Impressum

 

Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Denis Diderot oder das Verschwinden des Philosophen

 

Zu den vergessenen Jubilaren des fast abgelaufenen Jahres zählt der französische Philosoph Denis Diderot, der am 5. Oktober 1713 geboten wurde. Sein 300. Geburtstag verstrich eher still und bescheiden. Scheinbar hat er der Nachwelt wenig zu sagen, obwohl sein Name doch für ein Werk steht, das in der Mitte des 18. Jahrhunderts die wichtigsten Philosophen Frankreichs zusammenführte: eine monumentale Enzyklopädie, die meist als „Diderots Enzyklopädie“ bezeichnet wird. Genau darin besteht Diderots Problem: Er wird eben nur über die Enzyklopädie wahrgenommen, obwohl er einige philosophische Abhandlungen und sogar Romane geschrieben hat.

 

Will man sich Diderot nähern, muss man über die Kultur der philosophischen Salons im damaligen Paris reden. Obwohl als Epoche des aufgeklärten Absolutismus bezeichnet, war es für die Aufklärungsphilosophen nicht einfach, mit Gleichgesinnten zu debattieren. Veröffentlichungen unterlagen der Zensur, weshalb es nur hinter geschlossenen Türen eine offene Kommunikation geben konnte. Die Funktion der Salons bestand darin, diese Kommunikation zu ermöglichen, und jeder Philosoph, der etwas auf sich hielt, verkehrte in mehreren dieser privaten Treffpunkte. Der wichtigste Treffpunkt für den Kreis um Diderot war der Salon des aus Edesheim bei Landau stammenden Winzersohns Paul-Heinrich Dietrich, der über einen Onkel nicht nur zum angenommenen Nahmen Holbach, sondern auch zu einem großen Erbe und einem Adelstitel gekommen war; als Baron Paul-Henry Thiry d'Holbach ließ er sich in Paris nieder und förderte in seinem Haus die radikalen Aufklärer. Durch die Treffen bei Holbach war Diderot das, was man heute „gut vernetzt“ nennt: Zu seinen Bekannten zählten Jean-Jacques Rousseau, mit dem er zeitweise gut befreundet war und sich dann entzweite, der Mathematiker Jean Le Rond d'Alembert, mit dem er die ersten Bände der Enzyklopädie gemeinsam herausgab, der Philosoph Claude Adrien Helvétius sowie zeitweise der Sekretär des britischen Botschafters in Paris und Begründer der empiristischen Philosophie, David Hume. Aufgrund seiner Kontakte gelang es ihm, alles was Rang und Namen hatte, als Autoren für die Enzyklopädie zu gewinnen.

 

Weil die Person Denis Diderot fast vollständig hinter seinem Werk, der Enzyklopädie, verschwindet, erzählt man seine Geschichte am besten, indem man die Geschichte der Enzyklopädie erzählt: Diese beginnt 1746, als der Pariser Verleger André-Francois Le Breton sich mit drei anderen Verlegern zusammenschließt und ein königliches Privileg für die Herausgabe der französischen Übersetzung eines zweibändigen englischen Werkes aus dem Jahr 1728 mit dem Titel „Cyclopaidia or Universal Dictinonary of arts and sciences“ erhält. Als Übersetzer empfehlen ihm seine drei Kollegen den damals noch unbekannten Diderot, der gerade ein englisches Wörterbuch der Medizin ins Französische übersetzt hat.

 

Schon kurz nachdem Diderot seine Arbeit aufgenommen hat zeigt sich, dass das geplante Werk weit mehr werden würde als eine reine Übersetzung. Es entsteht der Plan, eine Enzyklopädie zu schreiben, die das gesamte Wissen der damaligen Zeit zum Inhalt hat. Ein derart ambitioniertes Werk, das für die vier Verleger sehr teuer werden würde, brauchte allerdings einen bekannten Namen als Zugpferd; Diderot gelang es, den damals schon recht bekannten Mathematiker und Philosophen d'Alembert als Mitherausgeber zu verpflichten. D'Alembert war, obwohl vier Jahre jünger als Diderot, bereits Mitglied der Französischen Akademie der Wissenschaften und damals schon so gut vernetzt, wie Diderot es erst später sein würde. Er kannte persönlich Voltaire, Montesquieu und Fontenelle und schaffte es, diese Größen als Autoren zu gewinnen und, was noch wichtiger war, sie persönlich für das Projekt zu interessieren.

