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Dr. Karlheinz Lipp
Friedrich-Wilhelm-Straße 42, 12103 Berlin

 

 

Evangelische Friedensaufrufe von 1913 aus Deutschland und Frankreich

 

Das Jahr 1913 brachte in vielen europäischen Ländern eine weitere Welle der Aufrüstung in einer ohnehin von Imperialismus, Nationalismus und Kriegsgefahr geprägten Epoche. Ein Jahr nach der Balkankrise, in der ein großer Krieg gerade noch einmal abgewendet werden konnte, bedeutete die deutliche Aufstockung der Armeen einen weiteren Schritt hin zu einer militärischen Eskalation. Aber auch in dieser Phase verstummten die Friedensstimmen nicht, dies zeigen zwei Beispiele aus dem deutschen und französischen Protestantismus.

 

Evangelische Friedenspfarrer von 1892 bis 1913

 

Die problematische Verbindung der evangelischen Landeskirchen mit der Obrigkeit seit der Reformation erfuhr im 19. Jahrhundert noch eine Steigerung, da 1871 der protestantische König Preußens zugleich Deutscher Kaiser wurde. Das Bündnis von Thron und Altar schuf die Voraussetzung für die evangelische Legitimation des kaiserlichen Deutschland – und die erfolgreichen Kriege von 1864, 1866 und, ganz besonders, 1870/71 zeigten dies deutlich. In den Kriegspredigten wurde der Sieg über den angeblichen „Erbfeind“ Frankreich vor allem als ein Erfolg über die liberal-aufgeklärten Ideen von 1789 verstanden. Hier artikulierte sich sehr klar die tief sitzende antirevolutionäre, antidemokratische, antisozialistische und antipazifistische Haltung großer Teile des deutschen Protestantismus, an der sich bis weit ins 20. Jahrhundert nichts änderte.

 

Bereits im Krieg von 1870/71 wurden die theologischen Standpunkte von 1914 bis1918 – und darüber hinaus – vorweggenommen. Militarismus, Nationalismus und Monarchismus erfuhren eine christliche Legitimation. Dabei erwiesen sich die lutherische Zwei-Reiche-Lehre und die gängige Interpretation von Römer 13 als besonders wirksam. Gott wurde als Lenker des siegreichen Deutschland verstanden. Viele Pfarrer und Theologen vertraten völlig unreflektiert diesen Standpunkt – und unterstützten damit hemmungslos den Kriegskurs des imperialistischen Kaiserreichs. Viele, aber nicht alle.

 

Im Jahre 1892 gründeten Bertha von Suttner und Alfred Hermann Fried in Berlin die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG). Bis 1914 umfasste diese Friedensorganisation, die noch heute existiert, in ca. 100 Ortsgruppen ca. 10.000 Menschen. Der Pfarrer Hermann Hetzel (Fürstenwalde) wirkte 1893/94 als Vorsitzender der DFG.

 

Im Jahre 1894 traten zwei Pfarrer der DFG bei, die maßgeblich den Kurs des pazifistischen Protestantismus prägten: Otto Umfrid (Stuttgart) und Ernst Böhme (Kunitz bei Jena). Dass der regionale Schwerpunkt der DFG besonders in Württemberg lag, ist vor allem das große Verdienst des sehr aktiven Stuttgarter Stadtpfarrers Umfrid. Dieser Friedenspfarrer verfasste ca. 600 Publikationen, erhielt eine Nominierung für den Friedensnobelpreis 1914 und wirkte seit 1900 als Vizepräsident der DFG. 

 

Der Thüringer Pfarrer und Friedenspädagoge Ernst Böhme entwickelte ebenfalls eine rege publizistische Tätigkeit, unterzeichnete viele Friedensresolutionen und organisierte mit der Ortsgruppe Jena (Helma Greiner) der DFG den ersten deutschen Friedenskongress in Jena im Mai 1908. Auf dieser Friedenstagung hielten drei evangelische Theologen Hauptvorträge. So sprachen der Marburger Martin Rade über Machtstaat, Rechtsstaat und Kulturstaat, der Jenaer Neutestamentler Heinrich Weinel über Christentum und Patriotismus sowie Otto Umfrid über Kolonisation und Auswanderung.

