Impressum

 

Dr. Ludwig Burgdörfer
Westbahnstraße 4, 76829 Landau

 

 

Mehr Amt als Ehre?

Das Ehrenamt als Herausforderung[1]

 

 

Das Ehrenamt ist wie ein Gedicht. Zum Beispiel wie dieses, das vielfach Wilhelm Busch zugeschrieben wird. Aber genau lässt sich das nicht sagen. Auf jeden Fall lautet es so:

„Nur kein Ehrenamt

Willst Du froh und glücklich leben,
lass kein Ehrenamt dir geben!
Willst du nicht zu früh ins Grab
lehne jedes Amt gleich ab!

Wie viel Mühen, Sorgen, Plagen
wie viel Ärger musst Du tragen;
gibst viel Geld aus, opferst Zeit -
und der Lohn? Undankbarkeit!

Ohne Amt lebst Du so friedlich
und so ruhig und so gemütlich,
Du sparst Kraft und Geld und Zeit,
wirst geachtet weit und breit.

So ein Amt bringt niemals Ehre,
denn der Klatschsucht scharfe Schere
schneidet boshaft Dir, schnipp-schnapp,
Deine Ehre vielfach ab.

Willst du froh und glücklich leben,
lass kein Ehrenamt dir geben!
Willst du nicht zu früh ins Grab
lehne jedes Amt gleich ab!

Selbst Dein Ruf geht Dir verloren,
wirst beschmutzt vor Tür und Toren,
und es macht ihn oberfaul
jedes ungewaschne Maul!

Drum, so rat ich Dir im Treuen:
willst Du Weib, Mann, Kind erfreuen,
soll Dein Kopf Dir nicht mehr brummen,
lass das Amt doch and'ren Dummen!“

Die Warnung ist alt – und verhallt. Es mag ein noch so kluger Rat sein, für viele Leute ist er kein Grund, sich zurück zu ziehen. Sie sind immer noch da. Im Ehrenamt! Ohne diese gewaltigste aller Bürgerinitiativen wären wir arm dran. In Deutschland sind etwa 1/3 der Bevölkerung ehrenamtlich engagiert. Unverzichtbar ist diese gewaltige Selbsthilfebewegung. Und besonders in unseren Kirchen ist das so. Mehr als 21.000 gibt es in der Evangelischen Kirche der Pfalz. Und da sind viele nicht mit gezählt, die im Hintergrund mithelfen.

 

Wir brauchen ehrenamtlich engagierte Leute ganz dringend. Und wir finden sie Gott sei Dank auch. Ja es geht sogar das Gerücht, nirgendwo sei die Trefferquote bei der Sichtung und Findung freiwilliger Helferinnen und Helfer so erfolgreich, wie bei uns. Nirgendwo, so behaupten böse Zungen, kommt man so sicher und schnell zu einer solchen Ehre mit Amt, wie in der Kirche. Man geht einfach zwei bis dreimal fast aus Versehen hintereinander in die Kirche zum Gottesdienst und schon fällt man als Wiederholungstäter auf, wird an der Kirchentür beim Hinausgehen abgefangen, lieb gewonnen, umarmt und ab sofort ins Gebet eingeschlossen. Und da kommt so schnell keiner mehr raus. Kindergottesdienst, Kirchenchor, Bibelkreis, die Versuchungen sind groß und vielfältig.

 

An alledem ist, wie könnte es anders sein, der liebe Gott schuld. Er hat uns das eingebrockt. Wer sonst. Man kann vorne in der Bibel anfangen und schon fängt es an. Als Gott der HERR am Ende seines waghalsigen Schaffens der Schöpfung auf die unfassbare Idee kommt, es wäre womöglich sinnvoll, wenn es außer Tieren und Pflanzen auch noch Menschen gäbe, da kommt es zum ersten Ehrenamt der Geschichte. Adam und Eva machen den Anfang. Ob begeistert oder nicht. Das spielt keine Rolle. Und als Gott sie wegen innerbetrieblicher Missverständnisse aus dem Paradies vertreibt, erlässt er ihnen nicht etwa ihr Ehrenamt, sondern es gilt gerade jenseits von Eden noch und lautet: „Macht Euch die Erde untertan, bebaut und bewahrt sie…“

 

Und damit ist das Ehrenamt definitiv definiert. Es ist das Amt, das Gott die Ehre und sich selber Mühe geben soll! Im Grunde handelt es  sich um eine klassische Form des anspruchsvollsten aller ehrenamtlichen Tätigkeiten, nämlich der des Handlangers. Sie wissen doch bestimmt, was ein Handlanger ist? Möchten Sie heute gerne so jemand sein? Ich weiß, das klingt nicht so verlockend. Auf den ersten Blick sieht das nicht nach Blitzkarriere aus.

