liebender Gott, der nicht abließ von seinem Volk, das ihn immer wieder verleugnete, der ihnen Propheten schickte, welche warnten und flehten. Steht dieser eifernde und liebende Gott wirklich in Kontinuität mit dem Gott der neuen Lehre? Knöterich wollte auf einmal scheinen, dass es sich mit der „neuen Lehre“ um eine neue Gnosis handelte, wonach die von der Lehre Angesprochenen ein gutes und vorbildliches Leben zu führen im Stande waren, wenn sie ihren göttlichen Funken vor aller Welt ethisch zum Leuchten brachten. Eine hohe Bildung und Intelligenz waren dabei wohl ebenso wichtig, wie ein esoterisches Gemeindeleben. Im Vollbesitz der göttlichen Regeln sich wähnend, entpuppten sich die Anhänger dieser neuen Lehre als neue Pharisäer, wollte ihm scheinen. Im Grunde brauchten sie nicht die Gnade Gottes, es reichte zu wissen, was Gott von ihnen wollte. War das nicht wieder eine gute Botschaft für diejenigen, denen es sowieso schon gut ging? War es demnach nichts anderes als ein neues Evangelium für die Gut-Menschen und die Gut-Seienden? Eine religiöse Zusatz- oder Vollkaskoversicherung?

 

Musste man hier nicht das Glaubensbekenntnis ändern und künftig sagen: „Ich glaube an Gott, den allmächtigen und liebenden Schöpfer und an Jesus, seinen treuen Knecht, der uns das Gebot der Liebe gebracht hat.“?

 

 

Alles „über-kreuz“: Sein und Nichtsein

 

Ach ja, richtig! Apropos Glaubensbekenntnis! Knöterichs Gehirn startete auf einmal einen regelrechten Overdrive. Was sollte das Gerede von Gott, der seinen Sohn opferte? War Gott nicht einer? Hatte man den Gedanken der Trinität denn vollkommen außen vor gelassen? Wenn Gott in Jesus Menschengestalt angenommen hat, dann ist dieser Gott in und mit diesem Jesus am Kreuze gestorben! Gott war in absoluter Solidarität mit seinem Sohn tot am Kreuz! Darum die Sonnenfinsternis, also die Rücknahme der Schöpfung und der kurzfristige Einbruch des alten Tohuwabohu nach dem Tod Jesu! Die Kenose des Vaters in Jesus war absolut und sie gingen diesen Weg bis in den Tod (Phil 2,4-7). Wie das Ganze nun zu deuten sei, bleibt ein göttliches Mysterium. Die Auferstehung Jesu an Ostern aber war das Bekenntnis an den lebendigen, den Tod besiegenden und alles neu schaffenden Gott. Die Kenosis Gottes in Christi bis ans Kreuz und die Auferstehung als Tod und Welt überwindender Sieg Christi bilden eine spannungsvolle Einheit. Karfreitag und Ostern lassen sich nicht voneinander trennen!

 

Für die Menschen damals und heute jedoch blieb und bleibt auf der rein rationalen Ebene ein sterbender und scheiternder Gott ein Ärgernis und ein auferstandener Gott eine Torheit. Auch heute hätten wir doch gerne Gott ein bisschen mächtiger als die Mächtigen dieser Erde; sozusagen als I-Tüpfelchen auf unserer Werteskala!

 

Nur es ging Jesus nicht darum, den Mächtigen eine größere Macht zu bieten und den Wissenden eine höhere Weisheit. Im Gegenteil! Die „vorletzten Dinge“ sollten in ihrem „So-Sein“ durch das Kreuz nicht geheiligt, sondern gerichtet werden. Dagegen die „Nichts-Seienden“, die Gescheiterten, Verlorenen, die durch fremde oder eigene Schuld ins Elend Gefallenen, die, die nicht zählen, die Wertlosen, die Kranken und Hoffnungslosen, all diese für die Welt nutzlosen Kreaturen wollte der Herr durch seinen Sohn wieder ins „Sein“ heben, nämlich in eine neue Gemeinschaft mit dem Herrn. Jetzt verstand Knöterich auch die Aussage in 1,28: „Gott, der erwählt hat das Nichtseiende, damit das Seiende vergehe!“