 

Die Absicht der beiden Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert, alle Wissensbereiche zu beschreiben, führte zu einem Sammelsurium von unzähligen Artikeln, die allesamt nur durch die alphabetische Reihenfolge verbunden nebeneinander standen. Da stand der Artikel „Hebamme“ (Accoucheuse) neben „Adam“ sowie „Eleatische Sekte“ (Secte éléatique) neben „Elektrizität“ und, ganz besonders schön, „Sakrileg“ (Sacrilège) neben „Sauerkraut“ (Saver-kraut; das elsässische choucroute kannte man wohl in Paris nicht). Um nicht im Chaos zu versinken, ersannen Diderot und d'Alembert ein Organigramm des Wissens und ordneten sämtliche Stichworte Rubriken zu. Das Wissen selbst teilten sie ein in „Gedächtnis“, „Vernunft“ und „Einbildungskraft“. Zu „Gedächtnis“ gehörten sämtliche Disziplinen der Geschichte wie Kirchengeschichte, Geschichte der menschlichen Gesellschaft, Naturgeschichte, aber auch Geschichte des Himmels. „Vernunft“ umfasst Metaphysik, Natürliche Theologie, Offenbarungstheologie, Religion und Aberglaube, Philosophie, sämtliche Disziplinen der Wissenschaft von der Natur und vom Menschen, Mathematik, Physik, Moral, Logik, alle Sprachwissenschaften sowie die hermeneutischen Disziplinen. Interessant aus heutiger Sicht sind die Untergliederungen, wenn es etwa in der „Speziellen Physik“ unter Zoologie um Veterinärmedizin, Pferdekunde, Jagd, Fischfang und Falknerei geht. „Einbildungskraft“, der dritte Oberbegriff, umfasst sämtliche Wissensgebiete aus Dichtung und Musik.

 

Die Enzyklopädie wurde bereits vor dem Erscheinen des ersten Bandes zum Politikum. Da die führenden Köpfe der Aufklärung von dem Projekt wussten und ihre Mitarbeit zugesagt hatten, war die Vorbereitung von harten geistigen und politischen Auseinandersetzung begleitet. Im Juli 1749 stand das gesamte Unternehmen plötzlich auf der Kippe, weil Diderot verhaftet wurde, als seine Autorenschaft einiger anonym publizierter philosophischen Schriften bekannt wurde. Nachdem er seine Sünden vor den entsprechenden Instanzen ordentlich bereut hatte, konnten ihn seine Verleger nach drei Monaten wieder frei bekommen, weil sie den Behörden deutlich machten, wie viel Geld sie bereits in das Unternehmen investiert hatten.

 

Die mittlerweile weit über 1000 Subskribenten erhielten zum 1. Juli 1751 den ersten Band, und schon im Januar 1752 erschien der zweite. Gleichzeitig liefen die Gegenmaßnahmen, die von der regierungstreuen Presse, den kirchlichen Behörden und der Sorbonne angeführt wurden. König Ludwig XV. erwirkte ein Verbot der Enzyklopädie; gleichzeitig zeigte sich aber, dass die aufklärerischen Ideen bis ins Zentrum des Königshofs reichten. Diderot erhielt durch Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes, den königlichen Direktor des Verlagswesens, Wind von der geplanten Konfiszierung der Manuskripte und konnte sie beiseite schaffen – und zwar direkt zu Malesherbes, wo man sie am wenigsten vermutete; Madame de Pompadour, die Mätresse Ludwigs XV., erreichte dann, dass Diderot und d'Alembert drei Monate nach dem Verbot ihre Arbeit fortsetzen und im November 1753 den dritten Band veröffentlichen konnten. Aber auch danach hörten die Angriffe auf die Enzyklopädie nicht auf. Der Publizist Elie Catherine Fréron gründete 1754 eine Zeitschrift mit dem Titel „L'année littéraire“, die keinen anderen erkennbaren Zweck hatte, als die Enzyklopädie zu bekämpfen, und daneben erschien eine Schmähschrift nach der anderen.

