Impressum

 

Dr. Friedrich Schmidt-Roscher
Föhrenweg 6, 67454 Haßloch

 

„Zu richten die Lebenden und die Toten“

Die Vorstellung vom Jüngsten Gericht in der bildenden Kunst und in der Bibel und seine Bedeutung für heute

 

1. Einleitung

 

Im Laufe von fast 2000 Jahren Christentum gibt es Themen, die in bestimmten Zeiten wichtig werden und in anderen Zeiten eher randständig bleiben. Im Bewusstsein vieler Protestanten spielt die Frage nach dem „Jüngsten Gericht“ gegenwärtig keine große Rolle. Was wir im Apostolicum bekennen, „von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“, ist für viele Christen eine unverständliche Vorstellung geworden. Das war nicht immer so.

 

Dies wird deutlich, wenn wir uns mit mittelalterlichen Kirchen und ihren Bildwerken beschäftigen. Der Kunsthistoriker Yves Christe zeigt in seiner Untersuchung, dass das Jüngste Gericht ein ganz wichtiges Bildmotiv in vielen romanischen und gotischen Kirchen ist.[1] Im Dom von Torcello in der italienischen Adria oder auch im Baptisterium von Florenz sehen wir großartige und großflächige Darstellungen dieses Themas. Die Gläubigen werden daran erinnert, was ihnen nach dem Tod bevorsteht. Die Darstellung des Jüngsten Gerichtes finden wir an den Portalen der gotischen Dome, besonders in Westfrankreich. Die halbplastischen gotischen Bildwerke machen deutlich, was im Guten wie im Bösen die Menschen nach dem Tod erwartet.

 

 

2. Die Darstellung des Jüngsten Gerichts – drei Beispiele

 

2.1. Baptisterium in Florenz[2] 

 

Das erste jüngste Gericht, auf das ich eingehen will, findet sich im Baptisterium San Giovanni neben dem Dom von Florenz. Die Decke der achteckigen Taufkirche ist im Innern mit einem wunderbaren Mosaikzyklus geschmückt, der von venezianischen Meistern zwischen 1220 und 1330 ausgeführt wurde. Über der Taufe wölbt sich der Himmel mit der Heilsgeschichte zu der auch das Jüngste Gericht zählt. Mit der Taufe wird das Kind oder der Erwachsene in diese Geschichte Gottes mit den Menschen einbezogen. In den verschiedenen Zonen ist die Geschichte der Menschen bis zur Sintflut, aber auch das Leben Jesu bis zur Auferstehung und natürlich das Leben Johannes des Täufers, des Titelheiligen, zu sehen. Dominierend ist jedoch das Jüngste Gericht.

 

In dem Baptisterium wird der Anfang und das Ende des Lebens mit der Heilsgeschichte verknüpft. Auch das Jüngste Gericht, das endgültige Urteil Gottes über mein Leben und das Leben aller Menschen, bleibt kein isoliertes Geschehen, sondern ist Teil der Geschichte Gottes, die im Weg Jesu Christi ihre Mitte hat. Die Geschichte Gottes mit den Menschen hat ein Ziel. Nicht aus eigener Kraft, sondern durch Jesus Christus erreichen wir Menschen bei Gott dieses Ziel. Im Zentrum des Mosaiks steht der kommende Christus. An dem Auferstanden sind die Wundmerkmale zu erkennen. Der wiederkommende Christus, der die Menschen richtet, ist der, über den selbst andere gerichtet haben. Am Akt des Richtens sind die Apostel beteiligt. Sie haben Bücher in der Hand, in denen zu lesen ist, wie sich die Menschen verhalten haben.

 

Menschen auf der rechten Seite kommen in den Himmel. Zur Linken werden die Menschen in die Hölle geführt. Diese Hölle ist sehr grausam dargestellt. Es sind Personen zu sehen, die brutal gequält werden. Allerdings ist die Hölle eindeutig untergeordnet. Sie nimmt viel weniger Raum ein als der Bereich des Himmels, der zu Christus gehört. Das Mosaik dominiert Christus, der über Himmel und Erde herrscht.

 

2.2 Rogier von der Weyden

 

Rogier von der Weyden (1400-1464) malte das Jüngste Gericht für einen Altar der Krankenkapelle eines der ältesten Hospize in Beaune, Frankreich. Auch im Mittelpunkt dieses Tafelbildes steht Christus, der auf einem Regenbogen sitzt. Der Regenbogen ist ein Zeichen seiner Herrschaft, aber auch das alte Bundeszeichen. Am Kopf des Christus sind Lilie und Schwert zu erkennen, die Gnade und Recht symbolisieren. Er ruft die Toten zur Auferstehung. Die rechte Hand weist zur Pforte, die zum Himmel führt und die Linke zum Höllentor. Neben Christus tragen Engel die Leidenswerkzeuge und erinnern daran, dass der Richter selbst gelitten hat und gerichtet wurde.

