Impressum

 

Dr. Dirk Kutting
Hermann-Ehlers-Straße 10a, 55124 Mainz

 

 

„Gesund bleiben im Pfarramt – heilsam resignieren!“*

 

Ich werde Ihnen nicht erzählen, dass Sie im Winter Nasenspülungen mit Salzlösungen durchführen, im Frühjahr Vitamin C plus Zink zu Stärkung des Immunsystems schlucken, um Dehydrierung vorzubeugen im Sommer ausreichend trinken und im Herbst genügend ballaststoffreiche Kost zu sich nehmen sollen.

 

Ich werde Ihnen auch nicht erzählen, dass ein stabiler Rumpf Trumpf und Ihr Körper Ihr Kapital ist, wie Stressabbau in einer Minute funktioniert und überhaupt nichts über Wettentspannen und miteinander Atmen im gemeinsamen Rhythmus.

 

Mein Thema soll mentale Gesundheit sein: Ich will vortragen, was es heißt, unter den Bedingungen der Endlichkeit als Pfarrerin und Pfarrer gesund zu bleiben. Eine entlastende Haltung soll Thema sein, die Engagement und Grenzen des Handelns im Pfarramt in den Blick nimmt.

 

Distanziert engagiert sein

 

„Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die, die weinen, als weinten sie nicht; und die, die sich freuen, als freuten sie sich nicht, und die, die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen diese Welt vergeht“ (1. Kor. 7,29f).

 

Eine Untersuchung über Lehrergesundheit, die vor ein paar Jahren an der Universität Potsdam unter Leitung von Prof. Uwe Schaarschmidt durchgeführt wurde, ist inzwischen recht bekannt. Die grundlegenden Klassifizierungen der Studie lassen sich auch auf das Pfarramt beziehen. Prof. Schaarschmidt und seine Mitarbeiter erforschten „Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebnismuster“ (AVEM)[1], wobei besonders drei Faktoren Beachtung finden sollten: Das Engagement für die beruflichen Anforderungen, die Widerstandskraft gegenüber Belastungen und die die berufliche Tätigkeit begleitenden Emotionen. Die Autoren der Untersuchung unterscheiden zwei Gesundheits- und zwei Risikomuster.

 

Muster G = Gesundheitsfördernde Haltung: In diesem Muster drückt sich Gesundheit und ein gesundheitsförderliches Verhältnis zur Arbeit aus. Es handelt sich um deutliche, aber nicht exzessive Ausprägungen in den Dimensionen, die das berufliche Engagement anzeigen. Hervorzuheben ist die trotz starkem Engagement enthaltene Distanzierungsfähigkeit zur Arbeit und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen. Die Arbeit wird von positiven Emotionen begleitet: Erfolgserleben und Lebenszufriedenheit. In der Summe kann man sagen, dieses Muster zeichnet sich durch Engagement in der Arbeit und Distanz zur Arbeit aus.

 

Muster S = Schonungs- bzw. Schutzhaltung: Bei diesem Muster charakterisiert die Schonung das Verhältnis gegenüber der Arbeit. Es finden sich die geringsten Ausprägungen im persönlichen Engagement und die höchsten in der Distanzierungsfähigkeit. Dieses Muster weist eine niedrige Resignationstendenz aus. Das weist darauf hin, dass das geringe Engagement eben nicht Ausdruck einer resignativen Einstellung ist. Im Gegenteil: Hohe Werte im Bereich innere Ruhe und Ausgeglichenheit weisen auf ein positives Lebensgefühl hin. Diese Lebenszufriedenheit kommt auch durch eine starke Ausprägung im Erleben sozialer Unterstützung zum Ausdruck. In der Summe kann man sagen, dieses Muster zeichnet sich durch niedriges Engagement in der Arbeit und Distanz zur Arbeit aus.

 

Risikomuster A = Aufopferungs- bzw. Anspannungshaltung: Dieses Muster ist durch überhöhtes Engagement gekennzeichnet. Auffällig ist der niedrigste Wert in der Distanzierungsfähigkeit. Das außerordentliche Engagement führt zu einer verminderten Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen, da nicht ausreichend auf Regeneration geachtet wird. Die innere Ruhe geht verloren, man kann nicht mehr abschalten und die Resignationsgefahr steigt. Die Tendenz zur Unausgeglichenheit wird von eher negativen bewertenden Gedanken verstärkt. Die hohe Anstrengung findet keine positive Entsprechung im Erleben. Es geht ein Gefühl für den Sinn der Anstrengung verloren, weil der große Arbeitseinsatz nicht die Anerkennung findet, die erwartet wird. Dieses Muster wird mit einem hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten in Zusammenhang gebracht. In der Summe kann man sagen, dieses Muster zeichnet sich durch hohes Engagement in der Arbeit ohne Distanz zur Arbeit aus.

 

Risikomuster B = Burnout: Zum Bild dieses Risikomusters gehören geringe Ausprägungen im Bereich Arbeitsengagement. Beruflicher Ehrgeiz und subjektive Bedeutsamkeit der Arbeit werden niedrig eingeschätzt. Im Unterschied zum Muster G bedeutet dies aber als Folge keine Distanzierungsfähigkeit zur Arbeit. Auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber belastenden Situationen haben ausnahmslos kritische Werte zur Folge. Fragen nach dem Ausmaß von Zufriedenheit und Wohlbefinden zeigen niedrige Ausprägungen. Vorherrschend sind Resignation, Motivationseinschränkung und herabgesetzte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen; dies wird begleitet von Gefühlen wie Ärger, Anspannung, Gereiztheit etc. Solche Erscheinungen lassen sich als Burnout-Syndrom bezeichnen. In der Summe kann man sagen, dieses Muster zeichnet sich durch geringes Engagement in der Arbeit und geringe Distanz zur Arbeit aus.

 

Grob vereinfacht zusammengefasst: Zu jedem der vier Muster gehörten etwa ein Viertel der Lehrerinnen und Lehrer. Was immerhin zu dem drastischen Ergebnis führt, dass die Hälfte der befragten Lehrerinnen und Lehrer als gesundheitlich gefährdet gelten kann. Die gesundheitliche Gefährdung dürfte sich noch weiter auswachsen, weil die Zahlen[2] der Frühpensionierungen von ca. 80% im Jahr 1999 auf ca. 20% im Jahr 2003 zurückgegangen sind. Das heißt, viele Kolleginnen und Kollegen nehmen gesundheitliche Langzeitfolgen in Kauf, um nicht hohe finanzielle Verluste bei der Rente zu haben. Auf jeden Fall liegen die Zahlen der älteren Mitarbeiter in den Schulen deutlich höher als in der freien Wirtschaft, wo an die 60% aller Mitarbeiter über 50 Jahre in die Arbeitslosigkeit oder Rente gehen.

