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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

 

Transformation der Religionen ins Niemandsland

 

Frieder Otto Wolf, Berliner Philosoph und Präsident des Humanistischen Verbands Deutschland, sieht den Religionsgemeinschaften „bei Strafe des Untergangs“ eine große Transformation bevorstehen. In einem Beitrag in der Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ (6/2013, 111-118) mahnt er eine gesellschaftliche Debatte an um die Fragen, was moderne Religiosität heute bedeute und ob spezifisch religiöse Identitäten überhaupt noch möglich seien. Er selbst hält seit Robespierres Einführung einer Zivilreligion und Henri de Saint-Simons Ausarbeitung einer nationalen Religion auf der Grundlage der modernen Wissenschaften die zuvor gestellten Fragen schon für beantwortet – auch wenn er vorsichtig fragt, ob „moderne Gesellschaften und ihre Kultur […] überhaupt mit traditionellen Religionen vereinbar“ seien oder ob „es einer ‚neuen Religion’ oder gar einer nicht-religiösen Weltanschauung [bedürfe], um den Prozess der Moderne zu vollenden“.

 

Religiöse Identitäten sind in Wolfs Weltsicht nichts anderes als Ausdruck einer Orientierung an vormodernen Zuständen; beginnen sieht er die Transformation der vormodernen Religion hin zur modernen „Weltanschauung“ bereits bei Lessings, Herders und Goethes „differenzierenden Zugriffen auf die tradierten Religionen“, weiter fortschreitend dann in der noch ambivalenten Haltung Feuerbachs sowie bei Büchner, „der bereits dezidiert 'weltanschaulich' argumentiert“. Die entstehende „neue Religion“ auf der Grundlage des Fortschritts der Wissenschaften streife dann im 19. Jahrhundert „ihre vorherige Religionsförmigkeit wie einen aus der Mode gekommenen alten Mantel ab und verwandelt sich in eine wissenschaftlich begründete Weltanschauung“, der keine kultische Praxis außerhalb von Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen entspreche. Parallel zu dieser Entwicklung vollziehe sich auch in anderen Religionen – Wolf nennt hier seltsamerweise Islam und Konfuzianismus – „eine Erneuerung von Doktrin und Kultus“, die darauf abziele, „den Anforderungen der Moderne (besser) zu entsprechen“.

 

In den „großen Konfrontationen“ des 20. Jahrhunderts seien diese Debatten „vielfach instrumentalisiert, pervertiert und auch unterdrückt worden“, weshalb sich festhalten lasse, dass „sich der schlichte Traditionalismus der alten Religionen […] als ebenso unhaltbar erwiesen hat wie die schlichte Fassung des Comteschen Drei-Stadien-Gesetzes“, wonach die moderne Wissenschaft sowohl an die Stelle der Religion als auch aller grundlegenden politischen Orientierungen getreten sei.

 

Wolf führt die Beschneidungsdebatte ins Feld, um zweierlei zu zeigen: zum einen, dass ein „kollektives 'Selbstbestimmungsrecht' für Kirchen und Religionsgemeinschaften […] mit einer modernen Staatsverfassung schlicht unvereinbar“ sei, und zum anderen, dass Eltern nicht das Recht hätten, „Lebensentscheidungen ihrer Kinder irreversibel festzulegen“. Letzteres betreffe „auch die 'sublimierte' Praxis der christlichen Religionen, da auch die Taufe „kirchenintern als nicht rückgängig zu machen“ gelte.

 

Die geforderte Transformation aller Kirchen und Religionsgemeinschaften, „um wirklich mit modernen Verhältnissen kompatibel zu werden“, sieht Wolf im Blick auf die evangelische Theologie im Kulturprotestantismus begonnen und in der Entmythologisierung Bultmanns (Wolf nennt fälschlicherweise in diesem Zusammenhang auch Karl Barth) radikalisiert; die „Anpassung der Theologie an die inhaltlichen und formalen Anforderungen moderner Wissenschaftlichkeit und moderner Gesellschaftlichkeit“ komme „jetzt auf die Kirchen und Religionsgemeinschaften zu: ein Umbau ihres gesamten Kultus, der ihren Absolutheitsanspruch nach außen relativieren muss“.