 

Unter dem Regenbogen steht der Erzengel Michael im Gewand eines Diakons und hat eine Waage in der Hand. Damit werden die Menschen, die  auferstehen, gewogen. Wer als zu leicht befunden wird, muss in die Hölle. Offen bleibt in dem Bild, was der Maßstab des Abwägens ist.

 

Wie haben die Kranken dieses Bild empfunden? Als Trost in ihrem Leiden? Oder als Warnung sich zu ihrer Kirche zu bekennen?[3] Im Bereich des Himmels sind die Apostel und auch die Kirchenlehrer leicht zu identifizieren. Neben Christus sind Maria und Johannes fürbittend ins Bild gesetzt. Hier wird den Menschen der Weg zum Heil und zur Erlösung gewiesen.

 

2.3 Michelangelos Jüngstes Gericht in der Sixtinischen Kappelle

 

Der aus Florenz stammende Michelangelo Buonarotti malte zwischen 1536 bis 41 sein riesiges Fresko in der Sixtinischen Kapelle im Auftrag von Papst Paul. Als Michelangelo mit seiner Arbeit am Jüngsten Gericht begann, war er ein alter Mann. Es wurde vielfach beschrieben, wie anstrengend dieses Werk mit 391 Figuren war. Weniger bekannt ist allerdings, dass der Florentiner in diesen Jahren in einem intensiv freundschaftlich-theologischen Austausch mit Vittoria Colonna stand, einer Frau, die zu einer Erneuerungsbewegung innerhalb der Kirche zählte, die zum Evangelismus gerechnet wird. Michelangelo hat selbst die Bibel gelesen und war stark an der Frage interessiert, wie ein Mensch vor Gott bestehen kann.

 

Auf dem großen Fresko sind 391 Gestalten zu sehen. Ganz oben sind Engel abgebildet, die die Leidenswerkzeuge Jesu tragen. Im Zentrum des Bildes steht Christus auf einer Wolke, dargestellt als antiker Heros. Ihm zur Seite, aber deutlich untergeordnet, steht Maria. In einem gewissen Abstand um Christus herum gruppiert sind die Auserwählten, die fast alle ihr Gesicht zum Heiland wenden. Darunter sieht man auf der rechten Seite Menschen in den Himmel auffahren, teilweise von Engeln getragen. Auf der anderen Seite dagegen scheinen Engel andere Menschen daran zu hindern aufzusteigen. Auf der unteren Ebene sieht man die Auferstehung der Toten, die Hölle und die Verlorenen, die von dämonischen Wesen in den Hades geführt werden. Nur wenige Personen sind eindeutig zu erkennen, wie Laurentius mit dem Rost, der Jünger Bartholomäus, mit der abgezogenen Haut, auf dem Michelangelo sein Selbstbildnis gemalt hat, Petrus mit den Schlüsseln, Katharina mit dem Rad und Sebastian mit den Pfeilen.

 

In seiner Michelangelobiographie schreibt Giorgio Vasari (1511-1574): „Acht Jahre arbeitete Michelangelo an diesem Werk und deckte es am Weihnachtsabend 1541 auf, zum Verwundern und Erstaunen Roms, ja der ganzen Welt.“ Im Unterschied zu den alten Bildern, wo die Seligen bekleidet und die Verdammten nackt sind, sind hier alle nackt. Vasari erzählt, dass es wegen der nackten Körper damals zu einem Konflikt kam: „Michelangelo hatte schon mehr als drei Viertel des Bildes vollendet, als Papst Paul kam, um es zu besichtigen. Messer Biagio von Cesena, Zeremonienmeister und ein sehr kleinlicher Mann, war mit Seiner Heiligkeit in der Kapelle, und auf die Frage, was er von dem Werk halte, entgegnete er, es sei wider alle Schicklichkeit, an einem heiligen Ort so viel nackte Gestalten zu malen, die aufs unanständigste ihre Blößen zeigten; es sei kein Werk für die Kapelle des Papstes, sondern für eine Bade- oder Wirtshausstube. Das verdross Michelangelo, und um sich zu rächen, malte er den Zeremonienmeister, sobald er fort war, ohne ihn weiter vor sich zu haben, als Minos in der Hölle, die Beine von einer großen Schlange umwunden, umgeben von einer Schar von Teufeln. Und es half dem Messer Biagio nichts, dass er sich an den Papst und Michelangelo wandte und bat, er möge sein Bild dort wegnehmen – es blieb stehen zum Andenken an die Geschichte.“[4]

 

Papst Pius IV. (1560-1564) ließ die anstößigen nackten Stellen von Daniele da Volterra übermalen, der dafür den Namen „Hosenlatzmaler“ erhielt. So war beispielsweise auch die heilige Katharina, die heute ein grünes Gewandt trägt, vor dem Eingriff nackt.