 

Dieser Absatz ist mit „Distanziert engagiert sein“ überschrieben. Nach dem bisher Gesagten können wir folgern: Im größten Segen steckt auch der größte Fluch. Der Weg eines engagierten Pfarrers oder einer engagierten Pfarrerin kann leicht über die „Aufopferung“ zum „Burn-Out“ führen. Wenn dauerhaft die Anerkennung für das Geleistete ausbleibt, die Widerstandskraft gegenüber Belastung sinkt und die Fähigkeit zur emotionalen Verarbeitung verloren geht, dann ist der Weg zu einer kritischen Resignation vorgezeichnet.

 

Insgesamt muss man sagen, dass die beste gesundheitsfördernde Haltung darin liegt, eine Balance aus Engagement und Distanz zu gewinnen. Unser Beruf scheint doch etwas von dem Handeln eines bildenden Künstlers zu haben. Er muss immer wieder von der Staffelei ein, zwei Schritte zurücktreten, um sein Werk in der Entstehung zu betrachten. Außerdem braucht er nach kreativen Phasen auch Zeiten in denen er weniger zu Stande bringt, weil sich seine kreativen „Depots“ erneuern müssen. Ein distanziert engagierter Pfarrer ist also demnach nicht immer im Dienst (s.u.). Distanziert engagiert sein, das deutet sich in der Haltung an die Paulus mit seinem „als ob nicht“ zum Ausdruck bringt. Die Welt gebrauchen, als brauchten wir sie nicht, das schützt sowohl die Welt als auch uns selbst vor dem Verbrauchen.

 

Selbstvergessen bei der Sache sein

 

„...wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade...“ (Röm 3,23f)

Joachim Bauer hat eine Reihe schöner Begriffe gesammelt, die zeigen, dass zu einer befriedigenden Tätigkeit immer ein Mindestmaß an Identifikation gehört, wenn emotionale Befriedigung erlebt werden will: „Flow“, „Selbstwirksamkeitserleben“, „Funktionslust“, „Pflichtrausch“ oder einfach „Kick“.[3]

 

Es gibt doch nichts schöneres (und wahrscheinlich auch nichts gesünderes) als selbstvergessen in seiner Tätigkeit aufzugehen. Ich liebe folgende Schilderung, laut der Lewin in Tolstois „Anna Karenina“ beim Sensen eins mit seiner Arbeit wird: „Seine Freude wurde nur dadurch beeinträchtigt, dass seine Reihe nicht so schön ausgefallen war. Ich muss weniger meine Arme, sondern mehr den ganzen Körper anstrengen, dachte er, als er Tits schnurgerade Reihe mit der seinen verglich, die ungleichmäßig und durcheinandergeworfen dalag.

 

Lewin bemerkte, dass Tit diese besonders lange Reihe sehr schnell abschritt, vermutlich um den Herrn auf die Probe zu stellen. Die folgenden strengten Lewin schon nicht mehr so an, wenn er auch weiterhin alle seine Kräfte zusammennehmen musste, um nicht hinter den Bauern zurückzustehen.

 

Er dachte und wollte nichts anderes, als nur nicht zurückzubleiben und so gut wie irgend möglich zu arbeiten. Er hörte bloß das Rauschen der Sensen und sah vor sich nur die sich entfernende, gerade aufgerichtete Gestalt Tits, die bereits abgemähte halbkreisförmige Fläche der Wiese, die Halme und Blüten, die wie Wellen vor seiner Sense hinsanken, und weit vor sich das Ende der Reihe, das wieder Arbeitspause versprach. […]

 

Es folgten weitere Reihen – längere und kürzere, mit gutem und mit weniger gutem Gras. Lewin verlor jedes Gefühl für die Zeit und wusste schließlich überhaupt nicht mehr, ob es früh oder spät war. Seine Arbeitsweise änderte sich jetzt, was ihm einen großen Genuss verschaffte. Es gab Momente, wo er vollkommen vergaß, was er tat, wo ihm alles leicht von der Hand ging, und in diesen Augenblicken gerieten ihm seine Reihen fast ebenso schön und gerade wie Tit. Kaum aber wurde er sich seines Tuns und seines Wunsches bewusst, seine Sache möglichst gut zu machen, empfand er sofort von neuem, wie schwer und anstrengend es war, und die Reihe wurde schlecht.“

 

Wir hörten von der gesundheitsfördernden Balance aus Engagement und Distanz in Beziehung zu unserer Arbeit. Hier, bei Lewins Sensen, haben wir es mit einer Selbstvergessenheit zu tun, die als „Flow“ bezeichnet werden kann.

 

Nach Mihaly Csikszentmihalyi empfinden wir in der Arbeit Gefühle des Überfließens, des Einsseins mit einer Tätigkeit und Teilseins von einem Ganzen oder einem momentanen Sich-auflösens, die er „Flow“[4] nennt, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

- eine Aufgabe bedeutet eine Herausforderung, der wir gewachsen sind;

- wir sind fähig, uns auf eine Aufgabe zu konzentrieren, wobei denken und handeln eins werden;

- die Aufgabe beinhaltet ein deutliches Ziel, dessen Erreichen eine positive Rückmeldung gibt;

- wir handeln in tiefer, müheloser Hingabe und können die Sorgen des Alltags vergessen;

- wir sind bereit ein Risiko einzugehen und verstehen es zu kontrollieren;

- uns fesselt etwas so, dass wir uns selbst vergessen;

- wir werden weder über-, noch unterfordert;

- wir vergessen die Zeit.

 

Vielleicht haben wir in der Gemeinde, in Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge nicht oft die Möglichkeit, ähnlich wie Lewin eine „Flow“-Erfahrung zu machen, aber es ist uns sicher allen schon passiert, dass wir überrascht wurden von unserer Zufriedenheit in der Arbeit. Könnte dies nicht ein Hinweis sein, dass wir ein „Flow“ schon oft erfahren haben, ohne es bewusst zu realisieren? Selbstvergessen bei der Sache sein, das beinhaltet selbstverständlich gewiss zu sein, was seine Sache ist und zeitweise mit dieser Sache eins zu werden. Man stelle sich vor, uns gelänge ab und an, unseren Dienst nach „Flow“ Kriterien zu organisieren. Wenn wir nicht auf den Verdienst schielen, nach Werkgerechtigkeit streben, sondern selbstvergessen bei der Sache sind, wie reich kann da der Geist wehen und die Gnade fließen?

 

Lobend Anerkennung finden

 

„Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden“ (1. Kor 4,5).