 

 

Der springende Punkt

 

In meiner Kindheit auf dem Bauernhof fiel mir bestimmt nicht zufällig das Amt des Handlangers zu. In meiner Erinnerung bin ich täglich gefühlte hundert Kilometer durchs Dorf und über den Hof geschickt worden, hinüber zum Stall und quer durch die Scheune und hoch auf den Heuboden und rüber in die Werkstatt und raus in die Milchkammer.

 

Ob Garten oder Friedhof, Feld oder Wald, immerzu sollte ich mit und dabei sein, und mich bereithalten, zur Hand gehen, dabeistehen und beistehen. Was „stand by“ bedeutet, das habe ich schon gewusst, ehe es das gab. Manchmal träume ich heute noch von meiner tragenden Rolle und wach dann mit einem Schraubenschlüssel in der Hand auf, oder mit dem Metermaß, das ich Vater bringen sollte, hab für ihn Hammer und Nägel, halt das Ölkännchen bereit, hab einen Schubkarren vorm Bett stehen, einen Kälberstrick unterm Arm oder zwei Milchkannen rechts und links. Ich hab noch immer die Taschen voller Schrauben und Muttern, jederzeit bereit, Handlanger zu sein. Handlanger sein, das ist eben eine anspruchsvolle Spezialistentätigkeit.

 

So war ich also jahrelang als kleiner springender Punkt unterwegs und ahnte damals noch nicht, dass das einmal meine Lebensaufgabe geben sollte. Handlanger bin ich nämlich geblieben. Handlanger des lieben Gottes nämlich. Das mag in meinem speziellen Fall eine hauptamtliche Beschäftigung sein, in Ihrem Fall eher eine neben- oder ehrenamtliche. Aber so groß ist der Unterschied jetzt auch wieder nicht. Gott hat nämlich schon von langer Hand geplant, dass wir alle seine Handlanger sein sollen. Nicht weil er uns schikanieren möchte, sondern weil er einfach sonst nicht rum kommt. Er hat ohnedies alle Hände voll zu tun mit seiner erschöpften Schöpfung. Und da braucht er zusätzlich unbedingt Handlanger, die sich nicht zu schade sind, etwas beizutragen. Von Anfang an hat er sich solche Leute gesucht. Wir Menschen sind also Gottes verlängerter Arm, sollen aufhelfen, zupacken, anstoßen, auch mal eingreifen, Hand anlegen.

 

Aber sie zu finden, das ist Gottes großes Problem. Wenn ER sich auf die Suche macht, nach einem handlichen Handlanger, dann ist es immer, als hätte jemand „FEUER!“ gerufen oder: „Rette sich, wer kann!“ Jedenfalls ist die Mannschaft des ehrenamtlichen Gottes chronisch unterbesetzt. Und das war schon immer so.

 

Sieben biblische Beispiele

 

I. Moses Ehrenamt (2. Mose, 3 und 4)

 

Wir sind alle mit uns selbst voll ausgelastet. Alle haben wir mit unserem Alltag gut zu tun. So auch – vor Zeiten – der große Mose. Die Bibel erzählt, dass er es längst zu was Anständigem gebracht hat. Er ist nämlich hauptberuflicher Schwiegersohn und damit beschäftigt, die Schafe seines Schweigervaters zu hüten. Das füllt ihn völlig aus.

 

Und da kommt aus heiterem Himmel Gott selbst auf ihn zu, völlig unverhofft natürlich wie es so seine Art ist und sagt: „Hallo Mose! Ich hätte da einen Auftrag für dich. Schau her, ich bräuchte mal schnell einen ehrenamtlichen Helden. Und da habe ich an dich gedacht. Komm und befreie doch mein Volk, du weißt ja, wie es unter dem Pharao schikaniert und ausgebeutet wird. Damit muss endlich Schluss sein. Lass alles stehen und liegen und sei so gut und bring die Sache mal eben für mich in Ordnung. Das muss dir doch eine Ehre sein…“

 

Und Mose, nicht schlecht erstaunt, schüttelt nur mit dem Kopf und verspürt nicht die geringste Lust auf dieses Amt, bei aller Ehre. Und darum fängt er an allerhand Fragen zu stellen, nur um Gott los zu werden.

