Impressum

 

Frank-Matthias Hoffmann
Johanna-Wendel-Straße 15, 66119 Saarbrücken

 

 

Wertewandel und Wertevermittlung im Religionsunterricht in einer Grundschule

 

Diese Überlegungen entstanden, als Eltern in einer Grundschule in der Pfalz einmal kritisch nachfragten, was denn der evangelische Gemeindepfarrer eigentlich in der Schule treibe und was ihre Kinder da lernen sollen. Daraufhin wurde in Aufnahme dieser (wenigen, aber ernstzunehmenden und -genommenen) kritischen Stimmen in Absprache mit der Schulleitung die Sitzung des Schulelternbeirats genutzt, um mit weiteren eingeladenen interessierten Eltern einen Gesprächsabend zum dem Thema „Was geschieht evangelischen Religionsunterricht in der Grundschule?“ veranstaltet. Vielleicht ist dieser Text, auch wenn er schon älter ist, dennoch KollegInnen in der Praxis eine Hilfe bzw. Anregung, einmal selbst einen solchen Abend zu veranstalten und sich thematisch auch auf diese Weise in die Schulgemeinschaft vor Ort einzubringen, dann freilich mit aktuellen Beispielen aus den derzeitige Curricula und unter Berücksichtigung der aktuellen Lage vor Ort.*

 

 

1. Die Situation

 

Erich Fromm hat die Alternative aufgestellt, in der (nicht nur) unsere moderne Konsumwelt steht: Haben oder Sein. Die Frage wird sein, was vermitteln wir unseren Kindern: Dass es wichtig ist, sich alle Konsumwünsche zu erfüllen (Video, mehrmals Reisen im Jahr, öfter neue Autos) – wir vermitteln es allein schon dadurch, wie wir selbst leben und Kinder sich das abschauen – oder dass es wichtig ist, menschlich miteinander umzugehen, dass menschliche Beziehungen nicht verzweckt und verdinglicht werden dürfen, indem wir im anderen den Konsumkonkurrenten sehen.

 

Die Erziehung zum Sein ist schwerer geworden – ein Wertewandel hat in unserer Gesellschaft in den letzten 25 Jahren stattgefunden: Die Aufbaugeneration hat ihr Ziel des Wiederaufbaus und des wachsenden Wohlstands erreicht, die 68er haben nach den Grenzen und nach dem gesellschaftlichen und ökologischen Preis gefragt (Ellenbogenprinzip, Umweltverschmutzung, Dritte-Welt-Problematik). Kinder und Jugendliche haben heute eigentlich schon alles – wozu sollen sie also arbeiten bzw. lernen?

 

Die Wirtschaftskraft unserer Gesellschaft (der Abgott des steigenden Bruttosozialprodukts, der so merkwürdige Blüten wie die Rede vom „Nullwachstum“ bringt) beruht darauf, dass immer mehr (unnütze) Produkte von immer mehr Konsumenten gekauft und möglichst schnell durch noch bessere ersetzt werden sollen. „Wer sich gegen diese Form des Wachstums und des Wohlstandes stellt, stellt sich auch gegen diese Wirtschaftsordnung. Dies muss uns bewusst werden bei der Frage, ob wir Gesellschaft von einer übergeordneten Moral her oder nur über die Menge des umgesetzten Geldes bestimmen wollen.“ (Heinz Thiery in seiner Buchbesprechung „Geld spielt keine Rolle. Erziehung im Konsumrauch“ von Astrid von Friesen im Ev. Kirchenboten).

 

Die Frage stellt sich, ob das einzige, was den heutigen Jugendlichen vom künftigen Erwachsenen unterscheidet, darin besteht, dass er jetzt schon alles hat, lediglich das Geld zum Kauf all dieser (unnützen) Dinge später selbst verdienen muss. Wir müssten also als Gesellschaft soweit kommen, dass wir über die Verteilung und den Wert des Wohlstandes nachdenken lernen und darüber, was zu einem gelingenden und glücklichen Leben gehört und was nicht.

 

Ohne diese anfängliche gesellschaftliche Analyse kann nicht bestimmt werden, welche Werte vermittelt werden können, da in unserer Gesellschaft so viele Werte eo ipso vorhanden sind, dass diese zuerst entlarvt und bewertet werden müssen, bevor man weiterspricht.

