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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

 

Ein islamischer Doppelgänger des Opus Dei

 

Im Katholizismus formte sich Ende des 19. Jahrhunderts ein modernitätskritisches Programm, das als Integralismus bekannt geworden ist. Dieser Integralismus teilt mit dem wenig später entstandenen Fundamentalismus die Gemeinsamkeit, dass er sich selbst als auf dem Boden der Moderne stehend begreift, diese Moderne mit ihren wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften grundsätzlich akzeptiert, aber ihre weltanschaulichen Implikationen ablehnt. Klassische Beispiele einer fundamentalistischen Haltung sind US-amerikanische Kreationisten, die sämtliche Ergebnisse moderner Evolutionstheorien kategorisch ablehnen, aber zur Verbreitung ihrer Botschaften selbstverständlich neueste Kommunikationstechniken benutzen; ebenso lehnen islamistische Dschihadisten die moderne Vorstellung einer Trennung von Religion und Politik ab, benutzen aber in ihrem Kampf für den islamischen Gottesstaat die neuesten Errungenschaften waffentechnischer Art.

 

Allerdings setzt der Integralismus an einem anderen Punkt an: Geht es dem Fundamentalismus um eine aktive Umgestaltung auch der äußeren Ordnung der modernen Gesellschaften und ihrer Herrschaftsverhältnisse, um sie in ihrer Gesamtheit im Sinne eines vormodernen Religionsverständnisses zu transformieren, so setzt der Integralismus auf eine Wiedererrichtung der religiösen Grundlagen der Gesellschaft bei gleichzeitiger Beibehaltung der modernen äußeren Ordnung.  Der Jesuit Oswald von Nell-Breuning nannte in seinem klassischen Definitionitionsversuch in der 2. Auflage des „Lexikons für Theologie und Kirche“ den Integralismus „einen rel[igiösen] Totalitarismus, der aus dem Glauben (allein) die Antwort auf alle Fragen des privaten u[nd] öff[entlichen] Lebens entnehmen will, folgerecht den verschiedenen Kultursachgebieten nicht nur die absolute, sondern auch eine relative Eigenständigkeit abspricht u[nd] sie (oder mindestens die Betätigung der Gläubigen in diesen Bereichen) grundsätzlich der potestas directa der Kirche unterstellen will“.

 

Nell-Breuning und auch der Autor des Artikels „Integralismus“ in der 3. Aufl. des LThK, Franz-Josef Stegmann, sehen die klassische Zeit des Integralismus in der Auseinandersetzung mit dem Modernismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Diese Phase erlebte einen späten Höhepunkt unter Papst Pius X. und endete unter Benedikt XV., also mit dem Ersten Weltkrieg. Allerdings, so gestehen sowohl Nell-Breuning als auch Stegmann ein, gibt es ein latentes Weiterleben des Integralismus in klerikalistischen (Nell-Breuning) und fundamentalistischen (Stegmann) Strömungen. Peter Hertel sieht im Integralismus den Schlüssel zum Verständnis der Organisation „Opus Dei“ und behauptet damit das Weiterleben des Integralismus auch im zeitgenössischen Katholizismus.

 

In den vergangenen Jahrzehnten ist nun im Islam türkischer Prägung eine Bewegung entstanden, die in ihrer Arbeitsweise dem Opus Dei vergleichbar ist: die Fethullah-Gülen-Bewegung. Dabei handelt es sich um einen internationalen Verbund von Moschee-Gemeinden, Stiftungen und Schulen, die sich auf die Schriften des 1938 (oder 1941) in der Türkei geborenen, seit 1999 in den USA lebenden Imam Fethullah Gülen berufen. Ähnlich wie das Opus Dei zielt auch Gülen auf die Schaffung religiöser Eliten in allen Bereichen des öffentlichen Lebens; Mittel zum Zweck sind ihm dabei Bildungseinrichtungen, die nicht vordergründig als islamisch erkennbar sind, deren Repräsentanten aber bei genauerem Nachfragen zugeben, dass ihre zivilgesellschaftlichen Aktivitäten aus einem religiösen Antrieb heraus erfolgen. In Deutschland etwa sind die Pangea-Bildungszentren, die gegenwärtig unter der Schirmherrschaft von Wissenschaftsministerin Johanna Wanka einen internationalen Mathematikwettbewerb ausgeschrieben haben, Teil der Gülen-Bewegung, ebenso wie die World Media Group AG in Offenbach/Main oder der Bildungsverein Academy e.V. in Köln, der zur Förderung der türkischen Sprache sogenannte „Kultur-Olympiaden“ ausrichtet. Zur Gülen-Bewegung gehören auch Gymnasien wie die Sema-Schule in Mannheim, Bildungseinrichtungen wie das Feyza-Bildungszentrum Duisburg, Dialogvereine wie das Zentrum für Interkulturellen Dialog FID in Berlin und etwa 160 Nachhilfezentren.

