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Petra Bosse-Huber
Hans-Böckler-Straße 7, 40476 Düsseldorf

 

 

True Colors

Der Heidelberger Katechismus im 21. Jahrhundert*

 

 

Ich liebe Verschwörungstheorien. Jedenfalls in Filmen und Büchern. Wertvolles Wissen wird geheim gehalten. Die Ordnung der Welt beruht auf Prinzipien, die nicht in die falschen Hände geraten dürfen. Eine Gruppe von Eingeweihten beschützt über Jahrhunderte die kunstvoll versteckten Insignien der alten Mächte, während ihre Erzfeinde alles daran setzen, die Verstecke aufzudecken und die Eingeweihten zu entlarven und sogar zu töten. Wenn dann noch wagemutige Wissenschaftlerinnen und Professoren mit von der Partie sind, die ohne mit der Wimper zu zucken ihre stillen Bibliotheken verlassen, um archäologische Schätze und mythische Überlieferungen zu retten, dann ist mein Popcorn-Kino-Erlebnis perfekt. Nicht selten bedienen sich diese Geschichten an Elementen biblischer Überlieferungen und einer gewissen christlichen Mythologie. Die Bundeslade spielt manchmal eine Rolle, jüdische und christliche Zahlenmystik, die Arche Noah oder der Heilige Gral.

 

Ich stehe heute nicht mit Indiana-Jones-Hut und Peitsche vor Ihnen, aber ich behaupte dennoch, dass eine Versammlung wie die unsere etwas von der Romantik, aber zum Glück wenig von der physischen Bedrohung der Geheimbünde der genannten Abenteuer-Filme hat.

 

Mir ist bewusst, dass der Reformierte Bund im Jubiläumsjahr des Heidelberger Katechismus keinesfalls eine geheime Freimauerer-Loge ist...

Aber es gibt etwas, das uns mit den Abenteuer-Filmen verbindet: Wir sind so etwas wie die Hüterinnen des Verlorenen Schatzes oder die Träger der Bundeslade. Nachdem uns Prof. Dr. Beintker den Heidelberger Katechismus als „Trostbuch im Gotteszweifel“ nahe gebracht hat, möchte ich mit Ihnen einige Gedanken dazu teilen, wie der Heidelberger Katechismus das Leben der reformierten, der evangelischen Kirchen im 21. Jahrhundert begleiten oder auch leiten kann.

 

 

1. Bekennen

 

In der Vorbereitung auf diesen Vortrag sprach ich mehrere Menschen in meinem Umfeld darauf an, was sie mit dem Heidelberger Katechismus verbinden. Ich war ehrlich gesagt erstaunt, wie viele von ihnen aus dem Stand Frage und Antwort 1 aufsagten – und zwar nicht nur Theologinnen und Theologen.

 

Eine meiner Gesprächspartnerinnen ist Mitte 30 und in einer reformierten Gemeinde in Westfalen aufgewachsen. Sie beendete die Rezitation mit einem Lächeln und sagte: „Sitzt immer noch bombenfest. Glaub aber nicht, dass wir im Konfi-Unterricht wirklich was dazu gehört hätten, was das bedeuten soll.“

 

Ich hob an: „Ja, aber ‚der einzige Trost im Leben und im Sterben‘…?!“

Sie fiel mir ins Wort: „Dass ich nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin… Wenn ich das schon höre!“

 

Ich dachte: „Interessant, hier ist schon die Klippe, nicht erst bei der Kreuzestheologie.“ Und fragte nach: „Glaubst du denn nicht, dass du Gott gehörst?“ - „Auf keinen Fall! Das ist doch ein furchtbarer Gedanke! Ich gehöre niemandem!“

 

Diese Gesprächspartnerin ist Gemeindepädagogin und arbeitet mit Freude und Überzeugung in der kirchlichen Jugendarbeit. Sie ist eine Expertin für Konfi-Camps und Jugendgottesdienste. Sie guckt nicht von außen auf das, was wir als Kirche tun, sondern sie ist mit ihrem privaten und beruflichen Leben mitten drin.

 

Mir ging dieses Gespräch nach, weil es mir so deutlich machte, wie schwer es selbst im „inner circle“ unserer Gemeinden und Kirchen wird, eine gemeinsame Basis für das Bekennen und für die Verbindung mit der Heiligen Schrift und den Glaubenszeugnissen unserer Tradition zu finden.