 

Von Michelangelo wissen wir, dass er sich intensiv mit Fragen des christlichen Glaubens und der Bibel auseinandergesetzt hat. Für Michelangelo war eine zentrale Frage, wie er als sündiger Mensch vor Christus bestehen kann. Bei Michelangelo ist die Christologie Soteriologie. Wer Christus ist, zeigt sich darin, was er für uns Menschen getan hat. Im Zentrum der Dichtung Michelangelos, so Emilio Campi steht „die energische Vergewisserung der Heilssicherheit, die auf dem wirksamen einzigartigen und unvergleichlichen Opfer Christi basiert.“ [5] In den Sonetten Michelangelos aus den vierziger und fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts kommt deutlich die Hoffnung zum Ausdruck, dass ich als sündiger Mensch durch den Kreuzestod Christi mit Gott versöhnt werde. Diese Lesart der Heiligen Schrift steht im Zentrum der lutherischen Rechtfertigungslehre.

 

Gibt es auch im Fresko des Jüngsten Gerichtes Hinweise, dass er diesen Gedanken künstlerisch umgesetzt hat? Das jüngste Gericht Michelangelos unterscheidet sich in vielen Punkten von mittelalterlichen Darstellungen desselben Themas. Michelangelos Christus ist dynamisch und kommt stehend auf einer Wolke ins Bild. Er hat Christus als den kommenden Menschensohn gemalt. Dieses Thema korrespondiert mit dem großen Deckenfresko der Erschaffung der Welt. Ähnlich wie Gott am Anfang, so ruht auch der kommende Christus nicht in sich selbst, sondern ist aktiv und schaffend. Das Gesicht Christi wirkt entschieden, aber nicht wie vielfach gedeutet als strenger Richter. Der Christus Michelangelos ist einer, der zu unterscheiden vermag und dies durch seine segnende Linke und verdammende Rechte auch tut. Die Figuren der Geretteten blicken auf ihn, den Richter und den Retter. Weder die Jungfrau noch die anderen Heilige können erlösen und zum ewigen Leben führen, nur Christus allein.

 

Ursprünglich waren fast alle Gestalten nackt. In anderen mittelalterlichen Fresken tragen die Apostel und die Geretteten schöne Gewänder, nur die Verdammten sind nackt. Die Nacktheit im Jüngsten Gericht Michelangelos zeigt den Menschen so, wie Gott ihn geschaffen hat. Die Nacktheit ist ein Zeichen, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Sie können vor ihrem Richter nichts verbergen. Kleider machen in der damaligen Zeit den sozialen und religiösen Rang einer Person sichtbar. Wer nackt und bloß vor Gott steht, der hat nichts mehr vorzuweisen, auch nicht seine Werke. Die Nacktheit wird zum Symbol der Angewiesenheit auf die göttliche Gnade. Aus diesem Grund haben alle Apostel und Heilige keinen Heiligenschein und sie führen bis auf wenige Ausnahmen keine Attribute mit sich. Der Mensch ist auf das Erbarmen, auf die Gnade des kommenden Christus angewiesen. Wie sehr diese Nacktheit in den Zeiten nach dem Tridentinum von den Zeitgenossen Michelangelos und Anhängern der Gegenreformation angegriffen wurde, hat Romeo de Maio gezeigt.[6]

 

Auf der rechten Seite hat Michelangelo zwischen Himmel und Hölle eine rätselhafte Szene gemalt. Engel traktieren Menschen mit Faustschlägen und halten sie davon ab, in den Himmel zu steigen. Die Bedeutung dieses Kampfes ist vielfach diskutiert worden. Meines Erachtens verhindern die Engel, dass Menschen zu Christus kommen, die nicht dafür bestimmt sind. Es ist interessant, dass unter denen, die nicht in den Himmel kommen sollen, eine Figur ist, bei der ein gefüllter Beutel und zwei Schlüssel hängen. In der Zeit Michelangelos und auch später waren zwei Schlüssel das ikonographische Erkennungszeichen des Papstes. Der gefüllte Beutel kann als Kritik am Reichtum der Nachfolger Petri verstanden werden oder auch eine Anspielung auf den weit verbreiteten Ämterkauf.

