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Michael Behnke
Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken

 

 

Das Kruzifix[1]

 

„Aber, lieber Kollege, das können Sie doch wirklich nicht wollen!“ Mit gereizter Stimme versuchte Dr. Schädlich, evangelischer Schulpfarrer und Fachleiter Religion am staatlichen Paul-Münch-Gymnasium in Hombau-Pirmabrück, den letzten Redebeitrag zu kontern. Leicht erschöpft zog er die Brille von der Nase und wischte sich mit der rechten Hand über die zerfurchte Stirn. Diese Fachsitzung zog sich nun schon über drei Stunden hin und ein Ende war nicht absehbar.

 

„Lieber Herr Kollege“, hub Schädlich von neuem an, „bedenken Sie doch. Wir sind nun mal an einer staatlichen Schule und da haben wir das Neutralitätsgebot, das der Staat allem Religiösen und Weltanschaulichen entgegen zu bringen die grundgesetzliche Pflicht hat, zu respektieren. Und beachten Sie darüber hinaus auch die Empfindlichkeiten einiger unserer Kollegen, die allem Religiösen und Kirchlichen gegenüber sehr distanziert, wenn nicht feindlich eingestellt sind. Wir können dieses zentrale Symbol des Christentums doch nicht bleibend in der Aula aufhängen. Das führt unweigerlich zu einem Aufstand!“

 

Der so gemaßregelte Kollege Penner, Musik und katholische Religion, wollte das nicht auf sich sitzen lassen und protestierte energisch. Mit sich überschlagender Fistelstimme und erhobenem Zeigefinger deklamierte der kurz vor der Pension stehende Graukopf: „Papperlapapp, Neutralität und Befindlichkeiten! Schließlich ist das Kreuz nicht nur ein kirchliches Symbol, sondern auch ein Zeichen für die geschichtliche Kontinuität des christlichen Abendlandes. Wir haben nun mal unsere Wurzeln in einem jüdisch-christlichen Wertesystem. Darauf hat kürzlich auch wieder der Heilige Vater mit Entschiedenheit hingewiesen. Und was die von Ihnen genannte Neutralität des Staates angeht, so empfehle ich Ihnen den Vorspruch der rheinland-pfälzischen Verfassung zu lesen. Da heißt es – und sie sollten sich das merken! Moment mal, wo hab’ ich doch …

 

Umständlich kramte er ein altes Büchlein aus seiner Tasche, feuchtete seinen rechten Zeigefinger an, blätterte im Text, fand die Stelle und rezitierte triumphierend: „Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, dem Urgrund des Rechts und Schöpfer aller menschlichen Gemeinschaft…hat sich das Volk von Rheinland-Pfalz diese Verfassung gegeben“. Hier beendete er seine Lesung, sah sich triumphierend in der Korona seiner Kollegen um und ließ seine Worte wirken. Also, wer sich in der Landesverfassung so auf Gott beziehe, der könne sich doch nicht neutral nennen. „Darum bleibe ich dabei, wir sollten das Kruzifix in der Aula an exponierter Stelle aufhängen.“

 

Dieses Statement endete in einem allseitigen Gezeter. Zum wiederholten Male wies die junge Frau Spärlich ungeduldig darauf hin, dass sie nun endlich nach Hause müsse, da sie ihren Babysitter nicht ewig warten lassen könne und man solle doch nun endlich mal abstimmen. Man habe schließlich auch noch etwas anderes zu tun, als sich über Kreuze zu balgen. Ihr Vorstoß erntete allgemeine Zustimmung. Mit fünf zu zwei Stimmen kam man überein, die leidige Sache zum zweiten Mal zu vertagen. Es war fast sechs Uhr geworden, als die Kollegen grummelnd und unzufrieden ihre Sachen zusammen rafften und grußlos auseinander liefen.

 

Dr. Schädlich blieb noch für einen Moment auf seinem Stuhl sitzen und schaute mit leerem Blick ins Nirgendwo. Innerlich verfluchte er diese vermaledeite Angelegenheit, in die ihn die Schulleitung hinein gebracht hatte. Dabei fing alles so harmlos an. Drei Monate dürfte das jetzt her sein, als sie die Renovierung eines seit Jahrzehnten nicht mehr benutzten Saales im Dachgeschoss in Angriff nahmen, um einen zusätzlichen Medienraum dort zu installieren. Im allgemeinen Sprachgebrauch, firmierte dieser Raum als „Reliraum“, in dem bis Ende der sechziger Jahre von beiden Konfessionen Schulandachten, Gebetsmeditationen und Adventsandachten abgehalten wurden.