 

Den protestantischen Kirchen ist es gleichsam in die DNA programmiert, dass ihnen die Verbindung mit der vor-reformatorischen Tradition und die Betonung von Lehrtexten und Bekenntnissen grundsätzlich suspekt sind. Anders als die katholische und die orthodoxen Kirchen werden die reformatorischen Kirchen, wie Heinz Joachim Held schreibt, nicht getragen von der „Überzeugung von der unantastbaren Heiligkeit der Kirche und ihrer grundlegenden Bewahrung durch alle Zeiten (…) dank der Konzilien, des päpstlichen Petrusamtes und eines ausgesprochenen Traditionsbewusstseins.“ Stattdessen „dominiert ausgehend von den Erfahrungen der geschichtlichen Reformation das Bewusstsein von der stetigen Reformbedürftigkeit der Kirche. (…) Damit geht eine tiefe Verunsicherung im Blick auf ihre Verlässlichkeit, ja ihre Notwendigkeit einher.“ [i]

 

Heute kommen zu dieser nicht von der Hand zu weisenden Grundhaltung verstärkende Momente von anderer Seite. Die starke Betonung der persönlichen Freiheit und der Gewissensentscheidung im liberalen Protestantismus verbindet sich mit den auch gesellschaftlich immer stärker werdenden Tendenzen zur Individualisierung der Weltanschauungen und der ethischen Urteilsbildung.

Ich habe zu Beginn gesagt, dass wir in gewisser Weise die Bewahrerinnen und Hüter des Schatzes sind. Es ist ein Schatz, den gar nicht alle Menschen für wertvoll halten. Viele glauben mittlerweile, dieser Schatz existiere gar nicht. Auch wir hier werden uns nicht in allem einig sein, was wir über den Schatz zu sagen haben, den wir hüten.

 

Bekennen bedeutet, sich und anderen darüber Rechenschaft zu geben, wo und wofür ich stehe. Was ist mein geistliches Fundament, welche Prinzipien leiten mich in meinen Entscheidungen? Und mit wem bin ich in diesen Grundentscheidungen verbunden? Weiter gefragt: Drückt der Heidelberger Katechismus als Bekenntnisschrift auch heute noch das aus, was uns als evangelischen Christinnen und Christen wichtig ist – und falls ja, tut er das in einer Weise, die uns als Gemeinschaft eher verbindet als trennt?

 

Die Frage nach der einigenden oder trennenden Kraft der Bekenntnisschriften wird nicht erst heute mit Sorge oder Kritik verbunden. Schon im 19. Jahrhundert gab es in den reformierten Kirchen der Deutschschweiz vehementen Streit um Lehre und Bekenntnis. Schließlich galt, wie der Schweizer Pfarrer Rudolf Gebhard schreibt, „schon das Festhalten an einem verbindlichen Bekenntnis als katholisch“ [ii].

 

Die Aussagen, die zum Beispiel das Apostolikum zur Kirche macht, wurden „als unreformiert empfunden“. Ende des Jahrhunderts wurde Lehr- und Bekenntnisfreiheit durchgesetzt.

Konfessioneller Streit und die Auseinandersetzung zwischen den „Modernen“ und den „Traditionalisten“ sollten unterbunden werden. Die alten Bekenntnisse wurden als trennend, nicht als einigend wahrgenommen. Es wurde für zielführender erachtet, den vermeintlichen Zankapfel ganz zu entfernen als nach Wegen zu suchen, im Gespräch zu bleiben und die gegenseitigen theologischen Herausforderungen auszuhalten.

 

In den USA war der Heidelberger Katechismus zur selben Zeit besonders in protestantischen Kirchen mit deutschen oder niederländischen Wurzeln ebenfalls ein Zankapfel. Hier diente der Gebrauch des Textes jedoch häufig als Merkmal für die Abgrenzung der Deutschen und Niederländer gegen die befürchtete „Amerikanisierung“ ihrer Gemeinden und Gemeinwesen oder auch als theologisches Bollwerk gegen Liberale und Evangelikale gleichermaßen.

 

Eine Abkehr oder zumindest eine große Skepsis gegen die fortdauernde Relevanz der Bekenntnisse ist auch heute in verschiedenen theologischen Streitfeldern zu beobachten. Viele Christinnen und Christen in unserem Land verstehen nicht, dass oder warum zwischen Denominationen und Konfessionen um theologische Unterschiede gerungen werden kann und muss, wenn es in Wahrheit doch vielmehr darum zu gehen scheint, ob das Christentum sich als Ganzes gegen die Säkularisierung oder gegen andere Weltreligionen behaupten kann. Das Bekenntnis interpretiert das Evangelium. Der Katechismus legt die Heilsbotschaft aus – und ist heute selbst der Auslegung bedürftig.

 

Damit kommen wir zum zweiten Aspekt des Lebens mit dem Heidelberger Katechismus.

