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Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67435 Neustadt-Gimmeldingen

 

 

Gibt es zwei Autoren im Schöpfungsbericht Genesis 1,1–2,4a?

 

Es gibt im Schöpfungsbericht zwei Verben für das Schaffen Gottes. Das eine heißt bara – schaffen, das andere asah – machen. Bara kennzeichnet die Endfassung des Textes; denn dieses Verbum wird gebraucht in der Überschrift Gen 1,1 und in der Unterschrift Gen 2,4a. Nach der Überschrift taucht das Verb erst wieder auf bei der Erschaffung der Fische und der Vögel am fünften Tag, die von Gott gesegnet und mit einer Billigungsformel versehen werden. Wiederum finden wir es bei dem Tatbericht der Menschenschöpfung in Gen 1, 27 und dort gleich dreimal: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde; zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und als Frau.“ Es folgt der Segen und die Beauftragung der Menschen, sich zu mehren, die Erde zu füllen, sie sich untertan zu machen und zu herrschen über die Fische im Meer, über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Der Autor des bara knüpft hier an die beiden Werke des fünften und sechsten Tages an und er knüpft an die Formulierung von Gen 1,26 an, in der es heißt: „Lasset uns Menschen machen, ein Bild das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“ Er muss also diese Formulierungen, die nicht von ihm stammen, schon vorgefunden haben. Hat die Endredaktion des Textes eine Fassung überarbeitet, in der Teile des Berichts schon enthalten waren, aber diese dann ihren Absichten angepasst?

 

Bara taucht dann erst wieder in der Schlussformulierung in Gen 2,2b auf, wo es heißt: „Und Gott vollendete am siebenten Tag seine Werke, die er machte und ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ Hier scheint das bara unnötig zu sein, weil es als Doppelung zu asah hinzutritt, was an sich völlig ausgereicht hätte.

 

Wir halten also fest: Ein Autor, der das göttliche Schaffen mit bara kennzeichnet, ist für die Endfassung des Textes verantwortlich. Er meldet sich bei den Werken des fünften Tages zu Wort, den Wasser- und Lufttieren, meldet sich dann bei bei der Erschaffung des Menschen zum Bild Gottes wieder, die ursprünglich mit asah im Wortbericht beschrieben wurde. Dort trat der Plural der Gottesrede im göttlichen Monolog in der grammatikalischen Form eines Kohortativs („Lasset uns Menschen machen!“) auf und die Bestimmung des Menschen zu seinem Bilde, die der bara-Autor aufgreift und mit zwei verschiedenen Objekten wiederholt, um dann mit der Erschaffung von Mann und Frau zum Fruchtbarkeitssegen überzuleiten. Dies machte es erforderlich, dass bara dreimal wiederholt wird. Der Segen leitet dann über zum Herrschaftsauftrag, der ebenfalls in der Vorlage des asah-Autors in der Form eines Konsekutivnebensatzes bereits gegeben war („damit sie herrschen über …“), hier aber im Imperativ („Macht sie euch untertan!“ und: „Herrschet über sie!“) formuliert ist.

 

Sehen wir nun in der Schlussformulierung in der Doppelung von bara und asah in Gen 2,3d eine Bemühung der Endredaktion, das bara aus dem Rahmen des Berichts nun auch in der abschließenden Bemerkung über die Vollendung der Schöpfung am siebenten Tag unterzubringen, so haben wir die gestalterischen Eingriffe des bara-Autors in den Text ausreichend beschrieben, sodass wir nun nur noch seine theologische Absicht genauer ins Auge fassen müssen. Es kann sein, dass es der asah-Autor versäumt hatte, die Fische und die Vögel in seinem Schöpfungsbericht zu erwähnen. Das erforderte den ergänzenden Eingriff des bara-Autors, der diese Werke auf den fünften Tag legt, an dem ursprünglich die Tiere und das Vieh geschaffen worden waren, während die Menschenschöpfung das alleinige Werk des sechsten Tag war.

