Impressum

 

Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

 

Editorial

Karl Marx, Karl May und Karl Barth

 

Ein Witz aus den 80er Jahren geht so: „Wer sind die drei großen Karls der deutschsprachigen Trivialliteratur?“ Antwort: „Karl Marx, Karl May und Karl Barth.“

 

Natürlich wollte derjenige, der sich diesen Witz ausgedacht hatte, jene Spät-Barthianer ärgern, die in der Zeit, als die in den 50er und 60er Jahren groß geworden Barth-Epigonen, die in Basel bei den Seminaren im „inneren Kreis“ sitzen durften, langsam die Fakultäten und Kirchenämter in Richtung Ruhestand verließen, immer noch Barth-Exegese betrieben und in den Worten des Meisters den für alle Zeiten gültigen Letztentwurf der Theologie lesen wollten. Verschärft wurde die Wirkung des Witzes noch durch die Nennung von Karl Marx, der bei vielen Linksbarthianern als zweite Autorität direkt neben Barth zu stehen kam. Hatte nicht Barth durch die Parallelisierung von „Bibel und Zeitung“ selbst dazu angeregt, seinem Werk, das als theologische Deutung der Wirklichkeit Gottes gelesen werden konnte, eine gleichrangige Deutung für die Wirklichkeit der Welt, wie sie in der Zeitung Tag für Tag vorgeführt wurde, zur Seite zu stellen? Zumindest diejenigen Linksbarthianer, die sich auf das „Darmstädter Wort“ beriefen, konnte sich durch den dortigen positiven Bezug auf den „ökonomischen Materialismus der marxistischen Lehre“ in ihrer Haltung bestärkt fühlten.

 

Die Nennung Karls Mays wirkte neben dem Großmeister der Theologie und dem Altmeister der Gesellschaftsanalyse geradezu als Beleidigung – und das, obwohl Karl May, was den Umfang und die Verbreitung seines Werkes angeht, mit keinem der beiden einen Vergleich zu scheuen braucht. Sogar im Blick auf ihre Karrieren waren alle drei irgendwie vergleichbar, denn keiner war einen gradlinigen Weg gegangen: Karl Marx hatte als einziger des Trios einen selbst erworbenen Doktortitel, Karl May und Karl Barth kamen erst spät zu Ehrendoktorwürden, und nur Barth bekam aufgrund seines Publikationserfolges eine Professur, die Marx versagt blieb, obwohl das dessen ursprüngliches Karriereziel war. Damit war Karl Barth als einzigem eine bürgerliche Existenz mit regelmäßigem Gehalt, unabhängig vom Schreiben, gesichert. Karl Marx arbeitete die meiste Zeit seines Lebens für Hungerlöhne als Journalist und ließ sich im Londoner Exil von seinem Industriellenfreund Friedrich Engels finanzieren; Karl May schrieb nach einem komplett gescheiterten Berufseinstieg Fortsetzungsromane für Zeitschriften, ehe er mit seinen Büchern Verkaufserfolge erzielte, von denen er leben konnte.

 

Natürlich liegt die Pointe des Witzes in der Qualifizierung der Werke der drei Autoren als Trivialliteratur. Das hat für Marx und Barth einen Beigeschmack, der ihrem Werk bei näherem Hinsehen nicht gerecht wird; gefördert wird der Verdacht der Trivialität allerdings durch die Textmassen, die beide Autoren in der Rangliste der Vielschreiber der Weltliteratur auf den vorderen Plätzen halten. Gerade Autoren mit wissenschaftlichem Anspruch setzen sich bei einem zu umfangreichen Werk leicht dem Verdacht zumindest latenter Qualitätsmängel aus. Es ist das gleiche Problem, mit dem heute Peter Sloterdijk kämpfen muss, und das vor drei Jahrzehnten Jürgen Moltmann bei vielen Theologen verdächtig machte: Wer zu jedem Modethema in Rekordzeit ein Buch vorlegen kann, muss kräftig mit dem Zeitgeist segeln und gilt deshalb vielen als wissenschaftlicher Leichtmatrose. Die Frage ist nun, ob Marx und Barth diesem Verdacht entgehen können, ob also Gründe gefunden werden können, die ihr umfangreiches Werk als nicht-trivial qualifizieren. Wenn es diese Gründe gibt, wäre zu prüfen, ob sie vielleicht auch auf das Werk Karl Mays zutreffen.