 

Michelangelo hat sich auch selbst porträtiert. Sein zerfurchtes Gesicht ist auf der Haut des Bartholomäus zu erkennen. Dies hat man oft als einen Hinweis auf die Leiden und Mühen des Künstlers gedeutet. Mir scheint eine andere Deutung plausibler zu sein. Michelangelo in der Haut des Bartholomäus bedeutet, dass er sich selbst als ein Jünger und Nachfolger Jesu verstand.

 

 

3. Biblischer Befund

 

3.1. Gerechtigkeit und Richten in der Bibel

 

Gerechtigkeit ist in der Bibel ein zentraler Begriff. Schon im hebräischen Teil der Bibel bedeutet das Wort richten zugleich auch friedlich Ordnung wieder herstellen und retten. Im Psalm 96, den wir an Weihnachten sprechen, heißt es: Jubeln sollen alle Bäume des Waldes, vor dem Herrn, wenn er kommt, wenn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Treue. In Psalm 7,9 heißt es in der Lutherbibel: Der Herr ist Richter über die Völker. Schaffe mir Recht, Herr nach meiner Gerechtigkeit und Unschuld. Luther und die übrigen Reformatoren entdeckten in der Lektüre der Psalmen und des Römerbriefes, dass die Gerechtigkeit Gottes nicht so zu verstehen ist, dass Gott jeden Menschen gerecht behandelt, sondern, dass er gerecht macht. Gott schafft in der Welt Gerechtigkeit.

 

Im neuen Testament wird die Rede vom Gerechtigkeit schaffenden Gott mit dem Bild des kommenden Menschensohnes verbunden. Christus wird wiederkommen und zur Gerechtigkeit führen. Das bedeutet, dass diese Welt nicht auf immer so weitergeht, sondern ein Ende und ein Ziel hat.

 

An zahlreichen Stellen in der Bibel ist von dem Gericht Gottes die Rede. Dabei gibt es verschiedene Vorstellungen, wie dieses Gericht zu verstehen ist. Meines Erachtens sind die Aussagen der Bibel hier nur schwer zusammenzubringen. Zwei verschiedene Vorstellungen will ich holzschnittartig beschreiben.

 

3.2. Doppelter Ausgang des Gerichtes

 

Die in der Geschichte des Christentums am weitesten verbreitete Vorstellung des Jüngsten Gerichtes ist sein doppelter Ausgang. Diese Auffassung haben wir auch in den verschiedenen Bildwerken sehen können. Wobei auch dort zu erkennen war, dass der gute Ausgang doch überwiegt. Grundlegend sind biblische Aussagen wie bei Paulus im 2. Korintherbrief 5,10: „Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit ein jeder empfange, was seinen Taten entspricht, die er zu Lebzeiten getan hat, seine sie gut oder böse.“[7]

 

In der Bibel finden sich keine ausgeführte Lehre von den letzten Dingen und vom Jüngsten Gericht, sondern verschiedene Bilder, die sich jedoch in das religiöse Gedächtnis gebrannt haben. Auf drei der wirkmächtigsten Bilder in der Bibel möchte ich kurz eingehen:

 

Zu den bekanntesten Motiven zählt das Gleichnis vom Weltgericht nach Matthäus 25. Die Völker werden vor Christus versammelt, und er scheidet sie wie ein Hirte Schafe und Böcke scheidet. Eindeutig ist der Maßstab für die Scheidung das Verhalten gegenüber Schwestern und Brüdern. „Amen, ich sage euch: Was ihr einem dieser meinen geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (V39b). Eindeutig wird am Ende von dem doppelten Ausgang dieses Weltgerichtes gesprochen.

 

Die Völker werden gerichtet und zwar nach dem Maßstab der Nächstenliebe: Hungrige speisen, Dürstenden zu trinken geben, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, um Kranke kümmern, Gefangene aufsuchen. In diesen Brüdern (und Schwestern) begegnen wir Christus. Unklar bleibt, was der Maßstab bei diesen Werken der Barmherzigkeit genau ist. Geht es darum, dass wir immer dies tun oder dass wir es wenigstens einmal tun?[8] Das bleibt offen. Der Glaube wird nicht eigens thematisiert, höchstens der Glaube als praktisches Handeln, als Zuwendung zum Menschen, der meine Hilfe braucht.

