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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

 

Luther kann nicht katholisch werden[1]

 

Schaut man auf die ökumenischen Ereignisse des langsam zu Ende gehenden Jahres 2011, ist man versucht zu sagen, dass jede der beiden großen Konfessionen so ihr eigenes Ding gemacht hat. Die Evangelischen arbeiten sich ab an einer von der EKD initiierten „Luther-Dekade“, innerhalb derer die Jahre 2008 bis 2017 unter ein bestimmtes Jahresthema gestellt sind. Das Jahr 2011 steht unter dem Thema „Reformation und Freiheit“ und wird in fast allen Landeskirchen, so auch bei uns in der Pfalz, als „Jahr der Taufe“ gefeiert. Ökumenisch ist man da schnell fertig, denn 2007 bereits wurde im Magdeburger Dom von elf Mitgliedskirchen der ACK eine gemeinsame Taufanerkennung unterzeichnet. Die Initiative dazu hatte Kardinal Walter Kasper ergriffen, damals der Vorsitzende des Päpstlichen Einheitsrates. Ein „Jahr der Taufe“ ist also ökumenisch unspektakulär; es ist alles gesagt, die Probleme sind beseitigt und man kann sich auf den Austausch von Nettigkeiten konzentrieren.

 

Für die Römisch-katholischen dagegen war dieses Jahr 2011 richtig aufregend, denn es hatte sich hoher Besuch angesagt. Im September kam Papst Benedikt XVI. zu einem Staatsbesuch, und dieser Besuch sollte natürlich auch der Stärkung der in den letzten beiden Jahren nicht gerade vom Erfolg verwöhnten katholischen Bistümer in Deutschland dienen. Da neben Berlin und Freiburg auch das Bistum Erfurt besucht wurde, lag schon räumlich eine Verbindung zwischen der Luther-Dekade und dem Papstbesuch nahe.

 

Bereits in einem Brief vom 8. Februar 2011 äußerte der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider, den Wunsch, es möge doch zu einer Begegnung und zu einem ökumenischen Gottesdienst kommen. Dabei wäre es „reizvoll und ergiebig“, sich über die Bedeutung der Reformation aus evangelischer und katholischer Perspektive auszutauschen. Als Ort zu einer solchen Begegnung schlug Schneider das Augustinerkloster in Erfurt, mittlerweile eine evangelische Tagungsstätte, vor. Am 28. Februar antwortete der Papst dem „lieben Bruder in Christus“ in einem Schreiben, das bereits vorab der Presse bekannt geworden war. Er habe „den zuständigen Instanzen“ (also dem päpstlichen Reisemarschall) mitgeteilt, „dass in dem Land, in dem die Reformation ihren Ursprung nahm, ein stärkerer ökumenischer Akzent notwendig“ sei: „Ich werde alles tun, damit die Begegnung mit den evangelischen Christen genügend Raum erhält.“[2]

 

Damit war ein Thema gesetzt, das die Gewähr dafür bot, dass das Jahr 2011 ökumenisch vielleicht doch nicht so langweilig werden müsse, wie es ursprünglich den Anschein hatte. Bei den Protestanten sind anstehende Begegnungen mit dem Papst immer ein besonderer Aufreger, denn sie sind mit hohen Erwartungen verbunden, die bisher noch niemals eingelöst worden sind. Die Erwähnung der Reformation durch den Papst sorgte dafür, dass einige Amtsträger in evangelischen Kirchenleitungen erwarteten, dass der Papst sich zu einer Neubewertung Martin Luthers und der Reformation entschließen könnte.

 

Auch die katholische Seite sprang auf den Zug auf und äußerte sich zur Ökumene. Die Deutsche Bischofskonferenz betonte in einer Abschlusserklärung ihrer Frühjahrsvollversammlung in Paderborn, die Wiederherstellung der vollen sichtbaren Einheit der Kirche sei das Ziel aller ökumenischen Bemühungen. Und der Vorsitzende der Ökumenekommission der Bischofskonferenz, der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, erinnerte an das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1964, in dem festgestellt wird, dass Christus nur eine einige und einzige Kirche gegründet hat – und nicht etwa 4000 christliche Gemeinschaften, die sich in Bekenntnis und Verfassung stark voneinander unterscheiden.