 

Im September 1907 referierte der württembergische Pfarrer Theodor Rohleder auf dem 16. Weltfriedenskongress in München über das Verhältnis von Kirche und Friedensbewegung. Rohleders kulturprotestantischer Ansatz sah das Ziel der Religion im Reich Gottes, das sich in der Verwirklichung von Frieden und Gerechtigkeit zeige. Dies schließe den Völkerfrieden ausdrücklich mit ein, und die Kirchen und Pfarrer müssen daher, so Rohleder, auf dieses Ziel hinarbeiten – und nicht der Friedensbewegung gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstehen. Theodor Rohleders Vortrag blieb nicht ohne Folgen. 

 

Im Dezember 1907 richteten Umfrid, Rade und Pfarrer Lic. Weber (München-Gladbach) einen Friedensaufruf an ca. 1000 Pfarrer in Deutschland. Die drei Verfasser verwiesen auf die zahlreichen Geistlichen, die in den USA und Großbritannien sehr rege die dortigen Friedensbewegungen unterstützen und wollten die deutschen Pfarrer zur Mitarbeit in der DFG gewinnen. Von den 1000 angesprochenen Theologen reagierten in den folgenden Wochen ca. 15 Prozent positiv, ca. 100 Geistliche traten der DFG bei. Dies muss angesichts der überwiegend antipazifistischen Rahmenbedingungen in den evangelischen Landeskirchen als ein beachtlicher Anfangserfolg gewertet werden.

 

Im Frühjahr 1908 veröffentlichte die DFG eine Liste von Personen, die bereit waren, über die Ziele und Aktivitäten der Friedensbewegung zu referieren. Diese Liste enthielt 42 Namen, davon die von 19 christlichen und jüdischen Theologen. Der Friedenskongress in Jena im Mai 1908 (Organisator: Pfarrer Ernst Böhme) gehörte ebenso zum Spektrum der friedenstheologischen Bemühungen in diesem Zeitraum.

 

 

Der Aufruf deutscher Friedenstheologen vom Frühjahr 1913

 

Die Anzahl derjenigen Theologen, die als besondere Aktivisten der Friedensbewegung eingestuft werden müssen, erhöhte sich von 1908 bis 1913 kaum – im Gegenteil. Martin Rade, dessen Zeitschrift „Die Christliche Welt“ eine wichtige Rolle in der theologischen Friedenspublizistik zukam, sprach in einem Vortrag auf der Tagung des Verbandes für internationale Verständigung in Heidelberg 1912 von einem Rückgang und bezifferte die Zahl der Geistlichen, die mit der Friedensbewegung verbunden waren, mit 117. Daher sollte ein neuer Appell erfolgen, der maßgeblich von Walther Nithack-Stahn, der als Pfarrer an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wirkte, verfasst wurde.

 

Dieser Friedenspfarrer publizierte 1910 eine fünfteilige Artikelserie Das Evangelium und der Krieg und referierte in Berlin im August des gleichen Jahres in der Sektion „Die Religion und der Friede“ auf dem Fünften Weltkongress für Freies Christentum und Religiösen Fortschritt. Ferner hielt Nithack-Stahn einen Vortrag in Berlin auf dem V. Deutschen Friedenskongress 1912 und veröffentlichte im Zeitraum 1912/13 mehrere Schriften zur Friedensthematik.

 

Der Friedensaufruf wurde im Frühjahr 1913 in 3400 Exemplaren verschickt. Das Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) stellte den historischen Bezug dar. Den politisch-aktuellen Anlass bildete die neue Heeresvorlage von 1913, die eine deutliche militärische Aufrüstung Deutschlands bedeutete. Das Kaiserreich beschleunigte damit zuerst die Drehung der Rüstungsspirale, andere Staaten folgten daraufhin – ein Jahr vor der Entfesselung des Ersten Weltkrieges. Der Aufruf der sieben protestantischen Friedenstheologen muss deshalb auch als eine wichtige Warnung vor einem drohenden Kriegsbeginn gedeutet werden.

 

An die Geistlichen und theologischen Hochschullehrer der evangelischen deutschen Landeskirchen.

Das Jahr 1913, das uns Deutschen eine große Volkserhebung zurückruft, bringt uns zugleich neue und beispiellose Kriegsrüstungen. Um den Völkerfrieden zu erhalten, so sagt man uns, muss immer angespannter gerüstet werden. Aber die Tatsachen zeigen, dass, da alle Kulturstaaten das gleiche tun, die Kriegsgefahr so nicht vermindert wird, weil gerade die immer drückendere Last des bewaffneten Friedens, verschärft durch Hass und Misstrauen der Völker untereinander, zur blutigen Entscheidung drängen kann, die wiederum nicht das Ende, sondern den Anfang erneuten Wettrüstens bedeuten würde.