 

„Wer bin ich denn, dass ich so was mache? Such dir doch einen anderen Dummen dafür! Und überhaupt: Wer bist du denn eigentlich? Wie ist dein Name? Und bist Du nicht selbst das größte Rätsel? Ach Gott! Ich kann das nicht! Und ich will das nicht! Ehrenamt hin oder her. Es ist zu schwer!“

Aber Gott lässt sich einfach nicht abwimmeln. Und als der große kleinmütige Mose seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel zieht, mit dem er seine Untauglichkeit für diesen Job nachweisen will, da hat er sich endgültig verzockt.

 

„Ich kann doch gar nicht gut reden!“ sagt er, und meint, dass er gar nicht weiß, was er dem bösen Pharao sagen soll. Da klatscht der liebe Gott in die Hände und sagt: „Macht nichts! Nicht schlimm, wenn du das nicht kannst! Ich kenne einen, der kanns und der wills und der kommt mit. Und da kommt er schon: Bitteschön: das ist Herr Aaron! Ab sofort seid ihr zu zweit: Du trägst die Verantwortung und der Aaron trägt die Anliegen vor.“

 

Womit bewiesen wäre: Das Ehrenamt ist von Anfang an so gemacht, das man es erstens nicht loswird, und dass man es zweitens dabei ganz schnell allein nicht schafft. Ein Ehrenamtlicher allein kanns um Gottes Willen nicht sein. Also sehen sie zu, dass Sie, falls noch nicht geschehen, recht bald Ihren Aaron finden.

 

II. Gefährdung im Ehrenamt: Was passiert, wenn jemand alles machen will (2. Mose 18,13-27)

 

Das Ehrenamt ist auch gefährlich! Ehrlich! Man kann dabei ganz und gar untergehen, ohne es selbst richtig zu merken. Mose zum Beispiel, der große Ehrenamtliche Gottes. Die Bibel erzählt, wie er das geworden ist. Wider Willen.

 

Mose kann ein Lied davon singen, wie gefährlich so ein Ehrenamt ist. Kaum hat er sich richtig eingearbeitet in diese schwierige Aufgabe, – er soll ja sein ganzes Volk organisieren und lenken – da kommt er im ganz normalen Wahnsinn des Alltages ziemlich in Bedrängnis. Und hätte er nicht Besuch von seinem Schwiegervater Jitro bekommen, der ihm mal kritisch auf die Finger geschaut hat, er wäre gewiss mitsamt seinem Ehrenamt kläglich gescheitert.

 

Jitro jedenfalls schaut seinem Schwiegersohn einen Tag lang zu. Und was er da sieht, das kann er nicht begreifen. Da stehen die Leute Schlange, eins hinter dem anderen, so weit das Auge reicht und alle warten sie darauf, dass sie dran kommen, dass sie sozusagen an Mose rankommen, um ihre Anliegen, ihren Streit, ihre Sorgen mit ihm zu besprechen.

 

Es war wie bei einem Ämtergang heute: Es dauert ewig. Am Abend sind alle völlig fertig. Und Mose natürlich auch. Aber anstatt ihn zu bedauern, fragt ihn der Schwiegervater kritisch an und sagt: Was machst Du eigentlich da den ganzen Tag mit den armen Leuten? Und Mose murmelt mit letzter Kraft, dass er halt in Gottes Namen Recht sprechen muss und regeln und entscheiden und abwimmeln und besänftigen und schlichten.

 

„So richtet der Richter sich und die anderen zugrunde!“, lautet das verheerende Urteil des Schwiegervaters. So ist das, wenn einer Alles macht, und damit Alle alle macht! Unmöglich!

 

Jitro ordnet darum Überlebensregeln an. Überlebensregeln für Ehrenamtliche. Brauchbar bis heute: Mc Kinsey hätte es nicht besser regeln können! Subsidiarität! „Sieh dich unter dem Volk nach redlichen Leuten um, die setze ein als Oberste über tausend, über hundert, über fünfzig, über zehn, dass sie das Volk allezeit richten. Nur wenn es eine große Sache ist, sollen sie diese vor dich bringen. So mach dirs leichter und lass sie mit dir tragen“ (2. Mose 18,17ff).