 

Diese Botschaft blieb und bleibt wohl für alle Zeiten ein Skandal und Ärgernis für all diejenigen, die zu den „Seienden“ zählen. Innerlich zerknirscht begann es Knöterich zu dämmern, dass er und sein ganzer Stand auch zu den Seienden gehörten, die in der Nachfolge nur ihr „Sein“ bewahren konnten, wenn sie am Auftrag des Herrn festhielten, nämlich die „Nichtseienden“ zu einem neuen „Sein“ zu führen. Denn als Anwalt stand ja der Herr selbst hinter all diesen „Nichts-Seienden“ (Mt 25). Und Knöterich fing an zu ahnen, dass er diesem Auftrage gegenüber immer schuldig bleiben würde und nur vor dem Herrn leben könnte, wenn er um Seine vergebende Gnade ständig bat.

 

Es war schon seltsam, ging es unserem Pastor durch den Kopf, aber wenn man die Welt im Lichte des Kreuzes sah, dann stand irgendwie alles auf dem Kopf: Das Hohe wurde niedrig, die Weisheit zur Torheit, das Große erschien klein, das Mächtige ohnmächtig und das Gesunde krank. Kurzum, alles wurde in gewisser Weise zwiespältig. Die Welt hatte durch das Kreuz ihre Eindeutigkeit verloren. Durch die Menschen und die Welt schien seitdem ein Bruch zu gehen. Auch wenn man sich für einen Weg entschied, so musste diese Entscheidung stetig erneuert werden. Doch wer im Glauben um den Einbruch der Ewigkeit in diese Welt wusste, konnte in freudiger Demut vor dem Herrn leben und das in seinem Anspruch relativierte Diesseits in seinem Namen gestalten. Das Kreuzesgeschehen war eigentlich keine Lehre! Es war und blieb im Kern ein Geheimnis, das sich nur dem erschloss, der sich ihm hingab. Wer das Kreuz durch Definitionen und rationale Beweisketten zu greifen suchte, dem entzog es sich. Auch hier war alles überkreuz und für eine durch und durch rationalisierte Welt musste eine solche Erkenntnis ein Ärgernis oder ein Witz bleiben.

 

Mysterium!? Knöterich ahnte schon, dass seine Kollegen ihm vorwerfen würden, dass sei doch alles sehr katholisch. Jedoch sah er das nicht so. Seine Meditation über das Kreuz führte ihn an den Rand des Sagbaren und damit an das Ende dessen, was menschliche Sprache auszudrücken vermag. Ihm fiel ein, dass das griechische Verb „myein“,  die sprachliche Wurzel von „Mysterium“, übersetzt „Augen und Mund schließen“ heißt. Es ist die Erfahrung Hiobs, der nach der überwältigenden Konfrontation mit Gott gesteht: „Ich lege meine Hand auf meinen Mund. Ich habe mehr geredet als ich sollte“ (40,4). Das Kreuz – so wollte es Knöterich scheinen – führte den Glaubenden über die Grenze seiner Ratio hinaus, in ein Gebiet, in dem der Glaubende sich nur noch der Güte des Herrn vertrauend öffnen und sich ergreifen lassen konnte: „Worüber man nichts sagen kann, darüber sollte man schweigen.“ In diesem Zusammenhang erhielt die Aussage Wittgensteins einen zutiefst religiösen Sinn.

 

 

Nachspiel

 

Knöterich fühlte sich auf einmal erschöpft. Ausgebrannt durch diesen theologischen Overdrive, der ihn erregt, aber auch etwas überanstrengt hatte, saß er nur einfach da mit schlaff herunterhängenden Armen und trüben Augen. Was ihn auch etwas deprimierte, war die Tatsache, dass er trotz des „geistigen Gewitters“ in seinem Hirn nichts aufs Blatt gebracht hatte. Vieles war zwar klarer, doch ein Aufhänger ward nicht gefunden und bislang keine Zeile verfasst. Gerade wollte er aufstehen, um sich etwas zu essen machen, als es klingelte. Missmutig trottete er zur Tür; ihm war im Moment nicht danach, mit jemanden zu sprechen.