 

Als durch die Ereignisse der 68er Unruhen eine in ideeller als auch konzeptioneller Hinsicht spürbare Trennung zwischen Kirche und schulischem Religionsunterricht eintrat, wurde der „Reliraum“ von den Religionslehrern aufgegeben. Im Laufe der Zeit wurde der Raum dann zur Rumpelkammer der Schule. Hier stand alles, was man nicht mehr brauchte, aber noch nicht wegwerfen wollte – was aber auch mit der Zeit einfach vergessen wurde: Uraltes, aber noch brauchbares Schulmobiliar, aus der Mode gekommenes Anschauungsmaterial, massenhaft alte verstaubte und vergilbte Bücher, jede Menge Dia-Serien, Schallplatten, Wandkarten, Ausgemustertes aus den Physik- und Biologie- und Chemiesammlungen, ein altes Reck, Medizinbälle und zwei Böcke aus der Sporthalle, Skulpturen und Reliefe aus dem Kunstunterricht und schließlich das „corpus delicti“: ein metergroßes Kruzifix in sehr gut erhaltenem Zustand.

 

Als die Schulleitung den Raum besichtigte, entschied man sich unisono, den ganzen Krempel ohne große Diskussion schleunigst zu entsorgen. Allein beim Kruzifix zögerte das Triumvirat in heiliger Scheu. Nach einem längeren Stehkonvent kam man überein, dass es doch pietätlos sei, ein solch gut erhaltenes Kruzifix einfach dem Müll zu übergeben. Man wolle die Fachkonferenz Religion in der nächsten Dienstbesprechung damit beauftragen, für dieses religiöse Symbol einen geeigneten Ort im Schulgebäude zu finden. In der Zwischenzeit werde man das Kreuz in einer Ecke der Lehrergarderobe unterbringen. Damit begann das Unheil.

 

Schädlich raffte sich auf, löschte das Licht, verschloss Lehrerzimmer und Schulgebäude und schleppte sich missmutig zu seinem Wagen. Ächzend ließ er sich in den Sitz fallen und verharrte noch einen Moment sinnierend hinter dem Steuer.

 

Dabei fing doch alles so hoffnungsvoll an, ging es ihm auf einmal durch den Kopf. Das Anliegen der Schulleitung wurde von seinem Fachbereich und ihm geradezu freudig aufgenommen, denn immerhin signalisierte die Schulleitung dadurch eine positive Haltung gegenüber dem marginalen Fach Religion, das jetzt sozusagen einen gesamtschulischen Auftrag erhielt. Fast euphorisch ging man ans Werk, versuchte die Fachbereiche Kunst, Musik und Geschichte ins Boot zu ziehen – schließlich beschäftigten sich auch diese Fächer mit christlicher Geschichte und Kunst. Doch jedes Mal hagelte es Absagen: Dass man auch über kirchlich-religiöse Inhalte im jeweiligen Kontext ihrer Lehrpläne zu unterrichten habe, sei zwar richtig, decke sich aber keineswegs mit einer positiven Sicht des Christentums seitens der Fachkollegen, zumal nicht wenige distanziert-kritisch, wenn nicht gar religionsfeindlich eingestellt seien. Auch häuften sich ab diesem Zeitpunkt die abfälligen oder süffisanten Bemerkungen, die man den Religionskollegen beiläufig machte.

 

Wie lange solle das „Marterinstrument“ denn noch in der Garderobe stehen? Wie solle man denn bei einem solchen Anblick seinen Tag positiv beginnen? Man unterstehe sich, das „Ding“ da in die Toiletten zu hängen. Wie könne man da entspannt seine Notdurft verrichten, wenn da einer hinge, der einem auch noch bei solchem Akte von oben herab zuschaue. Man wolle es auch in keinen Klassen- oder Fachraum hängen sehen. Wie sollte man beim Anblicke eines gemarterten und hingerichteten Menschen seine Schüler zu einer humanen Denkweise bringen? Ja, man  könnte gar auf die Idee kommen, dass bei uns die Todesstrafe noch existiere! Zudem sei das Kreuz für die Einen Ausdruck eines sadistisch gewaltbereiten Weltbildes, wozu man ja auch in der Kirchengeschichte reichlich Material finden könne, für die Anderen ein Skandal, das mit der Liebe Gottes zu den Menschen nicht in Einklang zu bringen sei.