 

Ein „Flow“-Gefühl ist das genaue Gegenteil vom „Thrill“, den wir leider oft erleben. Wenn der Lohn für uns alle im Tun selbst läge, würden wir in keine „Gratifikationskrise“ geraten. Joachim Bauer kann belegen, inwiefern es oft „Gratifikationskrisen“[5] sind, die am Beginn einer Erkrankung stehen. Das Belohnungssystem für die geleistete Verausgabung greift nicht, gerade wenn wir uns mit unserer Arbeit identifizieren. Das Belohnungssystem in Form von Bezahlung ist zu abstrakt. Wie sagte einmal ein Kollege auf die Frage, was er verdiene? „Was ich verdiene kann mir keiner bezahlen. Ich kann dir auch nur sagen, was ich kriege!“ Kirchliche Anerkennung ist oft nicht spürbar. Oft muss man sich selbst sagen, dass man etwas gut gemacht hat, was gleichzeitig schwer fällt, weil man doch immer Defizite im eigenen Handeln selbst zu gut erkennt. Wir sind nicht betriebsblind und haben wenige gleichberechtigte Partner, die uns für die Arbeit loben. Daher müsste es erste Pfarrerpflicht sein, wenn es kein anderer tut, uns gegenseitig den Rücken zu stärken und Anerkennung zu geben.

 

Die Fallen in denen wir stecken sind einige: Wir arbeiten überwiegend ohne Feedback, müssen uns auf unser eigenes Urteil verlassen, wollen nichts kritisches hören und bekommen auch wenig zu hören, weil uns ein ehrlicher Austausch mit Kollegen fehlt. Die Kontrollfrage lautet: Haben Sie sich schon mal in den Gottesdienst einer Kollegin oder eines Kollegen gesetzt und ihm eine konkrete, wohlwollende Rückmeldung gegeben? Das würden wir uns wünschen, aber wir hätten auch Angst davor. Eine andere Falle liegt natürlich in der Aufgabe, im Gottesdienst von sich weg auf die Sache zu verweisen. Das Bedürfnis nach Lob wird dann schnell als unsachlich diskriminiert und immer nur indirekt eingefordert.

 

Aber muss Lob immer inhaltlich sein? Lob kann auch einfach in netten, freundlichen Gesten bestehen. Haben Sie heute schon einen Kollegen gelobt? Z.B.: „Danke, dass Du mich an die Konferenz erinnert hast!“ Haben Sie heute schon für eine Kollegin gesorgt? Z.B.: „Soll ich Dir ein Kaffeestück ins Gemeindebüro mitbringen?“ Haben Sie heute schon eine Kollegin aufmerksam wahrgenommen? Z.B.: „Die neue Frisur steht Dir gut!“ Haben Sie heute schon mal für sich selbst gesorgt? Z.B.: „Kannst Du diese Woche mit mir essen gehen, ich muss mich mal bei jemandem ausheulen?“

 

Selbstsorge ist gut, aber Anerkennung zu bekommen besser. Wir haben einige Mechanismen entwickelt, um keine Anerkennung von Kolleginnen und Kollegen zu bekommen. Wir kennen das alle: Wir sind belastet und beginnen zu jammern und zu klagen. Und als ob das nicht reicht, haben wir das Gefühl, eigene Erfolge werden kaum wahrgenommen oder wenn sie mal öffentlich hervorgehoben werden, dann neiden einem die Kollegen das auch noch.

 

Könnten wir nicht einmal versuchen gegen den Anerkennungsvermeidungsmechanismus eine Gegenoffensive zu starten? Wie wäre es damit, den Kollegen Lob zu zollen? Das Geheimnis gelingender Kommunikation besteht darin, den anderen gut aussehen zu lassen! Wir können natürlich nicht erwarten, dass wir von allen, denen wir lobend begegnen im Gegenzug auch Anerkennung erhalten. Unsere lobende Haltung muss natürlich frei sein und nicht unbedingt Gegenleistung erwarten. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir lobend eher Anerkennung finden, als jammernd und klagend. In Psalm 126 heißt es zwar: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Aber das ist sicher eher aufs Ganze unserer Tätigkeit zu münzen. Ich würde sagen: Die Lob säen, werden Anerkennung ernten, das wäre ein Vorgeschmack darauf, dass einem jeden von Gott sein Lob zuteil wird.

 

Ausreichend gut sein

 

„Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit...um Christi willen“ (2. Kor. 12,10).

In Rheinland-Pfalz hat sich als einer der ersten der Diplom-Psychologe Helmut Heyse für Lehrergesundheit engagiert. In einem kurzen Aufsatz stellt er ein Modell zur Förderung von Lehrergesundheit dar.[6] Dabei geht er von drei Kategorien aus, die in gegenseitiger Beziehung zueinander stehen: Sollen, Wollen und Können.

 

Unter Sollen versteht Heyse Anforderungen, die auf eine Person durch ihren Beruf, aber auch durch die Familie oder die Gesellschaft zukommen. Welche Qualifikationen braucht man, um den Anforderungen zu genügen? Wie geht man mit den Belastungen um, die aus organisatorischen Erschwernissen, Beziehungsstörungen oder mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung entstehen?

 

Das Wollen steht die persönlichen Ziele, die Erwartungen an die Selbstwirksamkeit. Welche Ansprüche stellt man an sich selbst? Welche Maßstäbe hat man, um seinen Erfolg zu bewerten? Was braucht man, um seine Ziele zu verwirklichen?

 

Unter Können sind vor allem die fachliche, soziale und persönliche Kompetenz zu betrachten. Welche Fähigkeiten und Ressourcen bringt man in seinen Beruf ein? Welche Verhaltensweisen und körperlichen Merkmale spielen in der Ausübung des Berufs eine Rolle? Wie trägt man Konflikte aus? Wie kann man Kontakt zu anderen Herstellen? Wie kommuniziert man?

 

Nach Heyse hängt psychische Gesundheit davon ab, ob man seine Ansprüchen an sich selbst und andere (das Wollen), die Anforderungen und Belastungen (das Sollen), seine Kompetenzen und Ressourcen (das Können) ausbalancieren kann. Er sagt: „Für eine langfristig stabile psychische und physische Gesundheit sollte das Verhältnis von Sollen, Wollen und Können ausgeglichen sein. Bei gravierenden, andauernden Ungleichgewichten kann es zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen.“[7] Heyse betrachtet sodann die Beziehungen, die sich aus den drei Kategorien ergeben: Das Verhältnis von „Sollen und Können“ bestimmt er als „Eignung“, sie beinhalte einen konstruktiven Umgang mit den Anforderungen und Belastungen.