 

Als Christen, die wir sein wollen, fühlen wir uns vor Gott und unserem Gewissen verpflichtet, aus diesem Dilemma des Krieges ohne Ende den Ausweg zu suchen, der menschenmöglich und gottgewollt ist: Friede auf Erden! Verständigung der Völker durch eine Rechtsgemeinschaft, die das Unrecht des Krieges durch den Rechtsspruch ersetzt und den Völkern die Ethik zumutet, die zwischen den Einzelmenschen selbstverständlich ist.

 

Nicht, dass wir materielle Opfer für hohe sittliche Güter scheuten, wie es das Bestehen eines selbständigen Volksganzen ist, im Gegenteil, auch uns ist das Leben der Güter höchstes nicht. Aber wir sind überzeugt, dass der Krieg seine Opfer an Menschenblut keineswegs rechtfertigt, weil sein angeblicher Zweck, der Frieden und das Recht, durch seinen Ausgang nicht verbürgt wird. Wir fordern von den Völkern christlicher Kultur das   s i t t l i c h e   Opfer, dass sie unter Zurückstellung kriegerischen Ehrgeizes und der Gelüste gewaltsamer Eroberung einen internationalen Rechtszustand herbeizuführen, der das Gewaltmittel der Waffen ausschaltet.

 

Mit diesen Forderungen, die den Urgedanken des Evangeliums entsprechen, sollten diejenigen voranstehen, die auf Katheder und Kanzel die Religion des Gekreuzigten verkünden. Es ist schmerzlich zu bedauern, dass bisher nur ein verschwindender Teil der deutschen evangelischen Theologen den Völkerfrieden öffentlich vertritt, dass wir diese praktische Gefolgschaft Jesu Christi der kirchenfremden Sozialdemokratie überlassen.

 

Nicht allein das Ansehen unserer Kirchen, auch die Lebenskraft unseres Glaubens verlangt diesen Beweis des Geistes ohne Menschenfurcht und der Kraft der Menschenliebe.

Wir Unterzeichner richten an alle unsere Berufsgenossen die dringende Bitte, daß sie es als einen wichtigen Teil ihrer Mission ansehen, in Wort und Schrift die Bruderschaft aller Menschen und Völker zu verkündigen!

 

Dieser unser gemeinsamer Entschluss sei uns die schönste Jahrhundertfeier des letzten europäischen Völkerkrieges, dies eine deutsche Volkserhebung unter der Losung: 'Gott mit uns!'

Im April 1913,

D. H. Weinel, Professor, Jena. E. Böhme, Pfarrer, Kunitz bei Jena. H. Francke, Pfarrer, Berlin. O. Umfrid, Pfarrer, Stuttgart. A. Wagner, Pfarrer, Neuhengstett. Lic. Wielandt, Niedereggenen. W. Nithack-Stahn, Pfarrer, Berlin“ (Die Eiche, 1913, S. 141f., Hervorhebungen der Überschrift und bei der Namensnennung bleiben unberücksichtigt.).

 

Wie sah die Resonanz auf diesen Aufruf aus? Bis Ende Juni unterzeichneten 395 Theologen den Aufruf, darunter zwei Konsistorialpräsidenten, fünf Dekane und, neben dem Jenaer Neutestamentler Heinrich Weinel, noch elf Professoren (Baldensperger, Nowak, Lobstein, Thieme, Gregory, Wendt, Glaue, Frommel, Niebergall, Rade und Privatdozent Bornhausen). Gegenüber dem protestantischen Friedensappell von 1907/08 votierten diesmal ca. viermal so viele Theologen für einen Friedensaufruf. Dies veranlasste Umfrid zu dem optimistischen Kommentar, dass die evangelischen Landeskirchen gegen einen drohenden Krieg eingestellt seien. Dies muss als eine problematische Einschätzung gewertet werden. 