 

So endete das „hoffnungsvolle Projekt“ in einem völligen Fiasko. Angesichts des Kreuzes geriet das Kollegium in einen hysterischen Ausnahmezustand. Die einzige mögliche Lösung, das Kreuz in den Fachraum Religion zu hängen, war seit letztem Schuljahr auch verbaut. Denn der Fachraum wurde aufgelöst, um einen Lehrerarbeitsraum darin einzurichten. Und heute nun waren auch die letzten beiden Alternativen gestorben. Schädlich glaubte nicht mehr daran, dass sich seine Fachkollegen darauf einigen könnten, der Gesamtkonferenz den Vorschlag zu unterbreiten, das Kreuz ambulant im Foyer während der Adventszeit und in der Aula während der Schulgottesdienste aufzuhängen. Auch das war nicht mehr durchzusetzen. Keiner wollte sich der feindlichen Stimmung, die fast das ganze Kollegium vergiftet hatte, entgegenstellen. Also würde das Kreuz weiterhin in der Garderobe verbleiben um Schirme, Hüte und Mäntel der Kollegen zu bewachen. Schädlich startete den Wagen und fuhr nach Hause.

 

Die Monate vergingen und keiner fragte mehr nach, und mit der Zeit vergaß das Kollegium ob der täglichen stressigen Pflichten das Elend mit dem Kreuz. Auch störte sich bald keiner mehr am stummen Heiland in der Garderobenecke, wenn er oder sie morgens den Mantel oder Schirm dort ablegte. Man hätte geradezu auf den Gedanken kommen können, der Heiland friste dort in Solidarität mit all den aufgehängten Jacken und Mänteln sein Dasein als einer, der eben auch dort hängt, nämlich am Kreuze.

 

Eines Tages, Schädlich wollte gerade seinen Überzieher über den Haken ziehen, fiel ihm ganz beiläufig auf, dass das Kruzifix nicht mehr in seiner Ecke stand. Ungläubig suchte er in allen Winkeln der Garderobe, konnte aber nichts finden. Wo war es nur? Schädlich wurde auf einmal nervös. „Es wird doch hoffentlich keiner auf die Idee gekommen sein, es klammheimlich wegzuschmeißen? Das wäre wirklich ein Skandal!“, ging es ihm ärgerlich durch den Kopfe. Jedenfalls musste er der Sache nachgehen.

 

Während der großen Pause ging er dann ins Sekretariat, um sich nach dem Kreuz zu erkundigen und erhielt prompt die Antwort, dass der Kollege Leible, Physik und Mathe, mehr darüber wisse. Im Lehrerzimmer angekommen, spähte Schädlich mit Adlerblick nach dem ihm fast unbekannten Kollegen, der seit Jahren neben seinem Deputat auch eine AG Astronomie betreute. Ansonsten fiel Leible nur durch seine kauzigen Witze auf, mit der er von Zeit zu Zeit das Kollegium aufzuheitern wusste.

 

Schließlich entdeckte ihn unser Schulpfarrer allein in der kleinen Sitzecke auf dem Sofa. Zaghaft näherte sich Schädlich Leible und fast verlegen sprach er ihn wegen des verschwundenen Kreuzes an. Instinktiv machte er sich auf eine unangenehme Begegnung gefasst. Bei diesem lakonischen Leible konnte man nie wissen. Der Brot kauende Physiklehrer schaute auch sichtlich erstaunt zu Schädlich, als dieser ihn ansprach. Doch augenblicklich nahm sein Antlitz einen verschmitzten Ausdruck an: „Ach, de Herr Parre, des schädlich Bodenpersonal! Welch’ große Ehre! Jo, was wolle Sie dann von mir?“ Mit leuchtenden Augen und amüsierten Blick wandte er sich dem Religionskollegen zu, gespannt wartend, wie dieser auf seine flapsige, aber gutmütige Ouvertüre reagieren würde. Schlagfertigkeit war leider die Sache Schädlichs nicht und total verdattert, aber auch innerlich verärgert, überhörte er geflissentlich die Unverschämtheit Leibles und fragte direkt und kurz angebunden nach dem Kreuz, ob er es denn weggeworfen habe. Doch Leible biss erneut in sein Butterbrot und kauend-schmatzend erwiderte er nach einer Weile in aller Ruhe: „Awwer Herr Parre. Wo denke se denn hin? Des hängt owwe in de Physiksammlung. Un des schun seit zwe Woche.“

 