 

So entstehen in der Endfassung des Textes am sechsten Tag zwei Werke. Gesegnet werden aber nur die Menschen am sechsten und die Fische und Vögel am fünften Tag. Es fällt auf, dass der Segen bei den Landtieren fehlt. Dies hängt mit der Hinzufügung der Fische und der Vögel zusammen, die den Segen der Landtiere aus der Fassung des asah-Autors erhalten, während die Landtiere jetzt leer ausgehen, da es ja nur einen Segen gab. Der Menschensegen mündet bei dem bara-Autor in einen ausführlicheren Herrschaftsauftrag in Gen 1,28 ein, der inhaltlich eine Doppelung zum Herrschaftsauftrag in der Form eines Konsekutivnebensatzes der asah-Vorlage in Gen 1,26b ist, aber nun eben auch die Fische und die Vögel in sich einschließt und in eine Nahrungszuweisung an Menschen und Tiere einmündet. Das „Seid fruchtbar und mehret euch“ wurde bei den Fischen durch das „Und erfüllet das Wasser des Meeres“ ergänzt, das den Lebensraum der Fische kennzeichnet und bei den Vögeln durch das „Und die Vögel sollen sich mehren auf Erden“. Da die Erde aber auch der Lebensraum der Tiere ist, wird ersichtlich, dass der Segen sich hier eigentlich ursprünglich an die Landtiere richtete, und er erst später an die Fische gerichtet wurde, deren Lebensraum das Wasser ist, und an die Vögel, deren Lebensraum hier die Erde ist, statt der Luft als des denkbaren Lebensraums.

 

Der bara-Autor wusste also um die Gliederung der Schöpfung in die Erschaffung von Schöpfungswesenheiten, Schöpfungsräumen und Schöpfungszeiten, wie Odil Hannes Steck es in seiner Monographie über den ersten Schöpfungsbericht[1] genannt hat. Er ergänzt seine Vorlage um die Schöpfungswesenheiten Fische und Vögel, um den Schöpfungsraum Wasser des Meeres und bringt sich in der Abschlussformulierung bei der Erschaffung des Sabbats durch die Hinzufügung des für ihn kennzeichnenden bara in Gen 2,3b ein. Darüberhinaus gestaltet er das Gesamtwerk durch die Eingangs-und Schlussformulierung, die Toledot-Formel in der Unterschrift in Gen 2,4a: „Dies ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie geschaffen wurden“, und die Überschrift: „Im Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen“ in Gen 1,1 (beide Übersetzungen nach Steck).

 

Zusammenfassung: Der Endredaktor hat den Aufbau des Schöpfungswerkes von seiner Vorlage übernommen und nur geringförmig erweitert. Wesentlich ist seine Formulierung des Tatberichts der Menschenschöpfung mit dem dreimaligen bara, der Betonung der Gottebenbildlichkeit des Menschen durch die Objekte zäläm und demut und die Hervorhebung, dass Mann und Frau zu Gottes Ebenbild geschaffen worden sind, womit ein egalitärer Aspekt von Mann und Frau (wörtlich übersetzt: männlich und weiblich) ausgesprochen ist.

 

Der wesentliche Eingriff des bara-Autors ist also beim Menschenbild zu suchen. Durch seine theologisch durchdachten Formulierungen ersetzt er den älteren Tatbericht, der uns nicht mehr vorliegt und lässt an dieser Stelle die Ersterschaffungsformel: „Und es geschah also“ wegfallen, die sonst zwischen Wortbericht und Tatbericht steht. Ebenso fällt die Billigungsformel beim Werk Menschen („Und Gott sah, dass es gut war“) seiner Endredaktion zum Opfer.

 


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[1]          Odil Hannes Steck: Der Schöpfungsbericht der Priesterschrift, Studien zur literarkritischen und überlieferungsgeschichtlichen Problematik von Genesis 1,1-2,4a, Vandenhoek und Ruprecht, Göttingen 1975, 115 (Heft der Reihe Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testamentes)