 

Was für Karl Marx, Karl May und Karl Barth sicherlich gleichermaßen zutrifft, ist, dass es sich bei ihnen um Autoren handelt, die mit ihrem Werk auf historische Umbrüche reagieren, die veränderte Lebenswelten und Mentalitäten nach sich ziehen. Der Gegenstand ihrer jeweiligen literarischen Produktion reagiert in allen drei Fällen auf spezifische Problemlagen, mit denen die Gesellschaften ihrer Zeit fertig werden mussten. Bei Marx war das die Industrielle Revolution, bei May waren es die Großmachtsbestrebungen des Wilhelminischen Kaiserreichs und Bismarcks Versuch, Deutschland zu einer verspäteten Kolonialmacht zu machen, und bei Barth war es der Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg.

 

Die enormen Theorie-Produktionen von Karl Marx und Karl Barth erklären sich aus dem Umstand, dass komplette Wissensbereiche nach einer begrifflichen (Neu-)Fassung und gedanklichen Verarbeitung verlangten. Keiner der beiden Autoren konnte sich am Anfang seines Wirkens die Reichweite und Folgen des jeweiligen Umbruchs bewusst machen, aber beide äußerten sich rückblickend dahingehend, dass sie angetreten waren, um einen Neuanfang zu machen. Marx wollte, nach eigenen Aussagen, Feuerbach vom Kopf auf die Füße stellen, und Barth machte das Krisenbewusstsein nach dem Ersten Weltkrieg, das viele Intellektuelle und Kulturschaffende teilten, zum Ausgangspunkt seiner Theologie. So wie mit Expressionismus und Surrealismus Kunst und Literatur neu erfunden wurden, so sah Barth sich rückblickend als Neuerfinder der evangelischen Theologie, der diese aus der Gefangenschaft des neuzeitlichen Wissenschaftsverständnisses herausgeführt hatte.

 

Aber zunächst zu Karl Marx: Zeitgleich mit dem Beginn der Industriellen Revolution in den 1830er und 1840er Jahren entstand mit den frühen Sozialisten eine Gegenbewegung, die in den einzelnen sich industrialisierenden Ländern zwar vergleichbar war in ihren Zielen, aber je nach gesellschaftlichen Wirklichkeiten und philosophischen Traditionen zu unterschiedlichen theoretischen Begründungen neigten. So pflegten die deutschen Linkshegelianer in der Zeit des Vormärz eine wissenschaftlich-atheistische Grundhaltung, die am prominentesten von Ludwig Feuerbach vertreten wurde, während sich die französischen Sozialisten entweder am Katholizismus oder am Anarchismus orientierten.

 

Karl Marx steht in dieser Situation für die theoretische Weiterentwicklung der philosophischen Theorie des Linkshegelianismus hin zu einer Theorie der Gesellschaft und jener Veränderungsmöglichkeiten, die erst durch die Industrialisierung als realisierbar erscheinen. Durch die Anwendung der in Hegels Philosophie des Geistes grundgelegten Methode der Dialektik auf die Analyse der die Ökonomie bestimmenden Faktoren Kapital und Arbeit entwickelt Marx eine Theorie der revolutionären Umgestaltung von Gesellschaften durch Veränderung der Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln. Das dreibändige Werk „Das Kapital“ wird deshalb von marxistischen Theoretikern gelesen als wissenschaftliche Entfaltung des Begriffs der „Politischen Ökonomie“.