 

Auch wenn die berufliche Qualifikation in der Ausbildung erworben wurde, was, wie wir wissen auch trotz guter Examensnoten, nicht immer garantiert ist, kann es eine Diskrepanz zwischen Sollen und Können geben: Die persönliche Entwicklung muss mit den Veränderungen des Berufsfeldes Schritt halten, sonst droht zumindest das Gefühl eines allmählichen Kompetenzverlustes. Hilfreich wäre es umgekehrt natürlich, wenn neue fachliche und organisatorische Anforderungen ein verkraftbares Maß nicht überstiegen. Wir wissen aber auch, dass eine immer neu zu erbringende Anpassungsleistung an Herausforderungen durchaus zu einem guten Erleben unserer Arbeit gehört. Denn auch Unterforderung stellt einen Risikofaktor unserer psychischen Gesundheit dar. Heyse macht darauf aufmerksam, dass als Schutz vor Über- oder Unterforderung immer wieder eine Passung zwischen Sollen und Können, bzw. zwischen Verhältnismanagement und Verhaltensmanagement, hergestellt werden muss.

 

Verhältnismanagement hat zum Ziel, die Veränderung von allgemeinen Rahmenbedingungen mit dem Ziel der Vermeidung bzw. Reduzierung physischer und psychischer Gesundheitsgefährdung. Das klingt sehr abstrakt, aber konkret geht es um „Qualitätsmanagement“. Wie können wir die notwendigen Handlungsabläufe so gestalten, dass für uns möglichst zufriedenstellende Arbeitsbedingungen entstehen? Gut funktionierende Rahmenbedingungen helfen, die Freiheit für die eigentlichen Aufgaben zu garantieren. Funktionieren Büro, Kaffeemaschine, Drucker etc., ist schon viel gewonnen, denn alles sind Bedingungen, die das Handeln vereinfachen.

 

Verhaltensmanagement vor allem bei Überforderung meint z.B.: Bewältigungsstrategien bei Belastung zu entwickeln, dem Anforderungsdruck durch Initiative zu begegnen, möglicherweise Reduzierung von Arbeitszeiten oder interne Funktionswechsel. In der Dekanatskonferenz könnte der Ort sein, entlastendes Qualitätsmanagement und entlastende Bewältigungsstrategien zu entwickeln und zu pflegen.

 

Das Verhältnis von „Wollen und Können“ sieht Heyse vor allem unter dem Gesichtspunkt der Motivation. Dazu gehören: Realistische Einschätzung eigener Fähigkeiten, angemessene Vorstellungen von der Veränderbarkeit der Situation und Selbstdisziplin bei der Übernahme zusätzlicher Aufgaben. Heyse macht zwei Risikokonstellationen aus: Selbstüberforderung und Selbstverwöhnung.

 

Selbstüberforderung liegt dann vor, wenn jemand immer mehr erreichen will, als er in der Lage ist zu erfüllen. Dauerhaft wird eine solche Diskrepanz als persönliches Versagen erlebt. Heyse nennt eine Reihe innerer Antreiber, die das Gefühl von Misserfolgen verstärken: „Sei perfekt!“ „Mach schnell!“ „Sei stark!“ „Arbeite!“ „Reiß dich zusammen!“ „Mach es allen recht!“ „Wehr dich!“ „Du musst alle mögen!“ „Du musst mit allen zurecht kommen!“

 

Selbstverwöhnung bedeutet im Grunde der ängstliche Versuch, Fehler zu vermeiden und Anerkennung über möglichst geringen Einsatz zu erreichen. „Eigentlich könnte ich mehr leisten als ich möchte!“ Gute Erfahrungen werden jedoch dabei nicht dem eigenen Handeln, sondern Glück und Zufall zugeschrieben. Dies wird wahrscheinlich so eingeordnet, damit Enttäuschungen nicht wahrgenommen werden müssen.

 

Das Verhältnis von „Wollen und Sollen“ ist für Heyse durch die Identifikation mit dem Arbeitsauftrag geprägt. Diese Identifikation ist abhängig von den Bedingungen, unter denen der Auftrag ausgeführt werden soll. Gesund ist natürlich, wenn ich will, was ich soll. Wenn ich aber dauerhaft mehr will, als ich soll, trete ich in eine „Soll-Übererfüllung“. Das Belastende für denjenigen, der sein Soll übererfüllt ist das Gefühl von Undank. Man mag Bewunderung erfahren wollen, erntet jedoch Verwunderung oder Unverständnis. Enttäuschung und Verbitterung können die Folge sein, wenn nicht gesehen wird, was geleistet wird. Irgendwann schlägt dann die Soll-Übererfüllung, das Über-Engagement, um in Wut: „Niemand von den faulen Kollegen sieht mich!“ Dabei ist Rückzug der anderen ein Ausdruck der Angst, gegenüber dieser Kollegin oder diesem Kollegen, nicht bestehen zu können. In so einer Situation ist Personalverantwortung und Personalpflege des Dekans wichtig: die Leistung muss anerkannt werden und die Aufgaben müssen unter Umständen begrenzt werden.

 

Wir sind hier den Überlegungen von Helmut Heyse gefolgt, weil er anhand der Kategorien „Sollen“, „Wollen“ und „Können“ deutlich macht, dass Gesundheit auch eine Balance aus Fertigkeit und Anforderung, sowie aus eigenem Anspruch und realen Belastungen erfordert. Zusätzlich steht das eigene Verhalten immer in Wechselwirkung zu den institutionellen Verhältnissen. Der äußere Rahmen beschränkt oder erweitert die individuellen Möglichkeiten der Pfarrerin oder des Pfarrers. Ein Aspekt bzw. eine Kategorie scheint mir jedoch bei Heyse vernachlässigt zu sein. Welche innere Haltung ist für die Gesundheit im Pfarramt vor allem Können, vor allem Sollen und sogar vor allem Wollen? Gibt es eine Grundhaltung, die alle Anforderungen und Kompetenzen trägt? Ich denke, ja! Denn die entscheidende Frage lautet meines Erachtens: Darf ich eine ausreichend gute Pfarrerin oder ein ausreichend guter Pfarrer sein?

Vor allem Können, Sollen oder Wollen kommt meiner Auffassung nach das Dürfen. Nachdem ich daher die Kategorie „Dürfen“ etwas näher beschrieben habe, möchte ich die eben gestellte Frage in verschiedener Hinsicht vertiefen.

