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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

 

Editorial

Gerhard Ludwig Müller und die Heilige Inquisition

Am 21. Juli 1542 gründete Papst Paul III. die „Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis“. Derselbe Papst rief drei Jahre später das Konzil von Trient ein, um für die römische Kirche eine Antwort auf die Reformation zu finden. Auch die Tatsache, dass die Inquisition nun zu einer zentralen römischen Behörde geworden war, hatte mit dem Ausbreiten der Reformation zu tun. Seit dem 13. Jahrhundert gab es die Inquisition als dezentrale Einrichtung zum Aufspüren von Häretikern, wo immer diese auftauchten. Aufgrund ihrer hervorragenden Theologen, die eine konsequente Weiterentwicklung der scholastischen Theologie betrieben, wurden die Mitglieder des Dominikanerordens mit der Durchführung der Inquisition beauftragt. Wie sich jedoch gezeigt hatte, war das mit der Reformation gestellte Problem eine Nummer zu groß für die herkömmliche Form der Inquisition, weshalb eine zentrale römische Behörde notwendig wurde. Das war ein logischer Schritt, denn seit der frühen Neuzeit wurde eine Vielzahl von Behörden als Instrumente der entstehenden Zentralmächte (wozu seit dem Trienter Konzil auch die römische Kirche gehörte) gegründet, um geregelte Konfliktlösungen zu erreichen.

 

Seit der Gründung der „Kongregation für die römische und allgemeine Inquisition“ änderte sich jedoch die Aufgabenstellung: Mit der Etablierung protestantischer Kirchtümer ging es nicht mehr um die Verfolgung einzelner Häretiker, sondern um den Kampf unterschiedlicher kirchlicher Sozialformen und damit auch konkurrierender theologischer Systeme gegeneinander. Ab der Zeit des Konfessionalismus bestand deshalb die Aufgabe der Inquisition hauptsächlich in der Beurteilung der eigenen kirchlichen Lehre; aus der Ketzerverfolgung wurde die Überprüfung der Rechtgläubigkeit kirchlicher Theologen. Diese Aufgabe wurde erneut dringlich während des Pontifikats Pius’ IX. (1846-1878), als in der römisch-katholischen Kirche die Neuscholastik zur verbindlichen Theologie wurde und alle Theologen auf diese Lehre eingeschworen werden mussten. Weil jedoch der Begriff Inquisition die modernen Aufgaben der Behörde nur unzureichend widerspiegeln konnte, änderte Pius X. 1908 den Namen der Behörde in „Sacra Congregation Sancti Officii“.

 

Mit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils ordnete Paul VI. 1965 Struktur und Aufgabenbereich der Kongregation neu. Seither trägt sie den Namen „Congregatio pro doctrina fidei“. Der alte Auftrag blieb jedoch erhalten. In der Apostolischen Konstitution „Pastor Bonus“ erklärte Johannes Paul II. 1988, dass es der Glaubenskongregation darum gehe, „die Glaubens- und Sittenlehre in der ganzen katholischen Kirche zu fördern und zu schützen“.

 

Es wird deutlich, dass es nicht zu den Aufgaben der Glaubenskongregation gehört, die Grenzen der katholischen Lehre in den seit dem Konzil stattfindenden ökumenischen und interreligiösen Diskursen immer weiter hinauszuschieben; vielmehr geht es umgekehrt darum, Grenzen zu errichten, die anzeigen, wie weit theologische Positionen noch durch das Lehramt gedeckt sind. Die Aufgabe der Glaubenskongregation ist demnach nicht progressiv, sondern eindeutig konservativ bestimmt. Dieser Funktion entsprechend, suchten sich die jeweiligen Päpste immer die passenden Personen für den Vorsitz dieser Kongregation aus.

 

Paul VI. berief den italienischen Kurienkardinal Alfredo Ottaviani (1890-1970). Dieser leitete seit 1960 die Vorbereitungskommission für das Konzil und war dort einer der konservativen Wortführer. Er verhinderte, dass die Liturgiereform im Messkanon Zugeständnisse an die Theologie der Ostkirchen machte und war nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 1968 einer der führenden Kritiker der Liturgiereform.

 

Sein Nachfolger, der Kroate Franjo Seper (1905-1981), weckte bei den fortschrittlichen Konzilstheologen zunächst Hoffnungen, weil er sich in seiner Zeit als Erzbischof von Zagreb für die Zulassung verheirateter Diakone und die Aufwertung der Laien eingesetzt hatte. Allerdings begriff Seper im neuen Amt sehr schnell, worin seine Aufgabe besteht: Mit der Erklärung „Inter Insigniores“ vom 15. Oktober 1976 erklärte er die Unmöglichkeit der Priesterweihe für Frauen; drei Jahre später entzog er Hans Küng (unter tätiger Mithilfe seines Nachfolgers Joseph Ratzinger) endgültig die Lehrerlaubnis.

 

Joseph Ratzinger machte nach knapp drei Jahren im Amt des Präfekten der Glaubenskongregation 1984 mit der Instruktion „Libertatis nuntius“ über einige Aspekte der Theologie der Befreiung auf sich aufmerksam. Ein weiterer Text Ratzingers, der besser als jeder andere die Rolle der Glaubenskongregation erklären kann, ist die 2000 veröffentlichte Erklärung „Dominus Iesus“. Als Papst ernannte Ratzinger einen der früheren Sekretäre der Glaubenskongregation, den 1936 im kalifornischen Long Beach geborenen William Joseph Levada, zu seinem Nachfolger. Dieser war zuvor Erzbischof von San Francisco und Großprior der Statthalterei „USA Northwestern“ des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

 

Die Berufung des bisherigen Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation ist alles andere als eine Überraschung. Seit seiner Zeit als Professor in München gilt er als einer der besten Dogmatiker der katholischen Kirche; mit seinen Frühschriften über die „Weiterentwicklung des Diakonats“ hin zum Diakonat der Frau übertrifft er an fortschrittlichen theologischen Ansätzen sogar Franjo Seper, seine Freundschaft und literarische Zusammenarbeit mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutièrrez zeigt ihn offener und weniger um Abgrenzung bemüht als Joseph Ratzinger. Die Neuordnung der Laienräte im Bistum Regensburg hat ihm hierzulande viel Kritik eingebracht; in Rom erntete er dafür großes Lob. Immerhin hat er seinen deutschen Bischofskollegen vorgemacht, wie die Bestimmungen des Zweiten Vatikanischen Konzils in Übereinstimmung mit den Paragraphen des kanonischen Rechts umzusetzen sind.

 

Damit zeigt sich Müller als konservativer Interpret des Konzils, dem es gelingt, eine sachgerechte Umsetzung der Konzilstheologie im Sinne Benedikts XVI. zu leisten. Vermutlich hat er in Regensburg seine Meisterprüfung abgelegt, die ihn für höhere Aufgaben qualifiziert.

Martin Schuck

 


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