 

 

2. Lehren

 

Ich nehme an, dass es vielen von Ihnen so ergeht wie mir: Dass Sie sich nicht nur, aber besonders zu Hause fühlen in biblischen Texten, Gebeten und Liedern, mit denen Sie aufgewachsen sind oder die Sie sich als Erwachsene im Gottesdienst, im Studium, in der Bibellese, im Chor oder auf Kirchentagen zu eigen gemacht haben. Für mich ist es zum Beispiel so, dass zu einem „echten“ Ostersonntag das „Christ ist erstanden“ dazu gehört. Erst mit diesem Lied gibt das Grab sich als völlig leer zu erkennen, und das Licht des Ostermorgens strahlt auf.

 

Und ebenso tut sich in mir ein ganz besonderer Raum auf, wenn ich die erste Frage des Heidelberger Katechismus höre und dann die Antwort laut oder still spreche. Der Trost im Leben und im Sterben – das ist für mich real, und diese alten Worte sind wirkmächtig und geben mir Kraft.

 

Wenn Menschen mit den Worten der Bibel und der christlichen Tradition leben, so prägen sie sich in ihrem Leben ein. In der Landschaft der eigenen Biografie werden diese Worte mit jedem Jahr mehr, mit jedem Kirchenjahreszyklus, mit jeder Herausforderung und jeder Segenserfahrung zu den Leitplanken, zu den Steinen, Blumen und Hecken am Wegesrand, zu den Bergen am Horizont. Diese Worte prägen sich im Leben ein.

 

Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck hat den Vorgang des Einprägens so beschrieben: „Von ganz weit außen nach ganz weit innen wird (…) fortwährend übersetzt.“ [iii] Für viele Mitglieder unserer Kirchengemeinden gibt es heute diese Erfahrung des Einprägens und Übersetzens jedoch höchstens in eingeschränkter Weise – und das gilt nicht nur für Konfirmandinnen und Konfirmanden. Die Distanz, die viele Menschen zu den alten Worte und Melodien empfinden, kann vielfach kaum überbrückt werden. Wenn Sie Menschen fragen, welche Erfahrungen sie als Konfirmandinnen oder Konfirmanden mit dem Heidelberger Katechismus gemacht haben, ist dort entweder eine Leerstelle, weil er gar nicht vor kam. Oder es kommt eine Reaktion, die der meiner Bekannten ähnelt, die ich zu Beginn zitiert habe: Auswendig gelernt haben wir den Text, aber was das mit mir zu tun haben sollte, daran erinnere ich mich nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, als könnte ich Fragen stellen. Und die Antworten habe ich nicht verstanden.

 

In der Konfirmandenarbeit, in der Schule, in den Familienzentren, aber auch in der Seelsorge und im Gottesdienst machen wir immer häufiger die Erfahrung, mit wie wenig Vorwissen und christlichen Grund-Erfahrungen viele Menschen zu uns kommen. Wie fremd ihnen das ist, was ich bewusst exklusiv als „unsere“ Sprache bezeichnen würde, wie unvertraut „unsere“ liturgischen Formen und Glaubensüberzeugungen für sie sind.

 

Hier komme ich auch auf die Frage zurück: Welche Inhalte brauchen diese Vermittlung? Was ist es, das uns „unbedingt angeht“ und von dem wir meinen, dass es auch die Generationen nach uns angehen wird? Was ist der wirkliche Schatz, den wir tragen und bewahren?

 

Das Motto des Kirchentages in Hamburg war „So viel du brauchst“. Die ihm zugrunde liegende Geschichte der Speisung des Volkes Israel in der Wüste beeindruckt mich immer wieder und hält mich nach den verschiedenen Auslegungen und Anwendungen vom Kirchentag noch immer in ihrem Bann. In Exodus 16 wird von dem Wunder erzählt, dass Gott sein hungriges und erschöpftes Volk auf der Wüstenwanderung durch Manna und Wachteln ernährt. Es regnet Himmelstau und Lebensbrot – es gibt „so viel du brauchst“ für Leib und Seele.

 

Gott gibt den Seinen das „tägliche Brot“, so wie es der Heidelberger in Frage 125 formuliert: „Versorge uns mit allem, was für Leib und Leben nötig ist. Lehre uns dadurch erkennen, dass du allein der Ursprung allen Guten bist. (...) Lass uns unser Vertrauen von allen Geschöpfen abwenden und es allein auf dich setzen.“ Ein spannender Aspekt dieser Geschichte ist, dass das geschenkte Gut nicht haltbar ist. Es muss eingesammelt und verbraucht werden, über Nacht verdirbt es und beginnt zu stinken.