 

Das Motiv des Thrones und des Endgerichtes taucht auch in der Offenbarung des Johannes auf besonders in Kapitel 20, 11-14. Es wird beschrieben, wie Große und Kleine von dem Thron her gerichtet werden. Hier taucht das Motiv der Bücher auf, die geöffnet werden, in denen die Namen der Menschen drin stehen. Wer nicht im Buch des Lebens steht, der wird in den Feuersee geworfen. Auch in diesem Buch ist der Maßstab für den Ausgang des Gerichtes das konkrete Verhalten der Menschen.

 

Der Gerichtsgedanke taucht auch in den Briefen des Apostels Paulus an verschiedenen Stellen auf. Am wichtigsten scheint das zweite und dritte Kapitel des Römerbriefes zu seinem, aus dem ich einige Verse zitieren will. „Er wird einem jeden vergelten nach seinen Taten: ewiges Leben geben denen, die im geduldigen Tun guter Werke Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit suchen. Zorn und Grimm aber denen, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind und nicht auf die Wahrheit hören, sondern dem Unrecht folgen“ (Römer 2, 6-8).

 

Paulus sieht jedoch deutlicher als andere die menschlichen Grenzen im Befolgen der Weisungen Gottes. „Durch das Tun dessen, was im Gesetzt geschrieben steht, wird kein Mensch vor ihm gerecht werden: denn durch das Gesetz kommt es bloß zur Erkenntnis der Sünde“ (Römer 3,20). Jetzt aber ist die Gerechtigkeit Gottes erschienen: Jesus hat für alle, die an ihn glauben, die Sünden auf sich genommen. „Denn wir halten fest: Gerecht wird ein Mensch durch den Glauben unabhängig von den Taten, die das Gesetz fordert“ (Römer 3,28).

 

Auch bei Paulus müssen sich alle Menschen vor Gott verantworten und Rechenschaft ablegen. Maßstab ist die Tora, also die Weisungen Gottes. Auch die Menschen, die keine Juden sind, können die Grundlinien dieser Weisungen kennen. Allerdings meint Paulus, dass kein Mensch alle Gebote halten kann und damit vor Gott keiner gerecht dasteht. Deshalb ist für ihn der Glaube an Jesus Christus entscheidend, denn in ihm schafft Gott Gerechtigkeit für die Menschen. Glaube genügt.

 

Der kleine Überblick macht deutlich, dass schon in den Schriften des Neuen Testaments sowohl die Taten wie der Glaube zum Maßstab im Endgericht werden können. In der evangelischen Tradition wurde im Anschluss an Paulus der Glaube zum wichtigen Maßstab für das Urteil Gottes.

 

Ist der Glaube die Entscheidung des Menschen oder wird der Glaube letztlich geschenkt? Falls man den Glauben eher als Geschenk ansieht, so muss man mit Calvin und anderen zu dem Schluss kommen, dass Gott in seiner Gnadenwahl Menschen dazu bestimmt hat, im Gericht gerettet zu werden, andere jedoch nicht. Falls man den Glauben als Entscheidung des einzelnen Menschen ansieht, wie es häufig bei evangelikalen Christen geschieht, dann hängt an diesem Entschluss des Menschen seine Rettung oder sein Verderben. Wer so argumentiert, der steht vor der Frage, ob sich damit Gottes Heilswille von der Entscheidung des Menschen abhängig macht. Dann wäre das Jüngste Gericht eine Verewigung der Haltung und Entscheidung des Menschen. Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet es, dass der Mensch mit seinem Verhalten in der Zeit bestimmt, was Gott mit ihm in Ewigkeit tut. Ist Gott jedoch nicht frei, gnädig zu sein?

 

3.3 Wenn am Ende die Hölle leer bliebe?

 

Seit Origenes gibt es in den christlichen Kirchen immer wieder Lehrer und Lehrerinnen, die aufgrund dieser Aporien zu dem Schluss kommen, dass das Jüngste Gericht nur einen Ausgang haben kann. Unzweifelhaft wird es ein Gericht geben, in dem sich Völker und Menschen für ihre Taten verantworten müssen. Gottes Richten wird jedoch ein Retten sein im Sinne von Gerechtigkeit schaffen und gut machen. Wo findet diese theologische Sicht ihre Basis?

 

Zum einen in dem Heilswillen Gottes, wie er in der ganzen Bibel an ganz verschiedenen Stellen bezeugt ist. Gott hat keine Freude an Tod des Gottlosen. Paulus schreibt im Brief an die Gemeinde in Thessaloniki: „Denn Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir dem Zorn verfallen, sondern dass wir die Rettung erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir alle miteinander ob wir nun wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben werden (1. Thessalonicher 5,9f).

