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Helmut Aßmann
Herzogstraße 74, 67435 Neustadt a.d. Weinstraße

 

 
Der Gott der Väter und der Josefserzählung
Eine tiefenpsychologische Deutung der Genesiserzählungen
 
Literarisch lebt die Josefsnovelle von einer Spannung, die von Josefs Träumen bis zur Realisierung des Trauminhalts in der Wirklichkeit führt. Damit ist eine tiefenpsychologische Dimension angeschnitten, mit der man dann weiterarbeiten kann. Es ergeben sich aus dieser Perspektive folgende Fragen an den Text: Wo ist die Integration der Anima ausgesprochen, wo tauchen Vater- und Mutterarchetyp auf und wo die Schattenaspekte des Ichs, wie wird das Erreichen des Zieles des Individuationsweges, die Erlangung eines Selbst in der Novelle realisiert?
 
Darauf bekommen wir folgende Antworten:
 
Zu a) Der Pharao gab Josef Asenath, die Tochter Potiferas, der Priesters zu On, zur Frau (Gen 41,45).
Zu b) Im Sternentraum sind Sonne und Mond Vater und Mutter, die 11 Sterne die Brüder Josefs (Gen 37,7 und 9).
Zu c) Da, wo Josef zum reflektierenden Erzähler wird, wenn er sagt: Gott hat mich zum Vater des Pharao gemacht, zum Herrn über das Haus des Pharao und zum Herrscher über ganz Ägypten (Gen 45,8).
 
Diese Worte, die der Erzähler bewusst Josef in den Mund legt, bezeichnen den Abschluss des Individuationsweges Josefs.
Wenn der Mensch ein Selbst wird, d.h. die höchste Stufe des Individuationsprozesses erreicht, fallen ihm verschiedene Dinge zu, die für ihn vorher unerreichbar schienen.
 
Das Selbst als ein ordnender Faktor des Unbewussten wird in der Erzählung mit Gott gleichgesetzt. Er hat Josef zu dem gemacht, was wir ein Selbst nennen. Er ist der Herr des Individuationsprozesses und damit das Selbst.
 
Drei Titel kennzeichnen den Weg des Selbst, das ist der Weg Gottes durch die Geschichte:
 
a) Vater des Pharao,
b) Herr über das Haus des Pharao und
c) Herrscher über ganz Ägypten.
 
Sehen wir uns die Botschaft der Brüder an den Vater an, so lautet sie: Josef lebt und er ist ein Herr über ganz Ägypten (Gen 45,26). Hier taucht der Titel Herr aus dem Mund der Brüder  wieder auf. Nicht zu übersehen ist die enge Parallele zur neutestamentlichen Botschaft: Jesus lebt und er ist der Herr. Der Titel Herr bedeutet aber tiefenpsychologisch ein Selbst sein. Da das Selbst ein Archetyp ist, ist es unsterblich und dieser Tatbestand kann uns helfen, die Osterbotschaft: „Jesus lebt!“, besser zu verstehen.
 
Worüber herrscht das Selbst? Nach der Erzählung ist Josef Herrscher über ganz Ägypten und wir können diesen Titel verallgemeinern als Herrschaft des Selbst über die Welt. Auch Jesus Christus herrscht als König, wie es im Lied heißt. Nicht dagegen können wir den Titel „Vater“ des Pharao verallgemeinern; denn dieser bezieht sich auf die geschichtliche Situation Josefs, der tatsächlich Vater eines Pharao war, was dem Erzähler wohl noch bewusst war. Darum hat er diesen Titel überliefert als eine Art Hoheitsbegriff, mit dem er der Würde eines jeden reifen Selbsts Ausdruck verleihen wollte. Trotzdem kann man es wagen, in dem Begriff des Vaters des Pharao den Versuch zu sehen, das Verhältnis des Selbst zum Ich in einem bildhaften Vergleich zu bestimmen. Danach wäre das Selbst der Vater des Ichkomplexes, was eine Identifizierung beider ausschließt. Umgekehrt besteht eine Gefahr der psychischen Entwicklung darin, wenn der Ichkomplex mit dem Selbst identifiziert wird, ebenfalls wenn die Anima des Mannes mit dem Selbst identifiziert wird (vgl. Marie-Louise von Franz: Der Goldene Esel des Apuleius, die Erlösung des Weiblichen im Mann, Zürich, 1997).
 
Grimmelshausen biegt in seinem Josefsroman den Begriff um, indem er Josef zum Vater seiner Brüder macht. Er benutzt dazu das Detail der Erzählung, nach der Jakob Josefs Söhne adoptiert hat. Somit sind sie seinen Brüdern gleichrangig und er ist in der Nachfolge Jakobs ihrer aller Adoptiv-Vater. Diese inhaltliche Umbiegung des Stoffes entspricht der Absicht Grimmelshausens, die Vaterthematik des Romans in seinem Sinne zu gestalten. Danach entspricht der Weg Josefs vom Vater weg in die Fremde und wieder zum Vater zurück dem gnostischen Mythos vom Weg des Sohnes Gottes in die Fremde und seiner Rückkehr zu Gott.
 
Andere, die die Josefsnovelle des Alten Testamentes nacherzählt haben, wie Thomas Mann, Irmgard Powierski u.a., lassen die Segnung der Söhne Josefs als reine Segenshandlung stehen, ohne den alttestamentlichen Aspekt der Adoption zu berücksichtigen und ihn in ihrem Sinne umzudeuten.
 