 

Steht so in der Bibel. Lange bevor die damals etwas gehört haben von Zeitmanagement, Unternehmensoptimierung,, Subsidiarität, Qualitätsmanagement und Coaching hat die Bibel bereits alles auf und abgearbeitet, was es dazu zu sagen gibt. Delegieren statt ruinieren und allein regieren. Auch im Ehrenamt ist das wichtig. Also nehmen wir uns ein Beispiel an Mose, damit sich niemand so bei uns anstellen muss.

 

III. Spieglein, Spieglein an der Wand…: Wie es ist, wenn man Ehrenamtliche sich selbst überlässt (Markus 9,33-37)

 

Bei Ehrenamtlichen handelt es sich meistens auch nur um Menschen. Und sie haben darum allerhand Menschliches an sich. Zum Beispiel das Bedürfnis, ziemlich wichtig zu sein.

 

Die Jünger sind dafür ein wunderbares Beispiel. Kaum lässt Jesus sie mal alleine ziehen, da kriegen sie unterwegs bereits das gern genommene Problem nicht mehr in den Griff. Sie wollen nämlich die Frage klären, wer der Größte ist. Und die Frage hat sich selten einfach mal so klären lassen. Dahinter steckt natürlich ein Defizit. Wer die Frage stellen muss nach seiner Größe, ist offenbar zu wenig wahrgenommen. Und die Jünger sind da keine Ausnahme. Und als sie mit rotem Kopf und erschöpfter Seele zu Jesus zurückkommen, da macht er eine spontane Supervision mit ihnen. Er spürt sofort, dass da was brodelt und raus gelassen werden muss. Und deshalb fordert er sie auf, die Sache offen anzusprechen. Das tut gut. Das wäre auch unter uns öfter nötig, damit diese vor sich hin schwelenden Energie fressenden Frustrationen besser benannt und entzaubert werden könnten. Immer geht es nämlich unter uns auch um die Frage, ob ich wahrgenommen, wertgeschätzt und gefördert werde. Ob man mich überhaupt schon bemerkt hat als ein unverzichtbarer Teil vom Ganzen.

 

Amt möchte ich schon gerne haben, Ehre aber auch, wenn es geht. Und die Ehre kann nicht immer nur unterstellt, sie muss auch ab und zu zugestellt und zugesprochen werden. Jesus tut es auf seine ganz unnachahmliche Weise und sagt: „Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein und der Diener von allen!“ (Vers 35)

 

IV. Jeder tut, was er kann. Das Andere tun Andere! (Apostelgeschichte 6,1-7)

 

Essen auf Rädern. Das kennen sie doch bestimmt. Haben Sie gewusst, dass das Essen auf Rädern schon 2000 Jahre alt ist? Also nicht das Essen, sondern die Idee meine ich, dass man den Leuten, die sich nicht mehr selbst versorgen können, was zu essen ins Haus bringt. Das wurde tatsächlich schon vor 2000 Jahren ins Rollen gebracht. Und zwar war das in der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Ganz am Anfang also.

 

Damals ist alles noch neu und fremd. Niemand hat ein Konzept. Die Hierarchie ist undurchsichtig, überall passieren wichtige Dinge, ohne dass jemand die Statistik bemüht oder eine Qualitätskontrolle über die Wichtigkeit der Sache einführt. Es pulsiert einfach, das Leben in der Urgemeinde, eine ganz eigene Dynamik bringt alles in Schwung, die Gemeinde wächst, und es geht drunter und drüber. Darüber muss man sich nicht ärgern, nur wundern, solange jedenfalls, wie alles einigermaßen gut geht.

 

In Jerusalem kommen täglich neue Leute zu der Gemeinde dazu. Und es ist wie überall, wo was los ist, es passieren jede Menge Fehler, mit bester Absicht natürlich. Nur wo alles tot ist und sich nichts mehr tut, tut keiner was Falsches. Also, wenn es in ihrer Familie, in ihrem Beruf, in ihrer Gemeinde richtig rund geht, dann seien sie froh. Das ist ein gutes Chaos, das verspricht Leben pur.

 

In Jerusalem jedenfalls vibriert das Gemeindeleben und folgerichtig werden so richtig große und bedauernswerte Fehler gemacht. Jedenfalls die griechischen Juden, die also von Auswärts sind und keine Einheimische, die fühlen sich übergangen, weil ausgerechnet im Eifer des Gefechtes die Witwen aus ihrer Großfamilie kein Essen auf Rädern kriegen. Prost Mahlzeit!