 

Trotz aller Angriffe wurde die Enzyklopädie ein immer größerer Erfolg: Die Bände wurden immer dicker und teurer, aber dennoch wuchs die Zahl der Subskribenten auf etwa 4000 an. 1757 war der siebte Band mit dem Buchstaben G ausgeliefert, als das gesamte Unternehmen beinahe auf nicht mal halbem Wege zu scheitern drohte: Wegen eines Attentats auf Ludwig XV. war die Stimmung sehr aufgeheizt und die Regierung erneuerte ein Gesetz, wonach das Verbreiten von Schriften ohne ausdrückliche königliche Erlaubnis mit der Todesstrafe geahndet werden sollte. Die katholische Kirche sah dadurch erneut die Möglichkeit, die Enzyklopädie verbieten zu lassen und verstärkte ihre Angriffe. Gleichzeitig geriet d'Alembert wegen seines Artikels „Genf“ in die Schusslinie der Kritiker und legte völlig entnervt seine Herausgeberschaft nieder; auch der aus Genf stammende Rousseau, der sich schon länger mit Diderot überworfen hatte, sah jetzt einen Anlass, seine Mitarbeit aufzukündigen. Als 1758 auch noch Helvétius seine Schrift „Über den Geist“ veröffentlichte und hinterher öffentlich dafür Abbitte leisten musste, wurde 1759 das Privileg für die Herausgabe der Enzyklopädie zurückgezogen und die vier Verleger bekamen die Anordnung, die Subskribenten auszuzahlen.

 

Unter normalen Umständen hätte dies das Aus für die Enzyklopädie sein müssen: Das Werk war nun illegal und die Verleger standen aufgrund der drohenden finanziellen Forderungen der Subskribenten vor dem Ruin und zu allem kam auch noch die Verdammung der Enzyklopädie durch den Papst. Allerdings geschah das Wunder, dass keiner der Subskribenten sein Geld zurückforderte; alle wollten lieber auf weitere Bände der Enzyklopädie warten. Diderot, der nach einigem Zögern zur illegalen Weiterarbeit bereit war, konnte weiterhin auf Sympathisanten an den entscheidenden Stellen vertrauen: Malesherbes  hatte seine Einstellung nicht geändert, und auch der 1759 ernannte neuer Pariser Polizeipräfekt Antoine de Sartine duldete Diderots Weiterarbeit stillschweigend. Außerdem fand Diderot als nunmehr alleiniger Herausgeber in Louis de Jaucourt einen Helfer, und der Verleger Le Breton blieb ebenfalls an Bord und ließ die noch fehlenden Bände heimlich drucken. Auch fand man durch die Ankündigung, Bände mit Illustrationen drucken zu wollen, eine Möglichkeit, dem Unternehmen einen halbwegs legalen Anstrich zu geben, denn das Verbot galt nur den Textbänden. So schafften es Diderot und Jaucourt, bis 1765 alle 17 Bände der Enzyklopädie zu veröffentlichen. Bis 1772 folgten dann noch elf Bildbände.

 

Aus ökonomischer Perspektive war die Arbeit an der Enzyklopädie ein gigantisches Unternehmen. Der Verleger Le Breton beschäftigte in seiner Manufaktur fast 200 wissenschaftliche Mitarbeiter und über 1000 Arbeiter. Von Voltaire, der auch als Finanzfachmann einen guten Ruf hatte, existiert die Schätzung, die Enzyklopädie habe insgesamt etwa 7.650.000 Livres in Bewegung gebracht, „mehr als der gesamte bisherige Handel mit den beiden Indien“, so Voltaire. Davon ging nur etwas mehr als ein Prozent, nämlich 80.000 Livres, als Honorar für mehr als 20 Jahre Arbeit an Diderot. Den Profit der insgesamt vier Verleger, die an dem Unternehmen beteiligt waren, schätzt Voltaire auf etwa 2.400.000 Livres. Ein Gesamtexemplar der Enzyklopädie kostete 900 Livres; das Jahresgehalt eines Lyoner Seidenarbeiters wird mit knapp 640 Livres angegeben.