 

Wenn ich an das Volk Israel in der Wüste denke, sehe ich Männer, Frauen und Kinder vor mir, die ausschwärmen und mit Körben und Schalen, mit Krügen und Beuteln, vielleicht auch nur mit Schürzen und bloßen Händen das geheimnisvolle Manna und die kleinen Wachteln vom Boden aufsammeln und in das Zeltlager zurück tragen, um das Essen zuzubereiten und zu genießen. Das Manna ist Gottes gute Gabe. Übertragen können wir sagen: Das Manna, der Schatz - das ist die frohe Botschaft von Gottes Gnade und Erlösung, Thora, Weisung, das Evangelium von Jesus Christus.

 

Ich interpretiere die Antwort auf Frage 19 im Sinne des erneuerten Verhältnisses von Christen und Juden. Auf die Frage: „Woher weißt du das?“ (Dass unser Herr Jesus Christus der Mittler ist?) wird geantwortet: „Aus dem heiligen Evangelium. Gott selbst hat es zuerst im Paradies offenbart, dann durch die heiligen Erzväter und Propheten verkündigen lassen und durch die Opfer und andere Bräuche des Gesetzes vorgebildet, zuletzt aber durch seinen einzig geliebten Sohn erfüllt.“ Dies ist der Schatz, den es zu bewahren gilt.

 

Die Bekenntnisse und Katechismen hingegen sind nicht der wahre Schatz. Sie sind vielmehr die Behältnisse, in denen das Manna, das Himmelsbrot, gesammelt wird. Die Bekenntnisse und Katechismen tragen das Evangelium wie in einer Schale, einem Krug, einem Tuch. Die Behältnisse sind nicht überflüssig – aber sie dienen doch dem einen Zweck, dass Menschen von dem Manna essen können, dass sie die Nahrung erhalten, die sie satt macht.

 

Deswegen bin ich überzeugt davon, dass wir zum Beispiel in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – oder auch mit allen, die neugierig auf den christlichen Glauben sind, aber noch nicht viele Erfahrungen damit gemacht haben – den Fokus auf die Begegnung mit den biblischen Texten selbst legen sollten. Hier ist schon genug Übersetzungsarbeit und Erfahrungsdialog zu führen – da ist es zu schwer und fast gefährlich, denen, die hungrig sind, erst mühsam das Gefäß zu beschreiben, bevor sie wirklich das Manna kosten dürfen.

 

All dies bedeutet nicht, dass ich im Jubiläumsjahr des Heidelberger Katechismus sage: Die Schale ist alt, lasst sie uns entsorgen, wir töpfern uns eine neue! Im Gegenteil. Ich weiß es selbst und höre es in diesen Wochen und Monaten aus zahlreichen Rückmeldungen von Menschen aus verschiedenen Gemeinden: Die Beschäftigung mit dem Heidelberger Katechismus ist anregend, manchmal anstrengend, aber sehr fruchtbar. Nicht für alle evangelischen Christinnen und Christen ist das der Weg, sich mit Glaubensthemen zu beschäftigen, aber für viele. Zum Teil sind es die Mitglieder dessen, was manchmal als Kerngemeinde bezeichnet wird. Zum anderen sind es aber auch Interessierte und Suchende, die sich ansprechen lassen. In vielen Kirchengemeinden und Kirchenkreisen, in Akademien und in Studierendengemeinden gibt es Vorträge, Gesprächskreise, Predigtreihen zum Jubiläum. Die informative Wanderausstellung wandert wirklich durch die Lande und wird intensiv wahrgenommen.

 

Ich glaube, dass genau an solchen Orten die Träger und Hüterinnen des Schatzes gefragt sind –  und in diesem Falle meine ich Schatz und Gefäß, das Evangelium und den Heidelberger. Die Beschäftigung mit dem Heidelberger Katechismus in der Erwachsenenbildung kann in besonderer Weise ein „Kurs zum Glauben“ werden. Die Annäherung über Theologie- und Kulturgeschichte, die inhaltliche und auch sprachliche Interpretation und Übersetzung der Glaubensaussagen, die ernsthaften, vielleicht auch kontroversen Diskussionen darüber, was die Fragen und Antworten denn heute bedeuten und „nützen“ – all das ermöglicht Menschen, ihren eigenen christlichen Glauben zu hinterfragen und vielleicht aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.