 

Man könnte die Wolf'schen Ausführungen, die repräsentativ sind für den organisierten „Humanismus“ in Deutschland, mit dem Verweis darauf zur Seite schieben, dass der Protestantismus davon nicht betroffen ist, weil er weder einen „Absolutheitsanspruch nach außen“ vertritt, noch Probleme mit „moderner Gesellschaftlichkeit“ hat, sondern gesellschaftliche Entwicklungen oft geradezu vorantreibt. Problematisch ist jedoch Wolfs Vorschlag, wie Religionsgemeinschaften zukünftig ihre eigene Stellung innerhalb der Gesellschaft definieren sollen; würden etwa die Kirchen diesem Vorschlag folgen, käme das einer Selbstauflösung gleich, denn es ginge nicht nur um einen Verzicht auf im Grundgesetz garantierte Rechte, sondern auch um eine Abschaffung der Gottesdienste als regelmäßig stattfindenden und einer agendarischen Form folgenden Kultveranstaltungen.

 

Zur Begründung seiner Forderungen an die Religionsgemeinschaften greift Wolf auf eine Rede der in Istanbul geborenen jüdischen Professorin Seyla Benhabib zurück, in der diese anlässlich der Verleihung des Leopold-Lucas-Preises 2012 in Tübingen über „Gleichheit und Differenz. Jüdische Identität im Spiegel der Moderne“ gesprochen hat. Benhabib entfaltet in dieser Rede unter Rückgriff auf einen Essay von Moritz Goldstein („Deutsch-Jüdischer Parnass“) aus dem Jahr 1912 , in dem dieser die „radikale Hybridität kultureller Identitäten und Leistungen“ den damals vorherrschenden nationalistischen Ideologien, aber auch allen anderen scheinbaren Eindeutigkeiten, entgegenstellt, eine Theorie des „Dazwischen“ und „Halb-Anderen“, in der die Ausbildung und Kultivierung einer „erweiterten Denkungsart“ (Immanuel Kant) als Aufgabe der demokratischen Kultur postuliert wird.

 

Bei Seyla Benhabib und 100 Jahre vorher schon bei Moritz Goldstein geht es um elementare Fragen, die sich dem europäischen Judentum zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende gestellt haben, und die heute unter einer veränderten Fragestellung wieder auftauchen. Benhabib bündelt dies in der Leitfrage nach der Möglichkeit, ein „verhandelbares Dazwischen“ zu schaffen, das den Ausgleich zwischen Gleichheit und Differenz, also zwischen jüdischer Identität und Moderne, möglich macht. Ihre auf Moritz Goldstein aufbauende Einsicht besteht darin, dass der „Ewig Halbe“, also der Mensch, der scheinbar in zwei Welten lebt – wie Goldstein als jüdischer Intellektueller des Kaiserreichs in der jüdischen Religion und in der modernen Welt –, keine kulturelle Anomalie darstellt, sondern zum Träger einer neuen Identität wird, „die Marginalität als eine zentrale Quelle der Kreativität respektiert“.

 

Was nun bei Benhabib vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte des Judentums – die nicht nur den Holocaust umfasst, sondern zuvor schon durch Nichtwürdigung der Beiträge jüdischer Intellektueller zur abendländischen Kultur geprägt ist – als Möglichkeitsbedingung für die selbstbewusste Teilhabe marginalisierter Individuen an der Mehrheitsgesellschaft entworfen wird, findet sich bei Wolf als eine Forderung an die Mitglieder sämtlicher Religionsgemeinschaften, die man folgendermaßen umschreiben kann: Betrachtet euch als Marginalisierte, da ihr anderen orientierenden Gewissheiten folgt als dem wissenschaftlich-technokratischen Weltbild, und zieht daraus, wenn ihr religiös bleiben wollt, die notwendigen Konsequenzen.

