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Dr. Boris Wagner-Peterson
Haßlocher Straße 24, 67459 Böhl-Iggelheim

 

 

450 Jahre Heidelberger Katechismus

Gedanken zum Jubiläum aus kirchenhistorischer und pfarramtlicher Perspektive [1]

 

Nach Jahrzehnten im Schatten ist der Heidelberger Katechismus (HK) jetzt wieder ins Blickfeld einer breiteren kirchlichen Öffentlichkeit zurückgekehrt. Mit Blick auf viele Veranstaltungen und Veröffentlichungen darf man sagen: Die Beschäftigung mit dem HK hat in diesem Jahr Hochkonjunktur. Der Grund ist naheliegend: Zum 450. Mal jährt sich 2013 die Einführung dieses Katechismus in der Kurpfalz. Schon ein kurzer Blick auf die Veranstaltungsorte dieses Jubiläumsjahres zeigt: Der HK nahm zwar seinen Anfang in der alten pfälzischen Hauptstadt Heidelberg, aber er ist bei weitem nicht in den Grenzen der Kurpfalz geblieben und so erinnern sich in diesem Jahr viele reformierte und unierte Kirchen auf der ganzen Welt an den HK als ein Stück der eigenen Geschichte und Tradition.

 

Wer sich mit Katechismen beschäftigt, der wird schnell dazu verleitet, seine Erkenntnisse auch in Katechismusform zu präsentieren, also in Frage und Antwort zu formulieren. Und so soll auch am Anfang meines Vortrags eine kurze Frage und Antwort stehen, die uns Wesentliches zum HK ins Gedächtnis ruft:

 

Frage: Was ist der Heidelberger Katechismus?

 

Antwort: Der Heidelberger Katechismus bündelt in 129 Fragen und Antworten eine biblisch verantwortete Auslegung des christlichen Glaubens. Er wurde 1563 im Auftrag des pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. eingeführt als verpflichtende Lehrnorm für Pfarrer und Gemeindeglieder der pfälzischen Kirche. Das Ziel des HK ist nicht nur Lehre über den christlichen Glauben, sondern existenzieller „Trost im Leben und im Sterben“. Der HK will biblische Lehre vermitteln, um jedem Christen und jeder Christin die Perspektive auf ein Leben und Sterben zu eröffnen, das in Gottes Heilshandeln sein unverlierbares Fundament hat. Dazu entfaltet der HK die biblische Botschaft nach den Gesichtspunkten „Erkenntnis des eigenen Elends“ – „Erkenntnis der Erlösung“ – „Anleitung zur Dankbarkeit“. Von dieser biblischen Fundierung des Lebens aus will der HK Orientierung geben für ein gottgefälliges Leben aus Dankbarkeit und zum Trost in den Nöten des Lebens bis hin zum Sterben.

 

Soweit meine katechismusartige Frage und meine Antwort zum HK. Vielleicht geht es Ihnen jetzt mit dieser Frage und dieser Antwort so, wie es den meisten Menschen heute mit Katechismen überhaupt geht: Ja, das habe ich alles schon mal so oder ähnlich gehört, das wird auch so richtig sein, aber es ist halt sehr dicht formuliert, schwer zu merken und auch ziemlich weit weg von meinem Alltag. So geht es den meisten Menschen heute mit Katechismen. Die Vertrautheit mit der Form, mit der Sprache und auch mit den Inhalten der Katechismen schwindet, schon seit langem. Aus der pfarramtlichen Praxis sind daher die Katechismen weitgehend verschwunden, auch der Heidelberger Katechismus.

 

Auf der anderen Seite hat gerade dieser Katechismus eine besondere kirchengeschichtliche Beziehung zur Pfalz: Wenn man nach dem wirkungsreichsten pfälzischen Beitrag zur Geschichte des Christentums fragt, dann wird man unweigerlich auf den HK stoßen. Kein Dokument der pfälzischen Kirche vorher und auch keines nachher hatte solch eine weltweite Resonanz wie diese 129 Fragen und Antworten, mit denen ein pfälzischer Kurfürst für seine Untertanen die wesentlichen Fragen des Glaubens und Lebens zu stellen und zu beantworten versuchte.