 

Zu den eher lustigen Episoden um Fethullah Gülen gehört, dass dieser 2008 in einem Aufruf der US-amerikanischen Zeitschrift „Foreign Policy“ zur Wahl der 100 wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart auf den ersten Platz gewählt worden ist – obwohl Gülen in der Welt des Bildungsbürgertums nicht sonderlich bekannt ist. Der Grund liegt in der Veröffentlichung des Aufrufs in der größten türkischen Zeitung „Zeman“ mit Ablegern in vielen europäischen Ländern und auch in den USA; diese Zeitung ist ebenfalls Teil des Gülen-Imperiums und mobilisierte innerhalb kürzester Zeit eine halbe Million Leser für die Abstimmung, was dazu führte, dass die ersten zehn Plätze von Muslimen belegt wurden.

 

Eine Eigenart der Gülen-Bewegung besteht darin, dass keine Kontakte zu anderen muslimischen Verbänden oder Zusammenschlüssen gesucht werden: Im Zentralrat der Muslime, im Islamrat Deutschland oder auch in der Deutschen Islamkonferenz sucht man die Gülen-Bewegung vergeblich. Noch kurioser ist es, dass durch Gülen inspirierte Gymnasien zwar evangelischen und katholischen, aber keinen islamischen Religionsunterricht anbieten. Gülen will weniger islamische Unterweisung, als vielmehr säkulare Bildung für Muslime. Das klingt sehr modern und scheint anschlussfähig an die Forderung nach einem Euro-Islam, wie sie vor Jahren etwa von Bassam Tibi erhoben wurde; tatsächlich aber geht es bei Gülen darum, seine Anhänger aufzurufen, sich die Welt der Ungläubigen anzueignen.

 

Dieses Programm der „Wiederaneignung“ ähnelt dem der frühen Muslimbrüder in Ägypten, die – genau wie Gülen – alles Wissen dieser Welt als im Koran angelegt verstanden. Die Rückständigkeit der islamischen Welt käme nun daher, dass die Muslime dieses Wissen preisgegeben hätten und so dem Westen die Möglichkeit einer wissenschaftlich-technologischen Überlegenheit boten, die dieser genutzt habe, um die islamische Welt zu beherrschen und auch kulturell zu dominieren. Diese Fremdherrschaft könne nur durch Wiederaneignung des im Koran angelegten Wissens überwunden werden. Gülen, wie auch den frühen Theoretikern der Muslimbrüder, geht es darum, die gottgewollte Herrschaft des Islam über die Welt zu erkämpfen – sozusagen ein säkular getarnter Islamismus.

 

Gülen musste 1999 die Türkei verlassen, weil eine vor einem engeren Kreis von Anhängern gehaltene Rede landesweit publik wurde. In dieser Rede gab er Anleitungen zur Unterwanderung der politischen Institutionen und forderte auf, sich so lange konspirativ zu verhalten, bis die Zeit für die Machtübernahme gekommen sei. Gülen steht damit in einer längeren Tradition konspirativer Untergrundarbeit. Sein wichtigster Gewährsmann und spiritueller Lehrer, der Sufi-Prediger Said Nursi (1879 bis 1960), wollte ebenfalls moderne Wissenschaft und Islam miteinander verbinden und kämpfte gegen die säkulare Politik der kemalistischen Türkei. In den 1950er Jahren unterstützte er Adnan Menderes und dessen Politik der Rückkehr zum islamischen Staat, die 1960 durch einen Militärputsch beendet wurde. Gülen trat das Erbe Said Nursis an und unterstützte seit den 1970er Jahren antikemalistische Parteien, zuletzt von den USA aus die regierende AKP, von der er sich mittlerweile abgewendet hat.

 

Auch in Deutschland lassen sich die Aktivitäten der Gülen-Bewegung nicht einfach auf Nachhilfezentren, Mathematikwettbewerbe und Kulturolympiaden reduzieren. Diese sind die sichtbare Spitze einer ansonsten der Öffentlichkeit verborgenen Untergrundarbeit, in deren Zentrum das Heranbilden von Kadern in „Lichthäuser“ genannten  Wohngemeinschaft, in denen die Regeln der Scharia gelten, steht. Gerade darin wirkt die Gülen-Bewegung wie ein islamischer Doppelgänger des Opus Dei: elitärer Absolutheitsanspruch der eigenen Lehre nach Innen und scheinbar selbstlose Bildungsarbeit als Dienst an der Gesellschaft nach Aussen. 

 


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