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Dr. Martin Schuck
Lindenstraße 19, 67346 Speyer

 

 

Editorial

 

Der Glanz des Papstes möge auch uns erleuchten

 

Papstbesuche sind seltsame Veranstaltungen, denn sie bringen schon im Vorfeld zuverlässig einen Erwartungsüberschuss auch bei Nichtkatholiken, der noch nie in irgendeinem Verhältnis zum tatsächlichen Ertrag gestanden hat. Und dieses Mal wird es nicht anders sein. Wenn Papst Benedikt XVI. im September Deutschland besucht, kommt er zu einem Staatsbesuch als Oberhaupt des Vatikanstaates. Diese Reise hat einen anderen Charakter als die beiden ersten Reisen seit seiner Papstwahl, die als Pastoralreisen firmierten: Benedikt wird nicht nur Gottesdienste feiern und große katholische Veranstaltungen besuchen wie etwa 2005 anlässlich des Weltjugendtages in Köln, sondern auch als Repräsentant eines souveränen Staates vor dem Deutschen Bundestag reden. Insgesamt wird dieser Besuch demnach weniger eine pastorale als eine diplomatische Mission verfolgen.

 

Der Besuch wird mit Sicherheit eines der größten Medienereignisse des Jahres werden. Aber ob über den üblichen Rummel hinaus etwas hängen bleiben wird, hängt davon ab, ob der Papst es schafft, die gebotene Notwendigkeit zur Diplomatie hinter seine eigenen theologischen Interessen zurückzustellen. Optimal wäre es, wenn er, wie 2006 in Regensburg, eine Rede halten würde, in der er, über diplomatische Nettigkeiten hinaus, aus der Sicht des römischen Lehramtes etwas Substantielles über die Rolle des Katholizismus in der gegenwärtigen Welt sagen könnte. Bei Reden, die sich dieser Fragestellung annähern, verstand es Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. bisher noch immer, die katholische Position als in sich stimmigen Interpretationsrahmen des Weltgeschehens nachvollziehbar zu machen – eine Leistung, die evangelische Theologen nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit zustande bringen.

 

Warum die Protestanten so sehr auf die Begegnung des Papstes mit Vertretern der evangelischen Kirchen im Augustinerkloster in Erfurt fixiert sind, ist schwer zu erklären. Am ehrlichsten wäre die Erwartung, den Papst-Rummel nutzen zu können, um selbst mal wieder medial präsent zu sein, sozusagen ein klein wenig von päpstlichen Glanz erleuchtet zu werden. Inhaltliche Erwartungen braucht man wohl kaum an die auf 35 Minuten geplante Begegnung und den anschließenden Gottesdienst zu richten. Die Vermutung, dass sich der Papst ausgerechnet bei dieser Gelegenheit zu einer Neubewertung Martin Luthers und der Reformation durchringen könnte, dürfte reinem Wunschdenken entspringen. Man muss nur die Zeichen richtig interpretieren: Erfurt steht – anders als die nahe gelegene Wartburg – für den katholischen Luther. Dort ist er ins Kloster eingetreten, wurde Mönch und erhielt seine theologische Ausbildung, die zwar zu den bekannten reformatorischen Erkenntnissen führte, aber dort noch in normalen katholischen Bahnen gelaufen ist.

 

In der Zeit seines Pontifikates hat Benedikt XVI. zweimal sehr deutlich zur Reformation theologisch Stellung genommen, nämlich in der Regensburger Vorlesung 2006 und ein Jahr später in der Enzyklika „Spe salvi“. In beiden Äußerungen erscheint die Reformation als Auftakt einer Entwicklung, die das einheitliche Gefüge der mittelalterlichen Welt aufgesprengt hat. Thema seiner Regensburger Vorlesung ist die in der Reformation zerrissene Bindung des Glaubens an die Vernunft, was zu einer Beliebigkeit im Gottesbild führte, und in „Spe salvi“ diagnostiziert er bei Luther ein neues Verständnis des Glaubens, das diesen von einer objektiven Realität des Seins wegführt hin zu einer nur subjektiven Bestimmung der einzelnen Person. Als Folge dieses veränderten Glaubensverständnisses beschreibt Benedikt, wie die christliche Hoffnung sich in den Jahrhunderten nach der Reformation in destruktive weltliche Fortschrittsvorstellungen auflöst. Die Folge waren die bürgerlichen und proletarischen Revolutionen der Neuzeit samt den dahinter stehenden Ideologien Liberalismus und Sozialismus.

 

Vermutlich wird Benedikt bei seinem Staatsbesuch vor den Vertretern der evangelischen Kirchen diese katholisch codierte Verfallstheorie der neuzeitlichen Welt nicht wiederholen. Da er dieser Sicht aber auch nicht widersprechen kann, wird er sich in Diplomatie üben und freundliche ökumenische Worte für die Geschwister in den getrennten christlichen Gemeinschaften finden.

 

Dass es unter diesen Geschwistern immer wieder welche gibt, die über eine Form der Anerkennung des Papstes als „Sprecher“ oder „Ehrenprimas“ der Christenheit nachdenken, ist wohl am ehesten mit protestantischen Minderwertigkeitskomplexen zu erklären. Entschuldigen sollte man damit allerdings nichts. Vor einem Jahrzehnt war es der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich, der einen gesamtchristlichen „Petrusdienst“ wollte, und derzeit ist es der ehemalige Leiter des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim, Reinhard Frieling, der in einem Beitrag für „Christ und Welt“ den Vorschlag machte, dem Papst die Rolle eines Ehrenoberhauptes der Christenheit anzutragen.

 

Dazu solle der Papst „auf eine hierarchische Durchsetzung seines gesetzgeberischen Anspruchs verzichten, wie Hans Küng schon 1974 vorschlug“. Der Papst könnte dann seinen Jurisdiktionsprimat zwar weiterhin in der römisch-katholischen Kirche und den mit Rom unierten Ostkirchen ausüben, aber gegenüber den anderen Konfessionskirchen müsste er darauf verzichten. Im Grunde ist man damit wieder beim Rahner-Fries-Plan von 1983, in der in ähnlichem Sinn über eine kirchliche Einheit nachgedacht wurde. Dort lautete die Forderung, in keiner Teilkirche dürfe etwas als Irrlehre verworfen werden, was in einer anderen ein Dogma ist; andererseits dürfe keine Teilkirche etwas von einer anderen als Dogma einfordern. Niemand anderes als Joseph Ratzinger war damals schärfster katholischer Kritiker dieses Plans, und Benedikt dürfte auch jetzt nicht daran denken, diesen Vorschlag ernst zu nehmen. Einzig einige ökumenebesessenen Protestanten träumen davon, dass der Papst doch bitte auch sie ein wenig mitrepräsentieren soll.

 

Aber vielleicht bietet der Papstbesuch Gelegenheit zu erkennen, dass der Protestantismus sich gar nicht weit genug verbiegen kann, um sich durch den Papst repräsentieren zu lassen.


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