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Michael Behnke
Oklahomastraße 12, 66482 Zweibrücken

 

Debatte

 

Von Glaube, Erkenntnis und christlicher Existenz

 

Der protestantische Theologe Paul Tillich definierte den Glauben bekanntermaßen nach folgender Formel: „Glaube ist das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht.“[1] Diese Definition erfreut sich unter Theologen noch einiger Beliebtheit. Denn die Formel ist, salopp gesagt, so offen wie ein Scheunentor. Was uns unbedingt angeht, bleibt so hübsch unscharf, sodass jeder mit seinem eigenen „Traktor“ durch dieses Tor meint einfahren zu können. Was uns unbedingt angeht, kann aber sowohl etwas so Banales wie ein Fußballspiel sein, aber auch so etwas Teuflisches wie das Ergriffensein von einer Drogen- oder sonst einer Sucht, oder so etwas Beglückendes wie eine große Liebe, aber auch so etwas Überwältigendes wie eine religiöse, transzendente oder mystische Erfahrung.[2]  So beliebt die Formel auch ist, so beliebig ist sie füllbar.

 

Es stellt sich somit die Frage: Ist diese Formel auch biblisch verifizierbar? Kurz: Sie ist es – wenigstens was das „Ergriffensein“ betrifft! Im griechischen Verb „katalambano, (akt.+pass) findet sich die entsprechende Grundlage dafür.

 

Im Theologischen Begriffslexikon zum NT II (S. 971)[3] steht: „Mit ‚katalambano’ bezeichnet das NT den Angriff der gottfeindlichen Mächte wie den Zugriff Christi.“ Damit hätten wir gegenüber Tillich die erste Differenzierung: Ergriffen werden kann man sowohl von dämonischen als auch von göttlichen Mächten[4].

 

Zwei Beispiele für dämonische Mächte:

 

Das wichtigste positive Beispiel steht in Phil 3: Nachdem Paulus sein christliches Lebensideal vorgestellt hat (Gerechtigkeit aus Glauben, Macht der Auferstehung, die Gemeinschaft mit Christus in seinem Leiden) in den VV.7-11, sagt er in VV. 12f.: „Nicht dass ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen wäre. Aber ich strebe danach und möchte es ergreifen, weil ich schon von Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte.“

 

Die Basis allen Strebens geht für Paulus von der Tatsache aus, dass er von Jesus „ergriffen worden ist“. Er ist also von einer göttlichen Macht in Anspruch genommen und berufen worden. Doch dieses „Ergriffen-Sein“ hat sich Paulus noch nicht wirklich erschlossen, er hat es eigentlich nicht wirklich „begriffen“, aber er strebt ihm nach, um es immer besser bzw. „vollkommener“ zu verstehen.

 

Die Dialektik von „begreifen“ und „Begriffen-Sein“ übersteigt hier allerdings eine reine vernunftbasierte Logik, denn die Tatsache des „Ergriffen-Seins“ kann zwar von Paulus als ein überwältigendes Berufungserlebnis“ geschildert werden (Apg 9) – und er wird ja in seinen Briefen nicht müde, auf seine göttliche Berufung ins Apostelamt hinzuweisen (Röm 1,5; 1.Kor 1,1; 2.Kor 1,1; 12,1-10; Gal 1,1.11-16 ) – doch kann er dieses Phänomen nicht „kausal“ beschreiben. Der rationalistische Sokrates würde hier dagegen sagen: „Ich kann nur mit Überzeugung tun, was ich vorher rational als etwas Gutes begriffen habe!“

 

Warum aber Gott ausgerechnet ihn, den einstigen Christenverfolger, berufen hat, bleibt Paulus letztendlich verborgen, bleibt ein Geheimnis. Doch ausgehend von diesem „Ergriffen-Sein“ gestaltet sich nun sein ganzes Leben. Er versucht dieses „Ergriffen-Sein“ zu leben, versucht es intellektuell zu verstehen und versucht ihm aktiv zu dienen.