 

Dieser Heilswille Gottes zeigt sich für mich in vielen Gleichnissen und im Leben Jesu: Die Suche nach den Verlorenen, die Gastmähler bei den Zöllnern, die Gemeinschaft mit den Armen. Der Weg Jesus ist davon durchdrungen, dass er Menschen nicht aufgibt, dass er sie mit Gott versöhnen will.

 

Dass Gottes Gerechtigkeit solcher Art ist, dass sie am Ende zu ihrem Ziel kommt, unabhängig von der Schwachheit der Menschen, das zeigen weitere Schriftzeugnisse: 1. Timotheus 2, 3-6a heißt es: „Das ist schön und gefällt Gott, unserem Retter, der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Einer nämlich ist Gott, einer auch ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle.

 

Paulus argumentiert im 1. Korintherbrief, Kapitel 15, in dem er sich sehr ausführlich mit der Frage der Auferstehung auseinandersetzt. Wie durch einen Menschen (Adam) der Tod in die Welt kommt, so wird durch einen Menschen (Christus) die Auferstehung für alle Menschen kommen. Auch im 2. Korintherbrief, Kap. 5, verstehe ich Paulus so: Mit dem Kreuzestod Jesu hat Gott die Welt mit sich versöhnt.

 

Diese universale Heilswirkung des Kreuzestodes Jesu Christi zeigt sich auch in den Briefen aus dem Neuen Testament auf, die man Schülern von Paulus zuschreibt: „Denn durch die Gnade seid ihr gerettet aufgrund des Glaubens, und zwar nicht aus euch selbst, nein Gottes Gabe ist es (Epheser 2,8f). „Denn es gefiel Gott, seine ganze Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn das All zu versöhnen  auf ihn hin, indem er Frieden schuf durch ihn, durch das Blut seines Kreuzes, für alle Wesen ob auf Erden oder im Himmel“ (Kolosser 1, 19f).

 

Gottes in der Bibel bezeugter Liebes- und Heilswille ist stärker als sein Zorn über die Sünde des Menschen. Jesus Christus ist für alle Menschen gestorben. Deshalb wird Gott am Ende durch das Gericht alles zu einem guten Ende führen.

 

Doch auch dieses Deutung der Heiligung Schrift führt zu Aporien und offenen Fragen. Ist Gott der Wille des Menschen gleichgültig? Was ist mit den Menschen, die Gott und jede Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ablehnen? Die Rede vom Jüngsten Gericht hat auch ethische Konsequenzen. Wer weiß, dass er sich für sein Tun und Nichtstun einmal verantworten muss, der wird Unrecht vermeiden. Führt der gute Ausgang des Jüngsten Gerichtes nicht zu einer ethischen Beliebigkeit?

 

 

4. Zur Bedeutung des Jüngsten Gerichts für uns heute

 

Am Ende will ich deutlich machen, warum es sinnvoll, ja notwendig ist, vom Jüngsten Gericht heute zu reden und was dieses Gericht bedeutet. Alle theologische Rede stößt hier an eine Grenze. Zum einen steht die Erfahrung dieses Prozesses für uns alle noch aus, zum anderen können wir Gottes Entscheidung nicht vorgreifen.

 

4.1 Der Gerichtete als Richter

 

Es darf nicht unterschätzt werden, dass derjenige, der über unser Leben einmal richtet, selbst gerichtet, gequält und am Kreuz ermordet wurde. Wir erinnern uns an die Wundmale, die der kommende Weltenrichter auf den Mosaiken oder Fresken hat. Das ist kein Beiwerk, das ist Programm. Der Weg Jesu von seiner Verurteilung bis zu seinem Tod als Verbrecher am Kreuz, fließt in sein Richten ein. Wir bekennen, dass Jesus Christus diesen Weg am Kreuz für uns auf sich genommen hat. Dies hat auch Konsequenzen für das Jüngste Gericht.

 

Es ist fatal, dass die Kirchen über viele Jahrhunderte das Gericht eher als Drohkulisse denn als Hoffnungsperspektive den Menschen gepredigt haben. Möglicherweise hat das auch dazu beigetragen, dass dieses wichtige Thema seit der Aufklärungszeit in den großen Kirchen so randständig wurde. Es ist wichtig, dass wir in der evangelischen Kirche dieses Thema nicht christlichen Randgruppen überlassen, sondern es als Teil der biblischen Hoffnungsperspektive begreifen.