 

Ein genauer Blick auf die Unterzeichner und deren geografische Verankerung verdeutlicht dies. So bekundeten allein 108 Geistliche aus dem „Reichsland“ Elsass-Lothringen durch ihre Unterschrift ihre pazifistische Haltung. Weitere 112 Unterzeichner wirkten in Regionen, die ohnehin antipreußisch bzw. antizentralistisch eingestellt waren (Bayern, Baden, Württemberg, Hessen und Sachsen). Nur 99 Pfarrer aus Preußen unterschrieben den Friedensappell, davon die Hälfte aus den von Preußen 1864 und 1866 annektierten Gebieten. Besonders aus den ostelbischen Gebieten fiel die Zustimmung minimal aus.

 

Der Friedensappell entfachte bereits in den Wochen nach seiner Veröffentlichung eine heftige publizistische Auseinandersetzung und erfuhr innerhalb des deutschen Protestantismus eine deutliche Ablehnung. Die Kritiker des Aufrufs, wie etwa der Charlottenburger Pfarrer Frederking, betonten völlig unkritisch und nationalistisch die starke Position des Staates, der ein Recht zum Führen eines Krieges habe. Die Bedeutung eines Internationalen Schiedsgerichts erfuhr starke Zweifel.

 

Nithack-Stahn, Böhme und Francke beteiligten sich als Erstunterzeichner an der Debatte und verteidigten ihre Auffassung. So argumentierte der maßgebliche Verfasser des Aufrufs, Nithack-Stahn, dass der Völkerfrieden ein zentraler Bestandteil des Christentums sei. Kriege und der damit verbundene Völkerhass seien Ausdruck einer kulturfeindlichen Barbarei. Kriege würden weitere Kriege hervorbringen. In anderen Ländern habe sich der Protestantismus, anders als in Deutschland, bereits deutlich friedenstheologisch akzentuiert, dies sei nun ebenfalls vom deutschen Protestantismus zu erwarten – etwa in Form eines Zuspruchs zum Internationalen Schiedsgericht. Nithack-Stahn beruft sich u.a. auf Immanuel Kant, dessen Schrift Zum ewigen Frieden (1795) für die Entwicklung der Friedensbewegungen nicht hoch genug eingestuft werden kann.

 

Hans Francke zählte ebenso zu den aktiven Friedenspfarrern. Bereits in seiner Zeit als Diakonus in Görlitz (1904) begannen seine friedenspolitischen Aktivitäten in der DFG. Ab 1910 leitete er als Vorsitzender die Ortsgruppe Berlin der DFG und nahm im gleichen Jahr an der Sektion „Die Religion und der Friede“ auf dem Fünften Weltkongress für Freies Christentum und Religiösen Fortschritt in Berlin teil. Im Frühjahr 1914 gehörte er, wie auch Nithack-Stahn und Umfrid, zu den Mitautoren von Der Wehrverein – eine Gefahr für das deutsche Volk. Die Entfesselung des Ersten Weltkrieges änderte Franckes Friedensposition nicht und deshalb kritisierte er seine vielen militaristischen Kollegen. Der Kreuzberger Pfarrer entwickelte sich während des Krieges zunehmend zu einem wichtigen Vertreter des Religiösen Sozialismus.

 

Eine Folge des Friedensaufrufs stellte die Veranstaltung pazifistischer Pfarrer im Rahmen der Tagung des Protestantenvereins, der wichtigsten Organisation des kirchlichen Liberalismus, in Berlin am 15. Oktober 1913 dar, Leitung: Ernst Böhme. Nithack-Stahn referierte über die Gewissenspflicht der Theologen, wonach eine Gewaltanwendung bei Kontroversen zwischen Völkern dem Geist Jesu widerspräche. Kriegsverherrlichungen und männlicher Tapferkeitsruhm seien, so Nithack-Stahn, nicht mit dem christlichen Gerechtigkeitsgefühl vereinbar.

 

 

Der Friedensaufruf des Bundes der evangelischen Kirchen Frankreichs von 1913

 

Der Protestantismus umfasste in Frankreich ca. 1,5 Prozent der Bevölkerung. Im Jahre 1904 wurde die Fédération Protestante de France gegründet. Führende Vertreter wie Wilfred Monod und Elie Gounelle vertraten einen sozialistischen und pazifistischen Kurs. Vor diesem Hintergrund ist auch die folgende Erklärung zu verstehen, die sich deutlich von der militaristischen und imperialistischen Position der evangelischen Landeskirchen in Deutschland unterschied.