 

Schaut man auf die inhaltliche Ausrichtung der Enzyklopädie, kann als gemeinsamer Nenner die Philosophie der Aufklärung genannt werden. Die Beiträge zu mathematischen und naturwissenschaftlichen Themen befinden sich deshalb auf der Höhe des damaligen Kenntnisstandes der formalen Logik und der Naturbeherrschung. Interessanter ist der Blick auf philosophische und weltanschauliche Themen. In den ersten Bänden wagten die beiden Herausgeber nicht, ihr immer stärker zum Atheismus neigendes Wirklichkeitsverständnis, das mit einer gewissen Selbstverständlichkeit Grundlage der Debatten im Salon von Holbach war, auch zur wissenschaftstheoretischen Voraussetzung ihrer Artikel zu machen. Das Ergebnis war eine deistische Grundhaltung, die zwar von der katholischen Kirche bekämpft, aber von der königlichen Zensur gerade noch akzeptiert wurde.

 

Nach dem Ausscheiden d'Alemberts wird diese Zurückhaltung ab dem achten Band immer weiter aufgegeben; traditionelle theologische Stichworte werden mit neuen, aufklärungskompatiblen Inhalten gefüllt, um so den Begriff vordergründig zu würdigen, aber mit der herkömmlichen Bedeutung zu brechen. Deutlich wird das am von Diderot selbst verfassten Artikel „Metaphysik“, der in der scholastische Philosophie der katholischen Kirche eine zentrale Rolle spielt; Diderot demontiert die herkömmliche Bedeutung mit einem einzigen Satz und gibt ihm eine neue Bedeutung, die letztlich nichts anderes ist als eine Neudefinition. In voller Länge liest sich das so: „Metaphysik: Das ist die Wissenschaft von den Vernunftgründen der Dinge. Alles hat seine Metaphysik und seine Praxis: Die Praxis ohne den Vernunftgrund für die Praxis und der Vernunftgrund ohne praktische Betätigung bilden nur eine unvollkommene Wissenschaft. Befragen Sie einen Maler, einen Dichter, einen Musiker, einen Mathematiker und zwingen Sie ihn, Ihnen Aufschluss über seine Tätigkeit zu geben, das heißt zur Metaphysik seiner Kunst zu kommen. Wenn man den Gegenstand der Metaphysik auf sinnlose abstrakte Betrachtungen über Zeit, Raum, Materie und Geist beschränkt, so ist sie eine verachtenswerte Wissenschaft; aber wenn man sie unter ihrem wahren Gesichtspunkt betrachtet, so ist das etwas anderes. Nur die, welche nicht genügend Scharfsinn besitzen, sprechen schlecht von ihr.“ – Die ironische Wendung des letzten Satzes weist in aller Deutlichkeit darauf hin, dass der bisher mit diesem Begriff verstandene Gegenstand dem Aufklärungsphilosophen kein Thema mehr ist.

 

Der vielleicht geistreichste, aber – wie schon gesehen – wohl auch folgenreichste Beitrag der gesamten Enzyklopädie ist der im siebten Band von d'Alembert verfasse Artikel „Genf“. Was hat man von der folgenden (längeren) Passage zu halten? „In Genf duldet man keine Komödien; das heißt, man missbilligt dort nicht die Schauspiele an sich, aber man fürchtet angeblich die Vorliebe für Putz, Verschwendung und Zügellosigkeit, welche die Schauspielertruppen unter der Jugend verbreiten. Aber wäre es nicht möglich, diesem Übel durch strenge und sogleich vollstreckbare Gesetze hinsichtlich des Lebenswandels der Schauspieler abzuhelfen? Dank diesem Mittel hätte Genf dann Schauspiele und gute Sitten und könnte den Vorteil der beiden genießen: Die Theatervorstellungen würden den Geschmack der Bürger verfeinern und ihnen ein Schicklichkeits- und Feingefühl verleihen, das man ohne diese Hilfe sehr schwer erwerben kann; die Literatur würde daraus Vorteile ziehen, ohne dass die Zügellosigkeit Fortschritte machte, und Genf würde zu der Weisheit Spartas die Gesittung Athens hinzufügen. […]

 

