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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Toleranz und Religionsfreiheit in Europa

 

„Das Christentum gehört in religiöser, kultureller, sozialer und politischer Hinsicht zu den Wurzeln Europas. Es hat dessen Geschichte mitgeprägt. Auch heute macht es zu einem erheblichen Teil die Identität Europas und der europäischen Völker aus.“ So formuliert eine gemeinsame Stellungnahme des Kirchenamtes der EKD und des Sekretariats der katholischen Deutschen Bischofskonferenz von 1995 die kulturgestaltende Prägung Europas durch das Christentum. Nun ist es aber eine Tatsache, dass sich das Christentum in der Sozialgestalt von Kirchen oder wenigstens klar bestimmbarer Gemeinden organisiert; „das Christentum“ muss demnach auch im Rechtssystem der Gemeinschaft verankert sein, muss politisch in Entscheidungen einbezogen werden und muss in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen Gehör finden. Werden Christen in einem europäischen Land ausgegrenzt und marginalisiert, setzt das politische System des betreffenden Landes den gesellschaftlichen Frieden aufs Spiel – sei es, weil dieses Land den gemeinsamen Weg Europas zu einer Gemeinschaft offener, pluralistischer Gesellschaften noch nicht vollständig beschritten oder – was im Urteil der Geschichte ungleich schwerer wiegen wird – wieder verlassen hat, wie es derzeit in Ungarn zu beobachten ist.

 

In der erwähnten Stellungnahme wird der Stand der Verwirklichung der Religionsfreiheit folgendermaßen beschrieben: „Das Grundrecht der Religionsfreiheit ist eine unbestrittene Basis der Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Im europäischen Raum hat sie in Art. 9 der Europäischen Menschenrechts-Konvention (EMRK) eine spezielle Anerkennung gefunden. […] Zwar wird das Grundrecht der Religionsfreiheit in erster Linie als Individualrecht gesehen. Es ist aber mittlerweile anerkannt, dass sich auch die Kirchen selbst auf Art. 9 EMRK berufen können. Die Gewährleistung umschließt mithin auch eine korporative Dimension.“

 

Das moderne Europa blickt auf eine lange Entwicklung zurück, die zu großen Teilen, aber eben nicht ausschließlich, durch das Christentum geprägt wurde. Das ist die eindeutige Pointe des ersten Zitats. Das Römische Reich, in dem das Christentum zuletzt Staatsreligion war, leitete über von der Antike ins Mittelalter. Schon der Niedergang des Weströmischen Reiches wurde in die Wege geleitet durch einwandernde Völker, die sich mit dem Christentum nicht immer leicht taten. Bald darauf erwuchs dem Christentum Konkurrenz durch den Islam, der Jahrhunderte lang die Iberische Halbinsel und zeitweise auch Sizilien dominierte und bis heute sichtbar zu den kulturellen Wurzeln Spaniens und Portugals gehört. Später eroberte das Osmanische Reich Teile Südosteuropas, die seither muslimisch geprägt sind. Während dieser ganzen Periode entwickelten sich das östliche und das westliche Christentum höchst unterschiedlich.

 

Die Reformation leitete im 16. Jahrhundert eine Entwicklung ein, die langfristig in eine Ausdifferenzierung des Religionssystems hin zu einem religiös-weltanschaulichen Pluralismus führte. Vollends in den demokratischen Verfassungsstaaten, die ab 1918 mit mehr oder weniger großen Schwierigkeiten und Verspätungen in ganz Europa entstanden sind, verlangte dieses pluralistische System nach Garantien rechtlicher Art, die eine freie Religionsausübung möglich machen. Eine wirklich freie Religionsausübung kann aber nur garantiert werden, wenn die Garantie der Religionsfreiheit des Individuums ergänzt wird durch eine institutionelle Komponente. Dabei bringt der Blick auf die gegenwärtige Verschränkung der individuellen und der institutionellen Religionsfreiheit die dem modernen Menschen überraschend erscheinende Erkenntnis zutage, dass die historische Entwicklung ihren Anfang eindeutig bei der Gewährung der institutionellen Religionsfreiheit genommen hat und erst in einem recht späten Stadium der Entwicklung die individuelle Religionsfreiheit in den Blick gekommen ist.