 

Die Beschäftigung mit dem HK in der Pfalz heute kennt also zwei Seiten: Einerseits die Faszination eines theologischen Bildungsguts mit regionalen Wurzeln und andererseits die Fremdheit gegenüber einem Frömmigkeitsdokument, von dem uns inzwischen fast ein halbes Jahrtausend Leben und Sterben trennt. Beiden Seiten möchte ich heute Raum geben. Ich tue dies mit zwei Erfahrungshintergründen: Als Kirchenhistoriker habe ich mich lange Jahre mit der reformierten Kirchengeschichte in der Pfalz im 16. Jahrhundert beschäftigt und kann die Faszination dieser Epoche und dieses Textes gut nachvollziehen. Als pfälzischer Gemeindepfarrer habe ich seit einem Jahrzehnt aber auch erlebt, wie fremd vielen Menschen diese historische Epoche und ihre Zeugnisse geworden ist. Den Ertrag beider Erfahrungen mit dem HK möchte ich Ihnen heute in der gebotenen Kürze vorstellen. Im Folgenden lasse ich mich von diesen drei Fragen leiten, die sowohl die Fremdheit als auch die Faszination des HK zur Sprache bringen sollen: Was macht den HK historisch interessant? Was macht den HK theologisch interessant? Inwiefern ist der HK heute noch aktuell?

 

 

1. Was macht den HK historisch interessant?

 

Der HK entstand zwar im Reformationsjahrhundert, aber er ist das Ergebnis einer historisch späteren Phase, dem Zeitalter der Konfessionalisierung. Präziser wäre zu sagen, dass der HK im Kontext der reformierten Konfessionalisierung der Kurpfalz entstanden ist und von dort her auch zu verstehen ist. „Konfessionalisierung“ ist zunächst zu unterscheiden von „Konfessionalismus“. Konfessionalisierung lässt sich zwar entlang der Konfessionen differenzieren, aber dieser geschichtswissenschaftliche Epochenbegriff beschreibt mehr als nur theologische Unterschiede. Konfessionalisierung ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess in Mitteleuropa, der mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 einsetzte und bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 währte. Konfessionalisierung bedeutet kurz gesagt: Die vielfältige mittelalterliche Welt endet und die Neuzeit beginnt. Das Mittelalter konnte vieles Verschiedene unvermittelt und unausgeglichen nebeneinander stehen lassen. Die Neuzeit hingegen ist gekennzeichnet durch das Streben nach Einheitlichkeit. Diese Einheitlichkeit sollte durch starke Institutionen mit klaren Normen durchgesetzt werden. Dazu dienten einheitliche Rechtsordnungen, Schulordnungen und Kirchenordnungen mit Katechismen. Ziel war eine Einheitlichkeit der Untertanen gegenüber einer Obrigkeit, die immer mehr nach Zentralismus strebte. Am Ende der Entwicklung stand der Absolutismus.

 

In diesen historischen Kontext gehört auch der HK, der im Machtbereich der Kurfürsten von der Pfalz den Glauben des reformierten Kurfürsten auch für dessen Untertanen verpflichtend machen sollte. Der HK war nicht der erste reformierte Katechismus dieser Epoche, und er war auch nicht der letzte. Trotzdem hat er von allen reformierten Katechismusentwürfen des 16. Jh. die größte Breiten- und Langzeitwirkung entfaltet. Warum? Mir scheinen drei Antworten überzeugend:

 

Die erste Antwort erklärt die schnelle Verbreitung als reformierter Katechismus im 16. und 17. Jh. Sie steht in engem Zusammenhang mit der Pfalz und zwar mit der geopolitischen Situation der damaligen Zeit. Die Kurpfalz war am Ende des 16. Jh. die entscheidende Bastion des Reformiertentums im Reich und in Westeuropa: Zürich lag am Rande der Entwicklungen, Genf war bedroht durch Savoyen, in Frankreich kämpften die Hugenotten ums schiere Überleben und in den Niederlanden band der Kampf gegen die Spanier viele Kräfte. So war die Kurpfalz das reformierte Zentrum Mittel- und Westeuropas. Dass gerade der kurpfälzische Landeskatechismus sich weit über die pfälzischen Grenzen verbreitete, lässt sich schon von dieser politischen Landkarte her verstehen. Diese prägende Kraft der reformierten Pfalz lässt sich etwa an den Biographien der Gelehrten ablesen, die aus Westeuropa in die Pfalz flüchteten. Am bekanntesten unter ihnen ist Petrus Dathenus, der aus den Niederlanden über England nach Frankenthal flüchtete, hier die pfälzische Kirche mitprägte und dann in die Niederlande zurückkehrte, um die dortige reformierte Kirche mit den pfälzischen Erfahrungen – und dem HK im Gepäck – mit aufzubauen. Pfälzisch am HK ist der Auftraggeber, Friedrich III., und pfälzisch waren auch seine unmittelbar beabsichtigten Benutzer, die Bewohner der Pfalz. Sein Hauptverfasser, Zacharias Ursinus, war kein Pfälzer, sondern ein geborener Schlesier, und auch die mutmaßlichen Mitglieder des Gremiums, das dem Katechismus seine Endgestalt gab, waren keine Pfälzer, sondern Gelehrte aus allen Teilen Europas. Insofern hatte dieser Katechismus von Anfang an eine europäische Weite, die über die Pfalz hinausstrahlte.