 

 

Der katholische Blick an Luther vorbei

 

Nun hat sich aber die eine und einzige christliche Kirche seit den ersten Jahren ihres Bestehens gespalten – und nicht erst nach 1517. Allerdings ist für den deutschen Bereich die Faktizität von etwa gleichstarken katholischen Bistümern und evangelischen Landeskirchen eine Tatsache, die Ansatzpunkt aller Ökumene sein muss. Und da die EKD sich gerade mitten in einer Luther-Dekade befindet und eine Begegnung von EKD-Vertretern mit dem Papst im Erfurter Kloster im Raum stand – ausgerechnet dort, wo Luther, und zwar der unbezweifelbar katholische Luther vor dem Thesenanschlag, seine theologische Ausbildung erhalten hatte und Mönch geworden ist –, war es doch verständlich, dass die Bischofskonferenz ihre ökumenischen Absichten mit dem anstehenden Reformationsjubiläum abgleichen wollte.

 

Die Bischöfe schreiben also in ihrer Abschlusserklärung von Differenzen, „zu denen es im Laufe der Reformation gekommen ist“ und reden von einer Neubewertung Martin Luthers als Zeuge des Glaubens aus katholischer Sicht, und zwar dann „wenn das ursprüngliche Reformanliegen Martin Luthers in den Blick kommt“. Dabei zeigt aber der bereits erwähnte Bischof Müller die Grenze der katholischen Lutherwürdigung auf: Sie liegt genau da, wo es um den Widerspruch Luthers gegen diejenige Lehre geht, die innerhalb der römisch-katholischen Kirche Geltung hat. Müller betrachtet Luther „vielleicht“ als einen „Lehrer des Evangeliums in dem Sinne, dass er auf das Zentrum der Rechtfertigung hinweist und einer Verweltlichung der Kirche widerspricht“. Er ist aber „kein gemeinsamer Lehrer, der Maßstäbe gesetzt hätte für die Formulierung des katholischen Glaubens“[3].

 

Man kann also sagen:  In der Sicht Gerhard Ludwig Müllers war Luther 1517 durchaus noch katholisch und als Wittenberger Professor auch noch als Lehrer der katholischen Kirche zu verstehen. Die „95 Thesen über Ablass und Gnade“ beziehen sich ja in erster Linie auf Missstände innerhalb der damaligen Kirche, und vieles von dem, was Luther anmahnte, betrachten die Theologen der heutigen katholischen Kirche als spätestens mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) verwirklicht.

 

Aber Luther blieb ja nicht 1517 bei den Missständen im Ablasswesen stehen, sondern entwarf in den Folgejahren ein umfassendes Reformprogramm. Sein theologischer Inhalt war die Unvertretbarkeit des einzelnen Menschen vor Gott in Glaubensfragen. Damit wurde die Kirche als Institution ihrer damals wichtigsten Funktion beraubt, alleinige Vermittlerin des Heils zu sein. Der theologische Bruch mit der Papstkirche war bereits 1519 mit der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ gegeben. Wenn der darin entfaltete Freiheitsbegriff sich durchsetzen würde, wäre die herkömmliche Rolle der Kirche nicht mehr zu halten. Luther musste gestoppt werden, und zwar, um schlimmeres zu verhindern, zunächst dadurch, dass man ihn selbst zum Widerrufen brachte. Das war das Ziel der Vorladung zum Reichstag nach Worms.

 

Wir Pfälzer haben uns angewöhnt, den Speyerer Reichstag 1529 für das wichtigste Datum der politischen Durchsetzung der Reformation zu halten – auch wenn weder ein pfälzisches Territorium noch die freie Reichsstadt Speyer bei der Protestation mitgemacht haben. Die Reformationsgeschichte wäre jedoch anders verlaufen, wenn der Wormser Reichstag 1521 nicht gewesen wäre. Ich möchte deshalb jetzt einen kurzen Blick auf Luthers Auftritt vor den Wormser Reichstag werfen, weil dort das grundsätzliche Problem deutlich wird, das die katholische Kirche noch heute mit Luther hat und bei allen Versuchen, Luther zu würdigen, am liebsten komplett ausblendet. Katholische Ökumeniker versuchen deshalb, wo immer es geht, Luthers Anliegen auf die Reform der damaligen Kirche zu verkürzen und die seitherige Beseitigung der Missstände als Ermöglichungsgrund für Kircheneinheit schmackhaft zu machen. Wie das geht und warum das misslingen muss, zeige ich am Beispiel eines Briefes, den Kardinal Walter Kasper vor einigen Jahren an den evangelischen Ökumeniker Reinhard Frieling geschrieben hat.