Schädlich, der die ganze Zeit vor Leible stand, musste sich zuerst mal setzen. Alles hätte er erwartet, bloß das nicht. In der Physiksammlung! War das nicht der Hort der Agnostiker und Atheisten, kurzum des Antichristen? War es nicht ein Physikkollege gewesen, der ihn vor Jahren coram publico vorgeschlagen hatte, als Ersatzmann bei einer Studienfahrt an den Chiemsee mitzufahren. Da könne er doch mal mit den Schülern eine Wanderung auf dem See machen, das habe sein „Chef“ ja auch fertig gebracht. Daraufhin war das ganze Kollegium in ein prustendes und feixendes Gelächter ausgebrochen. Demonstrativ hatte er damals die Konferenz verlassen und sich schriftlich bei der Schulleitung beschwert. Natürlich hatte sich der Physikkollege daraufhin entschuldigt, es sei ja nur ein Witz gewesen, er habe es ja nicht so gemeint, aber vergessen konnte Schädlich den Vorfall nicht, zu sehr fühlte er sich gekränkt und in seiner Ehre verletzt.

 

„In der Physiksammlung? Ja, warum denn das?“ Leible berichtete auf diese Frage hin in aller Gelassenheit, dass er vor kurzem seinen Fachkollegen vorgeschlagen habe, das Kreuz in die Sammlung zu hängen und ohne große Diskussion hätten alle zugestimmt. Seitdem hinge das Kreuz weithin sichtbar in der Sammlung und bereichere den Raum. Morgens würde er den Heiland begrüßen und nach seinem Befinden sich erkundigen. Wenn er nachmittags allein seine Experimente vorbereite, fühle er sich nicht mehr so einsam, denn da wäre ja noch der Heiland, der immer geduldig von oben ihm zuschaue. Die Kollegen empfänden das ähnlich. Manchmal würde er sich mit dem Heiland unterhalten und ihn um seine Meinung fragen. Schließlich säße er nach getaner Arbeit oft noch eine Zeitlang in seinem Sessel, der gegenüber dem Kreuz stünde und dann sähen sie beide gemächlich zum Fenster hinaus. Und er empfinde es einfach als gemütlich, wenn er dann nicht mehr so alleine „herumhinge“. Kurzum, das Kreuz sei in der Physiksammlung an seinem rechten Platz, und man wolle es auch nicht mehr hergeben.

 

Schädlich hörte mit immer größerem Unbehagen Leible zu. Wollte man sich hier über ihn und seine Religion lustig machen? Was der Kollege da erzählte, grenzte ja seiner Meinung nach an Blasphemie. Christus hing doch nicht „einfach so herum“! Das war ja die Höhe! Unser Religionslehrer gab sich noch nicht geschlagen und holte zu einem Gegenangriff aus. Er erinnerte Leible daran, dass das Kreuz immerhin das zentrale Symbol des Christentums sei und man es nicht so einfach von seiner religiösen Bedeutung trennen könne. Schließlich repräsentiere das Kreuz das Heil Gottes für die Welt und alle Menschen. Gott und Mensch seien im Kreuz für immer versöhnt worden durch die hingebende und verzeihende Liebe Christi. Das Kreuz, ursprünglich ein barbarisches Hinrichtungsinstrument sei durch die Heilstat Christi zu einem Lebenszeichen geworden und damit solle man keinen Spott treiben.

 

Etwas verdutzt hörte sich Leible diese Predigt an. Für einige Momente lastete eine gespannte Stille zwischen beiden Männern, bevor Leible in gewohnt ruhigem, aber nun ernster gewordenen Ton Schädlich antwortete. Sowohl er als auch seine Kollegen hätten niemals Spott mit dem Kreuz getrieben. Eine solche Verdächtigung verbitte er sich auch im Namen seiner Kollegen. Schließlich sei er praktizierender Katholik, seine Kinder seien getauft, zur Kommunion und zur Firmung gegangen, auch besuche er hin und wieder eine Messe. Aber ihm sei bei der Betrachtung des Kreuzes so einiges aufgegangen. Denn wenn Gott in Jesus von Nazareth Mensch geworden ist, dann hat sich dieser Gott ganz und gar unter die Gesetze der Physik oder besser: der Natur gestellt. Jesus von Nazareth lebte durch und durch das Leben eines Menschen und das zeigte sich gerade an der Kreuzigung. Seine Leiden und seine Schmerzen seinen echt gewesen und dass er am Kreuz hängend unter den Gesetzen der Schwerkraft schließlich zu Tode gekommen sei, ließe sich auch nicht bestreiten.