 

Die zweite Antwort, warum der HK eine so weite Verbreitung fand, ist nicht so sehr politischer, sondern theologiegeschichtlicher Art. Seine Langzeitwirkung hat der HK nicht deshalb entfaltet, weil er ein pfälzischer Katechismus war, sondern weil er ein reformierter Katechismus war, der reformierte Theologie in einer Weise darlegte, die anschlussfähig war für die vielfältigen Prägungen der reformierten Welt (vgl. Synode Dordrecht 1618/19: Annahme des HK als rechtgläubige Lehrnorm reformierter Christen). Die theologiegeschichtliche Leistung des HK besteht darin, dass er das Nebeneinander verschiedener reformierter Strömungen in der Pfalz damals produktiv ausgestaltet hat. Daran haben viele Theologen mit ihren Geschichten und Erfahrungshintergründen mitgewirkt: Zacharias Ursinus‘ Biographie und Theologie zeigen die Einflüsse der ganzen Bandbreite reformierter Theologien damals: Er war noch Schüler des alten Melanchthon gewesen, aber schon bald in Zürich von Peter Martyr Vermigli und Heinrich Bullinger reformiert geprägt worden. Natürlich war er gründlich vertraut mit der reformierten Standarddogmatik der Zeit, Calvins Institutio. In Ursinus‘ Wahrnehmung gab es zwischen Melanchthon – Calvin – Bullinger mehr Verbindendes als Trennendes. [2]

 

Ursinus gelang es, die reformierte „Mainstreamtheologie“ (Christoph Strohm) der Zeit in seinen Entwürfen zum Katechismus so zu formulieren, dass sie sowohl anschlussfähig war an die akademischen Diskussionen, als auch existenziell genug formuliert war, um auch den Bedürfnissen der einfachen Gemeindeglieder zu entsprechen. Wesentlich für die Prägung des HK war aber nicht nur Ursinus, sondern auch die Erfahrungen der reformierten Flüchtlingsgemeinden und ihrer Theologen in der Pfalz, z. B. der bereits erwähnte Petrus Dathenus in Frankenthal. Diese Gemeinden hatten am eigenen Leib blutige Erfahrungen mit katholischer Verfolgung gemacht, sowohl durch die Spanier in den Niederlanden und als auch durch die sog. „bloody Mary“ in England. Diese lebensbedrohliche Erfahrung muss man sehen, wenn man die polemische Frage 80 [3] zur katholischen Messopferlehre recht einordnen will. Hier sprechen nicht rasend-intolerante Fanatiker, sondern Menschen, die am eigenen Leib erfahren haben, welche Folgen es haben kann, aus reformierter Glaubensüberzeugung nicht zur Messe zu gehen und nicht die Knie vor der vermeintlich gewandelten Hostie zu beugen. Alle, die an der Entstehung des HK mit ihren theologischen und persönlichen Prägungen mitgewirkt haben, hinterließen ihre Spuren an diesem Dokument. Aber gerade diese Vielfalt der Inhalte und Prägungen hat zur Anschlussfähigkeit des HK zu späteren Zeiten beigetragen. Nach Christoph Strohm ist es gerade ein besonderes Merkmal reformierter Theologie, dass nicht Uniformität der Lehre verlangt wird, sondern Differenzen bestehen bleiben können, solange ein Grundkonsens angenommen werden kann. [4] Beides liefert der HK sehr deutlich – Differenz im Einzelnen und einen fundamentalen Grundkonsens – und daher ist er nicht ohne Grund „der“ reformierte Katechismus schlechthin geworden.