 

Zunächst zu Luthers Reformanliegen, wie er es auf dem Wormser Reichstag vorgetragen hat: Genau genommen beginnt die Geschichte der Reformation nicht erst mit Luther. Sie beginnt – und das ist das Wahrheitsmoment jener Sicht des 19. Jahrhunderts, wie sie im Lutherdenkmal zu Worms sinnfällig wird – mehr als 300 Jahre vorher in Frankreich und Norditalien und setzt sich im späten 14. Jahrhundert in England mit John Wyclif und den Lollarden fort, gelangt von dort über den Wyclif-Schüler Jan Hus nach Böhmen, wird vorläufig von den Truppen des deutschen Kaisers besiegt, um ein Jahrhundert später von Wittenberg aus geschichtsmächtig zu werden.

 

Oft wurde die Frage gestellt, wieso sich die lutherische Reformation durchsetzen konnte, die waldensische, lollardische und husitische jedoch nicht. Sicher liegt es zu einem großen Teil an einer günstigen politischen Konstellation – der Kaiser war weit weg in Spanien und betrachtete andere Aufgaben als vordringlicher; der Papst merkte erst spät, wie gefährlich für ihn die lutherische Lehre war –, aber diese zufällige politische Konstellation kann eben nicht alles erklären. Wichtiger war eben der Umstand, dass Luthers „reformatorische Entdeckung“ nicht die Reform kirchlicher Missstände zum Ausgangspunkt hatte, wie das bei all seinen Vorläufern war, sondern es Luther gelungen ist, die Reform der kirchlichen Missstände als notwendige Folge einer theologischen Grundentscheidung einsichtig zu machen. Der Anfang des reformatorischen Werks Martin Luthers ist die Frage nach dem gnädigen Gott, und erst von dieser Frage aus erhält seine Kritik am kirchlichen Ablasswesen einen Sinn. Das machte seine Kritik auf eine bestimmte Weise unanfechtbar, denn seine Gegner mussten ihn mit Argumenten der Schrift – also theologisch und nicht politisch-organisatorisch – widerlegen.

 

Konkret bedeutet das: Luther fand einen theologisch begründeten Weg, der geistigen Großmacht seiner Zeit, dem Papsttum, die Stirn zu bieten, indem er die Unvertretbarkeit des einzelnen Menschen vor Gott zum Programm seiner Theologie erhob. Und genau die Explikation dieser Grundentscheidung versetzte ihn in die Lage, notfalls alleine gegen den Rest der Christenheit auf einer als richtig erkannten Sache zu beharren. Das ist nicht, wie von seinen Gegnern angenommen, ein Akt der Sturheit oder Größenwahnsinn, sondern es ist die Exekution eines in der Sache selbst fundierten Zusammenhangs, den seine Gegner nie durchschaut haben, ja geradezu programmatisch missverstehen mussten und bis heute missverstehen, wie wir nachher an Kardinal Kasper sehen werden.

 

Dieses Missverständnis war für einen katholisch denkenden Menschen unvermeidlich, da Glaube auch damals schon im Katholizismus nur als Mitglauben mit dem Glauben der Kirche verstanden werden konnte.

 

Für die römisch-katholische Kirche wurde Luthers Aufstand gegen die Autorität der Kirche übrigens zu einem traumatischen Erlebnis. In der Folgezeit wurde deshalb viel Zeit und theologische Energie darauf verwendet, um in den seitherigen Konzilien – Trienter Konzil, Vatikanum I und II – diesen Widerspruch des einzelnen gegen die gesamte Kirche theologisch und kirchenrechtlich unmöglich zu machen. Dies wollte man durch die Lehre vom depositum fidei erreichen, der zufolge die in Christus geschehene Offenbarung des göttlichen Heilswillens zwei Sachverhalte notwendig mit einschließt: das Evangelium als geschriebenes Wort Gottes und die Traditionsfunktion des bischöflichen Amtes, in dessen Tätigkeit das Heilsgut, Christus selbst nämlich, jeder späteren Zeit präsent gemacht wird.