 

Das Urdatum des Glaubens beschreibt damit ein Erlebnis, das ein Leben intellektuell und existentiell auf ein göttliches Ziel ausrichtet, obwohl gerade die Ursache dieser Lebensbasis im Rahmen der „reinen Vernunft“ nicht beschrieben werden kann, ja was wohl am Beispiel des Paulus uns heute eher als vernunftwidrig erscheinen muss. Denn er, der erfolgreiche Pharisäer, dem eine glänzende Karriere offen stand, wechselt das Lager, wird christlicher Missionar und lebt von da an ein unstetes und stets gefährdetes Leben, wird zum Heidenapostel, wird sowohl von den Juden als auch von den Judenchristen mit Argwohn betrachtet, ja zum Teil abgelehnt und gehasst, gesteinigt und geschlagen, verfolgt und angeklagt, schließlich verhaftet und gefangen, stirbt er in Rom einen grausamen Märtyrertod.

 

Nach unseren weltlichen Maßstäben hat er sein Leben verschwendet. Aus einem hoffnungsvollen Start, das ihn zu Ansehen, Wohlstand und Ehre in seinem jüdischen Volk gebracht hätte, wird ein Leben voller Leiden und Verfolgungen, immer unterwegs, ohne eigenes Heim, ohne Frau und Familie, immer in Lebensgefahr, Durst und Hunger ausgesetzt. Von allen angefeindet, ja selbst seine eigenen Gemeinden drohen immer wieder von ihm abzufallen. Was für ein erbärmliches Leben! Wollten wir so leben? Ist das vernünftig?

 

Doch kommen wir zurück zum Thema: Paulus beschreibt an anderer Stelle dieses dialektische Glaubensverständnis an Hand der „Erkenntnis“. In 1.Kor 13,12 heißt es: „Noch ist mein Erkennen Stückwerk. Dann aber werde ich so erkennen, wie ich selbst erkannt bin.“

 

Alle menschliche Erkenntnis, alles Vernunftstreben und jede Bewusstseins-Philosophie werden also nach diesem Ansatz letztendlich menschliches Stückwerk bleiben. Das wahre Wesen eines Menschen hat nur Gott selbst erkannt. Allerdings soll das nicht heißen, dass Christen sich intellektuell nicht mehr anstrengen sollten. Damit würden wir Paulus falsch verstehen, denn auch für den Apostel stellt das Streben nach Erkenntnis ein göttliches „Charisma“ dar (1.Kor 12,8.28; Röm 12,8), das zum Aufbau des „Leibes Christi“ von wichtiger Bedeutung ist, aber auch nicht über den anderen Charismen steht, sondern ihnen zu- und gleichgeordnet ist (12,4).

 

Das Interessante ist nun aber, dass sich das Charisma der Erkenntnis nicht durch einen besonders scharfen Verstand qualifiziert, sondern durch die Liebe. Denn ohne Liebe wäre alle Erkenntnis „nichts“, 1.Kor 13,2. Und das gilt für alle Charismen: Werden sie ohne Liebe, nur des Dienstes oder der eigenen Selbstdarstellung oder der eigenen intellektuellen Überlegenheit („Götzenopferfleisch“) willen getan, so sind sie nichts wert, sind zu nichts „nütze“ (12,7), helfen nicht, den „Leib Christi“ zu erbauen, im Gegenteil, sie stören und zerstören die brüderliche Gemeinschaft (vgl. 1.Kor 10; 11; 14; Röm 14).

 

Jedoch geht Paulus noch einen Schritt weiter. Obwohl einem jeden Christen von dem Herrn durch den Geist ein Charisma gegeben wurde, das er in Liebe in die Gemeinschaft einbringen soll, sind die Charismen letztendlich vergänglich, sind nur Hilfsmittel dieses Äons, gehören zu den „vorletzten Dingen“, wie z.B. auch die Ehe. „Die vollkommenen, auf Gotteserkenntnis ausgerichteten Charismen werden keine Vollendung erfahren, sondern verschwinden.“[5]

 

Was aber „jetzt schon“ (nuni , V.13, zeigt die jetzt schon angebrochene eschatologische Realität an) Wirklichkeit geworden ist und was bleiben wird, ist für Paulus „Glaube, Liebe, Hoffnung, am höchsten steht aber die Liebe, 1.Kor 13,13.