 

Es gibt nicht nur sehr im Glauben verwurzelte, sondern auch suchende Menschen, die einen eigenen Zugang gerade dann entwickeln oder festigen, wenn ihnen Traditionslinien deutlich werden, wenn sie verstehen, dass sie Teil einer langen Geschichte und einer großen weltweiten Gemeinschaft sind. Der Heidelberger Katechismus dient auch im 21. Jahrhundert immer noch dazu, den nach Gottes Wort reformierten christlichen Glauben zu bekennen, ihn bekannt zu machen und zu lehren. Dass auch die Hüterinnen und Träger des Schatzes nicht dazu verdammt sind, im 21. Jahrhundert klammheimlich immer weniger zu werden und dann auszusterben –  davon bin ich zutiefst überzeugt!

 

Die dritte Funktion des Heidelbergers ist für mich ebenfalls mit seiner Geschichte, ja mit seinem Ursprung verbunden. Das ist die Funktion, Dialog zu ermöglichen und zu befördern. Hiermit komme ich zum dritten Teil.

 

 

3. Im Dialog sein

 

Die reformierte Kirchenfamilie fühlt sich besonders eng mit dem Heidelberger Katechismus verbunden. Dennoch „gehört“ er nicht den Reformierten. Der Heidelberger Katechismus ist vor 450 Jahren vielleicht nicht als Konsensdokument, zumindest aber innerevangelisch als ökumenischer Text entworfen worden. In der von konfessionellen Spannungen geprägten Pfalz wurde der Versuch gemacht, die Gruppierungen der Reformierten und der Lutheraner auf das festzulegen, was ihnen gemeinsam war. Dass sich an dem Text und um seine Verfasser herum so heftiger Streit entzündete, dass der Heidelberger schnell eher ein Scheidungsurteil als eine Eheurkunde wurde, ist ein tragisches Lehrstück über theologischen Über-Eifer und menschliche Begrenztheit.

 

Das Jubiläumsjahr des Heidelbergers ist in der Themensetzung der Reformationsdekade der Evangelischen Kirche in Deutschland verbunden worden mit dem Thema „Reformation und Toleranz“. Im dazu erschienenen Themenheft „Schatten der Reformation“ befragt Michael Weinrich den Heidelberger Katechismus auf seinen Beitrag zur Toleranzgeschichte. Er kommt zu dem Schluss: „Der Heidelberger Katechismus ist kein Bekenntnis zur Toleranz, wohl aber ein Bekenntnis, das sich nach heutigem Verständnis gern zum Bekenntnis der Toleranz gesellt, um dieses nicht der Gleichgültigkeit und der Leere zu überlassen, sondern ihm zu einer positiven Bestimmung zu verhelfen. Es kann das Bekenntnis zur Toleranz mit Leben erfüllen, damit dieses über das Niveau hinauskommt, schon damit zufrieden zu sein, die anderen nur in Ruhe zu lassen.“ [iv]

 

Wie in dem Zitat von Michael Weinrich schon angedeutet, kann festgestellt werden, dass für viele Menschen in den westlichen Ländern Toleranz so etwas wie ein Nicht-Angriffspakt bedeutet. Salopp gesagt: Tolerante Menschen lassen Menschen anderer Religionen, Kulturen und Weltanschauungen „ihr Ding“ machen und wollen von ihnen im Gegenzug ebenfalls möglichst in Ruhe gelassen werden. Die Grenze dieses Verständnisses von Toleranz ist schnell erreicht, wo Lebensformen, religiöse Riten und weltanschauliche Überzeugungen aus der Stille des Privaten in die Öffentlichkeit treten und für alle sichtbar, hörbar und damit potentiell störend werden – egal ob es um den Bau von Minaretten, das Läuten von Kirchenglocken, ein Gesetz zum Nichtraucherschutz oder die Homo-Ehe mit Adoptionsrecht geht.

 

Im Zusammenhang mit dem Toleranzgedanken möchte ich in aller Kürze zwei Themenfelder benennen, an denen sich für mich die Aktualität des Heidelberger Katechismus im Dialog erweisen kann. Das sind zum einen die Diskussion um Religionsfreiheit und zum anderen der ökumenische Dialog.

 

In den zurzeit intensiv geführten Diskussionen um Religionsfreiheit geht es vielen Verfechtern der säkularen Strömung darum, dass sie selbst von Religion befreit werden – und zwar so, dass sie ihre Existenz zwar tolerieren, aber nirgends im gesellschaftlichen Leben damit konfrontiert werden müssen. Dass Religionsfreiheit nicht als Freiheit von Religionsausübung, sondern als Freiheit zur Ausübung der eigenen Religion in unserer Gesellschaft ein hohes und teuer errungenes Gut ist, um das Millionen Menschen in vielen Ländern der Welt uns nur beneiden können, hat für sie kaum Relevanz.