 

Diese Vergegenwärtigung des Heilsgeschehens in der traditionsbegründenden und traditionsvergegenwärtigenden Tätigkeit der Bischöfe funktioniert allerdings nur vor dem Hintergrund eines Glaubens, der als Glaube an Gott in Christus nur dadurch existiert, dass er auch gleichzeitig Glaube an die Kirche ist. Und Kirche ist immer fundiert durch die gottgeschaffene Hierarchie des Bischofskollegiums mit dem Papst an der Spitze. Glaube an Christus kann deshalb katholisch immer nur gelebt werden als Glaube an die Kirche und mit der Kirche.[4] In einem solchen System ist der Widerspruch gegen einzelne Lehren der Kirche immer ein Sich-Entfernen vom Heil – eben deshalb, weil nur die Einheit von Schrift und Tradition den vollen Glaubensschatz umfasst und niemals die Schrift allein. Diesen Hintergrund muss man beachten, um Luthers Haltung auf dem Wormser Reichstag richtig einschätzen zu können.

 

Auf dem Reichstag in Worms 1521, wohin Luther unter Zusicherung freien Geleits geladen worden war, legte man ihm seine bis dahin geschriebenen Bücher vor und fragte ihn, ob er der Autor sei. Er bejahte und teilte seine Bücher in drei Gruppen ein: 1. reine Erbauungsschriften, gegen die niemand einen Einwand erheben könne, 2. solche gegen das Papsttum und seine Tyrannei; diese könne er nicht widerrufen, „weil er damit gegen die Klagen des deutschen Reiches handeln und die Mißstände begünstigen würde“[5]; 3. Streitschriften gegen seine Gegner, in denen er wohl hin und wieder zu grob gewesen wäre, aber da es die Theologie beträfe, könne er auch diese nicht widerrufen. Die berühmten Schlussworte seiner Rede werden immer wieder gerne, wenn auch verkürzt, zitiert: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde – denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben –, so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen.“[6]

 

Das Ergebnis ist bekannt: Am nächsten Tag hielt Kaiser Karl V. eine längere, auf französisch abgefasste und in deutscher Übersetzung verlesene Rede, in der er folgendes über Luther sagte: „Nachdem wir gestern die Rede Luthers hier gehört haben, sage ich Euch, dass ich bedaure, so lange gezögert zu haben, gegen ihn vorzugehen. Ich werde ihn nie wieder hören, er habe sein Geleit, aber ich werde ihn fortan als notorischen Ketzer betrachten und hoffe, dass Ihr als gute Christen gleichfalls das Eure tut.“[7] Die inhaltliche Begründung für die Qualifizierung Luthers als Ketzer war denkbar einfach: „Es ist sicher, dass ein einzelner Bruder irrt, wenn er gegen die Meinung der ganzen Christenheit steht, da sonst die Christenheit tausend Jahre oder mehr geirrt haben müsste. Deshalb bin ich entschlossen, für meine Königreiche und Herrschaften, Freunde, Leib und Blut Leben und Seele einzusetzen. Denn das wäre eine Schande für uns und für Euch, Ihr Glieder der edlen deutschen Nation, wenn in unserer Zeit durch unsere Nachlässigkeit auch nur ein Schein der Häresie und Beeinträchtigung der christlichen Religion in die Herzen der Menschen einzöge.“[8]

 

Obwohl schon viele Reichsstände abgereist waren, wurde am Ende des Reichstags ein Edikt verabschiedet, in dem Luther und seine Anhänger in die Reichsacht versetzt wurden. In diesem „Edikt von Worms“ gab es eine für die Zukunft der Reformation folgenreiche Bestimmung. Es wurde geregelt, dass all diejenigen Publikationen, die den Glauben betreffen, zukünftig von den theologischen Fakultäten geprüft werden sollen. Das war ungewöhnlich: Nicht die Bischöfe, sondern die dem Landesherrn unterstehenden Fakultäten an den Landesuniversitäten sind für die Prüfung von Lehrfragen zuständig. Genau genommen ist damit bereits im Wormser Edikt von 1521 das landesherrliche Kirchenregiment vorbereitet, indem nämlich obrigkeitliche Kirchenpolitik und theologisches Lehramt miteinander verbunden werden. Daraus folgt, dass ein Grundstein für den späteren politischen Erfolg der Reformation nicht erst in Speyer 1529, sondern bereits auf dem Wormser Reichstag 1521 gelegt wurde. Es darf einmal angenommen werden, dass der Kaiser selbst sich über die Tragweite seines Tuns nur unzureichend bewusst war – wie sollte er auch, denn bis dahin hatte sich noch kein Landesherr öffentlich zur Lehre Luthers bekannt.