 

Bezieht man diese Ergebnisse auf das Konzept einer „rationalistischer Theologie“, so wird schnell deutlich, dass der paulinische Ansatz einer die ganze Existenz ergreifenden göttlichen Macht, die in einen umfassenden liebenden Dienst stellt, einer rein rationalen Auslegung nicht kompatibel ist. Im Antlitz der „ganzheitlichen“ Theologie Pauli entpuppt sich jeder rationalistische theologische Ansatz als reduktionistisch. Erschwerend kommt hinzu, dass die eschatologische Vorläufigkeit jeder Intelligenz- und Vernunfttätigkeit nicht berücksichtigt wird. Ziel des christlichen Glaubens ist keine umfassende, Welt gründende Erkenntnis, sondern die weltweite Verbreitung der agape. Allein in deren Dienst steht jede christliche Erkenntnis, nämlich in der Förderung von Frieden, Versöhnung und Vergebung, in der dienenden Hingabe an alle Notleidenden, in der Fürbitte und in auch in der Annahme dieser Liebe im Miteinander der Gemeinde und unter allen Menschen. Und ich denke, zur göttlichen Liebe gehören auch Fröhlichkeit, Gelöstheit und Humor. In diesem Sinne ist christliche Existenz Zeugendienst der göttlichen Liebe, allein getragen vom Glauben und Hoffen an den Gott, der die Liebe ist.

 

 

Die Relativierung des Vernunftprimats und die Hinwendung zu religiösen Erfahrungen

 

Vor dem Hintergrund der erarbeiteten exegetischen Ergebnisse relativierte sich das Vernunftprimat in der Theologie und es öffnete sich die Tür für das weite Feld religiöser Erfahrungen, wie sie sich mitteilen in Bildern, Symbolen, Mythen, Träumen, Auditionen, Visionen, Offenbarungen, Entrückungen und Geschichten, zu finden in der Bibel, der christlichen Tradition; sie sind aber auch in allen Religionen anzutreffen. Bei diesem Ansatz ergäben sich fruchtbare Verknüpfungen zur Tiefenpsychologie C. G. Jungs, aber auch zur modernen Hirnforschung. Denn beide Forschungsrichtungen gehen davon aus, dass Vernunft, Wille und Bewusstsein nicht das Wesen des Menschen beschreiben, sondern lediglich Funktionen darstellen, die wesentlich vom Unbewussten oder älteren Hirnstrukturen beeinflusst werden[6]. Prof. Dieter Wittmann ist von daher zuzustimmen, wenn er kürzlich im Pfarrerblatt forderte: „Die Devise lautete nun nicht mehr Entmythologisierung, sondern Vergegenwärtigung des Mythos als lebendiges Symbol, das mein Leben beschreibt.“[7]

 

Wie kann nun aber die Vergegenwärtigung eines Mythos mein Leben beschreiben?

Ich will dazu ein Beispiel geben: Nehmen wir die erste Schöpfungsgeschichte aus Gen 1. Dort wird beschrieben, wie Gott aus Finsternis und Chaos sukzessive einen Raum formt und ordnet, in dem Vegetation, Tiere und Menschen auskömmlich leben können. Der Mensch, der in besonderer Weise als Geistträger und göttliches Ebenbild ausgezeichnet wird, bekommt schließlich den Auftrag, diese Schöpfungsordnung zu verwalten und im Laufe der Geschichte in immer komplexerer Weise weiterzuentwickeln und den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Die Aufgabe des Menschen besteht also, von der Schöpfungsgeschichte her gesehen, darin, die göttliche Ordnung kreativ zu entwickeln und zu verändern und für alle Bereiche des Irdischen das Leben fördernde und erhaltende Strukturen zu entwickeln und anzuwenden. In der Wahrnehmung dieser Aufgabe wird der Mensch seinerseits zum Schöpfer, an dem es sich entscheidet, ob die Welt durch gute Ordnungen erhalten bleibt oder durch lebensfeindliche Strukturen an den Abgrund gerät.

 

Durch das Christusgeschehen wurde diese Aufgabe noch einmal konkretisiert. Denn ab jetzt zählt, dass alle Lebens erhaltende Strukturen nur Ordnungen der christlichen Liebe, der „agape“ sein können, sich orientierend an Versöhnung, Vergebung und Frieden, arbeitend an Integration, Sympathie und Empathie und weltweite Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit fordernd. Dagegen stehen atavistische Strukturen der Gewalt, der Unterdrückung und der rassistischen, nationalistischen oder religiösen Ausgrenzung mit ihren egoistischen Ressentiments und Angst fördernden politischen Szenarien.