 

 

2. Rolle des Religionsunterrichts (RU) und theologische Bewertung

 

Wenn man sich diese Vorfindlichkeit klargemacht hat, kann man ermessen, dass auch der Religionsunterricht in gewisser Weise gegen den Strom der Zeit und das Ellenbogenprinzip und pures Gewinnstreben schwimmt. Denn eine grundlegende reformatorische Erkenntnis ist ja, dass der Wert des einzelnen Menschen nicht von seiner gesellschaftlichen oder auch religiösen „Produktivkraft“ abhängt, sondern dass er in seinem So-Sein von Gott geliebt ist, dass er ein Geschöpf ist, das Fehler machen wird und Schuld auf sich lädt, und dass die andauernde Selbstrechtfertigung durch erbrachte Leistungen, und das Höherwertigsein-Wollen als andere hinfällig geworden sind, weil in Jesus Christus die Rechtfertigung des Sünders und des Gottlosen vollzogen ist. Der Verdinglichung und der Bestimmung des Individuums als potentiellem Konsumenten wird damit widersprochen: Mitmenschlichkeit, Ehrlichkeit (auch sich selbst gegenüber), Schöpfungsverantwortung, Friedfertigkeit, Solidarität sollen gefördert werden.

 

Von diesen grundlegenden theologischen Aussagen hier ist die kirchliche Reformpädagogik geprägt. Sie fordert den kindgerechten Unterricht mit Erlebniselementen, Ganzheitlichkeit, Gemeinschaft. Wir befinden uns also im Bezugsfeld Kind-Gesellschaft-Lernen.

 

Erstaunlich ist, dass es auch auf Seiten säkularisierter Eltern große Erwartungen an die Adresse institutionalisierter christlicher Erziehung gibt, wenn es um die Abstützung moralischer Einstellungen geht.

 

Das ist erstaunlich, schaut man auf zwei große Entwicklungen:

 

a) Der Staat und die Gesellschaft verstehen sich als ganz immanent, als weltlich, der Staat ist weltanschaulich neutral und teilweise auch der kirchentreue Steuerzahler. Die Frage nach dem Menschen und nach seiner Existenz führt den Zeitgenossen nicht mehr zwangsläufig zur Gottesfrage oder auch nur zur Frage nach der Bibel als Orientierungsquelle. Gott und Kirche sind für den großen Teil der Menschen, die in unserer Gesellschaft leben, uninteressant geworden. In den Schulen kann man daher nicht immer mit spontanem Interesse rechnen, wenn vom Glauben und seinen Traditionen und Wirkungen die Rede ist. Das gilt auch für die Grundschule.

b) Die Gründe für das Fehlen des für den RU so wesentlichen vorschulisch motivierten Interesses sind aber nicht allein im gesellschaftlichen Klima und der veränderten

 

Konsumeinstellung zu sehen, sondern auch in der Gleichgültigkeit und Unsicherheit vieler Eltern gegenüber Glaube und Kirche, die das Kind keine anschaubare Realität des Christlichen im Nahbereich mehr erfahren lassen.

 

 

3. Inhalte des RU in der Grundschule

 

Nachdem wir uns einige Punkte des gesellschaftlichen und schulischen Umfeldes angesehen haben, soll nun schließlich kurz etwas über Inhalte und Methoden des RU in der Grundschule, wie es auch von mir gehandhabt wird, gesagt werden.

 

Auch hier hat sich allgemein die Situation verändert: Die Zeiten sind vorbei, in denen es keiner Legitimation dieses Faches bedurfte, weil niemand ohne bestimmte Kenntnisse der Glaubenslehre, der Bibel, des Gottesdienstes, der Sitten, Gebräuche und Normen, die die Kirchen repräsentierten, sinnvoll im Rahmen dieser Gesellschaft leben konnte. Das Christentum ist keine der Integrationskräfte der Gesellschaft mehr, was Rückgang des Kirchenbesuches und Austrittswelle (700 im letzten Jahr in LU) belegen.