 

Marx kämpft gegen zwei Gruppen von Gegnern: Zum einen gegen linkshegelianische Philosophen wie Max Stirner und Bruno Bauer, die seiner Umformung der Hegel’schen Dialektik auf gesellschaftliche Prozesse nicht oder nur teilweise folgen; zum anderen aber gegen die französischen Sozialisten und frühen Anarchisten. Stellvertretend für diesen Personenkreis steht der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon, gegen dessen ökonomische Theorien Marx polemisiert. Wie stark Personen und Ereignisse in Frankreich Marx’ Theoriebildung beeinflussen, wird beim Blick auf die Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ deutlich, mit der er auf den Staatsstreich Napoleons III. 1852 reagiert und gleichzeitig aus der Kritik der vorangegangenen Februarrevolution 1848 und der Ausrufung der Zweiten Republik die für seine späteren Werke entscheidende Kategorie des Klassenkampfes entwickelt. Etwa zeitgleich beginnt Marx die Verwirklichung des Kommunismus als internationale Aufgabe zu begreifen und arbeitet auf nationenübergreifende Bündnisstrukturen der Arbeiterparteien hin.

 

Die gigantischen Ausmaße des Marx’schen Werkes erklären sich demnach erstens aus der Notwendigkeit, eine angemessene Begrifflichkeit für einen neuen Gegenstand, nämlich eine sich von der Landwirtschaft zur industriellen Produktion transformierende Wirtschaftsweise, zu finden, zweitens aus dem Verlangen, die hinter dieser Transformation stehenden, diese gleichzeitig begründenden und vorantreibenden, Gesetzmäßigkeiten zu entdecken und zu beschreiben, und drittens, weil diese erkannten Gesetzmäßigkeiten grundsätzlich in jedem Land mit annähernd gleichen Voraussetzungen gelten, aus dem Anspruch, derjenigen Partei, die sich die humane Umgestaltung der Gesellschaft zum Ziel gesetzt hat, eine internationale Plattform zu schaffen.

 

Ähnlich wie Marx hatte auch Karl Barth Gegner, an denen er sich abarbeiten konnte und die ihm als Negativfolie für seine eigene Theoriebildung dienten, nämlich Schleiermacher und die auf ihn folgende Liberale Theologie, als deren herausragenden Vertreter er Adolf von Harnack identifizierte. Befördert wurde dieser apologetische Grundzug in Barths Werk durch das Aufkommen des Nationalsozialismus, der ihm die Gelegenheit bot, die ursprünglich bis Harnack reichende Linie bis zu den Deutschen Christen weiterzuziehen. Ähnlich wie Marx mit den kommunistischen Parteien, gelang es auch Barth, der Realität der sich formierenden Reichskirche eine alternative Organisationsform entgegenzustellen und mit der „Bekennenden Kirche“ dem stärker werdenden innerkirchlichen Widerstand eine Plattform anzubieten.

 

Die Notwendigkeit einer Neuordnung des Protestantismus nach dem Zweiten Weltkrieg bot schließlich die Möglichkeit, die in den 20er Jahren entstandene Theologie über die Zeit der „Bekennenden Kirche“ hinaus zur Theologie der Kirchenleitungen zu machen, was eine Entfaltung sämtlicher Loci der reformatorischen Dogmatik unter den Vorzeichen der in der Vorkriegszeit entstandenen „Dialektischen Theologie“ notwendig machte. Barth beschritt mit seinem riesigen Werk deshalb den langen Weg vom impressionistischen Kunstwerk der frühen „Krisentheologie“, wie sie in der ersten Auflage des „Römerbriefs“ entfaltet wird, über die „dialektische“ Phase der Dekonstruktion der Liberalen Theologie hin zur „Reifephase“ der Entfaltung eines großen dogmatischen Systems in den Bänden der „KD“.

 

Einen ähnlich weiten Weg hatte auch Karl May beschritten, der nach einem gescheiterten Start in den Lehrerberuf und einer Karriere als Kleinkrimineller Mitte der 1870er Jahre mit dem Schreiben von Fortsetzungsromanen begonnen hatte, deren Handlung damals noch in seiner sächsischen Heimat angesiedelt war. Erst ab 1880 begann er einen Zyklus von Erzählungen zu schreiben, die allesamt im Orient spielten, zunächst in Zeitungen erschienen, aber parallel dazu May die Möglichkeit boten, zum erfolgreichen Buchautor zu werden. Es folgte die Winnetou-Trilogie, dann einige Südamerika-Bände, mit „Old Surehand“ ging es wieder nach Nordamerika, gleichzeitig entstanden drei Bände „Im Lande des Mahdi“, die in Afrika spielten. Im seinem Alterswerk versuchte der als Abenteuer-Schriftsteller bekannt gewordene Karl May seinem Lebenswerk eine bleibende Botschaft zu geben, indem er sich stärker mit dem Thema Religion und der Frage des Weltfriedens beschäftigte.