 

Dürfen heißt, das Recht haben, die Erlaubnis haben oder die Macht haben etwas zu tun. Wenn ich etwas darf, dann ist irgendwie eine Einwilligung, Genehmigung, Zustimmung oder Billigung erfolgt. Ich verstehe „Dürfen“ vor allem als Erlaubnis. Erlaubnis ist das Gegenteil von Zwang. Erlaubtes unterscheidet sich vom Gebotenen oder Verbotenen. Erlaubnis bedeutet weder eine fordernde Pflicht noch ein einschränkendes Gesetz. Erlaubnis beinhaltet immer verschiedene Handlungsmöglichkeiten, ein Tun und Lassen. Wenn mein Handeln vom Dürfen getragen ist, dann ist es freies Handeln. Etymologisch[8] gesehen steckt im Wort „erlauben“ der Stamm „Lob“ oder „Lieb“, aber auch „Glaube“. Das Wort hat die ursprüngliche Grundbedeutung „gutheißen“. Aber auch unser Wort „Urlaub“ hat seine Herkunft im Erlauben. Es ist im Urlaub erlaubt, seine Zeit zu gestalten, wie man will. Urlaub haben heißt, von Berufspflichten befreit zu sein.

 

Der Pädagoge Martinus Langeveld hat bezogen auf den Lehrerberuf formuliert: „Es wäre deshalb nicht richtig, wenn der Lehrer die Schule als sein ausschließliches Lebensgebiet wählen würde. Er hat nicht nur das Recht, als Erwachsener im vollen Sinne zu leben, er hat sogar die Pflicht, es zu tun. Seine „Freizeit“ steht damit, mehr als bei einem anderen Berufe, notwendigerweise im Lichte seiner Arbeit.“ Wenn wir das Wort „Freizeit“ nicht, wie hier geschehen, in Anführungszeichen setzen, dann wäre der Entgrenzung unserer Arbeit wirklich ein Ende gesetzt und vielleicht zumindest der Nachttisch neben dem Ehebett von ihr freigehalten!

 

Darf ich ein ausreichend guter Pfarrer (bzw. jeweils mitgedacht: Pfarrerin) sein? Diese Frage soll in vier Hinsichten betrachtet werden.

Darf ich ein ausreichend guter Pfarrer sein? – Wenn die Frage so betont wird, dann geht es um das Verhältnis von Haltung und Rolle. Verkürzt gefragt: Darf ich überhaupt Pfarrer sein? Gehört es nicht zum guten Ton, seinen Pfarrerberuf zu verleugnen oder sich in der Öffentlichkeit dafür zu entschuldigen? Wenn uns die Rollensicherheit fehlt, dann versuchen wir immer anders zu sein, als „diese Pfarrer“: „Ich bin zwar Pfarrer, aber ich bin nicht so einer, wie du denkst, ich bin anders!“ Macht das nicht krank? Oder ist das nicht sogar krank? Wenn wir demgegenüber unsere Rolle annehmen, dann kann uns dies Sicherheit und Schutz geben. Ich bin Pfarrer. Ich sorge mit meiner Arbeit in einer Welt der GZSZ/DSDS-Dummheit für die Reproduktion wichtiger christlicher Bildungsgüter und leiste meinen bescheidenen Beitrag zur christlichen Erziehung der nachfolgenden Generation! Jawohl, das ist meine Überzeugung, das gibt mir Halt!

 

Darf ich ein ausreichend guter Pfarrer sein? – Mit dieser Betonung ist das Verhältnis von Haltung und Fertigkeit gefragt. Darf ich gut sein? Ähnlich, wie vorhin bei der Frage nach der Pfarrerrolle, kann es auch hier eine verschämte Haltung geben: Ich halte mich zwar für den tollsten Pfarrer, aber würde mich nie trauen, dies jemandem laut zu sagen. Die Gemeinde und der Dekan sollen merken, dass ich gut bin. Die sollen da aber von ganz alleine drauf kommen. Deshalb relativiere ich alles, was ich sage: „Ich meine nur...“ Deshalb sage ich bevor ich einen Vortrag halte: „Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen etwas vortrage, ich hoffe, ich werde Sie nicht zu sehr langweilen...“ Deshalb frage ich bei der Kirchenvorstandssitzung vielleicht zuerst: „Worüber wollen Sie sprechen, ich habe keine Tagesordnung gemacht, damit ich Sie nicht bevormunde...“ Darf ich gut sein? Das heißt, darf ich mir den Raum nehmen, der mir gebührt? Darf ich zeigen, was ich kann? Auch meine Fachkompetenz? Darf ich meiner Gemeinde auch mit meinem Wissen und Können eine Zumutung sein? Oh, oh, oh,... na, na, na, das sagt man aber nicht, wir wollen uns ja nicht über die Gemeinde stellen! Merken wir, dass uns die angezogene Handbremse nicht in Gang kommen lässt? Merken wir, wie wir uns oft depotenzieren und klein halten? Ich aber sage euch: Ihr dürft gut sein!

 

Darf ich ein ausreichend guter Pfarrer sein? – Mit dieser Betonung ist das Verhältnis von Haltung und Anspruch in den Blick genommen. Bin ich schlecht, wenn ich nicht perfekt bin, sondern einfach halt eben nur ausreichend gut? Muss ich überhaupt perfekt sein? Das klingt für uns möglicherweise nach einem Verzicht auf Anspruch und einer Zufriedenheit mit der eigenen Mittelmäßigkeit. Gerade das ist aber nicht gemeint. Gedacht ist eher daran, dass uns unser Perfektionswahn oft daran hindert, wirklich zur Sache zu kommen. Perfektionismus kann eine Immunisierung gegen das eigentliche Handeln sein. Außerdem macht Perfektionismus blind gegenüber eigenen Schwächen. „Früher war Bescheidenheit meine einzige Schwäche, die habe ich abgelegt, jetzt bin ich perfekt!“ Nur wer ausreichend gut sein darf, kann ein guter Pfarrer sein. Er muss nicht für Alle und Alles verantwortlich sein und steht nicht in der Gefahr in der Gemeinde gnadenlos sein Ding durchzuziehen und im schlechten Sinne alles besser zu wissen. Wer ausreichend gut sein darf, weiß, dass christliche Verkündigung und Erziehung im Grunde ein unmögliches Geschäft ist. Es muss gemacht werden, aber der Erfolg lässt sich nicht kalkulieren. Wenn der Erfolg kalkulierbar wäre, würden aus Menschen Maschinen. Davor stehe ein ausreichender Unperfektionismus, bzw. schlimmstenfalls ein befriedigender Perfektionismus. Im Grunde dürfen wir frohen Mutes scheitern, d.h. wir dürfen unser Bestes geben, im Wissen darum, dass dieses Beste nicht angenommen werden muss. Für eine Gemeinde kann es vielleicht nichts Schlimmeres geben, als perfekte Pfarrer zu haben. Daher: Lasst uns bitte nur ausreichend gut sein!

