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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

 

Islamische Phobien

 

Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide hat ein ernstes Problem. Wie die Rheinpfalz am 19. November berichtete, werfen ihm muslimische Verbände vor, Irrlehren zu verbreiten. Normalerweise kann man über einen solchen Vorwurf lachen oder sich gemäß dem Motto „Viel Feind, viel Ehr“ geehrt fühlen; das Problem des Mouhanad Khorchide besteht aber darin, dass er an der Universität Münster am Zentrum für Islamische Theologie angehende Lehrer für das Schulfach Islamische Religionslehre ausbilden soll. Damit gerät er direkt in die Schlingen des deutschen Staatskirchenrechts, und an seinem Fall wird exemplarisch klar, dass es sich eben um ein Staatskirchenrecht handelt und nicht, wie sich manche wünschen, um ein Religionsverfassungsrecht, das gleiche gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten für alle Religionen anstrebt.

 

Betrachtet man die Debatte um die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts, wie sie seit fast zwei Jahrzehnten geführt wird, fallen drei unterschiedliche Interessenlagen auf. Zum ersten, aus der Sicht der muslimischen Verbände, geht es um die Teilhabe an einem Privileg, das direkt aus dem Körperschaftsstatus der christlichen Kirchen folgt und durch diesen begründet wird. Zum zweiten, aus der Sicht der Kirchen, geht es um die Hoffnung, dass die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts wie eine Lebensversicherung für den eigenen konfessionellen Religionsunterricht wirkt. Zum dritten, aus der Sicht des politischen Systems, geht es um die befriedende Wirkung für das Gemeinwesen, die einem islamischen Religionsunterricht zugeschrieben wird; in einem Unterricht, gehalten in deutscher Sprache von einer an einer deutschen Universität ausgebildeten Lehrkraft, wird ein anderer Islam gelehrt als in einer fundamentalismusanfälligen Moschee, so das Hauptargument.

 

Schau man sich diese unterschiedlichen Interessenlagen an, dann wird klar, warum sowohl Vertreter des Koordinierungsrats der Muslime als auch des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, dem auch die nicht gerade für ihre Verfassungstreue bekannte Islamische Gemeinschaft Milli Görüs angehört, Khorchide beschuldigen, Irrlehren zu verbreiten. Khorchide gilt als Vertreter eines modernen und aufgeklärten Islam; einen solchen Islam lehrt aber keine der den Islam in der Türkei oder im arabischen Raum repräsentierenden sunnitischen Rechtsschulen. Schaut man weiter auf die anderen islamischen Richtungen wie Schiismus oder Wahhabismus, dann sieht es eher noch schlimmer aus: Islamischer Theologie, wie sie gleichermaßen in den Rechtsschulen des eher dezentral ausgerichteten sunnitischen Islam oder im eher zentral gesteuerten schiitischen Islam gelehrt wird, fehlen völlig die Kategorien zur Unterscheidung eines weltlichen und geistlichen Bereichs; gerade diese Unterscheidung ist aber konstitutiv für das Christentum spätestens seit dem Zeitalter der Aufklärung. Das abendländische Christentum entwickelte schon lange vor Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre ein ausgeklügeltes Kategoriensystem zur Unterscheidung von weltlicher und geistlicher Macht, und nur auf dem Hintergrund dieser Unterscheidung ist das seit 1919 gültige Staatskirchenrecht der Weimarer Reichsverfassung und die Hereinnahme des konfessionellen Religionsunterrichts in den Grundrechtekatalog des Grundgesetzes zu verstehen.

 

Von hier aus wird das Begründungsgefälle zwischen christlichem und islamischem Religionsunterricht sichtbar. Die historische Linie kann für den christlichen Religionsunterricht folgendermaßen gezogen werden: Weil die Existenz von starken Kirchen mit ausgeprägtem konfessionellen Profil zur Zeit der politischen Neuordnung nach dem Ende des Kaiserreichs ein Faktum war, deshalb wurde den Kirchen der Körperschaftsstatus, den sie vorher auch schon hatten, belassen, und damit war zugleich das Recht bestimmter Privilegien wie etwa der Erteilung von konfessionellem Religionsunterricht gegeben. Die Offenheit der Verfassung hat zur Konsequenz, dass andere Religionsgemeinschaften diesen Status ebenfalls erlangen können, wenn bestimmte Voraussetzungen vorliegen.

 

Diese Begründung des konfessionellen Religionsunterrichts legt die gesamte Last der Beweisführung den Konfessionen auf. Und an dieser Beweisführung sind bisher alle islamischen Dachverbände gescheitert. Es gibt schlicht und einfach keine konfessionellen islamischen Körperschaften, sondern nur Hilfskonstrukte wie Koordinierungsräte islamischer Vereine und Verbände oder eben von der Kultusbürokratie berufene Beiräte zur Besetzung von Lehrstühlen. Damit ist aber die Begründung für konfessionellen Religionsunterricht verfehlt: Konfessionellen Religionsunterricht gibt es, weil es Konfessionen gibt, die sich aufgrund ihrer Organisationsform als Träger von Körperschaftsrechten anbieten. Im Falle des islamischen Religionsunterrichts ist es dagegen genau umgekehrt: Es gibt einen Bevölkerungsanteil, der aus islamischen Ländern eingewandert ist und vermutlich nach den Regeln der Scharia lebt. Wie hoch die Mitgliedschaft in Moscheevereinen ist, lässt sich grob schätzen, aber nicht genau beziffern. Unter diesen nach der Scharia lebenden Muslimen gibt es islamistisch ausgerichtete Minderheiten und eine hohe Zahl von Menschen in Parallelgesellschaften, die sich an der Lebensweise der Muslime in den Herkunftsländern, vor allem der Türkei, orientieren.

 

Nun liegt es im Interesse der Politik, genau diese Parallelgesellschaften so weit als möglich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren und überdies die von manchen Moscheevereinen ausgehende Gefahr der Verbreitung des Islamismus zu bannen. Ein geeignetes Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, scheint die Einführung des islamischen Religionsunterrichts zu sein. Die Angriffe auf Mouhanad Khorchide machen allerdings deutlich, dass der islamische Religionsunterricht dieses Ziel verfehlen muss. Die von den Verbänden in die Gremien entsandten Vertreter repräsentieren in der Regel die Religionspolitik ihrer Heimatländer, wie das Beispiel der Türkisch Islamischen Union der Anstalt der Religionen (Ditib) zeigt. Deshalb kommt weder Zustimmung für liberale Lehrkräfte noch für moderne Lerninhalte zustande.

 


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