 

Zwei unterschiedliche Formen gelebter Kirchlichkeit

 

Aber etwas anderes, für den ökumenischen Umgang zwischen Protestanten und Vertretern der römisch-katholischen Kirche entscheidendes, wird in dieser Bestimmung des Wormser Edikts deutlich: Im Umgang mit Luther und den Lutheranern wurde nicht erkannt, dass es bei der lutherischen Haltung nicht einfach nur um einen Grunddissens in der kirchlichen Lehre geht, sondern um eine andere Form gelebter Kirchlichkeit. Was sich in den Jahrhunderten nach der Reformation entwickelte, war ein alternativer Entwurf christlichen Lebens, in dessen Zentrum nicht die Kirche als Heilsanstalt steht, sondern der einzelne Christ vor Gott. Kirche bildet sich nach Vorstellung nicht nur Luthers, sondern auch der anderen Reformatoren in den Gemeinden. Größere kirchliche Einheiten wie Landeskirchen, die EKD, aber auch der Ökumenische Rat der Kirchen oder der Lutherische Weltbund als Dachverband der lutherischen Kirchen sind grundsätzlich Gebilde, die sich von unten nach oben aufbauen – genau umgekehrt wie die römisch-katholische Kirche, die als Weltkirche vom Papst geleitet wird.

 

Der Papst setzt Bischöfe ein und übergibt ihnen eine Diözese, die Bischöfe weihen Priester und übergeben ihnen Gemeinden zur Leitung, und die gemeindlichen Gremien sind nichts anderes als Beratungsgremien des Priesters, der die alleinige Gemeindeleitung hat. Dieses entgegengesetzte Delegationsprinzip führt im ökumenischen Dialog manchmal zu Missverständnissen, denn für die Katholiken wäre Kircheneinheit dann gegeben, wenn man zu einer einheitlichen Lehre kommen könnte; wenn sich also Übereinkunft über die Lehre vom Papstamt erzielen ließe, dann wäre die Spaltung beseitigt, denn die Einheit der Kirche definiert sich katholischerseits als Gemeinschaft unter der Lehrautorität des Papstes.

 

Für die evangelischen Kirchen stellt sich die Lage ganz anders dar. Jede einzelne Landeskirche ist unabhängig, und was die Gemeinschaft der evangelischen Kirchen untereinander begründet, ist nicht eine einheitliche Lehre, sondern nur ein gemeinsames Verständnis des Evangeliums. Bis es zu dieser Erkenntnis gekommen ist, war ein weiter Weg. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es durchgängig möglich, dass Lutheraner und Reformierte gemeinsam Abendmahl feiern können und gegenseitig ihre Pfarrer auf die Kanzel einladen. Aber mehr Inhalt braucht eine evangelisch richtig verstandene Kirchengemeinschaft nicht zu haben als eben Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Das wurde bereits im Augsburger Bekenntnis 1530 so formuliert, und die Leuenberger Konkordie von 1973 erklärte, dass als Bedingung für den Vollzug dieser Einheit nichts anderes nötig ist als ein gemeinsames Verständnis des Evangeliums. Praktisch bedeutet dies, dass keine Kirche einer anderen die Gemeinschaft verweigert, nur weil sie über Detailfragen im Abendmahl oder der Prädestinationslehre anders denkt.    

 

Leider wird dieser Grundsatz in den Ökumenekommissionen nicht immer beherzigt. Vor allem wenn Vertreter des Lutherischen Weltbundes und der römisch-katholischen Kirche zusammensitzen, lassen sich die Lutheraner gerne einreden, dass dann, wenn Formulierungen des 16. Jahrhunderts zum Gegenstand von Lehrgesprächen gemacht werden, die Kircheneinheit näher rücken könnte. Diese Praxis funktioniert so, dass die Auslöser der Verwerfungen von damals so interpretiert werden, dass jede Konfession sie in ihr eigenes theologisches System integrieren kann. Also setzt man sich zusammen und erarbeitet gemeinsame Dokumente, in denen Lehraussagen stehen, die jeder im Wortlaut nachsprechen kann, die aber offen sind zur unterschiedlichen Interpretation in den jeweiligen Kirchen.