Der Aufenthalt in jener Stadt, den sehr viele Franzosen trostlos finden, weil Schauspiele fehlen, würde dann zu einem an rechtschaffenen Vergnügen reichen Aufenthalt, wie er schon reich an Philosophie und Freiheit ist, und die Fremden würden nicht mehr darüber staunen, dass man in einer Stadt, wo schickliche und sittsame Schauspiele verboten sind, die Aufführung plumper und geistloser Schwänke erlaubt, die dem guten Geschmack ebenso widersprechen wie den guten Sitten. Das ist aber noch nicht alles: Das Beispiel der Genfer Schauspieler, die Züchtigkeit ihres Lebenswandels und das Ansehen, das sie dort genössen, würden nach und nach den Schauspielern der anderen Nationen zum Vorbild und denen, die sie bisher mit solcher Strenge und solcher Inkonsequenz behandelt haben, zur Lehre dienen. Man würde sie nicht mehr einerseits als Pensionsempfänger der Regierung und andererseits als Nichtswürdige ansehen; unsere Priester würden die Gewohnheit ablegen, sie aus der Kirche auszuschließen, und unsere Bürger die Gewohnheit, verächtlich auf sie herabzusehen; und eine kleine Republik genösse dann den Ruhm, Europa in diesem Punkt, der wichtiger ist, als man vielleicht annimmt, reformiert zu haben.“

 

Natürlich nimmt d'Alembert mit seinen Ausführungen über das komödienfreie Genf die freudlose öffentliche Moral des damaligen Calvinismus, die in dessen Hochburg Genf die öffentliche Ordnung prägte, gehörig aufs Korn. Der ironische Blick wird aber von den nur imaginierten Schauspielern auf die sehr wohl vorhandene „Geistlichkeit von Genf“ gerichtet, und dort entdeckt d'Alembert widersprüchliche Phänomene: „Die Priester leben in großer Einigkeit; man sieht sie nicht wie in anderen Ländern erbittert über unverständliche Dinge streiten, sich gegenseitig verfolgen, in ungehöriger Weise bei den Gerichten verklagen.“ Die Kehrseite: „Manche glauben nicht mehr an das göttliche Wesen Jesu Christi, das Calvin, ihr Oberhaupt, so eifrig verteidigte und um dessentwillen er Servet verbrennen ließ.“ Für den heimlichen Atheisten d'Alembert ist das ein Fortschritt, denn die Geistlichkeit befindet sich damit auf einem guten Weg. Auch wenn man die Religion in Genf nicht gutheiße, komme man nicht umhin festzustellen, dass man in Genf „weniger als anderswo über die Fortschritte der Ungläubigkeit“ klage. Wo es mit der Rechtgläubigkeit nicht so ernst genommen wird, gibt es eben auch weniger Probleme mit der Ungläubigkeit.

 

Warum aber ausgerechnet die Komödianten und Schauspieler? Nun, weil die Geistlichen in Genf nichts tun außer sich ausschließlich auf ihre Aufgaben zu beschränken und „als erste Bürger ein Beispiel in der Unterwerfung unter die Gesetze“ zu geben. Der „große Streit zwischen Papsttum und Kaisertum […] ist in Genf unbekannt; die Geistlichkeit unternimmt dort nichts ohne die Zustimmung der Behörden“. Würden also die Behörden Gesetze erlassen, um die Schauspieler zu zügeln, würde Genf, auch dank der gesetzestreuen Geistlichkeit, den beschriebenen Weg zur Reformation der Schauspielerei in ganz Europa gehen können. Für die anderen Länder, die weniger Probleme mit Schauspielern als mit Geistlichen haben, die d'Alembert auch als Komödianten betrachtet, gilt: Wenn sie Gesetze machen, die der Geistlichkeit die gleichen Zügel anlegen wie er es für die Schauspieler in Genf vorschlägt, werden sich die katholischen Geistlichen in Paris bald genauso gut benehmen wie die reformierten in Genf. Gekonnter kann man sich kaum gleichzeitig über die theokratischen Tendenzen des Reformiertentums und über die einheimische Priesterkaste lustig machen!

 

Zurück zu Diderot: Gut 30 Jahre nach seinem Tod ließ Johann Wolfgang von Goethe 1805 den philosophischen Dialog „Rameaus Neffe“ drucken, an dem Diderot in der Zeit zwischen 1761 und 1774 gearbeitet hatte und der zu dessen Lebzeiten unveröffentlicht blieb. Goethes Würdigung lässt erahnen, wie Diderot von seinen Zeitgenossen wahrgenommen wurde: „Diderot ist Diderot, ein einziges Individuum. Wer an ihm oder an seinen Sachen mäkelt, ist ein Philister, und deren sind Legion. Wissen doch die Menschen weder von Gott noch von der Natur noch von ihresgleichen dankbar zu empfangen, was unschätzbar ist.“

 

 


index / forum palatina / rezension / forum / archiv / links / e-mail