 

Seit Mitte der 60er Jahre wird Kirche als Gruppe u.a. verstanden. Die Frage, bei Eltern und Lehrern entsteht: Ist es überhaupt möglich, ein Fach zu pflegen, das sich selbstverständlich den Kirchen und der christlichen Tradition allein verpflichtet weiß? Ist eine einseitige Theologisierung des Fachs gegenüber Kindern zwischen sechs und zehn Jahren vertretbar, die es nicht selten unmöglich macht, den Lebens- und Denkhorizont dieser Adressaten angemessen zu berücksichtigen? Aus solchen Beweggründen scheint mir ja auch der heutige Diskussionsabend entstanden zu sein.

 

Die Religionspädagogik der jüngeren Zeit hat darauf reagiert und mit Lehrplänen und Methodenentwicklung viel stärker als früher Bezug au die lebensgeschichtliche und entwicklungspsychologische Situation der Kinder genommen.

 

Was sind nun Ziele des RUs in der Grundschule?

1. Der Schüler soll zur Mündigkeit im religiösen Bereich geführt werden, wobei Religion auch als jegliches Fragen nach Sinn, Werten und Normen verstehbar ist.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass es nicht im Vermögen des Grundschülers liegt, zu reflektieren oder Probleme zu „verbalisieren“, sondern eher, etwas zu erleben, zu fragen, und sich mit Eindrücklichem zu identifizieren. Ohne Lied und Spiel ist der RU dem Evangelium ebenso wenig dienlich wie den Kindern. Eingebracht werden soll das Eigentliche des Evangeliums, die unvorhersehbare und unverdiente Liebe, die Freiheit und die Hoffnung in die Erfahrungswelt des Kindes. Schlagende Religionslehrer und Strafarbeiten im Generellen sind dem ebenso abträglich wie eine allzu harte Leistungsbewertungsgrundlage. Entscheidend ist, ob jemand guten Willen zeigt, auch wenn das Ergebnis im Vergleich zu anderen vielleicht nicht so gut ist, so kann das Hergestellte im eigenen Verhältnis doch gut sein. Auch am Verhalten des Lehrers kann und sollte etwas erfahren werden von der Liebe Gottes (was trotz alledem nicht immer gelingt, Formkurve…).

 

Es ist unmöglich, etwas von Religion und Glaube zu verstehen, ohne ein Stück davon erleben zu können, wie Glaube sich im Alltag auszuwirken vermag. Soziales Lernen ist nicht nur Sache einer Klasse, die sich darum bemüht, ihre Außenseiter zu integrieren und ihre Mitschüler mit Migrationshintergrund anzunehmen, sondern auch Sache des Lehrers, der versuchen muss, bis zu einem bestimmten Teil Gruppenmitglied zu werden, sich hineinzudenken in „seine“ Kinder und situativ und persönlich Lehrer, Freund, Tröster, Beistand und noch vieles andere zu sein. So liegt ein grundlegendes inhaltliches Ziel des RU im Weg: Die Interaktionsformen und Sozialformen sollten so gewählt werden, dass sie in einer verantwortbaren und angemessenen Beziehung stehen zu den Zielen und Inhalten des Unterrichts. Es ist unmöglich, ein dem Rechtfertigungsdenken entsprechendes Solidaritätsbewusstsein durch Sozial- und Interaktionsformen zu erreichen, die sich dem Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken unserer Industriewelt verdanken. Eher hilft ein geschlossener Sitzkreis, gepaart mit Ermutigungen der Lehrerin zum Aufeinanderhören, zum Sprechen und zum Einander-Gelten-Lassen.

 

Beispiele: Es ist schon öfters vorgekommen, dass ein Schüler eine gewichtige/gewaltige Frage im Schulhof stellt, z.B. gibt es Gott wirklich oder warum wurde Jesus gekreuzigt oder etwas anderes, was in seiner Plausibilität angezweifelt wird, z.B. Schöpfungsfragen (Bibelgeschichte-Naturwissenschaft).