 

Diese Methode, die „differenzierter Konsens“ genannt wird, führte bisher ein einziges Mal zu einem gewissen Erfolg, als nämlich heute vor 12 Jahren in Augsburg vom Lutherischen Weltbund und dem Päpstlichen Einheitsrat die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet wurde. Alle anderen gemeinsamen Dokumente, auch die ökumenisch so hoch geschätzte „Lima-Erklärung“ aus dem Jahr 1982 zu Taufe, Eucharistie und Amt, leiden unter dem Makel, dass sie von römisch-katholischer Seite nicht offiziell anerkannt werden und sich auch nur ein Teil der protestantischen Kirchen für sie interessiert.

 

Aber als Folge dieser Zusammenarbeit in den ökumenischen Kommissionen ist beim Lutherischen Weltbund festzustellen, dass er als Dachverband lutherischer Kirchen einem Missverständnis verfallen ist, was seine eigene Qualität als Kirche betrifft: Die Spitze des Lutherischen Weltbundes ist seit einigen Jahren dabei, den Bund als eine Art lutherische Weltkirche und sich selbst als lutherisches Lehramt zu etablieren. Das Ergebnis ist eine Sicht der eigenen Kirche als in Analogie zur römisch-katholischen Weltkirche stehend, mit der man „par cum pari” verhandeln möchte. Sichtbarer Ausdruck dieses Bewusstseins ist die vor einem Jahrzehnt geäußerte Bereitschaft eines Landesbischofs, den Papst als Sprecher der gesamten Christenheit anzuerkennen.

 

Diese Sicht war zu dem Zeitpunkt, als sie geäußert wurde, nicht ganz so originell, wie es in den Medien dargestellt wurde. Erstmals geäußert wurde sie von den lutherischen Autoren des Dialogdokuments „Communio sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen“[9], das im September 2000 fast zeitgleich mit der vatikanischen Erklärung „Dominus Iesus“ veröffentlicht wurde, in der den evangelischen Kirchen das Kirchesein abgesprochen wurde. Die römisch-katholische Kirche erkennt die Zeichen der Zeit und versucht, die Lutheraner in ihrem neu erwachten kirchlich-hierarchischen Selbstbewusstsein nach Kräften zu fördern, um mit deren Hilfe ihrem eigenen ökumenischen Ziel, eine Überwindung der Kirchentrennung durch Lehrkonsense zu erreichen, näher zu kommen.

 

Wie aber kann man dieses Ziel in ökumenischen Dialogen über Lehrfragen erreichen? Von katholischer Seite wird zunächst eingestanden, dass es in der spätmittelalterlichen Kirche einige Missstände gegeben hat und dass es grundsätzlich legitim war, diese zu benennen und in der aufgrund der damaligen kirchlichen und politischen Gesamtkonstellation leider nicht zu verhindernden „Abspaltung“ einige Teilwahrheiten zu pflegen. Allerdings wird diesen so entstandenen Kirchtümern das Kirchesein im katholischen Sinne in dem Augenblick bestritten, wo klar wird, dass es sich bei ihnen um die Pflege eines eigenständigen Konzeptes von Christlichkeit jenseits des römischen Katholizismus handelt.

 

In diesem Sinne kann die nachfolgende Entwicklung des Protestantismus nur als Verfallsgeschichte gedeutet werden, denn je länger die evangelischen Kirchen existieren, desto weiter entfernen sie sich von der durch das bischöfliche Amt in apostolischer Sukzession weiter getragenen Tradition. Kann man dann noch auf eine Beseitigung der damals angemahnten Mängel innerhalb der römisch-katholischen Kirche hinweisen, wie das seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil getan wird, dann wird die Existenzberechtigung von Kirchen, die aus Protest gegen früher existierende und heute beseitigte Mängel entstanden sind, hinfällig. Schließlich kämen die in diesen abgefallenen Kirchen gepflegten „Teilwahrheiten“ eh nur im Licht der katholischen Kirche voll zum Leuchten. Was einige in der Zeit der Reformation herausgebildete Besonderheiten betrifft, könnte man dann großzügig sein und den Lutheranern ähnliche Privilegien in der Liturgie und dem Kirchenrecht zugestehen wie etwa den mit Rom unierten Ostkirchen, die ja auch nach wie vor ihre orthodoxen Liturgien feiern dürfen und ein eigenes, vom Papst genehmigtes, Kirchenrecht haben.

