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Dr. Martin Schuck

Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

Editorial

Natur und Vernunft: Die Rechtsphilosophie des Papstes

 

Der Papstbesuch ist vorüber, und nicht wenige derjenigen Protestanten, die ein „kräftiges ökumenisches Zeichen“ erwartet hatten, waren schnell dabei, das dünne Ergebnis schönzureden. Merkwürdig wenig beachtet wurde stattdessen diejenige Rede des Papstes, die wirklich Substanz hatte, nämlich seine Rede vor dem Deutschen Bundestag (dokumentiert S. 387 bis 391). Im Falle dieser Rede hatten diejenigen Parlamentarier, die angekündigt hatten, der Rede fernzubleiben, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen. Das etwas sperrige Thema der Rede war fürs Unterhaltungsprogramm ungeeignet, weshalb man auch für die seriöseren Sendungen lieber Interviews mit grünen und linken Verweigerern führte. Einzig das Lob der ökologischen Bewegung sorgte für etwas Belustigung.

 

Im Gegensatz zur sog. „Regensburger Rede“ 2006 wurde die Aufmerksamkeit nicht auf einen scheinbaren Nebenkriegsschauplatz gelenkt, wie seinerzeit mit den Ausführungen zum Islam. Was der Papst geboten hat, war eine gelungene Einführung in die katholische Rechtsphilosophie. Grundlage dieser Philosophie ist eine bestimmte Vorstellung von Naturrecht, das in inhaltlicher Analogie zum allgemeinen katholischen Naturbegriff verstanden werden muss, wie er etwa in den Begriffspaaren Natur und Gnade oder Natur und Vernunft gebraucht wird. Das Entscheidende dieses Naturbegriffs besteht darin, dass er sowohl an die Gnade als auch an die Vernunft anschlussfähig ist. Das katholische Wirklichkeitsverständnis rechnet grundsätzlich mit einem von Gott geschaffenen Gesamtzusammenhang, innerhalb dessen es keine Widersprüche geben kann. Alles Sein ist als in sich einheitlich verfasst zu denken, weshalb es nicht nur keinen Unterschied zwischen Sein und Sollen geben kann, sondern das Sein direkt auf das Sollen hinweist bzw. ein bestimmtes Sollen impliziert.

 

Dieses Denken führt in der katholischen Morallehre zu der für Protestanten schwer verständlichen Praxis, ethisch schwierige Entscheidungssituationen immer eindeutig lösen zu können; letztlich ist die Entscheidung durch die im Sein selbst liegenden Voraussetzungen so klar determiniert, dass es kaum Spielräume gibt. Die katholische Haltung etwa zu dem vor einigen Jahren vieldiskutierten Thema der Schwangerenkonfliktberatung legt diesen Mechanismus offen: Weil bestimmte seinsmäßige Voraussetzungen nicht hinterfragt werden können, nämlich die Heiligkeit menschlichen Lebens ab dem Zeitpunkt der Befruchtung, gibt es überhaupt keinen ethischen Spielraum im Falle eines Konfliktes während der Schwangerschaft; deshalb gibt es keine moraltheologisch vertretbare Möglichkeit, in einer katholischen Beratungsstelle einen Beratungsschein auszustellen, der einen Schwangerschaftsabbruch möglich machen würde.

 

Diese in den ethischen Debatten merkwürdig unflexibel erscheinende Haltung kann nun genau da ihre Stärke ausspielen, wo Verlässlichkeit zur Überlebensgarantie werden kann, nämlich im Bereich des Rechts. Hier konnte Benedikt auf die gerade in Deutschland noch sehr lebendige Erfahrung zurückgreifen, dass ein Rechtszustand dann unhaltbar wird, wenn auch ohne tiefgreifende ethische Reflexion evident ist, dass Recht und Unrecht vertauscht sind. In der Rechtsordnung des nationalsozialistischen Staates war dies offenkundig der Fall. Versteht man den Papst richtig, wurde dort „Macht von Recht getrennt“, so dass „Macht gegen Recht stand“, das „Recht zertreten“ und „der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde“.

 

Bei der Frage nach denjenigen Kriterien, die verhindern, dass Recht dem Zufall bzw. dem „Mehrheitsprinzip“ ausgeliefert wird, landet der Papst bei der Vernunft und der Natur als den „wahren Rechtsquellen“. Den Ursprung einer solchen Rechtsordnung entdeckt er in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts, als es „zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts“ kam. Dieser Rechtsentwicklung, und nicht etwa einem religiösen Offenbarungsrecht, hätten sich nun die frühen christlichen Theologen angeschlossen, so der Papst, und in dieser Berührung sei die abendländische Rechtskultur geboren worden.

 

Wie schon bei seinen Darlegungen über Vernunft und Glaube in der Regensburger Vorlesung, sieht Benedikt auch in der Frage des Naturrechts einen aus vorchristlicher Zeit bestehenden Zusammenhang als konstitutiv für die Position der römisch-katholischen Kirche. Die christlichen Theologen begründeten die Rechtsordnung deshalb nicht religiös als Offenbarungsordnung, sondern aus der Synthese von Vernunft und Offenbarung, die „freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt“. Gott als Schöpfer der Vernunft wird damit als in direkter Verbindung mit der menschlichen Vernunft stehend gedacht und ist deshalb auch mithilfe der menschlichen Vernunft erkennbar.

 

Aus dieser Perspektive gibt es einen klaren Gegner: den Rechtspositivismus, der in der Bundestagsrede zur Absicherung der katholischen Position die gleiche Rolle spielt wie der Protestantismus in der Regensburger Rede. So wie der Protestantismus durch seinen Voluntarismus im Gottesbild die Einheit von Vernunft und Glaube zerstört, so zerreißt der Rechtspositivismus durch die Annahme, dass „zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe“, den Zusammenhang von Natur und Vernunft. Benedikt zitiert den Rechtspositivisten Hans Kelsen, der die Natur als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ angesehen habe, aus der „keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen“ könne.

 

Der Papst beschreibt damit eine Position, die in der Staatsrechtslehre in unterschiedlichen Varianten vertreten wird. Dabei gibt es nicht nur katholisch orientierte Anhänger eines Naturrechts, sondern auch Anhänger von säkular orientierten Naturrechtsvorstellungen bis hin zum Neo-Darwinismus. Das Diskussionspotential der Papstrede besteht darin, die weltanschauliche Gebundenheit naturrechtlicher Rechtsvorstellungen offenzulegen – unabhängig davon, ob man die katholische Position teilt oder nicht.

 

 

 

 


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