 

Die dritte Antwort, weshalb der HK so lange eine solche Verbreitung fand, ist formaler und praktischer Art: Der HK war vielfältig einsetzbar in kirchlichen und privaten Kontexten aufgrund der Vielfalt an Inhalten und an literarischen Gattungen. Der HK ist als Unterrichtsbuch, als Bekenntnistext, als Dogmatik und als Trost- und Erbauungsbuch konzipiert und rezipiert worden. Dadurch ist er in vielen kirchlichen und privaten Kontexten einsetzbar geworden und lange geblieben, zwar nicht mehr in der Pfalz, aber ganz ausgeprägt etwa in den Niederlanden bis heute.

 

 

2. Was macht den HK theologisch interessant?

 

Im Vergleich mit anderen theologischen Lehrtexten der Kirchengeschichte lässt sich behaupten, dass die Geschichte des HK aufs Ganze gesehen eine Erfolgsgeschichte ist. Womit lässt sich das erklären? Ich meine, dass es neben den historischen Argumenten auch eine Reihe von theologischen Grundentscheidungen des HK gibt, die ihn vor anderen Texten auszeichnet. Grundentscheidungen, die man sonst nur disjunktiv als „entweder so – oder so“ findet, verbindet der HK inklusiv im Sinne eines  „sowohl – als auch“. Einige dieser Grundentscheidungen möchte ich kurz benennen:

 

a) Durchgehend zeigen Fragen und Antworten des HK einen existentiellen Fokus (Was ist dein einiger Trost? Dass ich mit Leib und Seele …“ (HK 1);Woher weißt Du das?(HK 19),Was nützt Dir?“ …). Gleichzeitig hat der HK als Ganzes den erstaunlichen Mut zu einem neuen systematisch-theologischen Gesamtentwurf (Darlegung des Stoffes in einem eigenen systematischen Entwurf nach dem Schema Elend-Erlösung-Dankbarkeit statt Darlegung entlang der fünf Hauptstücke).

b) Im Umfang der 129 Fragen, in ihrem Inhalt und ihrer Differenziertheit ist der Mut der Verfasser zu erkennen, eine Laiendogmatik allgemein verbindlich zu machen, statt zu unterscheiden zwischen Laienkatechismus und Pfarrerdogmatik (so etwa Luthers Großer und Kleiner Katechismus). Dies stellte (und stellt bis heute wohl) für viele Menschen eine Zumutung dar. Aber diese Zumutung ist getragen von dem optimistischen Zutrauen in die Einsichtsfähigkeit der Menschen. Wer verstehen soll, der kann auch verstehen, wenn er sich bemüht. Hier wird humanistisches Erbe sichtbar, das in der Folgezeit eine spezifisch reformierte Bildungsoffenheit nach sich gezogen hat.

c) Die Vielfalt der Lehrentfaltungen im HK zeigen den Mut zur innerprotestantischen Integration. Lutherische, zwinglianische, melanchthonianische, bullingerische und calvinische Positionen sind nebeneinander zu finden. Gleichzeitig ist der HK bereit zur deutlichen Abgrenzung nach außen (vgl. HK 80. Frage). Diese doppelte Charakteristik machte den HK vor allem in Krisenzeiten besonders wertvoll: Nach innen werden die Kräfte gebündelt, nach außen erfolgt die Abwehr. So konnte der HK erheblich identitätsstiftend wirken. Dass der HK besonders im Kirchenkampf des 20. Jh. eine Renaissance erfuhr, verwundert daher nicht.

d) Der HK versteht sich nicht als Dogmen-Lehre, sondern ausschließlich als Entfaltung der biblischen Botschaft. Eine Lehre ohne biblische Fundierung darf keinen Geltungsanspruch in der Kirche und damit für die Gläubigen erheben. Aber die doctrina, die biblisch fundierte Lehre, die der HK formuliert, soll internalisiert werden, sie sollen Lebenshilfe und Lebensorientierung sein (Doctrina schola vitae [5]: biblisch fundierte Lehre schult uns für das Leben). Für beide Ausrichtungen votiert der HK ganz eindeutig: Woher kommt die Lehre? Aus der Bibel. Wozu dient sie? Zum Leben und Sterben heute.

 

 

3. Inwiefern ist der HK heute noch aktuell?

 

In einer Zeit, in der die Menschen keine hilfreiche Antwort auf ihre Fragen mehr gefunden haben, in einer Zeit, in der auch die alten kirchlichen Antworten nicht mehr weitergeholfen haben, hatten die Auftraggeber und die Verfasser des Heidelberger Katechismus den Mut, neue Wege zu gehen, neue Fragen zu stellen und neue Antworten zu geben. Der Heidelberger Katechismus hat die Fragen der Menschen nach dem christlichen Leben in der Welt ernstgenommen und er hat den biblischen Anspruch ernst genommen, dass christlicher Glaube nicht nur abstraktes Dogma ist, sondern immer auch „mein Glaube“ sein muss, der mir im Leben Halt und Orientierung gibt und mich am Ende nicht hoffnungslos sterben lässt. Der Heidelberger hat somit für seine Zeit aktuelle Fragen gestellt und versucht, sie auf biblischer Basis so zu beantworten, dass die Zeitgenossen es verstehen konnten und damit etwas für ihr Leben anfangen konnten.