 

Ließe sich der Protestantismus auf diese Logik ein, dann wäre seine unabhängige Existenz von prinzipieller Falschheit, ein historischer Irrtum und gegen die Intention der Initiatoren des Protestes damals gerichtet. Letztlich beruhte dann die Existenz der evangelischen Kirchen nur auf einer geistlich im Letzten illegitimen „Spaltung” der einen Kirche.

 

Kardinal Kasper und der unverstellte Blick auf die Reformationszeit

 

Eine solche Bestreitung der Existenzberechtigung des Protestantismus konnte man vor einigen Jahren beim als ökumenisch aufgeschlossen geltenden früheren Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrats, Kardinal Walter Kasper, nachlesen. In einem Brief an Reinhard Frieling, den früheren Leiter des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim, führt er aus: „Wenn ich Luther recht verstanden habe, wollte er keine eigene Konfessionskirche gründen sondern die bestehende Kirche reformieren. Luther wäre sozusagen heilfroh gewesen, wenn wenigstens einer oder ein paar katholische Bischöfe sich der Reformation angeschlossen hätten; er hätte die von ihm als Notlösung empfundenen eigenen Ämter nicht schaffen brauchen. Ich verstehe deshalb nicht ganz, weshalb der heutige Protestantismus an der tragischen Konfessionsbindung und an der aus Not faktisch [also nicht programmatisch notwendig; M.S.] entstandenen Struktur [...] grundsätzlich festhält – und dies obwohl die heutige katholische Kirche inzwischen viele legitime reformatorische Anliegen aufgegriffen hat. Luther hatte gesagt, er würde dann den Papst auf Händen tragen und ihm die Füße küssen.“[10]

 

Kasper kann als Katholik nicht anders, als die Kirche als sakramentale Heilsanstalt zu fassen und ist deshalb versucht, diese Sicht der Kirche nicht nur Luther, sondern der gesamten protestantischen Tradition als auch von ihr gewollte Vorstellung von Kirche zu unterstellen. Anhand dieser Vorstellung von Kirche lassen sich für Kasper leicht die Geister scheiden. So erkennt er, dass sich im gegenwärtigen Protestantismus zwei Richtungen abzeichnen, „denen ein unterschiedliches Verständnis des reformatorischen Anliegens zugrunde liegt“[11]. Das führt notwendigerweise zu zwei verschiedenen ökumenischen Konzeptionen im Protestantismus und ruft früher oder später nach einer Entscheidung.

 

Kasper unterscheidet zwischen dem skandinavischen und amerikanischen Luthertum einerseits, wo versucht wird, zu einer bischöflichen Verfassung unter Einschluss der apostolischen Sukzession im historischen Sinn zu kommen. Diese Kirchen, so Kasper, entsprechen damit den ursprünglichen Intentionen der Wittenberger Reformation. Dagegen aber sei andererseits der kontinentale Protestantismus einschließlich der EKD auf den durch die Leuenberger Konkordie von 1973 vorgezeichneten Weg fixiert. Dieses Leuenberger Modell, das die gegenseitige Anerkennung von Kirchen unterschiedlicher konfessioneller Gestalt zum Inhalt habe und dessen Ziel als „Einheit in der Vielfalt“ oder „versöhnte Verschiedenheit“ beschrieben werden kann, sei zwar hilfreich gewesen für die Herstellung der innerreformatorischen Einheit, es habe jedoch, so Kasper, „seine Grenze darin, dass es einen protestantischen Sonderweg geht, welcher weder für die katholische Kirche noch für die orthodoxen Kirchen und für die anglikanische Gemeinschaft und damit für die weit überwiegende Mehrheit der Christenheit gangbar ist“[12].

 