 

Darf ich ein ausreichend guter Lehrer sein? – Hier nun soll das Verhältnis von Haltung und Erlaubnis hervorgehoben werden. Darfst du Dürfen? Darf ich mich frei machen von der Bewertung durch andere? Darf ich Zutrauen zu meiner Leistung haben? Habe ich – von mir selbst her – die Erlaubnis meine Aufgaben zu erfüllen? Es bedeutet mehr, als ein Werbespruch für Low Fat Light Produkte, wenn wir schließen: Ja, du darfst dich unabhängig von der Bewertung anderer machen. Ja, du darfst Dürfen! Du darfst ein ausreichend gute Pfarrerin, eine ausreichend guter Pfarrer sein! Dir zum Wohl! Unser Beruf bietet mehr Nährwert als die entsprechende Halbfettmargarine.

 

Wenn wir ausreichend gute Pfarrer sein dürfen, dann dient diese Einstellung vielleicht unserer Gesundheit, bestimmt aber  unserer Arbeit in der Gemeinde.

 

Leib und Tempel

 

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen“ (1. Kor. 6,12ff).

Sie haben es sicher gemerkt. Dieser Vortrag folgt implizit einer bestimmten Vorstellung unserer menschlichen Verfassung. Sie ist nicht eigentlich psychosomatisch in dem Sinne: Alle Krankheiten, die wir mit uns herumschleppen oder die wir versuchen loszuwerden, haben etwas mit der Arbeit zu tun! Das nicht. Ich gehe davon aus, dass nicht alles psychosomatisch ist. Denn das hieße, für alle körperlichen Gebrechen irgendwie selbst verantwortlich oder gar schuld zu sein. Ich möchte den hier vorgestellten Ansatz eher als dialogisch im Sinne Wolfgang Schmidbauers verstanden wissen: „Die Beschäftigung mit der subjektiven Krankheit erfolgt in einem Dialog, den der Kranke zu seinem Körper aufnimmt.“[9] Folgende Fragen, die man angestoßen durch Schmidbauer stellen kann, sollten uns Pfarrerrinnen und Pfarrer zumindest eine Überlegung wert sein: Sind wir in unserer Tätigkeit gefangen in einer erbarmungslosen Fixierung auf unsere Funktion und unser Funktionieren? Zwingt uns der Funktionszwang dazu, dass oft Gefühl, Phantasie und liebevolle Beziehungen zurückstecken? Sind wir immer unser Tun, konstituiert uns unser Handeln und stehen wir dadurch also permanent in Progression? Welchen Raum zu einer wohltuenden Regression lässt uns unsere Arbeit? Können wir Rückwendung, Innehalten, Umkehr aushalten oder sind wir nach vorne getrieben zum nächsten Gottesdienst, zur nächsten Versammlung, zum nächsten Projekt...?

 

Mir kommt es darauf an, uns selbst ernst zu nehmen, was vor allem bedeutet, den immer noch im Schwange befindlichen Körper-Seele-Dualismus zu überwinden. Vielfach sehen wir in unserem Körper ein Objekt, das funktionieren soll. Vielfach behandeln wir uns selbst wie eine Maschine, an die ein bisschen mehr Öl gehört, damit sie wie geschmiert laufen kann. Gerät das Maschinenmodell ins Wanken, weil wirklich etwas nicht funktioniert, dann wird oft genug ins andere Extrem gesprungen. Esoterische Heiler werden bemüht und aller mögliche Humbug begonnen. Man hat dann dafür wichtige Referenzen: „Die Soundso kennt eine, bei der hat das ganz gut geholfen, das musst du auch mal probieren!“

 

Beides ist dualistisch: Das Maschinenmodell vernachlässigt die inneren Möglichkeiten des Menschen. Das Geistmodell vernachlässigt die körperlichen (aber auch sozialen) Bedingungen mit denen (oder unter denen) wir leben und arbeiten.

Für mein Nachdenken über die gesundheitlichen Be- und Entlastungen unseres Berufs hilft mir ein integrierender Begriff aus der Phänomenologie am ehesten weiter. Die Körper-Seele-Spaltung wird da mit der Beschreibung einer dritten Dimension versucht zu überwinden: die Einheit von erlebtem Leib und leibhaftem Erleben. Im Leib wird hier eine, immer schon vor allem Nachdenken gegebene Öffnung zur Welt gesehen. Leibhaftes Erleben/erlebter Leib beinhaltet die gegenseitige Durchdringung von Natur und Geist. Keines ist ohne das andere denkbar. Wir haben nicht einerseits einen biologischen Körper und sind andererseits dann auch noch irgendwie eine geistige Person. Wir sind unser Selbsterleben. Körper und Seele sind keine Substanzen, die eine sekundäre Verbindung eingehen. Immer sind wir uns selbst als Ganzes in unseren geschichtlichen, sozialen, transzendentalen Beziehungen ansichtig, ob wir das merken oder nicht. „Der Mensch wird seiner selbst inne, indem er sich erlebt als eine geschichtlich existierende individuelle Person. Er wird seiner selbst inne, indem er ‚erlebt’: die Existenz der Identität seines Personseins im Wandel seines Personseins.“[10] Wir sind wir selbst, auch wenn wir mit unserem Körper altern. Wir sind wir selbst, auch wenn sich unsere sozialen Beziehungen verändern. Im Erleben meines Leibes bin ich mir selbst präsent als durch meine Mitwelt bestimmt. Aber zugleich kann ich dank meiner leiblichen Verfassung auch bestimmend auf meine Mitwelt einwirken.

 

Gibt das nicht genau unsere Situation in der Gemeinde wieder? Wir sind in ihr bestimmend Handelnde. Darin liegt die spontane Kraft unseres Amtes. Aber wir sind immer auch und zugleich bestimmt zum Erleiden institutioneller und individueller Faktoren, die uns jeden Tag in Konferenzen und Kirchenräumen begegnen. Wirkmacht und Ohnmacht sind in unserem Erleben gleichursprünglich. Können wir dem widersprechen?

Das große Abenteuer unserer Arbeit besteht darin, dass nicht nur wir uns aktiv und passiv, ausgreifend und rückwendend, könnend und versagend erleben; all die anderen, mit denen wir es zu tun haben, stehen in der gleichen Handlungssituation als Macher und Erleider, bestimmend und bestimmt, Bedingungen setzend und durch Bedingungen bedingt. Wir sind, wenn wir es genau betrachten, nicht zuerst auseinander, sondern alle gemeinsam im selben Boot beieinander. Bevor wir uns und unsere Gemeindeglieder als different erleben, sind wir ursprünglich zusammengeschlossen in einen erlebbaren Zusammenhang: Gemeinde.