Nachdem Josef ein Selbst geworden war, fällt ihm dies alles zu: der Respekt seiner Brüder, die Liebe des Vater, die Ehrung durch den Pharao, das zweithöchste Amt im Staat, das Gelingen seiner politischen Mission, die Vollmacht, seinen Brüdern zu vergeben, die Gabe, ihre Gedanken zu erkennen, bevor sie diese aussprechen, um nur einiges zu nennen. Erneut greift der Erzähler zum stilistischen Mittel des reflektierenden Erzählers, wenn er Josef sagen lässt: „Nicht ihr habt mich nach Ägypten geführt, sondern Gott“. Auch wenn er mit dieser Rede die oben genannte Titelliste einleitet, so ist es doch ein anderer Gedanke, den der Erzähler hier aus Josefs Mund mitteilt.
 
Wer dem bisherigen Verlauf der Erzählung gefolgt ist, mag verwundert sein über die euphemistische Wendung: Nicht ihr habt mich nach Ägypten geführt, weiß er doch, dass die Brüder sich seiner auf die schamloseste Weise entledigt haben und sich erst nach der Einlassung Rubens zu der milderen Variante des Verkaufs an die Sklavenhändler entschieden, nachdem sie ihn ursprünglich in einem leeren Brunnen verdursten lassen wollten.
 
Mit dem Ausdruck „geführt“ öffnet der reflektierende Erzähler uns das Verständnis für den von ihm beabsichtigten Sinn der Josefserzählung als Führungsgeschichte und die von ihm verfolgte Bekehrungsabsicht, den Leser zum Glauben an den Gott Josefs zu bringen, mit andern Worten, bei der Erziehung zur Selbstwerdung des Menschen beizutragen. Die Führung durch Gott, an deren Ende der Vater des Pharao, der Herr über das Haus des Pharao und der Herrscher über ganz Ägypten steht, geht aber durch raue Wege.
 
Gott bedient sich der niedrigen Instinkte der Brüder, des kollektiven Unbewussten, um zu seinem Ziel zu gelangen. Er bedient sich sogar der Leidenschaft einer Frau und ihrer sexuellen Übergriffigkeit, der dunklen Seite der Sexualität, um zum Ziel zu gelangen. Hätte Josef diesem Versuch entsprochen, in der Absicht so zur Integration seiner Anima zu gelangen, er wäre gescheitert. Es wird ihm vielmehr alles durch Gott geschenkt, nicht durch eigene Leistung und sei es auch durch die der passiven Hingabe, vollbracht. Tatsächlich wird ihm die Frau vom Pharao gegeben, aber da der Pharao im Verständnis der Ägypter Gott ist, kann der Erzähler zwischen dem Subjekt Gott und dem Subjekt Pharao ein doppelsinniges Spiel spielen. Der Pharao hat Gott nach Ägypten geführt und an seinen Hof gebracht, ihm seine Frau gegeben und ihn zum zweiten Mann im Staat gemacht, also hat Gott dies alles vollbracht.
 
Da die Brüder die Quelle der Kraft Josefs nicht kennen, obwohl sie sich als Diener des Gottes seines Vaters verstehen (Gen 50,17), sich mithin auf den gemeinsamen Glauben berufen (G. v. Rad zur Stelle), zweifeln sie dennoch an der Ernsthaftigkeit seiner Vergebung, nachdem der Vater gestorben ist. Hier tut sich nun eine Kluft auf zwischen dem Gott der Väter und dem Gott Josefs, bzw. dem Gott des Erzählers der Josefsgeschichte, den wir uns als den Endverfasser der Genesis vorzustellen haben. Dieser will nämlich einen idealtypischen Erziehungsroman schreiben (Gerhard von Rad, Genesiskommentar, ATD, Göttingen 1964), der, wie es der Vergleich zeigt, dem Verlauf des Individuationsprozesses nach Carl Gerhard Jung ziemlich genau entspricht. Der Gott, dem die Brüder Josefs dienen und der auch der Gott Jakobs ist, vermag gerade dies aber nicht zu leisten, nämlich den Menschen auf seinem Individuationsweg zu begleiten, solange sich der Mensch nicht zu ihm als dem Herrn seines Selbst bekennt und sich durch ihn zum eigenen Selbst führen lässt.
 
Wir befinden uns auf einer ganz neuen Stufe alttestamentlichen Frömmigkeit und alttestamtlicher Weisheit. Der Glaube der Väterzeit wird neu reflektiert und überarbeitet. Dabei sind die Brüder Josefs die Repräsentanten eines Stammesgottes mit allen Kennzeichen eines durch Aggression und Triebhaftigkeit gesteuerten Verhaltens, während in Josef das Ideal der Weisheit, nämlich des integrierten Selbsts personifiziert ist, das aber dialektisch auf die Brüder bezogen bleibt als auf die Schattenanteile des Ichs Josefs, deren Integration in der Versöhnung mit den Brüdern in der Schlussszene Gen 50, 15-21 vollzogen wird. Damit ist literarisch auch die Integration der Erzvätererzählungen in die weisheitliche Konzeption der Josefsnovelle geleistet.
 
In dieser geschwisterlichen Aufeinander-Bezogenheit von Josef und seinen Brüdern besteht die besondere Leistung des Josefsromans, der die vormosaischen Aspekte der Religion Israels aus der Perspektive der Weisheit Israels darzustellen versucht. Er zeigt, dass Glaube und Selbstwerdung Geschenke Gottes sind, zu welcher Auffassung die Vorfahren Israels erst durch einen langen Weg hinfanden, dessen krönender Abschluss die Josefserzählung ist.

 

 


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