 

Mit dem Wunder der Auferstehung haben er und seine Kollegen natürlich so ihre „physikalischen“ Schwierigkeiten, aber das sei für sie auch nicht das Wesentliche. Das für sie Wichtige sei, dass sie mit diesem Mensch gewordenen Gott, so wie er eben in der Sammlung hing, reden konnten und zwar über alles, was einem so einfiel oder was man auf dem Herzen hatte. Denn ein Mensch gewordener Gott könne schließlich die Sorgen der Mitmenschen aus eigener Erfahrung verstehen. Warum sollte man dann nicht mit ihm reden, wie mit jedem anderen auch? Bei den Theologen habe er dagegen immer den Eindruck, dass Gott irgendwo jenseits von allem, in ätherischer Ferne und unnahbar-wolkig über der Welt schwebe. Doch am Kruzifix sei ihm aufgegangen, dass dieser Gott kein „Hinterweltler“ sei, wie es Nietzsche, dieser verprellte und missratene Pfarrerssohn, ausposaunt hatte, sondern in jedem Menschen sei er nah.

 

Darüber sollte er, der Pfarrer Schädlich, mal nachdenken, es würde sich lohnen. Und dass er am Kreuz hinge, erinnere ihn in doppelter Weise daran, dass er zum einen an seinem Beruf „hinge“, gleichzeitig aber im täglichen schulischen Kampf an der pädagogischen Front oft das Gefühle habe, dass das Unterrichten nichts als ein „Kreuz“ sei und er manchmal selbst „die Nägel“ spüren könne. In diesem Sinne hingen er und der Heiland, jeder auf seine Weise festgenagelt, eben „so herum“. Und darüber könne man sich wunderbar unterhalten. Aber der Herr Pfarrer möge nun mal klipp und klar sagen: Wo sei hier bitteschön etwas Blasphemisches zu erkennen?

 

An dieser Stelle blickte er Schädlich scharf ins Auge. Als dieser stumm blieb und betretenen Blickes nach unten schaute, servierte ihm Leible noch einen Nachtisch: Ach, ja übrigens, da sei noch etwas. Wenn man so sage, dass Christus für die Sünden der Menschen gestorben sei, dann bedeute dies doch im Umkehrschluss, dass unserem Heiland nichts Menschliches fremd gewesen sein dürfte. Dann könne man doch in jeder Hinsicht auf sein verständnisvolles Ohr hoffen. Dazu bedeute das „für uns“ nichts anderes, als dass er eben immer „für uns da sei“ und zwar unter allen möglichen Formen des Irdischen. Ein altes geschnitztes Holzkreuz würde es zur Not eben auch tun.

 

Schließlich fiele es ihm als Naturwissenschaftler nicht schwer Christ zu sein. Denn er habe gerade als Physiker bei einem modernen Philosophen – dessen Namen ihm leider im Moment entfallen sei – gelesen und begriffen, dass, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Probleme beantwortet seien, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt seien. Was nütze ihm da zum Beispiel die Entdeckung der „Weltformel“, wenn seine Tochter unheilbar an multipler Sklerose erkrankt sei. An diesem Punkt eröffne sich doch ein weites Feld für kirchliche Seelsorge, christliche Nächstenliebe, aber auch für einen engagierten und realitätsnahen Religionsunterricht. Schließlich seinen die Religionskollegen für die meisten Schüler der letzte Kontakt zu Christentum und Kirche. Das solle er sich mal durch den Kopf gehen lassen. Da könne man gerne mal drüber reden.

 

Jedoch müsse er nun leider das Gespräch beenden, es habe schon zum zweiten Mal geklingelt und er käme zu spät zum Unterricht. Damit stand er auf, nahm seine Tasche und verließ, ohne sich von Schädlich zu verabschieden, das Lehrerzimmer.

 

Schädlich blieb sitzen, er hatte eine Freistunde. Nach diesem Zusammenstoß brauchte er noch einige Minuten, um die Antwort Leibles zu verdauen. Das Ganze war einfach verrückt. Da suchten sie monatelang nach einer Möglichkeit, dem Kruzifix einen würdigen Platz zukommen zu lassen. An alles Mögliche hatten sie gedacht, aber auf die Physiklehrer wären sie nicht im Traum gekommen. Aber war es nicht ein kleines Wunder? Das Rettende tauchte immer da auf, wo man es nicht vermutete und dieser Leible war ja bei Gott auf seine Weise ein begnadeter „Theologe“. Dabei war es doch gar nicht erstaunlich, so würden wir gerne Schädlich zurufen, dass im Kreuz die Physik mit der Metaphysik im Bunde war.

 


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[1] Literarisch aufbereitet nach einer im Kern wahren Geschichte.