 

Mays Erfolg liegt nicht zuletzt darin begründet, dass er genau zu der Zeit, als die Politik des deutschen Kaiserreichs darauf angelegt war, durch den Erwerb von Kolonien bei der Aufteilung der Welt nicht ganz leer auszugehen, diesem Wunsch eine lebensweltlich-ethische Grundierung gab. In den Jahren zuvor waren durch zahlreiche Expeditionen die letzten weißen Flecken des Globus erschlossen worden und konnten unter den Kolonialmächten aufgeteilt werden. Die Initiative dazu ging von den Vertretern neuer Staaten aus, nämlich vom König Leopold II. des 1830 entstandenen Belgien und vom Kanzler des erst 1871 neu formierten Deutschen Reiches, Otto von Bismarck. Auf der von November 1884 bis Februar 1885 abgehaltenen Berliner Kongokonferenz bekamen Belgien und Deutschland große Teile des subsaharischen Afrika als Kolonien zugesprochen.

 

Karl May kam in dieser Zeit das Verdienst zu, den Ureinwohnern der für die Deutschen fremden Länder Gesicht und Stimme zu geben. Natürlich waren es keine ethnologischen Studien – May unternahm seine erste Auslandsreise erst 1899 –, sondern Abenteuergeschichten; diese weckten allerdings ein Bewusstsein dafür, dass es sich bei den Ureinwohnern der Kolonien um Menschen handelt, die verlässliche Partner und sogar Freunde sein können. Im nationalistisch aufgeheizten späten 19. Jahrhundert waren diese Erkenntnisse keinesfalls gedankliches Allgemeingut der deutschen Bevölkerung. May schlüpfte einerseits mit seinem Autoren-Ich in die Rolle des Kolonialherren, der angeblich alle Abenteuer selbst erlebt hat und als identifizierbare Person durch alle Romane gleichbleibt, andererseits lebte er auch in seinem privaten Leben in der Villa Shatterhand in Radebeul bei Dresden die Fiktion, mit der Figur des Old Shatterhand identisch zu sein.

 

Die expansive Form der Romane Karl Mays korrespondiert deshalb einerseits mit den Expansionsbestrebungen des Deutschen Reiches, andererseits relativieren die Erzählungen aber auch die Möglichkeiten der neuen Kolonialherren, das erworbene Land und die Menschen als bloße Besitztümer zu begreifen. Der Übergang von den Abenteuerromanen zu den späten Werken folgt genau dieser Intention, denn May will in seinen letzten Lebensjahren nach eigenen Aussagen „Menschheitsfragen“ lösen. Er hat das Ende der Wilhelminischen Ära nicht mehr erlebt, hatte aber noch innerhalb dieser Kolonialzeit die Idee einer friedlichen Welt angedacht. 1904, im Jahr des Herero-Aufstandes in „Deutsch-Südwestafrika“, erschien sein Buch „Und Friede auf Erden!“

 

Der Blick auf die Werke dreier Autoren, die zufällig den gleichen Vornamen tragen und von denen einer, Karl May nämlich, am 30. März vor 100 Jahren verstorben ist, zeigt, dass großen Werken der Wissenschaft und Literatur ähnliche Entstehungsbedingungen zugrunde liegen. Inwieweit ihnen wissenschaftliche bzw. ästhetische Relevanz nur im Rahmen dieser Bedingungen zukommt, ist eine naheliegende Frage.

Schade eigentlich, dass Sigmund Freud nicht den Vornamen Karl getragen hat.

Martin Schuck

 


index / forum palatina / rezension / forum / archiv / links / e-mail