 

Als Kirchenhistoriker, der sich lange mit diesem Text und seiner Rezeption beschäftigt hat und gleichzeitig seit über zehn Jahren Gemeindepfarrer in der Pfalz ist, wage ich zu behaupten: Die Fragen des HK sind heute kaum noch unsere Fragen und für die meisten Menschen sind auch seine Antworten nicht mehr ihre Antworten.

 

Der HK stellt gleich zu Beginn seine bekannteste Frage: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Wer fragt heute so? Das Leben der meisten Menschen heute ist so komplex geworden, dass ein Zentrum des Lebens oft nicht mehr zu erkennen ist. Von außen lässt sich dies kaum erkennen und vielen Menschen fällt es auch selbst schwer, das Zentrum ihres eigenen Lebens zu fassen. Der Freiburger Philosoph Andreas Urs Sommer hat mit Blick auf den heutigen Menschen von einem „multizentrischen Menschen“ gesprochen und dann geschlossen: „Die erste Frage des Heidelberger Katechismus, … nämlich „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ ist eine Frage, die der moderne multizentrische Mensch nicht mehr versteht. … [D]as, wofür Menschen heute Trost suchen, [hat sich] weitgehend individualisiert.“ [6] Nach Sommer ist die Rede vom einen einzigen Trost – und der auch noch für alle – nicht mehr nachvollziehbar. Jeder sucht sich seine größeren oder kleineren Vertröstungen, aber keiner fragt nach dem „einzigen Trost“. Ob ein Verzicht auf Religion im Sinne eines Verzichts auf „Letztorientierung“, wie ihn Sommer vorschlägt, [7] wirklich die Antwort auf die Fragen gegenwärtiger Menschen ist, halte ich mindestens für fragwürdig. Unzweifelhaft ist unser Leben heute durchgängig gekennzeichnet von Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung der Lebensentwürfe. Aber meine Erfahrung aus den Jahren im Pfarramt ist doch auch, dass bei aller zunehmenden Komplexität eines den meisten Menschen gemeinsam bleibt: eine tiefe Sehnsucht; eine Sehnsucht, dass mein Leben nicht völlig beliebig ist, dass mein Leben mehr ist als Arbeit und Pflicht, und auch mehr als Entertainment und Freizeitgestaltung, dass mein Leben einen Sinn hat. Ich meine, dass das Fragen nach Lebenssinn auch öffnet für einen Gott, der zwar weit weg ist, und den ich zwar gar nicht so richtig fassen kann, aber der da ist und bleibt, und dessen Hand mehr umfasst als ich – und alle Menschen – es je fassen könnten.

 

Ja, ich meine, dass der HK in der Tat nicht mehr alle Fragen heutiger Menschen stellt. Ich meine auch, dass die Antworten, die er liefert, nicht alle Fragen von heute beantworten. 450 Jahre Menschheitsgeschichte in der Pfalz und in der Welt drum herum seit 1563 haben neue Erfahrungen gebracht, alte Selbstverständlichkeiten zerrüttet und gleichzeitig neue Fragen geschaffen. Trotzdem kann der HK ein anregender Gesprächspartner für ein Fragen nach meinem Lebenssinn bleiben, wenn man sich auf den Denkaufwand von Übertragungsleistungen einzulassen bereit ist.

 

Zum diesjährigen Jubiläum hat der Siegener Theologe Georg Plasger ein hervorragendes kleines Büchlein [8] vorlegt, das zu solch einem Gespräch mit dem HK heute einlädt. Aus Zeitgründen kann ich leider nicht weiter darauf eingehen, sondern es nur zur Lektüre empfehlen. Plasger zeigt darin, welchen Weg man zurücklegen muss, um mit den HK über den Glauben heute ins Gespräch zu kommen: den Weg zurück in den Verstehenshorizont des 16. Jh., um dort die Glaubensentscheidungen des HK in dessen Kontext würdigen zu können, um dann schließlich den Weg in die Gegenwart zurück zu nehmen, um hier die Entscheidungen des HK im Gegenwartskontext zu bedenken. Das ist ein langer Weg und viel Verstehens- und Reflexionsarbeit. Wer ist bereit ihn mitzugehen? Aber redlicherweise sehe ich dazu keine Alternative, wenn man den HK als Gesprächspartner heute ernstnehmen will und nicht einfach nur eine erbauliche Textsammlung in ihm sieht.