 

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges änderte sich jedoch diese Haltung, um in eine „Union sacrée“, vergleichbar mit dem „Burgfrieden“ in Deutschland, umzuschlagen, die den französischen Staat während der Kriegsjahre rückhaltlos unterstützte.

An die Christenheit.

 

Der Bund evangelischen Kirchen Frankreichs hat anlässlich der Londoner Friedenskonferenz einen Aufruf erlassen, der in deutscher Uebersetzung ungefähr folgendermaßen lautet: Aufruf.

Wir richten an unsere Brüder unter allen Völkern und Kirchengemeinschaften, an alle, die im Glauben an Christus, den Erlöser, ihres Lebens Kraft und Inhalt gefunden haben, folgenden Notschrei, der zugleich der Ausdruck unseres Hoffens und Strebens sein möchte.

 

Als Jünger unseres Herrn, der über sein Volk auch geweint hat, wissen wir und fühlen es lebendig, dass die Liebe zum Vaterland nichts Erkünsteltes, sondern etwas Heiliges ist und tief in der menschlichen Natur begründet liegt.

 

Nach unserer Überzeugung ist jedes Vaterland in seiner Eigenart etwas Gottgewolltes. Es hat das Recht und die Pflicht, alle die Gaben, welche die Vorsehung ihm anvertraut hat, voll zu entfalten, und es ist seine Bestimmung, dereinst ein Edelstein in Christi Königskrone zu werden.

 

Wir sind ängstlich darauf bedacht, kein Wort zu sagen, das dem Willen Gottes widerstreiten und auch nur in einer einzigen Seele, die opferwillige Hingabe mindern könnte, die das Vaterland allezeit von allen seinen Kindern zu fordern berechtigt ist.

 

Wir grüßen im voraus den Tag, an dem alle Gehässigkeiten zwischen den Völkern abgetan sind, gegenseitige Achtung und eine unverbrüchliche Rechtsordnung unter ihnen walten und Gottes heiliger Wille auf Erden herrschen wird.

 

Nach diesem großen und herrlichen Tag verlangen wir mit unserer ganzen Begeisterung und mit der tiefsten Sehnsucht unserer Seele; was wollten wir lieber, denn sein Kommen durch Entschluss und Tat schneller herbeizuführen!

 

Wir glauben, dass die systematische Ausübung von Gewalttätigkeit, wie es der Krieg ist, den Absichten Gottes direkt ins Gesicht schlägt und dass nichts so sicher jede Rechtsordnung zwischen den Völkern unmöglich macht, wenn sie endlich einmal in Frieden und gegenseitiger Achtung mit einander leben wollen.

 

Es graut uns, das Unglück auszudenken, das ein europäischer Krieg bedeuten würde. Welche Greuel träten da zutage, wie würden Tausende und Abertausende hingeschlachtet, was ginge alles zugrunde, bis zu welchem Grade würde der Groll und die Erbitterung steigen!

 

Ganz sicher würde durch einen solchen Krieg nicht Friede geschaffen, sondern nur Grund zu neuem Zwist gelegt. Ein Krieg würde einfach alles aufs Spiel setzen. Unsere abendländische Kultur sänke von ihrer stolzen Höhe herab, und um ihre Wirkung auf die Welt wäre es vielleicht auf lange Zeit hinaus geschehen. Einen solchen Krieg führen, hieße das nicht: Christus völlig verleugnen, der sein Leben für die Menschen gelassen hat?

 

Unter sein Kreuz treten wir im Geiste. Wie streckt er seine durchbohrten Hände nach der Menschheit aus, die voll Jammer und Not tausendfach in die Irre geht und doch im tiefsten Herzen nach rechtem Leben und nach Liebe hungert! Da fühlen wir brennend, dass alles, was den Hass heraufbeschwört, dass jede Aussaat von Misstrauen zwischen den Völkern, jeder Versuch gewalttätiger Unterdrückung, jedes Unrecht und jede Unbrüderlichkeit eine Schmach für Christus ist und ihn aufs neue kreuzigt. 

 

Wir sind gewiss, Christus auf unserer Seite zu haben, wenn wir jeden Christen und die Kirche als solche bitten, dass sie ihre Stimme in seinem Sinn erheben. Die Interessen der einzelnen Völker liegen im Widerstreit, die nationalen Leidenschaften sind entflammt. In dieser Lage fordern wir unsere Brüder in der ganzen Christenheit auf, dass sie wie wir den Herrschern und Volksführern, den Staatsmännern und all denen, welche für die kommenden Ereignisse die Verantwortung tragen, die dringende Vorstellung machen, sich die Beseitigung der gefährlichen Spannungen und die schiedlich-friedliche Lösung der Schwierigkeiten angelegen sein zu lassen.