 

Vor der Tür stand Frau Fenner, eine muntere Mittfünfzigerin, die jeden Donnerstagnachmittag die Gemeindebibliothek betreute. „Tach, Herr Parre! Unn, was mache die Kinner?“, begrüßte sie ihn mit verschmitztem Lachen. Die Frau Fenner und ihr ewiges Gefrozzel! Wie liebte sie dieses Spielchen! Und unser Pastor spielte mit: „Aber Frau Fenner, Sie wissen doch, dass ich keine Kinder habe!“ Darauf folgte prompt: „Ei, Herr Parre, do wert’s awwer Zeit!“

 

Das ging nun schon so, seit er hier Pastor loci wurde. Frau Fenner fragte ihn nach all dem, was er nicht hatte, also nach Computer, Handy, Badehosen, Turnschuhe, Fitnessstudio, Wanderstiefel usw. und immer wieder nach seiner Frau und den Kindern. Wenn er dann immer verneinte, erwiderte sie dann prompt: „Ei, Herr Parre, do wert’s awwer Zeit!“ Allerdings nach Computer und Handy fragte sie nicht mehr, denn diese Utensilien hatte er mittlerweile angeschafft. So kümmerte sich Frau Fenner um das Wohl ihres Pfarrers. Aber am häufigsten fragte sie nach Frau und Kind. Da ließ sie nicht locker. Und Knöterich gefiel dieses Ritual, fühlte er sich doch dadurch liebevoll umsorgt. Denn Frau Fenners Liebenswürdigkeit war so überzeugend und humorvoll, dass  er sich nie unter Druck gesetzt fühlte.

 

Ihr fröhliches Bemühen, ihn zu Frau und Kind zu bringen, war allerdings recht seltsam, wenn man ihre eigene Familie betrachtete. Der einzige Sohn, den sie liebevoll aufzog, schmiss das Gymnasium, brach eine Lehre ab, geriet in schlechte Gesellschaft, wurde drogenabhängig und schließlich kriminell. Nach mehrmaligen Rückfällen saß er jetzt in der JVA. Aber unbeirrbar hielt seine Mutter an ihm fest, nahm alle zwei Wochen Bus und Zug, um in die 40 Kilometer entfernte JVA zu kommen.

 

Mit ihrem Mann war es nicht viel anders. Er war ein haltloser Luftikus, hatte sie schon x-mal betrogen, setzte zwei Unternehmungen in den Sand und ruinierte damit seine Familie, befand sich immer am Rande des Alkoholismus und war er einmal betrunken, konnte er sehr unangenehm werden; er verlor immer wieder seine Jobs wegen Unzuverlässigkeit und litt seit einiger Zeit an Herz- Kreislaufbeschwerden.

 

Wenn es allzu schlimm wurde mit ihrer Familie, kam Frau Fenner zu Knöterich und sprach sich ihren Kummer von der Seele, wobei sie auch schon mal den Tränen ihren Lauf ließ.

 

Einmal fragte er sie, warum sie sich denn nicht von ihrem Manne trenne nach allem, was er ihr schon angetan habe. Daraufhin habe sie ihn aber fast vorwurfsvoll angesehen und ihn wiederum gefragt, wie er als Pfarrer so etwas sagen könne: „Nee, Herr Parre! Heit laafe se alle ausenanner weche jeder Kleenichkeet. Do brauch mer ach net zu heirate!“ Eine Scheidung könne sie nie und nimmer verantworten. Da würde ihr Mann völlig den Halt verlieren und in der Gosse landen, das wolle sie nicht, das könne sie vor ihrem „Herrgott“ nicht verantworten und sie bringe es erst recht nicht „übers Herz“, und dann sagte sie: „Ach, wisse se, mei Männel, der wert ach noch ruicher!“

 

Am Ende dieser Gespräche bat sie Knöterich immer mit ihr zu beten. Danach ging sie stets gefasst und fröhlich nach Hause, wobei sie nie ihr Spiel vergaß: „Also Herr Parre, vergesse net ihr Kinner!“

Was hatte diese Frau für eine große Seele und wie groß war ihr Glauben! Knöterich war überwältigt. Ihr Verhalten war rational kaum zu erklären. Ihre Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft waren ein offener Verzicht auf ihre Grundrechte nach Glück, Freiheit und Selbstentfaltung. Ihre unerschütterliche Hoffnung entbehrte jeder empirischen Grundlage und ihre glühende Liebesfähigkeit war geradezu selbstschädigend.