 

Das schließt gerade nicht aus, dass dieser gemeinsame Erlebensraum differenziert gestaltet wird und es z.B. asymmetrische „Herrschaftsformen“ zwischen Pfarrern und Gemeindegliedern gibt. Aber immer ist uns auch bei aller Asymmetrie des Prozesses aufgegeben, uns zu verlassen. Dieses Wort bringt die einheitliche Zweideutigkeit schön zum Ausdruck: Wir brauchen Vertrauen in uns, in die Beziehungen, in die Institution, um uns zu öffnen, für uns selbst, für die anderen, für die gemeindliche Tätigkeit. Die Progression ruht in der Fähigkeit zur Regression. Die Spontaneität ruht in der Fähigkeit zur Rezeption. Unser Inne sein, bedingt das Auf-aus-Sein! Wir müssen uns auf die Funktionstüchtigkeit bestimmter Bedingungen verlassen, damit wir aus uns herausgehen und uns zum fröhlichen, dankbaren Dienst an unseren Schwestern und Brüdern verlassen. Wie sagt Nietzsche? „Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.“ Wir verlassen uns vertrauend auf unsere Daseinsgewissheit und wir verlassen uns seinsoffen zu liebender Tat. „Das Gebot ist: Sich verlassen, in des Wortes Doppelsinn“, sagt Christa Wolf in ihrem Roman „Kindheitsmuster“.

 

Was kann nun Pfarrergesundheit sein? Der französische Philosoph Georges Canguilhem kann uns kirchlich Tätigen einige gute Hinweise geben, die unser leibhaftes Erleben in der Gemeinde ernst nehmen, ohne ein romantisches Bild davon zu zeichnen. Die Frage des Innehaltens verdeutlicht eine seiner Thesen: „Dem dynamischen Körper eine abwartende Medizin.“[11] Für ihn bedeutet Gesundheit die Fähigkeit, mit seinen Schwierigkeiten selbst fertig zu werden. In einem radikalen Realismus betrachtet Canguilhem die Sehnsucht nach Rückkehr zum ursprünglichen Zustand als eigentliches Problem der Krankheit. Aber: „Keine Heilung (ist) eine Rückkehr.“[12] Die Fähigkeit wirklich auf breiter Front beruflich einzugreifen und zuzufassen wird durch unsere Krankheiten vermindert, wir verlieren die Fähigkeit, auf alle Herausforderungen Antworten zu geben. Dies nicht einzig im Sinne unserer kognitiven, sondern auch und vor allem im Sinne unserer leiblichen Möglichkeiten. Die Kraft lässt nach. „Denn“, so Ingeborg Bachmann, „krank waren wir ja alle, sind wir alle, werden wir alle...“. Was wir können, ist, nach Canguilhem, unsere Heilung auf uns zu nehmen und uns geheilt zu verhalten. Die Selbstdefinition „krank“ schränkt uns mehr ein, als uns vielleicht bewusst ist. Sie hat Folgen: „Neben den Kranken, denen es nicht gelingt, ihre Heilung auf sich zu nehmen, sich als geheilt zu verhalten und aufs Neue, obwohl anders als früher, dazu entschlossen, die Frage der Existenz in Angriff zu nehmen, gibt es Kranke, die in ihrer Krankheit ein Gut nach ihrem Maß finden und die Heilung verweigern. In diesem passiven Widerstand gegen das ärztliche Eingreifen sucht der Kranke nach einer Art Entschädigung für seine verminderte, eingeschränkte Kondition.“[13]

 

Wir können nicht willentlich gesund sein, aber wir können, wenn wir wollen, der Selbstdefinition „krank“ den Kadavergehorsam verweigern. Für Canguilhem ist daher Gesundheit die Wahrheit des Körpers in der Situation der Betätigung. Heilung bedeutet immer eine Anstrengung auf sich zu nehmen, um die Begrenzung der Fähigkeiten und Handlungsspielräume nicht zu akzeptieren, die die Krankheit einem aufzwingt. Die Anstrengung, die wir in der Gemeinde aufbringen müssen, um gesund zu werden, ist besonderer Natur: Das wesentliche Element des Heilens ist die Fähigkeit, Zuneigung zu empfinden. Das Geheimnis heilender Zuneigung ist es, wir sagten es bereits, den anderen gut aussehen zu lassen. Die Zuneigung kommt heilend über uns. Was von uns ausgeht, kommt zurück. Ist das naiv? Ist das Glaube?

 

Es stört mich nicht, wenn das als naiver Glaube bezeichnet wird. Eines ist es jedenfalls nicht: berechnend. In dem Maße, in dem Gesundheit ihre Bedeutung von Wahrheit verlor, wurde sie zu einem Gegenstand der Berechnung. Dem will Canguilhem einen philosophischen Widerstand entgegenbringen: „Wir haben uns weit von einer Gesundheit entfernt, die durch Apparate gemessen wird. Für uns ist Gesundheit zu bezeichnen als: frei, nicht-konditioniert, unberechenbar. Diese freie Gesundheit ist kein Gegenstand für denjenigen, der von sich behauptet oder glaubt, ein Gesundheitsspezialist zu sein. ... Der gesunde Mensch, der stillschweigend seinen Aufgaben nachkommt, der die Wahrheit seiner Existenz in der relativen Freiheit seiner Entscheidungen lebt, ist in einer Gesellschaft anwesend, die ihn nicht kennt. Die Gesundheit ist nicht nur das Leben im Schweigen der Organe, es ist auch das Leben in der Zurückhaltung der sozialen Verhältnisse.“[14] Das heißt doch wohl, der gesunden Pfarrer, die gesunden Pfarrerinnen, die der Krankheit den Kadavergehorsam verweigern und dem Jammern über die Institution „Kirche“ Adieu sagen, fallen weniger auf, sie sind in einer Gesellschaft anwesend, die sie immer weniger kennt, weil sie nicht auffallen.

 

Tritt der gesunde Pfarrer, die gesunde Pfarrerin in eine verborgene Abwesenheit? „Der gute Wanderer lässt keine Spur zurück?“[15] Oder leben wir in der Anwesenheit Gottes? Das christliche Denken hat auf eine sehr heilsame Weise eine Tempelkritik vollzogen. Es wird sich abgewendet vom Tempel als dem Ort der Opfer, der Gott auf irgendeine Weise beeinflussen soll. Es geschieht eine Umwertung altorientalischer Werte, wenn Paulus sagt: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt?“ (1 Kor 6,19) Könnte das nicht gesund und heilsam sein, wenn wir in unsere Gotteshäuser eintreten mit dem Bewusstsein, selbst auch Tempel Gottes zu sein? Sind wir uns dann in unserem leibhaften Erleben nicht selbst der beste Schutzraum? Unser Leib, ein Tempel Gottes, in dem wir leben, weben und sind? Und: Könnte es nicht gesund und heilsam sein, wenn wir keine kultischen Opfer bringen müssen, um gut sein zu dürfen? Ist es in Anbetracht der baulichen Ausstattung unserer Kirchen nicht heilsam zu sagen: Tschüß, ihr feuchten, toten Grüfte! Tschüß, ihr alten, kalten Tempel, in denen unsere Gesundheit geopfert wird! Tschüß, ihr hallenden Hallen, in denen gekniet wird vor einem gut funktionierendem Pfarramt!? Können wir zumindest innerlich dahin kommen, zu sagen: Willkommen, ihr erlebenden Körper! Willkommen, ihr leibhaften Brüder und Schwestern! Willkommen, ihr lebendigen, warmen Tempel!?