 

Den Heidelberger Katechismus heute ernst zu nehmen, bedeutet daher für mich nicht, seine Fragen und Antworten einfach nur immer wieder zu wiederholen und nachzusprechen, sondern auf die Fragen der Menschen heute im Gespräch mit ihnen und mit der Bibel Antworten zu finden. Die Entscheidung des HK, sich auf die katechetische Struktur von Frage und Antwort auf biblischer Basis einzulassen, verstehe ich als bleibende Verpflichtung einer Kirche in der Tradition dieses Katechismus: Nämlich als Verpflichtung, mit den Menschen und der Bibel im Gespräch zu bleiben. Übrigens bedeutet „im Gespräch bleiben“ für mich nicht „Die Kirche stellt die Fragen und gibt auch gleich die Antworten“, sondern alle miteinander werden als Fragende und als Antwortende ernstgenommen und gehört.

 

Was ist Dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, beides im Leben und im Sterben Jesu Christi eigen bin“ sagt der Katechismus gleich zu Beginn. Was diese Aussage konkret für jeden von uns heißt, das sagt der Katechismus nur andeutungsweise. Da sind wir als Christinnen und Christen gefordert, unsere Antwort zu geben. Der HK macht uns sein Antwortangebot, aber letztlich verweist er uns auf die Bibel, die wir im Gespräch miteinander verstehen sollen. Wenn wir dies aus dem HK lernen, dann bleibt der HK mehr als ein faszinierendes Stück pfälzisch-reformierter Kirchengeschichte, dann bleibt er auch mehr als ein fremder Text aus einem anderen Jahrtausend, dann bleibt er, was er immer sein wollte: Hinweis auf den Einzigen, der Trost ist im Leben und im Sterben.

 


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[1]                     [1] Vortrag gehalten am 16.9.2013 anlässlich des Jahrgangsjubiläums im Pfarrdienst der Evangelischen Kirche der Pfalz im Martin-Butzer-Haus in Bad Dürkheim.

[2]              Vgl. dazu meine Dissertation: Boris Wagner-Peterson, Doctrina schola vitae. Zacharias Ursinus (1534-1583) als Schriftausleger, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2013, Refo500 Academic Studies 13.

[3]              HK 80 fehlt in der 1. Auflage. In der 2. Auflage lautet die VerwerfungVnd ist also die Mesz jm grund ein abgöttische verleugnung desz einigen opffers vnd leidens Jesu Christ.Ab der 3. Auflage erscheint die verschärfte bekannte FormelVnd ist also die Mesz im grund nichts anderst, denn ein verleugnung des einigen opffers vnd leidens Jesu Christi, vnd ein vermaledeyte Abgötterey.(A. Lang (Hg.), Der Heidelberger Katechismus und vier verwandte Katechismen [Leo Juds und Microns kleine Katechismen sowie die zwei Vorarbeiten Ursinus], Leipzig 1907 [ND Darmstadt 1967], 32f).

[4]                     [4] Christoph Strohm, Bullingers Dekaden und Calvins Institutio. Gemeinsamkeiten und Eigenarten, in: Peter Opitz (Hg.), Calvin im Kontext der Schweizer Reformation, Zürich 2003, 215-248, dort 215.

 

[5]                     [5] Vgl. dazu Wagner-Peterson, Doctrina schola vitae, passim.

[6]                     [6] Andreas Urs Sommer, Religionsverzicht. Ein Memorandum, Information Philosophie 2/2013, 8-14, Zitat S. 12.

[7]                     [7] Dem multizentrischen Menschen kannReligion [zwar] zu sporadischen Gefühlswallungen, zu einem gelegentlichen Erhabenheitskitzel verhelfen. Ihm gilt Religion als etwas, was den verführerischen Reiz der Verunklarung verströmt, den man sich zu hohen Feiertagen gönnt. Kurz: Religion ist dem multizentrischen Menschen nur noch Ornament.(Sommer, Religionsverzicht, 13).

[8]                     [8] Georg Plasger, Glauben heute mit dem Heidelberger Katechismus, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012.