 

Nach unserer Überzeugung führt nur ein Weg sicher zum Ziel, nämlich der, daß sich jene Beauftragten in allem nach dem ewigen Willen Gottes richten und durch ihre Rechtlichkeit eine Zeit aufrichtigen Friedens, zunehmender Brüderlichkeit und rechten Fortschritts herbeiführen.

 

Um Gottes und des Gewissens willen mussten wir aussprechen, was wir gesagt haben. Könnten wir es doch noch viel besser, deutlicher, eindringlicher tun!

'Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles, das wir bitten und verstehen, nach der Kraft, die da in uns wirket, dem sei Ehre in der Gemeinde, die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.'

 

Der Ausschuß des Bundes der Evangelischen Kirchen Frankreichs.

Wir geben diesen Aufruf gerne weiter und unterschreiben ihn von ganzem Herzen. So christlich denken gewiss auch unsere elsass-lothringischen Kirchen. Die Redaktion“ (Evangelisch-protestantischer Kirchenbote für Elsass-Lothringen, 1913, S. 61).

 

Es war kein Zufall, dass eine – vielleicht die einzige – Übersetzung dieses Friedensaufrufes des französischen Protestantismus in einer kirchlichen Zeitung Elsass-Lothringens erschien.  Von den ca. 400 Unterzeichnern des Appells deutscher Friedenspfarrer vom Frühjahr 1913 wirkten ein Viertel in Elsass-Lothringen. Gerade diese Region wäre bei einem Krieg der angeblichen „Erbfeinde“ Deutschland und Frankreich besonders betroffen. Diese weit verbreitete politische Einstellung förderte den Friedensgedanken, auch bei Pfarrern, zwischen Colmar, Straßburg und Metz besonders.

 

Es war ebenfalls kein Zufall, dass am 7. Dezember 1913, dem zweiten Advent, in allen evangelischen Kirchen Elsass-Lothringens ein Friedenssonntag gefeiert wurde – und zwar auf Beschluss der Kirchenleitung, die einen entsprechenden Antrag von Friedenspfarrern positiv beschied. Es sollte der einzige Friedenssonntag in einer evangelischen Landeskirche im Kaiserreich und in der Weimarer Republik sein.

 

Literatur

Besier, Gerhard: Die protestantischen Kirchen Europas im Ersten Weltkrieg. Ein Quellen- und Arbeitsbuch. Göttingen 1984

Bredendiek, Walter: Irrwege und Warnlichter. Anmerkungen zur Kirchengeschichte der neueren Zeit. Hamburg 1966

Holl, Karl: Pazifismus in Deutschland. Frankfurt am Main 1988

Lipp, Karlheinz: Berliner Friedenspfarrer und der Erste Weltkrieg. Ein Lesebuch.

Freiburg i. Br. 2013

Ders.: Der Thüringer Friedenspfarrer Ernst Böhme (1862 – 1941). Ein Lesebuch. Nordhausen 2010

Ders.: Friedenspädagogik im Kaiserreich. Ein Lesebuch. Baltmannsweiler 2008

Ders.: Pazifismus im Ersten Weltkrieg. Ein Lesebuch. Herbolzheim 2004

Ders.: /Reinhold Lütgemeier-Davin/Holger Nehring (Hg.): Frieden und Friedensbewegungen in Deutschland 1892 – 1992. Ein Lesebuch. Essen 2010

Mauch, Christof/Tobias Brenner: Für eine Welt ohne Krieg. Otto Umfrid und die Anfänge der Friedensbewegung. Schönaich 1987

Riesenberger, Dieter: Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1933. Göttingen 1985

Scheer, Friedrich-Karl: Die Deutsche Friedensgesellschaft (1892 – 1933). Organisation, Ideologie, politische Ziele. Ein Beitrag zur Geschichte des Pazifismus in Deutschland.

Frankfurt am Main ²1983

 

Dr. Karlheinz Lipp ist Studienrat in Berlin und Historiker mit dem Schwerpunkt Historische Friedensforschung.

 


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