 

Dann kann, wenn man gründlicher darüber nachdenken und das Anliegen, das auch das mehrerer Schüler sein kann, ernst nimmt, eine normale Schulstunde nicht vonstatten gehen, sondern in einem Sitzkreis wird eine Fragestunde gemacht, in der Dinge besprochen werden können. Dabei ist der Lehrer nicht nur der Belehrende, sondern ein Fragender wie die anderen auch und das darf und muss auch deutlich werden. In der Bibel steht die und die Geschichte. Ich verstehe sie so und so. Z.B. kann dann deutlich werden, dass biblische Schöpfungsgeschichte auf einer anderen Ebene liegt als naturwissenschaftliche Weltentstehungstheorien und sie keinen Widerspruch bilden.

 

Oder wenn jemand mit einer Frage oder Aufgabe nicht zurechtkommt, soll sich jemand andres neben ihn setzen und ihm helfen, Solidaritätsprinzip statt Konkurrenzdenken.

Ein schönes Buchzitat zum Schluss dieses 1. Abschnittes: „Es kann in einem RU inhaltlich alles theologisch korrekt sein: Wo die Beziehungsaspekte nicht stimmen, wo sich Stärkere immer durchsetzen, Leistungsschwächere nie ermutigt werden, da können die Impulse des Evangeliums auch nicht in soziale Erfahrungen umgesetzt werden. Der Grundschüler erfährt aber Inhalte wesentlich nachdrücklicher in ihrer personal emotionalen Vermittlung und nicht primär durch kognitive Belehrung“ (Buschbeck, Religion von 6 bis 10, GT 81, S. 132). Wie wahr!

 

2. Konkrete Unterrichtsthemen: Wenn Sie einen Blick in die kopierte Lehrplansynopse tun, können Sie sehen, was für den RU in der Grundschule in Rheinland-Pfalz/Saarland an Themen vorgesehen ist: Sie finden Themen in der Bipolarität von eher traditionell kirchlichen und Glaubensbereichen und sozialen entwicklungsbegleitenden Themen: also z.B. aus dem ersten Bereich Einführung in die Bibel, Vätergeschichten im Alten Testament (herrliche Erzähltexte für Kinder), Wer war Jesus? Die Frage nach Gott. Wie Menschen von Gott reden, Menschen beten. Die Frage nach Religionen und Konfessionen. Das klingt zunächst einmal ziemlich hölzern und für manchen gar abschreckend, ist es aber nicht, wenn man sich vor Augen hält, wie ein Thema entfaltet und didaktisch gestaltet wird: z.B. bei der Frage nach den Konfessionen (die automatisch kommt: warum gibt es zwei Kirchen in Rheingönheim, warum geht der katholische Vater dorthin und die evangelische Mutter dahin?) ist jeweils ein Kirchenbesuch vorgesehen, bei dem an konkreten Punkten Unterschiede und Gemeinsamkeiten festgemacht und erklärt werden. Auch beim Thema Gott und Glaube ist es nicht der erste Kontakt mit diesen Bereichen: Bei der Genese religiösen Bewusstseins bei Kindern handelt es sich nicht um ein durch nichts vorbereitetes blitzartig eintretendes Ereignis (wie etwa bei Saulus/Paulus vor Damaskus), sondern um einen langwierigen, oft lebenslangen krisenreichen Prozess des Hineinwachsens, der durch wechselnde Erfahrung und verarbeitende Reflexion vorangetrieben wird. D.h. Kinder kommen ja schon mit religiösen Erfahrungen und Bewusstsein in den RU und nun ist die Frage, wie damit umgegangen und auf sie eingegangen wird.

 

Der zweite Bereich umfasst im Lehrplan sogar eher den größeren Bereich: Es sind ethische, lebensgeschichtliche Themen wie: Was mir Freude macht; Konflikte und ihre Lösung/ Streit und Vertragen; wie ich einmal traurig war; ich habe Geschwister / wir leben miteinander; Bevorzugung und Benachteiligung; die Frage nach Leben und Tod; Vorurteile und Ansätze zu ihrer Überwindung; Angst- Mut –Vertrauen.

 

Nun ist es wichtig, diese Themen nicht auseinander zu reißen: Wenn es um Themen aus dem ersten Bereich geht, werden automatisch die Kinder ihre eigenen Erfahrungen, Wünsche und auch Kritik einbringen. Es entsteht ein lebendiger Wechselwirkungsprozess aus Vorstellen, Besprechen und Diskutieren von traditionellem Glaubensgut und Erfahrungen von vergangenen und gegenwärtigen Generationen; biblische Geschichte und Lebensgeschichte verschränken sich. Ich werde nachher ein Beispiel nennen.