 

Die Stimmung ist mies, die Lage schwierig, aber daraus entsteht mit Gottes Hilfe meistens was Neues, was Kreatives.

Und siehe da: In Jerusalem erfinden sie das Ehrenamt. Sie suchen sieben Männer, die einen guten Ruf haben, geistvoll sind, und willig. Und die beauftragen sie ab sofort diakonisch zu sein, das heißt: das Essen auf Rädern zu verteilen. Und mit diesem klugen Krisenmanagement gelingt es schließlich, wieder Ruhe und Frieden herzustellen.

 

Die Apostel predigen und versorgen die Seelen, die Diakone marschieren und versorgen den Leib. Und schon ist das Problem gelöst und der Knoten geplatzt. Und der Wagen rollt wieder. Und die Gemeinde wächst weiter. Jeder tut, was er kann. Das Andere tun Andere.

 

V. Tragende Rollen (Markus 2,1-12)

 

Ehrenamtliche Leute haben meist eine tragende Rolle. Sie tragen bei und tragen mit und tragen zusammen, was gebraucht wird. Und sie machen so für Andere das Leben erst erträglich.

 

Einmal wird in der Bibel erzählt, wie Jesus in einem Dorf zu Gast ist. Und alle Leute laufen zusammen. Sie treffen sich in einem Haus. Und das Haus ist voll und es stehen sogar welche draußen. Alle wollen sie diesen wundersamen Wundertäter und Wanderprediger sehen und hören und erleben.

Und dann gibt es da auch einen Gelähmten im Dorf. Der liegt schwer da. Seine Beine tragen ihn nicht mehr, und er kann nicht mehr selbst bestimmen, wo er hingehen und wo er dabei sein will. Und deshalb hat er auch keine Chance, wenn es was zu sehen und zu hören gibt. Es sei denn, es passiert ein Wunder und es passiert gleich vierfach: Denn da gibt es tatsächlich vier Leute, die zu dem Gelähmten hingehen, in Kauf nehmen, selbst allerhand zu verpassen. Denen ist es eine Ehre, den Ausgeschlossenen aufzuheben und zu Jesus zu tragen. Echte Ehrenamtliche eben.

 

Und weil es, wie schon gesagt, ziemlich eng und überfüllt ist, klettern sie kurzerhand auf das Haus oben drauf, machen ein Loch, lassen den Kranken herunter und legen ihn Jesus direkt vor die Füße. Und weil dem wahrscheinlich noch nie zuvor jemand derart aufs Dach gestiegen war, ist er auch  schwer beeindruckt und wendet sich dem Kranken zu und bringt ihn wieder auf die Beine. Und so macht er ihn, weil er der Heiland ist, wieder heil an Leib und Seele.

 

Die vier ehrenamtlichen Leute haben dabei eine tragende Rolle. Wie in vielen Geschichten sonst auch. Sie tragen bei und tragen mit und tragen zusammen wenn es gilt, in die Nähe Gottes zu kommen, damit etwas Heilsames passieren kann.

 

Bei Beerdigungen – da muss ich immer wieder an diese Geschichte denken. Da sind es ja auch Vier, die einen Sarg hinunter lassen in das Grab. Das ist immer mit der schlimmste Moment von allem, was es durchzustehen gilt. Wenn man von einem geliebten Menschen Abschied nehmen muss. Immer am Grab muss ich an diese Geschichte denken und wie die Vier den Kranken hinab lassen, um ihn vor Jesus abzulegen, um ihn Jesus anzuvertrauen, vielleicht sogar um ihm sein Schicksal vorzuwerfen.

 

Am Grab tröste ich mich dann mit dem Gedanken, dass wir auch so all unsere Toten vor Gott ablegen. Nur so ist das zu ertragen, glaube ich.

 

VI. Die größte ehrenamtliche Mitarbeiterin Gottes in der Bibel (Lukas 1,46ff)

 

Wissen Sie, wer Gottes größte ehrenamtliche Mitarbeiterin war? Welche Frau wie keine zweite Gott zugearbeitet hat und ihm im wahrsten Sinne des Wortes mit Leibeskräften zur Verfügung stand?

