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Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67433 Neustadt a.d. Weinstraße-Gimmeldingen

 

 

Die Kunst der Traumdeutung

Wie sie uns in der alttestamentlichen Josefs-Erzählung als Weg der Selbstwerdung des Menschen entfaltet ist

 

In der Josefs- Erzählung des Alten Testamentes werden die Träume Josefs und des Pharao gedeutet. Dort heißt es: „Josef sprach zu seinen Brüdern: Und siehe, wir banden Garben auf dem Felde und meine Garbe stand aufrecht und eure Garben standen rings umher und verneigten sich vor meiner Garbe“ (Gen37,6-7).

 

Mit diesem Traum kompensiert Josef seinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber seinen älteren Brüdern. Normalerweise verhielt es sich nämlich umgekehrt. Die Garben der Brüder standen aufrecht, die Garbe Josefs aber stand, als wolle sie umfallen oder sich vor den Garben der Brüder verneigen. Im Traum werden die Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt. Der kleine Bruder wird zum größten erhöht. Man nennt das eine  Allmachtsphantasie, die aber in diesem Fall lebensnotwendig  für die Erhaltung von Josefs Selbstachtung ist.

 

Noch auffallender ist dies bei Josefs zweitem Traum, in dem Josef träumt, dass sich Sonne und Mond und elf Sterne vor ihm verneigen. Selbst Vater und Mutter und die elf Brüder verneigen sich vor Josef. So ist die manifeste Bedeutung dieses Traumes. Im weiteren Verlauf der Erzählung wird diese Deutung entfaltet (Gen 37,5-9).

 

Die beiden Träume Josefs zeigen, dass Josef in seinem zukünftigen Leben eine herausragende Rolle spielen wird. Er wird ein Herrscher über ganz Ägypten werden, Herr über das Haus des Pharao und Vater des Pharao (Gen 41,40; 45,8). Diese drei Titel offenbaren den verborgenen, latenten Sinn der Träume.

 

Man kommt der Bedeutung dieser drei Titel näher, wenn man bedenkt, dass jeder Mensch in seinem Leben dazu bestimmt ist, ein Selbst zu werden wie C. G. Jung sagt. Für dieses Ziel hat der Erzähler der Josefs-Novelle den Ausdruck Herrscher über ganz Ägypten; denn dies zu werden ist in der Erzählung das Ziel, das es zu erreichen gilt. Josef ist am Ende zu einem wahren Selbst geworden, hat ein Bewusstsein von sich selbst erlangt. Das heißt, dass er die Schattenaspekte seines Ichs integriert hat, die im Traum die Brüder repräsentieren. Er hat weiterhin die Elternimagines integriert, die im Traum Sonne und Mond repräsentieren und er hat sogar sein Ich in sein Selbst integriert, was in der Erzählung mit den Worten ausgedrückt wird: Gott hat mich zum Vater des Pharao gemacht (Gen 45,8a). Dieser verborgene Sinn seiner Träume wird im Verlauf der Erzählung entfaltet, in der der Pharao Josef ins höchste Amt im Staat beruft (Gen 41,40), die Brüder sich am Schluss vor Josef niederwerfen (Gen 50,18) und der Vater Josefs Söhne segnet (Gen 48,14).

 

Lassen Sie uns aber auch die Träume des Pharao betrachten. Er sagte: „Ich befand mich am Ufer des Flusses. Und siehe: Sieben fette und stattlich anzusehende Kühe stiegen aus dem Wasser und gingen auf die Weide. Nach ihnen stiegen sieben magere Kühe aus dem Wasser und die hässlichen und mageren Kühe fraßen die sieben fetten Kühe. Sie verschlangen sie in ihre Mägen, ohne dass man sah, dass sie dort angekommen wären. Und ihre Gestalten waren hässlich wie zuvor. In diesem Traum sah ich auch sieben volle und schöne Ähren auf einem Halm. Danach stiegen sieben Ähren auf, dünn und verbrannt vom Ostwind und die sieben dünnen Ähren verschlangen die sieben dicken“ (Gen 41,17-24).

 

Josef sagte: „Beide Träume bedeuten das gleiche. Gott verkündet dem Pharao, was er vorhat. Nach sieben Jahren des Reichtums gibt es sieben Hungerjahre. In den sieben Hungerjahren wird man die Fülle des Landes vergessen; denn der Hunger wird das Land verzehren“ (Gen 41,30). Indem Josef dem Pharao seine Träume auslegt, macht er ihm seine Verantwortung für sein Land bewusst. Er macht ihm weiter deutlich, dass sein eigenes Unbewusstes ihm den Weg zeigt, seine Verantwortung für die Jahre des Hungers wahrzunehmen. Sein Unbewusstes zeigt ihm einen Weg zum Überleben  des Volkes, und er sagt es ihm durch seine Träume, die er jeweils zweimal hatte, um ihm dadurch den Ernst und die Gefahr der bevorstehenden Situation zu zeigen. Die Deutung seiner Träume befähigt den Pharao zum Handeln. Durch seine Deutung befähigt Josef den Pharao dazu, sein eigenes Unbewusstes zu verstehen, welches er Gott nennt, indem er sagt: Gott verkündet dem Pharao, was er vorhat (Gen 41,25). Der Gottesbegriff der alten Erzählung ist der Begriff des Unbewussten, wie wir ihn nennen.

 


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