 

4.2 Gericht als Aufrichtung des Rechtes der Opfer

Bei einer Wanderung mit einem Freund sprachen wir über das Jüngste Gericht. Ihm fielen sofort negative Assoziationen zu Gericht ein. Er dachte an moralischen Zeigefinger oder an einen Gerichtsprozess. In der Bibel gibt es ein anderes Verständnis vom Richten Gottes. „Wir verstehen es als ein unheilvolles, Sünde und Schuld vergeltendes göttliches Eingreifen“, schreibt Thomas Naumann und fährt weiter fort: „Diese negative Perspektive auf das Begriffsfeld Gericht kommt daher, dass wir tendenziell eher die Perspektive des Täters als des Opfers einnehmen. So können wir Gerichtsprozess kaum mit befreiendem oder neue Zukunft eröffnenden Dimension in Verbindung bringen, die sie für die Opfer von Gewalt und Verbrechen auch gegenwärtig ohne Zweifel haben.“[9] 

Gott schafft Gerechtigkeit, weil es in der Welt Unrecht gibt, das zum Himmel schreit, weil Opfer vergessen werden und Menschen nicht zu ihrem Lebensrecht kommen. Es war besonders der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann, der darauf hingewiesen hat, was dieses Gerechtigkeit schaffende Gericht für Täter und Opfer bedeutet. „Das Ziel des Aufrichtens der Opfer und Zurechtbringen der Täter ist nicht die große Abrechnung mit Lohn und Strafe, sondern der Sieg der schöpferischen Gottesgerechtigkeit über alles Gottlose im Himmel, auf Erden und unter der Erde.“[10] Die christlichen Kirchen sollen nicht aus Verlegenheit die Botschaft des Jüngsten Gerichtes unterschlagen, sondern seine Gerechtigkeit schaffende, befreiende und Opfer ins Recht setzende Mitte verkündigen.

 

4.3 Das kommende Reich

 

Es geht beim Jüngsten Gericht nicht um meine individuelle Rettung, es geht nicht darum, dass ich mein Schäfchen ins Trockne bringe. Dieser Heilsegoismus geht am christlichen Glauben vorbei und ist eher eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts. Im Jüngsten Gericht geht es zwar um mich und mein Leben, aber im Zusammenhang mit dem Leben aller Menschen und der Erneuerung der ganzen Schöpfung in der Perspektive des Reiches Gottes. Dieser Zusammenhang ist in den letzten Jahren in der Theologie neu entdeckt worden. Das Jüngste Gericht ist der Beginn der Aufrichtung vom Recht Gottes in der Welt und in seiner Schöpfung. Es ist wichtig, dass wir das Richten Gottes als Teil seiner Neuschöpfung der Welt begreifen. Dann bringt Gott nicht nur mein eigenes Leben, sondern das Leben aller Menschen und aller Geschöpfe zu seinem Ziel. Das Jüngste Gericht hält daran fest, dass Auferstehung ein universales Ereignis ist, an dem alle Völker und die Schöpfung Anteil haben. So weit reicht Gottes Heilswillen.

 

4.4 Gericht als Prozess der Läuterung

Manchmal ist zu hören, dass bei Menschen am Ende ihres Lebens das eigene Leben noch einmal wie ein Film abläuft. Im Jüngsten Gericht kommt es zu einer Aufarbeitung von Schuld, die Täter werden mit ihren Taten konfrontiert. Dabei geht es nicht darum, Menschen auf ihre Schuld festzunageln, aber sie ihnen vor Augen zu stellen.

Wenn man beispielsweise an das Gleichnis vom Menschensohn in Matthäus 25 denkt, wo der Maßstab für die Menschen ihr Umgang mit Hungernden, Fremden, Kranken, Gefangenen und anderen bedürftigen Menschen ist, dann geht es immer um konkrete Not und damit auch um konkretes Fehlverhalten oder Schuld.

Allerdings wird man auch sagen können, dass wir Menschen im Gericht nicht nur Täter oder Opfer, sondern in vielen Fällen beides sind. Jürgen Moltmann meint: „Auch Opfer können Täter werden, und in vielen Menschen sind die Täter- und Opferseite des Bösen untrennbar miteinander verzahnt. Umso wichtiger ist die Erkenntnis, dass der kommende Richter uns als Täter richtet und als Opfer aufrichtet. (...) Um zu ihrer Wahrheit zu kommen, sind die Täter darum auf die Erinnerungen ihrer Opfer angewiesen, müssen auf ihre Berichte hören und sich selbst mit den Augen ihrer Opfer ansehen lernen, auch wenn es erschreckend und zerstörend ist.“[11]

Gerade der Augenblick des Richtens kann den Menschen ihre Untaten vor Augen führen und sie auf diese Weise verwandeln. Gleichzeitig wäre das vor Augen führen der eigenen Schuld auch ein schmerzliche Erinnerung an das eigene Fehlverhalten.