 

Wir können natürlich keinen Einfluss darauf ausüben, wie viel Interesse unsere Gesprächspartnerinnen und -partner an einem echten Dialog haben. Was aber durchaus an uns liegt, ist ein Zweifaches: Erkennbar zu sein und ansprechbar. Es geht hier um die „true colors“, die echten Farben – gemäß dem Song von Cindy Lauper, den ich als Titel über diesen gesamten Vortrag gestellt habe. Alle, die in den 80er Jahren Radio gehört, in Discos oder auf Uni-Feten getanzt haben, werden sich erinnern: „So don’t be afraid and let them show...your true colors...beautiful – like a rainbow...“

 

Obwohl die Gesprächspartner und unsere Beziehungen und Verbindungen mit ihnen ganz unterschiedlicher Natur sind, gilt nach meiner Einschätzung nicht nur für den Dialog mit den christlichen Kirchen, sondern auch für die Gespräche mit anderen Religionen und mit den Religionskritischen, dass sichtbar sein muss, woher wir kommen, wofür wir stehen und wohin wir gehen wollen. Wenn das nicht deutlich wird, dann ist der Dialog zu Ende, weil wir keine ernst zu nehmenden Gesprächspartner sind. Es wäre wie in einem Pokerspiel, in dem jeder weiß, dass wir nichts auf der Hand haben. Da heißt es einpacken.

 

Eine der „true colors“, die wir als Vertreterinnen und Vertreter der reformierten und unierten Kirchenfamilien mitbringen, sind die theologischen Aussagen, die im Heidelberger Katechismus gebündelt sind. In der weltweiten Ökumene gibt es m.E. durchaus die Gefahren einer „zunehmenden Binnendifferenzierung“ oder sogar „Tribalisierung innerhalb einzelner Konfessionsfamilien“, von der Dagmar Heller und Johanna Rahner in der neuesten Ausgabe der Ökumenischen Rundschau sprechen. [v] Dennoch ist es wichtig, die eigene Farbe in das Bild einzutragen.

 

Der frühere Bischof für Ökumene und Auslandsarbeit der EKD Heinz Joachim Held stellt fest: „Es muss uns zu denken geben, dass sich wirkliche ökumenische Fortschritte auf kirchliche Einheit hin bisher nur im Bereich der protestantischen Konfessionsfamilie ereignet haben.“ Er beschreibt den gegenwärtigen Stand der zeitgenössischen Ökumene als „Abwarten oder Stocken“. [vi] Heinz Joachim Held benennt das, was für ihn zum Charakter der protestantischen Konfessionsfamilie gehört – was vielleicht auch viele von Ihnen als die „true colors“, die echten Farben, der reformatorischen Kirchen bezeichnen würden. Er nennt das sola fide, das Schriftprinzip des sola scriptura, die Rechtfertigungslehre, die Freiheit eines Christenmenschen und das allgemeine Priestertum. Wunderschöne Farben, die er nicht missen und nicht verstecken möchte.

 

Dennoch gibt er zu bedenken, dass zum Dialog nicht nur gehört, Farbe zu bekennen. Angesichts der zurzeit wahrnehmbaren Grenzen des ökumenischen Dialogs plädiert Held für „eine neue ökumenische Nachdenklichkeit“ und dafür, auch die eigenen protestantischen Positionen kritisch zu reflektieren. Sind gewisse reformatorische, lutherische oder reformierte Erkenntnisse sakrosankt, oder gibt es die Notwendigkeit, auch die Lieblingsfarben, die Lieblingssätze neu darauf hin zu befragen, wo sie nach Gottes Wort reformbedürftig sind? Konkret fragt er: „Werden wir bereit sein, unsere eigenen Engführungen zu überwinden, sowohl den protestantischen ‚Liberalismus’ als auch den katholischen und orthodoxen ‚Traditionalismus’, einsichtig im Blick auf das eigene ‚Soll’ und zugleich aufmerksam auf das ‚Haben’ der anderen? Es wäre ein enormer ökumenischer Fortschritt, wenn wir die eigenen Grenzen wahrnähmen, anstatt ständig unsere Stärken ins Feld zu führen, wenn wir williger würden, von den anderen Kirchen etwas für uns zu lernen.“ [vii]

 

Der Dialog braucht die Erkennbarkeit der Gesprächspartnerinnen, eine Grundhaltung der Achtung und des Respekts, aber durchaus noch ein Mehr, nämlich die Bereitschaft, überhaupt die Möglichkeit zu denken, dass die Sprechenden durch den Dialog selbst verändert werden und nicht die alten bleiben. In dieser Haltung kann das Jubiläum des Heidelberger Katechismus keine „Mir san mir“ – mäßige Champions-Cup-Feier sein.