 

Es ist Maria, die Mutter Jesu. Man muss nicht katholisch sein, um das zu erkennen und zu würdigen. Maria ist die ganz unvergleichliche Ehrenamtliche Gottes. Mehr Ehre kann es gar nicht gehen. Und ein schwierigeres Amt wohl auch nicht. Ihr wird in der Tat ganz Unglaubliches zu glauben zugemutet:

Denn sie kommt ja wie die Jungfrau zum Kind. Gott macht sie zur ersten Leihmutter der Weltgeschichte. Sie soll sich bereit halten und ein Kind austragen, das Gottes Kommen auf wunderbare Weise verkörpert. Gott kommt auf die Welt. Und er wächst in ihrem Bauch. Jesus wird zum einzigen Bild, das wir von Gott haben. Und dafür hat er Maria ausgesucht. Großes Ansehen genießt sie bei Gott, sagt die Bibel.

 

Und wenn Gott jemanden liebevoll ansieht, dann kommt in ihm etwas Wunderbares auf die Welt. Etwas mit Hand und Fuß sogar. Bei Maria stimmt das sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Niemand ist Gottes Handeln jemals so nahe gewesen, hat es körperlich so direkt erlebt, gespürt, ausgetragen, ertragen, mitgetragen, wie Maria. Niemand kann von sich behaupten in Gottes Wunderwerkstatt so hautnah gestanden zu haben, wie diese Frau. Obwohl sie keine studierte Theologin ist, und obwohl sie völlig unverbildet daherkommt formuliert sie begeistert von Gottes Nähe und Kraft einfach logische und theologische Spitzensätze, wie sie in der Bibel kaum ein zweites Mal mehr stehen.

 

Marias Lobgesang ist ein Stück Weltliteratur, das seinesgleichen sucht. Lesen Sie das mal nach im Lukasevangelium, 2. Kapitel. Alles was in Gottes Macht steht, zählt sie auf, Barmherzigkeit, aber auch Gewalt gegen die Gewalttätigen,  Brot für die Welt, und Gerechtigkeit für die Armen. All das ist Gottes Programm. All diese Dinge sind seine Kompetenz. Nicht nur das eine Wunder preist Maria, das in ihr wächst. Sie hat einen weiten Horizont, sie denkt kolossal global, sieht Gottes Handeln nicht nur an und für sich, sondern an und für die ganze Schöpfung. Selten hat Gott eine solche ehrenamtliche Regierungssprecherin gehabt.

 

Ich kann mir nicht helfen, aber so ein bisschen Marienverehrung kann auch für einen evangelischen Christen so falsch nicht sein. Zumindest als Vorbild fürs Ehrenamt Gottes ein Musterbeispiel einfach. „Ave Maria!“, kann ich da nur sagen.

 

VII. Ehrenamt hat Grenzen (Lukas 10,25-37)

 

Das Ehrenamt verliert ja deshalb so dramatisch an Charme und Anziehungskraft, glaube ich, weil sich hartnäckig das Gerücht hält, einmal Ehrenamt, immer Ehrenamt. Wer einmal damit anfängt; kommt da nie mehr raus. In der Kirche ist es in der Tat oft so, Da haben wir die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so unheimlich lieb, dass denen dabei unheimlich wird. Und dann trauen sie sich gar nicht erst, anzufangen mit dem Aufhören. Christlich ist das nicht. Und biblisch schon gar nicht. Jeder Mensch hat das Recht, was anzufangen, um irgendwann wieder damit aufzuhören. Und das mit gutem Gewissen.

 

Musterbeispiel dafür ist der barmherzige Samariter. Die Geschichte ist weltberühmt. Jesus hat sie erzählt, als jemand ihn gefragt hat, wer der Nächste sei, der Nächste bitte, den man lieben soll, wie sich und Gott und so weiter. Die Frage war und ist kompliziert, Jesu Antwort ist es gar nicht. Die ist super einfach und total verblüffend.

 

Der Samariter wird ja seit Generationen als Musterbeispiel zitiert für den, der  alles gibt und der sich aufopfert und dem nicht zu viel ist. Aber das steht so gar nicht da.

 

Jesus erzählt von dem lebensgefährlichen Leben, wenn man zum Beispiel unterwegs ist von Jerusalem nach Jericho. Da kommt es vor, dass man unter die Räder kommt, den Räubern in die Hände fällt, ausgeraubt und geschlagen wird. Bis heute ist das so. Überall in der Welt.