 

4.5 Gericht als Transformation

 

Ein unter Theologen gerne benutzter Satz lautet: Gott hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder. Das Ziel des Gerichtes ist die Zerstörung von Sünde und Tod und dem Nichtigen, was gegen Gott ist. Gleichzeitig will Gott seine Schöpfung mit den Menschen zum Ziel führen. Deshalb kommt es im Gericht zur Trennung von Person und Werk. Das Böse, was Menschen getan haben, wird verurteilt und damit auch überwunden. Offen bleibt, was mit dem Bösen wird. Bleibt es als Erinnertes Böses übrig? Oder verfällt es dem Vergessen?

 

Wenn Gott jedoch nur die einen zur Glückseligkeit rettet und die anderen verdammt, dann bliebe das Böse im gewissen Sinne immer noch in der Welt. In der mittelalterlichen Theologie gab es die Auffassung, dass die Erlösten sich noch mehr an ihrer Seligkeit erfreuen, wenn sie sehen, wie es den anderen ergeht. Das halte ich allerdings für eine sehr abwegige Theorie um nicht zu sagen zynische Theologie.

Im Gericht wird der Mensch zum neuen Menschen und das, was er nicht nach dem Willen Gottes getan hat, wird abgetan. Übrig bleibt das, was er im Sinne der Nächstenliebe an seinen Mitmenschen getan hat. Das hat auch im Gericht Bestand.

Für mich ist die Vorstellung vom Jüngsten Gericht ein wichtiger Bestandteil meiner Hoffnung. Ich hoffe darauf, dass Gott in Jesus Christus Gerechtigkeit schafft. Ich hoffe, dass die Opfer der Geschichte zu ihrem Recht kommen und dass Sünde und Tod und das Böse vernichtet werden. Ohne diese Hoffnung fiele es mir manchmal schwer zu leben und zu glauben.

 

5. Nachtrag

In der Diskussion nach dem Gemeindevortrag ging es zentral um die Frage, ob der Glaube nicht doch wichtig sei. Konsens in der Schrift besteht darin, dass das „Jüngste Gericht“ ein zentrales Motiv ist und es deshalb nicht wegfallen darf. Das Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und die in Jesus Christus geschenkte Versöhnung gehören zum christlichen Leben unverzichtbar dazu. Wir können es sicher getrost Gott überlassen, wie weit seine Gerechtigkeit geht. Sicher gilt sie allen, die ihm vertrauen und ihre Hoffnung auf Jesus Christus setzen. Doch wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn seine Barmherzigkeit weiter greift.

 

 


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[1] Yves Christe, Das jüngste Gericht, Regensburg 2001

[2] Leider sind im Pfälzischen Pfarrerblatt keine Bilderveröffentlichungen möglich. Die drei Bilder, die ich hier bespreche, sind leicht im Internet zu finden.

[3] Vgl. Luzia Sutter Rehmann, Die Heilung der Welt. Von geöffneten Büchern, der sich öffnenden Erde und dem wägenden Engel im Weltgericht, in: „und das Leben der zukünftigen Welt“. Von Auferstehung und Jüngstem Gericht, hg. v. Heinrich Bedford-Strohm, Neukirchen 2007, 66f

[4] Gíorgio Vasari, Lebensbeschreibungen der ausgezeichneten Maler, Bildhauer und Architekten nach Dokumenten und mündlichen Berichten, zitiert nach Heinz-Joachim Fischer, Rom. Zweieinhalb Jahrtausend Geschichte, Kunst und Kultur der Ewigen Stadt, Köln 42000, S. 382f

[5] Emilio Campi, Michelangelo e Vittoria Colonna, Torino 1994, 62ff.

[6]     Romeo di Maio, Michelangelo e la Controriforma, Roma-Bari 1978

[7] Dieses und nachfolgende Schriftzitate zitiere ich nach der Übersetzung der Zürcher Bibel 2007

[8] Vgl. Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 18-25), EKK I/3, Düsseldorf, Neukirchen-Vluyn, 516ff

[9] Thomas Naumann, „...es wird kein Leid mehr sein“. Biblische Bilder von Auferstehung und Gericht, in: „...und das Leben der zukünftigen Welt“, a.a.O., 48f

[10] Jürgen Moltmann, Sonne der Gerechtigkeit. Das Evangelium vom Gericht und der Neuschöpfung aller Dinge, in: „...und das Leben der zukünftigen Welt“, a.a.O.,  38f

[11]   Moltmann, Sonne der Gerechtigkeit, 39f