 

Gerade die Kirchen, die den Heidelberger Katechismus zu ihren Bekenntnistexten zählen, wissen, dass die Geschichte mit diesem Text nicht nur glorreich, sondern auch bitter war, dass das Bekennen oft teuer bezahlt wurde und dass auch nicht zu allen Zeiten die Freiheit des Evangeliums in der Auslegung der Fragen und Antworten spürbar wurde. Damit komme ich zum vierten und letzten Teil des Lebens mit dem Heidelberger Katechismus im 21. Jahrhundert:

 

 

4. Gemeinschaft sein und werden

 

Auch 450 Jahre nach seiner Entstehung haben diejenigen, die mit dem Heidelberger Katechismus unterwegs sind, „als Glieder Gemeinschaft an dem Herrn Christus und an allen seinen Schätzen und Gaben“, wie es in der Antwort auf Frage 55 heißt. Dennoch sind auch diese Glieder der Gemeinschaft der Heiligen der Fürbitte und der Vergebung bedürftig. Hier kommt für mich ein wichtiger Teil der Theologie des Heidelberger Katechismus zum Ausdruck: Es wird das neue Leben in Christus beschrieben, das nicht nur das Heil der einzelnen meint, sondern immer die Gemeinschaft im Blick hat.

Dabei legt der Heidelberger Katechismus die 10 Gebote und das Vaterunser so aus, dass deutlich wird: Diese Gemeinschaft ist nicht nur die christliche Gemeinde, nicht nur die Gemeinschaft der Heiligen, sondern umfassend die Gemeinschaft aller Geschöpfe Gottes. Aus dem Verständnis von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi entsteht hier die Verbindung von Angenommen-Sein und Annehmen, von Glauben und Handeln. Damit ist im Heidelberger Katechismus in sehr konzentrierter Form die Verschränkung von Frömmigkeit und sozialer Verantwortung angelegt, die für mich in besonderer Weise zur reformierten Tradition gehört.

 

Aus der Erlösung erwächst die Dankbarkeit, aus der Rechtfertigung die Einheit mit Christus und damit „aktive Teilhabe an seiner Gerechtigkeit“, wie Christian Link es formuliert hat. [viii]  Diese aktive Teilhabe befähigt laut Link „als solche nun auch uns zu eigenverantwortlichem gerechten Handeln und Tun, zum ‚Tun des Gerechten’, wie Bonhoeffer formulieren konnte.“ [ix]

 

In diesem Zusammenhang steht unter anderem Frage 86 nach den „guten Werken“. Der Heidelberger sagt: „Wir sollen gute Werke tun, weil Christus, nachdem er uns mit seinem Blut erkauft hat, uns auch durch seinen Heiligen Geist erneuert zu seinem Ebenbild, damit wir mit unserem ganzen Leben uns dankbar gegen Gott für seine Wohltaten erweisen und er durch uns gepriesen wird. Danach auch, dass wir bei uns selbst unsers Glaubens aus seinen Früchten gewiss werden und mit einem Leben, das Gott gefällt, unseren Nächsten auch für Christus gewinnen.“

 

Ausgehend von der Erlösung durch Jesus Christus ist hier eine Ethik der Dankbarkeit und der Freiheit angelegt, die wir als Einzelne und als Gemeinschaft entfalten dürfen. In dieser Ethik der Dankbarkeit und der Freiheit, wie sie in den 10 Geboten begründet ist, ist eindeutig, dass zur Gottesliebe und Nächstenliebe das Eintreten für soziale Gerechtigkeit gehört. In der Auslegung des Heidelberger Katechismus zum 8. Gebot wird dies als Antwort auf Frage 110 in aller Kürze sehr eindeutig formuliert: „Gott verbietet nicht nur Diebstahl und Raub, die nach staatlichem Recht bestraft werden. Er nennt Diebstahl auch alle Schliche und betrügerischen Handlungen, womit wir versuchen, unseres Nächsten Gut an uns zu bringen, sei es mit Gewalt oder mit einem Schein des Rechts (…).“ Wie gut kennen wir den „Schein des Rechts“, wenn wir an die Risikogeschäfte der Banken denken, an Spekulationen auf Nahrungsmittelpreise oder an den Verkauf von Wasserrechten und Landraub in Entwicklungsländern.

 

Eine christliche Ethik der Dankbarkeit und der Freiheit ist im 21. Jahrhundert nötiger denn je. Mit der Globalisierung geht eine fortschreitende Individualisierung und Entsolidarisierung zwischen Ländern und Gesellschaften einher, und zwar mit steigernder Geschwindigkeit.