 

Wenn man nun sehen möchte, wie beide Ordnungen tagtäglich miteinander kämpfen, muss man sich nur die Nachrichten im Fernsehen ansehen. So werden z.B. einerseits in der Euro-Schuldenkrise Ängste und Ressentiments von deutschen Politikern geschürt, ganz Europa würde sich auf Kosten Deutschlands sanieren, andererseits wird alles versucht, die europäische Gemeinschaft in ihrer Integrität zu retten und sie für die Zukunft zu stärken.

 

Andere Kampfgebiete, wo aktuell Friedensbemühungen und nackte Gewalt aufeinander treffen, wären z.B. Syrien und Afghanistan. Aber eigentlich müssen wir nur unser eigenes Leben betrachten, und wir werden schnell ähnliche Kämpfe finden.

 

Der römische Schriftsteller und Politiker Sallust bezeichnete einmal den  Mythos als das „was nie in dieser Form geschah, aber immer ist“[8]. Oder anders ausgedrückt: Die symbolische Auslegung z.B. einer biblischen Geschichte beschreibt das Leben, wie es ist und wie es tagtäglich passiert. Schauen wir dabei noch einmal zurück auf die christologische Auslegung der Schöpfungsgeschichte, so kann ich mich als Christ in dieser Welt verorten und meine bleibende Aufgabe finden, nämlich auf der Seite der sich an der christlichen agape orientierenden Ordnungen zu stehen und für sie einzutreten.[9] Hier hat jeder Christ seine Welt- und Schöpfungsverantwortung, und hier hat er sich zu entscheiden.

 

Prof. Wittmann spricht im Zusammenhang mit dem Christusgeschehen auch von einem Mythos, der „vielen Religionen gemeinsam ist“ und kommt in seiner Analyse zu einem ähnlichen Ergebnis. Darum soll er hier auch das Schlusswort sprechen: „Wir können die Erfahrung machen, dass wir eingebunden sind in die Gemeinschaft allen Lebens, und dass unsere Seele nach den gleichen Dingen fragt und die gleiche Antwort gibt, die sie je gegeben hat.“[10]

 

 


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[1] Paul Tillich, Symbol und Wirklichkeit, Göttingen 1962, S.118.

[2] Horst G. Pöhlmann berührt in seiner kritischen Würdigung Tillichs besonders diesen Punkt: „Die hitlergläubigen Massen auf dem Nürnberger Reichsparteitagen waren genauso vom Unbedingten umgetrieben wie die über 700 Anhänger des ‚Volkstempels’, die 1978 auf Befehl ihres Sektenführers Jim Jones sich das Leben nahmen.“ In: ders., Gottesdenker, Hamburg 1984, S.101.

[3] B. Siede, Art.: „lambano“, in: Theol. Begriffslexikon zum Neuen Testament Bd. II, Wuppertal, 2.Aufl. 1979, S. 969-972.

[4] Allerdings muss man Tillich zugute halten, dass er die Ambivalenz zwischen dämonischen und göttlichen Mächten in seinem Gottesbegriff zusammendachte, den er gleichzeitig als Abgrund und Grund des Lebens sah.

[5] Christian Wolff, Der erste Brief des Paulus an die Korinther. Theol. Handkommentar zum NT, Leipzig, 2. Aufl. 2000, S. 323.

[6] Siehe z.B.: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit, Stuttgart, 2.Aufl. 2011, S. 314-335.

[7] Dieter Wittmann, Aspekte religiöser Einstellungen moderner Menschen. In: Pfälz.Pfr.Bl. 5/2012, S.206.

[8] Zit. bei Tomas Sedlacek, Die Ökonomie von Gut und Böse. München 2012, S. 143.

[9] Unterstützend ist hier der Soziologe Peter L. Berger zu nennen, der in seinem Buch „Auf den Spuren der Engel“, Frankfurt, 1970, erkannte, dass Menschen einen geradezu metaphysischen Hang zur Ordnung haben als einer schützenden Sinnstruktur im Angesicht des Chaos.

[10] A.o.a.O., S.206.