 

Jesus ist da ganz realistisch. Noch realistischer ist er dann, als er sagt dass zwei fromme Leute, die sozusagen zum Bodenpersonal des lieben Gottes gehören, kommen, sehen, was Sache ist und einfach weitergehen. Auch das passiert. Und jetzt also kommt der Modellathlet eines Ehrenamtlichen. Es ist ein Mann aus Samarien, ein ausländischer Zeitgenosse also, andere Kultur, andere Religion, kurzum: einer, dem man nicht so recht trauen kann. Und ausgerechnet der, zeigt jetzt wies es geht, wenn es gut geht.

 

Unser Ehrenamtsathlet kommt vorbei, sieht hin, packt zu, versorgt so gut er kann, nimmt den Verletzten mit auf seinem Esel, geht mit ihm seinen Weg weiter, und als er  an einem Gasthaus vorbeikommt liefert er dort den Verletzten ab, rechnet damit, dass die Sache auch Geld kostet, und dass das Geld, das er dalässt womöglich nicht ganz reicht, verspricht also, den Rest zu zahlen, wenn er mal wieder zurück kommt. Und macht dann wieder allein sein Ding.

 

Das ist ein Ehrenamt, das kommt und geht. Das ist auf den Punkt da, wo jemand gebraucht wird, kommt, handelt und geht seinen Weg. Der Samariter bricht seine Reise nicht ab, er adoptiert den Verletzten nicht, er schult nicht um und wird zum Rettungssanitäter und er geht auch nicht jeden Tag einmal zwischen Jericho und Jerusalem hin und her, um alle unter die Räuber Gefallenen dieser Welt zu retten. Das alles macht er nicht. Er ist beeindruckend kurz angebunden, begrenzt zuständig, schnell fertig. Ehrenamt im Vorübergehen, das gibt es auch. Das darf es auch geben.

 

Nach den sieben Modellen noch eine Stellenausschreibung der besonderen Art:

 

Das weltweit agierende Unternehmen GOTT&SOHN sucht stellenweise Leute heute.

Besonders gebraucht werden Menschen mit einer Doppelbegabung: Sie sollen die Bibel und die Zeitung lesen können.

Darüber hinaus werden männliche und weibliche Fachkräfte als Experten für das Leben an und für sich und an und für mich gesucht, die in unterschiedlichen Funktionen einsatzbereit sind: als Beter, Erzähler, Besucher und Tröster, verbindliche Verbindungsleute, Fußgänger und Draufgänger, Zuhörer und Zuneiger, Sänger und Nichtsänger, Gläubige, die zweifeln können, und Zweifler, die fast alles glauben, gute Besserwisser werden gesucht, sieben bis acht Neunmalkluge – mehr nicht, sanfte Mutige, sachte Schlichter und jede Menge Aktenvernichter, Simultanübersetzer, streitbare Streiter, gut gelaunte Frühaufsteher und verträumte Nachtschwärmer. Träumer und Säumer, nachsichtige Sucher, barmherzige Verwalter bis ins hohe Alter, Mädchen für alles, Laufburschen ebenso, Briefträger und kundige Kundschafter, Zeitverschwender und Märchenschreiber, Geheimniskrämer und Angstabnehmer – kurzum: die ganze Elite aus unserer Mitte!

 

Was nun die Arbeit betrifft, die gemacht werden soll, so gilt: Heimarbeit ist erwünscht, Mitarbeit ist weder orts- noch zeitgebunden.

Und nun zur Entlohnung: Gewinnanteile der himmlischen Firma werden in Form von Leben vor und nach dem Tod ausgeschüttet. Die Lohntüte ist voller Sinn. Der Arbeitsfriede wird angestrebt. Das Streikrecht wird niemandem abgesprochen. In barer Münze wird nicht heimgezahlt. Himmelhohe Aufstiegschancen werden eingeräumt.

 

Ansonsten legt das Unternehmen Gott& Sohn noch Wert auf die Mitteilung, dass die Arbeitszeit flexibel ist, Pausen unbedingt einzulegen sind und man auch mal wieder aufhören darf ehe sich alles aufhört. Näheres regelt die Geschäftsleitung. Zuständiger Gerichtsort ist der Himmel. Vorstellungsgespräche können jederzeit stattfinden. Senior und Juniorchef sind jederzeit erreichbar.

Wer will, kann morgen schon anfangen. Mit Ehre und Amt.

 

 


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[1] Vortrag beim Zukunftskongress in der Evangelischen Kirche Österreich, veranstaltet vom Werk für Evangelisation und Gemeindeaufbau, 9. April 2011 in Bad Goisern.