 

Obwohl viele Menschen, Gruppen, Verbände dagegen angehen, scheint der Prozess der Zerstörung von Gemeinschaft zurzeit immer etwas schneller zu sein als die Bemühungen derer, die die Gemeinschaft stützen und bewahren wollen. Genau an dieser Stelle sind wir wieder aufgerufen, Trägerinnen und Hüter des Schatzes zu sein – einer anderen Vision, einer größeren Wahrheit. Der Heidelberger Katechismus dient gerade hier als wunderbares Gefäß des christlichen Schatzes.

 

In seiner Auslegung zu den Fragen 125-129 zum Vaterunser schreibt Eberhard Busch: „Dreimal reden die Bitten von ‚unseren’ Nöten. Es geht also nicht nur um meine privaten Angelegenheiten. Es geht auch um die all derer, nah und fern, die neben uns leben und weben, hungern und dürsten, sich irren, bluten und bluten lassen, leiden und seufzen. (...) In der fürbittenden Fürsprache beginnt die Gemeinde der Arche Noah zu gleichen und strömt in irgendeiner beispielhaften Auswahl die ganze profane, die nichtchristliche Welt in die Kirche hinein. Wenn irgendwo, dann macht die Gemeinde gerade hier sich selbst verantwortlich und haftbar für den Mitmenschen, das Mitgeschöpf.“ [x]

 

Das ist es, was ich mir für mich und für meine Kirche im 21. Jahrhundert wünsche: Dass wir eine in dieser Weise befreite, lebendige, betende Gemeinde sind, eine Gemeinschaft, die so füreinander und für andere eintritt, dass sie der Arche Noah gleich wird. Von dort aus beginnen wir dann gemeinsam neu, „mit den Wassern der Sintflut gewaschen“, versehrt und doch erlöst. Hier schließt sich der Kreis. Wir enden mit einer Filmeinstellung in Technicolor, mit den „true colors“, den Farben des Regenbogens, den Gott als Zeichen seines Bundes in den Himmel setzt.

 

Wir stehen immer noch ohne Hut und Peitsche da. Aber wir sind ja auch nicht wie Indiana Jones auf der Suche nach der einen alten originalen Arche und ihrer vermeintlichen Kräfte. Wir jagen nicht Schätzen der Vergangenheit hinterher, sondern bewahren sie und tragen sie in die Zukunft, in Richtung des nächsten Jubiläums 2063 und darüber hinaus.

Das könnte eine Verschwörungstheorie der besonderen Art werden...

 

 

* Vortrag bei der Hauptversammlung des Reformierten Bundes in Heidelberg am 7. Juni 2013. Die Autorin ist Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Zur Veröffentlichung vorgeschlagen von Frank-Matthias Hofmann, Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken.

 


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[i]              [i] Heinz Joachim Held: Plädoyer für eine nachdenkliche Ökumene. Die Grenzen wahrnehmen und sich selbst besinnen, Ökumenische Rundschau 62/2013, S. 253.

[ii]         Rudolf Gebhardt: Glaubensjoch oder ewige Wahrheit?, zeitzeichen 1/2013, S. 34.

[iii]        Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend, S. 88. (Allerdings bezieht Erpenbeck sich hier auf die Einwirkung von politischen Ereignissen in das private Leben.)

[iv]        Michael Weinrich: Vermittlung gescheitert, in: Schatten der Reformation. Der lange Weg zur Toleranz. Das Magazin zum Themenjahr 2013 – Reformation und Toleranz, hg. v. Kirchenamt der EKD, Hannover 2012, S. 24.

[v]         Dagmar Heller und Johanna Rahner: Moralisch-ethische Urteilsfindung – eine aktuelle Herausforderung für den ökumenischen Dialog, Ökumenische Rundschau 62/2013, S. 246f.

[vi]        Heinz Joachim Held: Plädoyer für eine nachdenkliche Ökumene. Die Grenzen wahrnehmen und sich selbst besinnen, Ökumenische Rundschau 62/2013, S. 251.

[vii]      Heinz Joachim Held, a.a.O., S. 253.

[viii]      Christian Link: Trost und Gewissheit. Beobachtungen zur Theologie des Heidelberger Katechismus, Evangelische Theologie 72/2013, S. 473.

[ix]        Ebd.

[x]       Eberhard Busch: Der Freiheit zugetan. Christlicher Glaube heute – im Gespräch mit dem Heidelberger Katechismus, Neukirchen 1998, S. 287.