 

Seit der Ausdifferenzierung des Religionssystems, die mit der Reformation begann, war es lange Zeit die staatliche Macht, die den Anspruch auf Religionsfreiheit durchsetzen konnte. Im Deutschen Reich bestimmten seit dem Augsburger Frieden von 1555 die Landesfürsten die Konfession ihrer Untertanen, und in England führte der König selbst die anglikanische Staatsreligion ein. Die Durchsetzung religiöser Wahrheitsansprüche war ein gutes Jahrhundert lang der häufigste Grund für Kriege. Wer gegen den Willen der Herrscher auf seine individuelle Religionsfreiheit bestand, musste das Land verlassen – das betraf die Puritaner in England ebenso wie die Nachfahren der Täufer in Deutschland und die Katholiken in den skandinavischen Ländern. Die koloniale Siedlungsgeschichte Nordamerikas und die frühe Entwicklung der USA bis zum Bürgerkrieg (1861 bis 1865) ließ in der „Neuen Welt“ eine Art religionspolitischen Gegenpol zum „Alten Europa“ entstehen. Die Folgen sind noch heute spürbar beim Blick auf die fundamentale Differenz der religiösen Kultur der USA zu Europa – ungeachtet der teilweise sehr großen Unterschiede innerhalb Europas zwischen einzelnen Staaten.

 

In Europa verteidigten viele Herrscher das System der Staatskirche, das in manchen Ländern wie England, Dänemark und Norwegen immer noch gilt; Schweden und Griechenland haben erst vor wenigen Jahren ihre Staatskirchen abgeschafft. Frankreich ging seit 1905 den entgegengesetzten Weg und führte mit dem Laizismus eine strickte Trennung von Kirche und Staat ein. In Deutschland entstand nach dem Ende des landesherrlichen Kirchensystems mit der Weimarer Reichsverfassung ein Kooperationsmodell, in dem kirchliche und staatliche Institutionen bei der Erledigung gemeinsamer Aufgaben auf gesetzlicher Grundlage zusammenarbeiten. Neben Deutschland haben auch Österreich, Italien, Spanien, Portugal, Belgien und Luxemburg dieses System gewählt.

 

Historisch schaffte erst das gesamteuropäische Phänomen der Aufklärung die Voraussetzung dafür, das Individuum zum Träger zunächst eines Toleranzanspruchs, später der Religionsfreiheit zu machen. Die Toleranz als gesetzlich geregelte reichsrechtliche Duldung betraf nur bestimmte Religionsgemeinschaften: Neben den drei christlichen Konfessionen waren dies die Juden, aber auch kleinere christliche Gemeinschaften.

 

Vielleicht gehört das Ringen um Religionsfreiheit zu den wichtigsten Signaturen einer gesamteuropäischen Identität – inzwischen auch zur Identität der europäischen Kirchen, die nicht immer Vorreiter für die Religionsfreiheit waren; bei diesem Ringen gab es jede Menge Ungleichzeitigkeiten und sogar Rückschläge.

 

Die größte Herausforderung für die Kirchen im gegenwärtigen Europa besteht darin, die Freiheitspotentiale der zusammenwachsenden europäischen Gesellschaften sinnvoll zu nutzen. Die vielleicht größte Bedrohung nicht nur für die europäische Politik, sondern auch für die europäischen kirchlichen Zusammenschlüsse liegt in der Krisenanfälligkeit der Europäischen Union, aktuell ausgelöst durch die Krise der gemeinsamen Währung. Hier besteht die Gefahr, dass die Kirchen dem von der Politik vorgelebten Prozess der Entsolidarisierung erliegen und ihre gemeinsame ökumenische Arbeit gefährden, indem sie sich dem herrschenden ökonomischen Paradigma unterwerfen. Das könnte letztlich zu einem Rückfall in der Verwirklichung der Religionsfreiheit führen.

 

Geringfügig überarbeitete Fassung eines Beitrags, der zuerst veröffentlicht wurde unter dem Titel „Europa und die Religionsfreiheit“  in: Evangelische Orientierung 1/2013, S. 16. Diese vierteljährlich erscheinende Zeitschrift des Evangelischen Bundes erschien mit der ersten Ausgabe des laufenden Jahrgangs zum Thema „Unser Europa. 40 Jahre Leuenberger Konkordie“.

 


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