 

Und beim zweiten Bereich wird ebenfalls vom Erfahrungsbereich der Kinder ausgegangen  und in Wechselwirkung mit biblischen Texten, Menschen des Glaubens gebracht. Z.B. beim Thema „Helfen und Hilfe schuldig bleiben“ wird jedes Kind aus seinem Lebensbereich Beispiele einbringen können. Und von da ist es nur ein kleiner Sprung zur Geschichte vom barmherzigen Samariter, in der die Religionsdiener auf Erden ziemlich kritisch unter die Lupe genommen werden! Oder beim Thema „Angst-Mut-Vertrauen“ werden sich unschwer Assoziationen einstellen, wie Jesus im Garten Gethsemane Angst vor dem kommenden Tod gehabt hat, aber Mut und Vertrauen von Gott zugesprochen bekam, um den schlimmen Weg auf sich zu nehmen. Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen biblischer Welt und eigener Lebenswelt, wobei die Fragerichtung ist: wo und wie helfen uns diese Geschichten und biblischen Erfahrungen, eigenes Leben glücklich, sinnvoll und solidarisch zu gestalten?

 

Zwischenresümee: Der RU an der Grundschule bietet durch seine Themengestaltung Nischen für eine Unterrichtsgestaltung, die andere Fächer nicht bieten können, da sie der Wissensvermittlung dienen und bestimmte Grundkenntnisse einfach erworben werden müssen. Gewiss, auch die Leistungsschule von heute und morgen kann sich nicht auf die Ausbildung intellektueller Fähigkeiten beschränken, wenn sie nicht ein Volk von Neurotikern heranziehen möchte. Es geht auch da um den ganzen Menschen. Und die Lehrerinnen an dieser Schule, soweit ich sie kenne, leisten auch diese geforderte Beziehungsarbeit von der ganzheitlichen Sicht her – auch in anderen Fächern – und doch ist qua Fach eine Grenze gesetzt. Im Fach Religion ist aber diese Beziehungsarbeit und Ganzheitlichkeit Thema selbst.

 

Zwei kleine Beispiele aus dem gegenwärtigen RU in der 4. Klasse:

 

a) Thema: Jesus stiftet neue Gemeinschaft

Um zu erklären, wie es zu den ersten christlichen Gemeinden gekommen ist, ist es nötig zu wissen, dass die Sache Jesu nach dessen Tod mit der Auferstehung weitergeht; Menschen haben bezeugt, dass er lebt. Zu dieser Vorgeschichte gehört auch, dass Petrus Jesus im Hof des Hohen Rates dreimal verleugnet, obwohl er sich vorher verbal zu ihm bekannt hat. Das schwierige Thema Verleugnen-Bekennen (jemanden verleugnen, sich zu jemanden bekennen) wird nicht ad hoc introduziert, sondern durch eine Geschichte aus dem Lebensumfeld der Kinder vergleichbar und damit für die Kinder erfassbar gemacht: Es ist die Geschichte von Marion, die selbst Deutschitalienerin ist, was ihre Klasse nicht weiß, weil es an ihrem Aussehen nicht erkennbar ist. Nun kommt eines Tages eine neue Schülerin, Luzia, Tochter eines italienischen Gastarbeiters in die Klasse. Marion erlebt, wie ihr Freund Jörg in der Pause die allein in einer Schulhofecke stehende Luzia bespöttelt: „Die Schwarzhaarige soll doch nach Hause gehen zu ihren Spaghettifressern.“ Die Kinder im RU sollen sich nun ein Ende der Geschichte ausdenken und fast alle schreiben: Marion sagt Jörg, dass sie eigentlich auch eine Italienerin ist und dass sie das, was er sagte, blöd und gemein findet. Sie geht zu Luzia hin und sie werden Freundinnen und bald ist sie auch in der Klasse akzeptiert. Und so werden die Schüler an das herangeführt, was es heißt, sich zu jemandem zu bekennen oder jemanden zu verleugnen. Dabei ist unverkennbar, dass diese Geschichte, auch wenn sie nun in den Rahmen des Gemeinschaftsthemas gehört, beträchtlichen Eigenwert besitzt, da sie den Umgang mit ausländischen Mitschülern zum Thema hat und die Kinder sprudeln, wenn sie darauf angesprochen werden, z.B. dass sie auch eine kurdische Freundin haben, manche geben auch das wieder, was sie anscheinend von zuhause gehört haben: „Die sollen bleiben, wo sie hergekommen sind.“

Sie sehen, wie verschränkt biblische Themen und lebensgeschichtliche Themen sind.