Die römisch-katholische Kirche hält bei ihren ökumenischen Bemühungen an ihrem eigenen Kirchenverständnis als sakramentaler Heilsanstalt mit bischöflicher Verfassung fest und möchte dieses zur verbindlichen Vorgabe und Gesprächsgrundlage im ökumenischen Dialog machen. Der gegenwärtige Protestantismus lässt sich allerdings nicht so einfach auf die Theologie der Reformatoren, allen voran Luthers, reduzieren, wie das von den Römisch-Katholischen gewünscht wird. Er hat seine eigenständige Prägung erst in den Jahrhunderten nach der Reformation erfahren und ist somit in seiner heutigen Gestalt zu einem nicht geringen Teil ein Ergebnis der religiösen und kulturellen Umformungen der vergangenen Jahrhunderte. Diese Entwicklung kann nicht einfach rückgängig gemacht werden, um eine irgendwie geartete Kompatibilität mit dem römisch-katholischen Kirchenverständnis zu erreichen. So zu tun, als gäbe es ein nahtloses Anknüpfen an der Zeit der Reformation, wie das bei einigen ökumenischen Dialogen, wo es um den isolierten Blick auf den Wortlaut der Bekenntnisschriften geht, der Fall ist, bringt die unterschiedlich konturierten Lebenswelten der beiden Kirchen keinen Schritt näher zueinander. Hier wäre es wesentlich produktiver und ökumenisch verheißungsvoller, die Unterschiede vorbehaltlos zur Kenntnis zu nehmen und den Versuch zu unternehmen zu verstehen, warum der andere so denkt, wie er denkt, und nicht so zu denken braucht, wie man selber denkt.[13]

 

Spätestens seit der Zeit der Aufklärung, seit der Epoche also, die wir als Neuprotestantismus bezeichnen, hat sich im Protestantismus eine andere Sicht von der Kirche durchgesetzt, als diejenige, die von der römisch-katholischen Kirche als ökumenischer Partner gewünscht und vorausgesetzt wird. Die verfasste Kirche wurde von den Protestanten zwar als Anstalt betrachtet, aber eben nicht als Heilsanstalt, sondern ausschließlich als rechtsförmige Anstalt, die von Menschen zu einem bestimmten Zweck konstituiert wurde, nämlich zum Zweck der Glaubenskommunikation. Die eigentliche Kirche Jesu Christi dagegen ist nicht sichtbar in Form einer Institution, sondern existiert als unsichtbares Band zwischen den Gläubigen. Luther selbst hat diese Sicht der Kirche vorbereitet durch seine Unterscheidung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche.

 

Der gegenwärtige ökumenische Dialog schenkt zumindest in seiner Darstellung nach außen dieser Unterscheidung kein Gewicht mehr. Einziges Erfolgskriterium sind „Fortschritte“ in der „sichtbaren Einheit“. Die einzige Form von sichtbarer Einheit aus evangelischer Perspektive ist aber – im Anschluss an das Augsburger Bekenntnis sowie die besseren Traditionen evangelischer Theologie – die Gewährung von Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft, wie es bei den Unterzeichnerkirchen der Leuenberger Konkordie von 1973 praktiziert wird. Eine Ökumene, die mehr oder anderes zur Bedingung des Erfolgs macht, befindet sich aus evangelischer Sicht auf einem problematischen Weg und wird immer mit innerkirchlichen Widerständen konfrontiert werden.

 


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[1]  Reformationsvortrag am 31. Oktober 2011 in der Dreifaltigkeitskirche, Speyer.

[2]  Zit. nach: Walter Fleischmann-Bisten, Warum nicht auch mal nach Canossa? Konfessionskundliche Beobachtungen und ökumenische Aufgaben. Ökumenischer Lagebericht 2011, in: epd-Dokumentation 42/2011, 4-18; 5.

[3]  Zit. nach: Walter Fleischmann-Bisten, a.a.O., 11.

[4]  Eilert Herms, Der Dialog zwischen Päpstlichem Einheitsrat und LWB 1965-1998, in: ThLZ 123 (1998), 657-714; 661f.

[5]  Karl Kupisch, Kirchengeschichte III. Reformation, Stuttgart u. a. 1974, 53.

[6]  A.a.O., 53.

[7]  A.a.O., 53.

[8]  A.a.O., 54f.

[9] Bilaterale Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Communio sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, Paderborn und Frankfurt a. M. 2000.

[10]  „Einheit durch Bekehrung und Reform erreichen“. Bemerkungen von Walter Kardinal Kasper zu dem Ökumenischen Studienheft „Amt“ von Reinhard Frieling, in: MdKI 54 (2003), 37.

[11]  Walter Kasper, Gegenwärtige ökumenische Situation und künftige Perspektiven der Ökumene, in: MdKI 54 (2003), 68-75; 72.

[12]  Kasper, a.a.O., 72.

[13]  Als hoffnungsvollen Versuch, Ökumene auf diese Intention hin neu zu durchdenken, vgl. Eilert Herms/Lubomir Zak (Hg.), Grund und Gegenstand des Glaubens nach römisch-katholischer und evangelisch-lutherischer Lehre. Theologische Studien, Tübingen 2008.