 

Wolf strebt eine radikale Individualisierung eines jeden religiösen Glaubens an. Ein nach seinen Vorstellungen als „modern“ verstandenes Gemeinwesen kennt keine Religionsgemeinschaften mehr, sondern nur noch Menschen, die „die eigene Identität als durch die Unterwerfung unter ein partikulares 'höheres Wesen' konstituiert und gewährleistet“ erleben. Es gibt also nur noch individuelle „religiöse Haltung“, aber keine „falsche Substanzialisierung einer fingierten vormodernen Gemeinschaft“. Er propagiert einen Gesellschaftsentwurf, der vom „Dazwischensein“ und dem „Halb-Anderen“ als Standardverfasstheit eines jeden Individuums ausgeht. Kommunikation zwischen Individuen über ihre Identitäten, gerade weltanschaulicher und religiöser Art, läuft als Debatte, „die sich nicht vorab schon durch Substanzialisierung des Inhalts dieser Identitäten blockiert, also durch Essenzialismen und Fundamentalismen“.

 

Was Frieder Otto Wolf an Transformationsbereitschaft fordert, kommt letztlich tatsächlich einer Selbstaufgabe der Kirchen gleich, sofern diese sich um eine irgendwie normierende inhaltliche Bestimmung bilden. Eine Eigenständigkeit des Evangeliums im Gegenüber zu den Erfahrungen der singulären Individuen wäre demnach nicht denkbar. Religiöse Praxis findet nur noch so statt, dass die singulären Individuen „sich auf die eigene 'innere Vielfalt' akzeptierend einlassen, die der Vielheit der Beziehungen entspricht, in denen eine oder einer sich bewegt“. Für die von diesen Individuen gebildete Gemeinschaft bedeutet dies, „dass sie sich nicht – nach Art der vormodernen Gemeinschaften – an die Stelle der wirklichen Individuen setzen können, sondern nur als Resultat ihres Zustandekommens als immer auch 'Halb-Andere' agieren können (und dürfen)“. Verstehen sich diese Gemeinschaften singulärer Individuen als religiöse Gemeinschaften, werden ihnen von Wolf enge Grenzen gesetzt: Sie dürfen dann nur noch „ganz bewusst als von diesen Individuen konstituierte, gestaltbare, widerrufbare und reproduzierbare Gemeinschaften auftreten“. Intersubjektive Verbindlichkeiten wie Bekenntnisschriften oder das Bekenntnis normierende heilige Schriften sind streng verboten!

 

Wolf lässt es letztlich offen, wie weit die durch das Grundgesetz garantierte Religions- und Gewissensfreiheit den Religionsgemeinschaften zukünftig zugestanden werden kann. Er gibt zu, dass „Religionsausübung und Kultus jedenfalls nicht allein und wohl auch nicht 'rein privat' möglich sind“; die vorsichtige Art und Weise jedoch, wie er erwägt, es gäbe deshalb „verfassungsrechtlich zu garantierende Rechte auf 'Selbstverwaltung' derartiger Gemeinschaften“, lässt tief blicken: Das Wort Selbstverwaltung setzt er tatsächlich in Anführungszeichen. Es läuft wohl eher auf eine „Quasi-Selbstverwaltung“ hinaus, wie sie auch den Hugenotten zur Zeit des Edikts von Nantes und den Protestanten in Österreich unter Joseph II. zugestanden wurde: „Solange das Toleranzedikt nicht widerrufen wird, dürft ihr eure Angelegenheiten, sofern ihr damit niemanden durch Glockengeläut stört, selber regeln.“ So sieht „Selbstverwaltung“ der Religionsgemeinschaften nach Art des Humanistischen Verbandes aus.

 

 


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