 

b) Thema: Arm und Reich

Dazu gibt es jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit gute Materialien von Brot für die Welt und Bastelbögen. Letztes Jahr wurde die Geschichte der 12jährigen Maria vorgestellt, deren Mutter Blumenfrau in Guatemala ist und die die mit Gift behandelten Blumen von Unkraut befreien muss. Aus der Sicht der 12jährigen wird berichtet, wie die Blumenfrauen Selbstbewusstsein gewinnen und sich organisieren und alphabetisieren, u.a. indem sie gemeinsam die Bibel lesen, eine Sprachschule nicht nur des Glaubens, sondern auch der Edukation.

Ein Lied und ein Gebet zum Thema runden die Stunde ab. Wer möchte, kann auf eine Leerstelle seine Blumengeschichte malen und einsenden und mehr Informationen über Guatemala erhalten. So werden Kinder vertraut gemacht mit anderen Kulturen und Lebenssituationen, wie ja übrigens auch durch den Besuch von zwei Ghanaern 1991, die aus unserer Partnergemeinde Cape Coast kamen. Ich habe einige Blätter mitgebracht und Sie können sie gerne mit nach Hause nehmen, wie auch das aus der Rheinischen Kirche stammende „Kleine ABC für Schulanfänger und Eltern“.

 

Ich habe angeregt, auch in der Pfalz ein solches Faltblatt herzustellen. Darin wird unmittelbar auf die Situation, die Ängste und Hoffnungen der Schulanfänger eingegangen.

So sieht der RU an der Mozartschule Rheingönheim aus. Wahrscheinlich nicht besser, aber auch nicht schlechter als anderswo. Aber eben auch der Versuch, Orientierungspunkte für die Kinder zu setzen, an die sie sich jetzt und später erinnern können und die ihnen dann vielleicht zum Maßstab ihres Gewissens werden können.

 

Wenn wir uns auf die Wertediskussion einlassen, dann das Evangelium von Gottes Gnade in Jesus Christus unsere Wertvorstellungen zunächst einmal radikal durchkreuzt und in Frage stellt. Denn wer ein Wertesystem proklamiert, will evtl. bestimmte Lieblingsmodelle des Zusammenlebens auf- und abwerten. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir eine neue Einstellung zum Leben, eine neue Ethik und damit auch einen neuen Lebensstil dringend nötig haben.

 

So hängt z.B. von einem neuen verantwortlichen Umgang mit der uns umgebenden Schöpfung das Überleben der Menschheit ab. Im Weltkirchenrat in Genf fragt man nach einer „gerechten, partizipatorischen und überlebensfähigen Gesellschaft“; „Weltgesellschaft“: Begriffe dieser Art bezeichnen nicht „Grundwerte“, sondern Orientierungspunkte für eine Fahrt in eine bedrohliche und ungewisse Zukunft. Der Orientierungspunkt christlicher Ethik ist die Befreiungstat Gottes: Auszug aus Ägypten seines Volkes Israel und die Befreiung von Sünde und Schuld in Jesus Christus. Evangelium ist überall dort (in Schule und anderswo), wo die Befreiung des Menschen von Selbstgerechtigkeit und Intoleranz vorangetrieben wird. Dieses Einüben und Erfahren haben Kinder, Jugendliche und Erwachsene nach wie vor nötig. Der RU in der Grundschule ist davon ein Mosaiksteinchen – und nicht das Geringste, wie mir scheint.

 

* Gesprächsimpuls beim Schuleltern-Gesprächsabend in der Mozartschule Ludwigshafen-Rheingönheim am  20.01.1992.

 


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