 

Heilsam resigniert sein

 

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“ (1. Kor. 13,12).

 

Der Psychotherapeut Arnold Retzer hat ein vielleicht lange überfälliges Buch geschrieben: „Miese Stimmung. Eine Streitschrift gegen positives Denken“ (Frankfurt/M. [Fischer] 2012). Er wendet sich darin gegen die gesellschaftlich geforderte Selbstoptimierung. Schrankenloser Ehrgeiz und Erfolgszwang werden kritisch analysiert und auf die Phänomene „Depression“ und „Burn-Out“ bezogen. Eine Ursache findet Retzer darin, dass Angst, Irrtum und Versagen gar keinen Raum mehr finden und nicht zugelassen werden, obwohl diese negativen Erfahrungen notwendiger Teil des menschlichen Lebens sind. Eine Gesellschaft, die die Schattenseiten des Lebens nicht zulässt, produziert Erschöpfung und Depression. Sie verlernt mit Unzulänglichkeit und Mittelmäßigkeit barmherzig umzugehen. Retzer wird nicht müde zu betonen, dass gerade Irrtümer, Fehler und Niederlagen uns klug machen. Das Leben legt darin immer wieder ein Veto gegen unsere illusionären Hoffnungen ein und befreit uns von Irrtümern, unsere eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten betreffend. Erkenne, wer du nicht bist! Lautet Retzers Wahlspruch. Man kann ergänzen: Erkenne, was du nicht willst und nicht kannst und nicht möchtest! Erkenne deine Grenzen! Retzer kommt zu dem Schluss, dass wir eine resignative Reife erlangen können, wenn wir erkennen, wer wir nicht sind.

 

Retzer steht nicht in Verdacht theologisch zu denken; aber hat sein humanistischer Ansatz nicht für uns viel Altvertrautes zu bieten? Wenn nicht Christen, wer dann, weiß etwas von der Endlichkeit und Vergeblichkeit menschlicher Lebensentwürfe? Hat sich nicht Gott selbst die Endlichkeit auf den Rücken geschnallt? Setzt Gott nicht selbst die Beziehung zu seinen Geschöpfen aufs Spiel, in dem die Urbeziehung aller Beziehungen am Kreuz in Gefahr steht? Für einen Moment scheint der dünne Faden der Beziehung zwischen Gott und Mensch abzureißen, wenn da nicht Gottes Angesicht alle Vergeblichkeit freundlich anblickte, wenn er nicht die Fragmente unserer Entwürfe vor sich stellte und vollendete.

 

Daher möchte ich euch, liebe Kolleginnen und Kollegen, eine heilsame Resignation predigen. Heilsam resigniert wissen wir: Wir können nichts machen, geben aber trotzdem unser Bestes. Wir wissen, es liegt viel an unserer Selbstmächtigkeit, aber eben nicht alles. Zwar ist die schlimmste Last die, für die man keinen Grund nennen kann. Die „tentatio sine tentatione“, die Anfechtung ohne Anfechtung, wir würden heute vielleicht von endogener Depression sprechen, wird im 16. Jahrhundert zwar als schlimmste Last gesehen, aber gleichzeitig als Auszeichnung verstanden. Wir können als heilsam Resignierte ausgezeichnet werden, so wie es das 16. Jahrhundert noch verstand, denn die Erstursache der Melancholie ist Gott.[16] Als heilsam Resignierte können wir den Weg der Endlichkeit aktiv unter die Füße nehmen (E. Herms), weil wir wissen, das Vollenden liegt bei Gott. Wir erfahren in unserem Amt damit nicht das Heil, aber Heilung und Gesundung. Was trägt, ist nicht meine Arbeit, ja, noch nicht mal mein Glauben, sondern das Eingetaucht sein in den Gemeingeist Christi, der immer mein Denken und Handeln übersteigt; was heilt ist das Eingeleibt sein in den Leib der Gemeinde Christi, die immer auch jede empirische Gestalt der Kirche umfasst.

 

* Vortrag bei der Dekanatskonferenz Kronberg/Taunus am 27. Februar 2013. Der Autor ist Pfarrer der EKHN und Schulseelsorger am Rabanus-Maurus-Gymnasium in Mainz.

 


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[1]             Schaarschmidt und Fischer, Bewältigungsmuster im Beruf, Göttingen (Vandenhoek & Ruprecht), 2001. Ich beziehe mich in meiner Darstellung auch auf: Rheinland-Pfalz, Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, Projekt Lehrergesundheit, Zeitung für Kollegien und Schulleitungen, 5. Ausgabe – 04/2003. Unter www.plg.rlp.de kann man auch einen Kurztest von Schaarschmidt & Fischer zur Selbstevaluation herunterladen.

[2]             Die Angaben stammen aus einem Vortrag von Dr. Elisabeth Gläßler, die sie bei einem Studientag „Lehrergesundheit“ des Rabanus-Maurus-Gymnasiums, Mainz am 29. Mai 2007 vortrug.

[3]             Joachim Bauer, Lob der Schule, Hamburg (Hoffmann und Campe) 2007, 68f

[4]             Mihaly Csikszentmihalyi, Flow. Das Geheimnis des Glücks, 1995.

[5]             Ebd. 67

[6]             Projekt Lehrergesundheit – Rheinland-Pfalz, ADD, Trier 2003.

[7]             Ebd., 2.

[8]             Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch, 17. Aufl., Berlin 1957, 172.

[9]             Wolfgang Schmidbauer, Die subjektive Krankheit. Kritik der Psychosomatik, Reinbek bei Hamburg 1986, 195, vgl. auch 173.

[10]            Eilert Herms, „Füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet...“ Das dominium terrae und die Leibhaftigkeit des Menschen, in: Ders., Gesellschaft gestalten, Tübingen 1991, 29.

[11]            Georges Canguilhem, Gesundheit – eine Frage der Philosophie, Berlin 2004, 8.

[12]            Ebd., 31.

[13]            Ebd., 37.

[14]            Ebd., 63.

[15]            Byung-Chul Han, Abwesen, Berlin 2007, 14.

[16]      Johann A. Steiger, Melancholie, Diätetik und Trost, Heidelberg (Manutius) 1995, 85.