 

Da fiel ihm sein Predigttext ein und plötzlich verstand er, dass die einfache Frau Fenner jemand war, die mit ihrer Liebe, ihrem Glauben und ihrer Hoffnung zwei Menschen im „Sein“ zu halten verstand, die immer in der Gefahr standen ins „Nichtsein“ abzurutschen. Sie tat also nur, was sie intuitiv von ihrem tiefen christlichen Glauben her als Lebensaufgabe „ergriffen“ hat. Für das Verständnis der modernen Welt haben solche Menschen ein falsches Bewusstsein, weil sie überkreuz sind mit grundlegenden Individual-Werten. Menschen wie Frau Fenner sind und bleiben in einer Welt egoistischer Selbstentfaltung „heilige Narren“!

 

Ach, wie erbaulich war dieses Ereignis! Knöterich war zutiefst gerührt und zudem erfreut, dass der „Aufhänger“ zu seiner Karfreitagpredigt damit auch gefunden ward. An Frau Fenner wollte er in verfremdeter Weise die Narrheit des Glaubens exemplifizieren, die sich aber bei genauem Hinsehen als die Welt überwindende Macht des Herrn erweisen sollte. Sein Hungergefühl und seine Erschöpfung waren auf einmal wie weggeblasen. Mit neuer Energie  entschwand er flugs in seinem Heiligtum, wo man kurz darauf seine Finger wieder wie befreit auf der Tastatur tanzen sah.

 

Kaum hatte er die Predigt beendigt, klingelte das Telefon noch zu später Stunde. Unverschämtheit! Wer wagt es jetzt noch anzurufen? so ging es ihm durch den Kopf. Leicht verärgert nahm er den Hörer und grüßte kurz und trocken. Doch kurz danach verfiel das so straffe und entschiedene Antlitz des Pastors immer mehr, bis es schließlich ganz erlosch. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Auf einen Schlag sah er so grau und alt aus, dass man sich ernsthaft Sorgen um ihn machen musste. Aus dem Hörer drangen herzzerreißende Schluchzer und bitterliches Weinen an sein Ohr.  Erst nach einer Weile erkannte er dann die schniefende, von Heulkrämpfen unterbrochene Stimme von Frau Fenner: „Ach, Herr Parre! Mei Männel hot schon widder ä Anneri. Ich will nimmeh! Ich loss mich scheide!“

 

Es brauchte einige Minuten, bis Knöterich aus seiner Schockstarre erwachte und eine leidliche Betriebsbereitschaft wieder herstellen konnte. Erst stotternd, dann immer beschwörender versuchte er in zwei langen, verzweifelten Stunden noch, die gute Frau zum weiteren Ausharren in ihrer Ehe zu bewegen, alleine schon mit Rücksicht auf seine wunderschöne Karfreitags-Predigt, die er nur äußerst ungern einer Revision unterziehen wollte. Wenn sich die Wirklichkeit schon nicht nach seiner Predigt richten wollte, so müsste doch wenigstens seiner Predigt die Kraft inne wohnen, die Wirklichkeit zu verändern. Alleine, alles vergeblich. Zumindest bei Frau Fenner. „Nix do“, beschied ihn die resolute Frau gegen Mitternacht, „lang genuch hab' ich mich vunn ihne bequatsche losse. Morsche geh ich zum Anwalt!“ Und damit knallte sie den Hörer auf und Knöterich fiel[1] ins Bett – hoffnungslos! Ermattet! Erloschen! – oder wie wir Pfälzer es ausdrücken würden: „Fertich mit de Welt!“.

 


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[1] Diesen Schluss verdanke ich Bernd Dietsche, der mich immer wieder mit neuen Pointen und Ideen versorgt.